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THEMA:   Gedichte Kapitel 12

 128 Antwort(en).

webmaster begann die Diskussion am 07.05.01 (22:05) mit folgendem Beitrag:

Liebe Dichterinnen und Dichter,

hier ist Kapitel 12. Kapitel 1-11 wie immer im Archiv.

Ganz in Prosa, Karl

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/archiv.html)


sieghard antwortete am 07.05.01 (22:26):


Auch ich will wieder
klettern, mich der Gefahr
aussetzen, das Risiko
eingehen, Neuland betreten,
dabei das Staunen wieder
lernen und das Leben in
seiner Dichte spüren.

[U. Schaffer]

.
.


Heidi antwortete am 07.05.01 (23:28):

Ich liebe Liebesgedichte :-))
Mein Lieblingsthema, mein Lieblingsautor:


Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreisen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem
was du bist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starsinn
nach deinem Willen
und Unwillen

nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

(Erich Fried)


eva antwortete am 08.05.01 (08:42):

Francois VILLON (1413 - nach 1463) dichtete auch für den
Herzog Karl von Orleans, der eine Reihe von Poeten an seinem
Hof beschäftigte und ihnen Themen zur dichterischen Bear-
beitung vorgab. Das beste eines jeden Wettstreites liess er
aufzeichnen und legte eine diesbezügliche "Sammlung unsterb-
licher Verse" an. Das hier behandelte Thema hiess :

Ich sterbe vor Durst in der Nähe einer Quelle

und die Aufgabe war nun, These und Antithese poetisch zu
gestalten. Die Erwartungshaltung war wohl, unerfüllte Liebe
in der Nähe der Geliebten in höfischer Form darzustellen,
Villon aber gelang es, die Zerrissenheit seiner Existenz
auszudrücken (Nachdichtung aus dem Altfranzösischen von
Paul Zech 1963):

Vor vollen Schüsseln muss ich Hungers sterben,
am heissen Ofen frier ich mich zu Tod,
wohin ich greife, fallen nichts als Scherben,
bis zu den Zähnen geht mir schon der Kot.
Und wenn ich lache, habe ich geweint,
und wenn ich weine, bin ich froh,
dass mir zuweilen auch die Sonne scheint,
als könnte ich im Leben ebenso
zerknirscht wie in der Kirche niederknien ...
ich, überall verehrt und angespien.

Nichts scheint mir sichrer als das nie Gewisse,
nichts sonnenklarer als die schwarze Nacht.
Nur das ist mein, was ich betrübt vermisse,
und was ich liebte, hab ich umgebracht.
Selbst wenn ich denk´, dass ich schon gestern war,
bin ich erst heute abend zugereist.
Von meinem Schädel ist das letzte Haar
zu einem blanken Mond vereist.
Ich habe kaum ein Feigenblatt, es anzuziehn...
ich, überall verehrt und angespien.

Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen,
dass mir sehr bald die ganze Welt gehört,
und stehn mir wirklich alle Türen offen,
schlag´ich sie wieder zu, weil es mich stört,
dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll.
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch,
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch,
auf den noch nie ein Stern herunterschien,
Francois Villon, verehrt und angespien.


Iris antwortete am 08.05.01 (10:06):

...und weil Erich Fried eine große Anzahl...schöner Liebesgedichte geschrieben hat...füge ich heute eines davon...hier hinzu...


ICH

Was andere Hunger nennen
das ernährt mich
Was andere Unglück nennen
das ist mein Glück

Ich bin keine Blume
kein Moos
Ich bin eine Flechte
Ich ätz mich tausend Jahre lang in einen Stein

Ich möchte ein Baum sein
Ich möchte ein Leben lang
deine Wurzeln berühren
und trinken bei Tag und Nacht

Ich möchte ein Mensch sein
und leben wie Menschen leben
und sterben wie Menschen sterben
Ich habe dich lieb


....nach ICH...nun auch noch


DU

Wo keine Freiheit ist
bist du die Freiheit
Wo keine Würde ist
bist du die Würde
Wo keine Wärme ist
keine Nähe von Mensch zu Mensch
bist du die Nähe und Wärme
Herz der herzlosen Welt

Deine Lippen und deine Zunge
sind Fragen und Antwort
In deinen Armen und deinem Schoß
ist etwas wie Ruhe
Jedes Fortgehenmüssen von dir
geht zu auf das Wiederkommen
Du bist ein Anfang der Zukunft
Herz der herzlosen Welt

Du bist kein Glaubensartikel
und keine Philosophie
keine Vorschrift und kein Besitz
an den man sich klammert
Du bist ein lebender Mensch
du bist eine Frau
und kannst irren und zweifeln und gutsein
Herz der herzlosen Welt....

(Erich Fried)


sieghard antwortete am 08.05.01 (14:39):


Wo ich gehe - Du !
Wo ich stehe - Du !
Nur Du, wieder Du, immer Du !
Du, Du, Du !
Ergeht's mir gut - Du
Wenn's weht mir tut - Du
Du, Du, Du
Himmel - Du, Erde - Du
Oben - Du, unten - Du
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur Du, wieder Du, immer Du
Du, Du, Du

[Martin Buber 1878 - 1965]

.


;-) Heidi antwortete am 08.05.01 (14:46):

Nur küssen

Drei Worte mit nur
sind mehr Glück für mich als fast alles
was wir im Leben sonst
tun dürfen oder tun müssen
Die drei Worte sind: "Dich nur küssen"

"Mich nur küssen
sonst nichts?
Ist das alles
was du an Glück
noch hast?"

Nicht ganz.
Denk "im Falle des Falles"
an meine Worte zurück:
Ich sagte doch vorsichtig
"fast"

Erich Fried


Iris antwortete am 08.05.01 (16:55):

ja dann...weiter mit Erich Fried...


Gedankenfreiheit

Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an den Ausdruck deiner Augen
beim Sprechen

Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt
dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Schoß
und an deine Augen
...................


;-))..aber auch Folgendes ist von Erich Fried...


Zwiefache poetische Sendung

Der Hauptberuf der Schnabelsau
ist daß sie reimt auf Kabeljau
Doch wenn sie ihren Zensch entschleimt
bleibt selbst der Mensch nicht ungereimt

So halten Dichter Nabelschau
in unserm Kain-und Abelgau
Den Menschen wie den Kabeljäuen
obliegts dann sich am Reim zu freuen... *gg*


Heidi antwortete am 08.05.01 (17:31):

Erich Fried :-))

Freier Wettbewerb

Die Revolutionäre sitzen am Rand
und angeln nach dem versunkenen Licht
tief unten

Rechts und links von ihnen fischen Reaktionäre
aus dem selben Wasser
die Finsternis

Die Revolutionäre fischen viel tiefer
die Reaktionäre haben die teureren Angeln

Die Reaktionäre ziehen wie alle Tage
immer wieder ihre schwarzen Nachrichten hoch
die Revolutionäre nur alle heiligen Zeiten
einen einzigen kleinen glimmenden Funken
*
Manchmal fangen sie weder Dunkel noch Licht
nur Fische

Die Reaktionäre fangen die großen Fische
Die Revolutionäre fangen die kleinen Fische

Die Reaktionäre sind die besseren Fischer
Sie fischen erbarmungsloser
Sie fangen mehr

Also wird das Dunkel
aussterben
vor dem Licht

Dann werden die kleinen Fische
die großen
fressen


Heidi antwortete am 08.05.01 (18:51):

Im Gegensinn des Uhrzeigers

Man müsste sich
verständigen können darüber
dass nicht alles auf einen Nenner
zu bringen ist
und dass es nicht erlaubt ist
mit Menschen alles
anzufangen
was sich
mit ihnen anfangen läßt

Aber komischerweise
ist es in Wirklichkeit
nicht alles eins
ob man zu dieser Erkenntnis
rechts herum
kam
oder links herum
kommt

Erich Fried

***

zurück zu Liebesgedichten :-)

Das Unmögliche

Ich muß
mein Kissen küssen
auf dem du gelegen hast

Ich muß
meine Finger küssen
die dich liebkost haben

Ich muß
meine Zunge küssen
aber das kann ich nicht

Erich Fried


Siegrun Graune antwortete am 08.05.01 (19:21):

Muttertag
Die vielen Falten in deinem Gesicht,
ich weiss woher sie kommen,
du sorgtest immer dich um mich,
nie hab ichs ernst genommen.

Dein Rücken ist auch krumm geworden.
Du musstest soviel tragen,
du nahmst so manche Last von mir
in Kinder- und auch Jugendtagen.

Nun leg ich meinen Arm um dich,
versprech ich werde dich beschützen.
Bis in das hohe Alter will ich jetzt
dich immer unterstützen.

Du schaust mich an, du glaubt mir nicht,
doch deine Augen strahlen.
Du weisst, der Wille ist wohl da,
wie in den Kindertagen.

www.literatursofa.de


Dietlinde antwortete am 08.05.01 (21:25):

Ideales Zusammensein

Nähe ohne Beengung
Geben ohne Erwartung
Zärtlichkeit ohne Absicht
Spiel ohne Kampf
Vertrautheit ohne Ansprüche
Liebe ohne Forderungen
Zauber ohne Ende

Hans Kruppa


Iris antwortete am 08.05.01 (22:10):

...und noch einmal Erich Fried...

Für ****



Nur nicht

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben.

+++++++


Reden

Zu den Menschen
vom Frieden sprechen
und dabei an dich denken
Von der Zukunft sprechen
und dabei an dich denken
Vom Recht auf Leben sprechen
und dabei an dich denken
Von der Angst um Mitmenschen
und dabei an dich denken -
ist das Heuchelei
oder ist das endlich die Wahrheit?


sieghard antwortete am 09.05.01 (12:31):


Sooft die Sonne aufersteht
Erneuert sich mein Hoffen
Und bleibet, bis sie untergeht
Wie eine Blume offen;
Dann schlummert es ermattet
Im dunklen Schatten ein,
Doch eilig wacht es wieder auf
Mit ihrem ersten Schein

[Gottfried Keller 1819-1890]

.


Heidi antwortete am 09.05.01 (17:51):

für MLB *g*

Wenn ich dich berühre,
tun sich Welten in mir auf.
Leuchtende Landschaften,
die auf mich gewartet haben,
Felder, die unter der Sonne reifen,
Seen, die mit ihrem Blau
den Himmel einladen,
auf die Erde zu kommen.
Ich sehe Wege,
die meine Füße anlocken.

Es liegt in der Berührung,
in dem Vertrauen
auf die Wahrheit des Moments.

(Ulrich Schaffer)


Heidi antwortete am 09.05.01 (18:16):

eigentlich sollte es dieses Gedicht sein ;-))

Die Linie von deinem Hals
zu deiner Schulter
reduziert einen Moment lang die ganze Welt
auf diese einfache Kurve,
die mich an die Krümmung des Universums erinnert.

Alle Ideen, alle Worte,
vergangene, gegenwärtige und zukünftige,
fließen in den Teil des Kreises,
den ich mit einem einzelnen Finger
bereisen kann.

Ich werde der Finger,
dann die Kurve,
danach das Universum
in dem Schmerz
und Glück der Ausdehnung.

Einen Augenblick lang
höre ich auf, ich zu sein,
und ein größeres Leben als mein eigenes
pulsiert zwischen meinen Fingern
und der Haut deines Halses.

(Ulrich Schaffer)


Iris antwortete am 09.05.01 (19:29):

Heimweg

Dämmert mein Garten?
Rauscht schon der Fluß?
Noch glüht mein Leben
Von deinem Kuß,

Noch trinkt mein Auge,
Von dir erhellt,
Nur dich, nur deinen Bann
Im Bann der Welt.

Vom Himmel atmet
Des Mondes Traum,
Bleich webt eine Wolke,
Grün schmilzt ihr Saum.

Das Wasser führt Schollen
Herab aus der Nacht,
Es trägt jede Scholle
Von Licht schwere Fracht.

Eine Harfe von Drähten
Summt in der Allee,
Spuren von Rädern
Glänzen im Schnee,

Glänzen und deuten
Heilig zu dir zurück -
Ich weiß, daß du noch wachst
Tief tief im Glück.

Der Schirm deiner Lampe
Färbt dich wie Wein,
Du hauchst in das Eis
Deines Fensters hinein,

Deine Augen träumen
Herüber zum Fluß,-
Du bist nur noch Leben
von meinem Kuß.

Hans Carossa
1878-1956


Heidi antwortete am 09.05.01 (19:41):

Vorsicht, jetzt wird's erotisch *g* (auch für MLB)

Kuss

deine lippen spüren
vibrierend suchend
durch halbgeschlossene
lider deine augen
sehen ernst
konzentriert
ein universum
versinkt in diesem
blick kuss
lippen
fühlen liebe
dich

hl


:-)) Heidi antwortete am 09.05.01 (19:53):

Hände erinnern sich

meine Hände streicheln,
speichern jeden Zentimeter
deiner Haut
speichern Dich

fühlen deine Wärme
machen sich vertraut
mit deiner Haut
mit Dir

meine Hände senden Signale
über deine Haut
in deinen Körper
in deinen Kopf
in Dich

meine Lippen schweigen wenn
meine Hände dich lieben
mein Körper dich liebt
meine Haut dich liebt
weil Worte nicht ausreichen

meine Hände erinnern sich
danach, am nächsten Tag
für immer, an Dich
ich erinnere
deine Haut, deinen Körper
ich erinnere Dich

hl

Der Rest meiner "geheimen" Gedichte ist leider nicht jugendfrei *fg*


Iris antwortete am 09.05.01 (20:42):

;-) Heidi...jetzt hast Du mir aber Mut gemacht...
ich antworte mit Erich Fried...steht nicht auf der "Geheimliste"...nein ganz öffentlich...in einem seiner Gedichtbände...*ggg*


Nachtlied

Auf deine Brüste zwei Sterne
auf deine Augen zwei Küsse
in der Nacht
unter dem gleichgültigen Himmel

Auf deine Augen zwei Sterne
auf deine Brüste zwei Küsse
in der Nacht
unter den mundlosen Wolken

Unsere Küsse
und unsere Sterne müssen
wir selbst einander geben
unter wetterwendischen Himmeln

oder in einem Zimmer
eines Hauses das steht
vielleicht in einem Land
in dem wir uns wehren müssen

Doch in den Atempausen
dieses Sichwehrens
Brüste und Augen für uns
Himmel und Sterne und Küsse.


Heidi antwortete am 09.05.01 (22:48):

:-)) Damit es etwas ruhiger wieder ausklingt:

Nachtgedicht

Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit deiner Decke
(die dir
von der Schulter
geglitten ist)
daß du
im Schlaf nicht frierst

Später
wenn du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und dich umarmen
und dich bedecken
mit Küssen
und dich
entdecken

Erich Fried


Gerhard allias Fuchs antwortete am 10.05.01 (00:44):

Meinem kleinen Floh und allen Müttern zum Muttertag am Sonntag

Was soll ich dir sagen,
was soll ich dir geben?
Ich hab so ein kleines, junges Leben.
Ich hab ein Herzchen,
das denkt und spricht:
ich hab dich lieb,-
mehr weiß ich nicht!


sieghard antwortete am 10.05.01 (08:03):


Hier aber blühten große gefleckte rote
Tigerlilien und große weiße, trompeten-
ähnliche Lilien mit Purpurstreifen auf
der Hinterseite der Blütenblätter; hier
sprossen allenthalben lange zarte Far-
ne empor, und unter Fichten und fede-
rigen Bambusstauden war die Erde
mit dichtem, farnähnlichem Moos
bedeckt. Hier bildete auf einem Baum
eine Schlingpflanze einen Wasserfall
sternähnlicher Blumen, Blumen von
üppigem Duft, und dann kam plötzlich
durch die Stille ein tiefer, voller, wilder
Klang, der Ruf eines Vogels, laut und
deutlich in seiner Lieblichkeit.


Pearl S. Buck, Die Frau des Missionars

.


Brita antwortete am 10.05.01 (12:15):

Helle

Graue Tage, wo die Sonne
sich wie eine blasse Nonne
hat gebärdet, sind nun hin.
Blauer Tag steht blau da oben,
eine Welt ist frei erhoben,
Sonn' und Sterne blitzen drin.

Alles das vollzog sich stille,
ohne Lärm, als großer Wille,
der nicht Federlesens macht.
Lächelnd öffnet sich das Wunder,
nicht Raketen und nicht Zunder
braucht's dazu, nur klare Nacht.

Robert Walser


eva antwortete am 10.05.01 (12:59):

Frühling

Schwermut schauert durch die Schönheit des Frühlings :
Überquellende Gärten, flammende Tulpen,
Fliederdolden hängen üppig über den Zaun,
Kastanien prunken mit blühenden Kerzen
und jeder Apfelbaum ist ein rosiger Traum...
Aber der Frühlingswind flüstert zwischen den Blättern :
- vergänglich, vergänglich -
nach der Blüte : Erfüllung, Reife, Ernte und Tod.
Leben heisst Sterben, Tod ist Verwandlung,
nichts bleibt wie es war ...
Apfelblütenblätter treiben im Wind - nütze den Tag.

eKr


Heidi antwortete am 10.05.01 (22:09):

Um auf den Muttertag zurück zu kommen, sollten wir nicht lieber die Kinder "feiern" an diesem Tag?

Kinder

Sind so kleine Hände
winz’ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen,
die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße
mit so kleinen Zeh’n.
Darf man nie drauf treten,
könn‘ sie sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Ohren,
scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen,
werden davon taub.

Sind so schöne Münder ,
sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten,
kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen,
die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden,
könn‘ sie nichts verstehn.

Sind so kleine Seelen,
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen,
geh‘n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat,
sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen,
weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen
wärn ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat
hab’n wir schon zuviel.

(Bettina Wegner)


:-) Heidi antwortete am 12.05.01 (10:05):

Erich Kästner zum Wochenende :-))

Zeitgenossen, Haufenweise
Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern,
und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.
Sie haben Köpfe wie auf Abziehbildern
und, wo das Herz sein müßte, Telephon.

Sie wissen ganz genau, daß Kreise rund sind
und Invalidenbeine nur aus Holz.
Sie sprechend fließend, und aus diesem Grund sind
sie Tag und Nacht - auch sonntags - auf sich stolz.

In ihren Händen wird aus allem Ware.
In ihrer Seele brennt elektrisch Licht.
Sie messen auch das Unberechnenbare.
Was sich nicht zählen läßt, das gibt es nicht!

Sie haben am Gehirn enorme Schwielen,
fast als benutzten sie es als Gesäß.
Sie werden rot, wenn sie mit Kindern spielen,
die Liebe treiben sie programmgemäß.

Sie singen nie (nicht einmal im August)
ein hübsches Weihnachtslied auf offner Straße.
Sie sind nie froh und haben immer Lust.
Und denken, wenn sie denken, durch die Nase.

Sie loben unermüdlich unsre Zeit,
ganz als erhielten sie von ihr Tantiemen.
Ihr Intellekt liegt meistens doppelt breit.
Sie können sich nur noch zum Scheine schämen.

Sie haben Witz und können ihn nicht halten.
Sie wissen viel, was sie nicht verstehen.
Man muß sie sehen, wenn sie Haare spalten!
Es ist, um an den Wänden hochzugehn.

Man sollte kleine Löcher in sie schießen!
Ihr letzter Schrei wär noch ein dernier cri.
Jedoch, sie haben viel zuviel Komplicen,
als daß sie sich von uns erschießen ließen.
Man trift sie nie.

Erich Kästner


Heidi antwortete am 12.05.01 (10:12):

noch ein Kästnergedicht, weil es so schön zum heutigen Wetter passt

Im Auto über Land

An besonders schönen Tagen
ist der Himmel sozusagen
wie aus blauem Porzellan.
Und die Federwolken gleichen
weißen, zart getuschten Zeichen,
wie wir sie auf Schalen sahn.

Alle Welt fühlt sich gehoben,
blinzelt glücklich schräg nach oben
und bewundert die Natur.
Vater ruft, direkt verwegen:
"'N Wetter, glatt zum Eierlegen!"
(Na, er renommiert wohl nur.)

Und er steuert ohne Fehler
über Hügel und durch Täler.
Tante Paula wird es schlecht.
Doch die übrige Verwandtschaft
blickt begeistert in die Landschaft.
Und der Landschaft ist es recht.

Um den Kopf weht eine Brise
von besonnter Luft und Wiese,
dividiert durch viel Benzin.
Onkel Theobald berichtet,
was er alles sieht und sichtet.
Doch man sieht's auch ohne ihn.

Den Gesang nach Kräften pflegend
und sich rhythmisch fortbewegend
strömt die Menschheit durchs Revier.
Immer rascher jagt der Wagen.
Und wir hören Vatern sagen:
"Dauernd Wald, und nirgends Bier."

Aber schließlich hilft sein Suchen.
Er kriegt Bier. Wir kriegen Kuchen.
Und das Auto ruht sich aus.
Tante schimpft auf die Gehälter.
Und allmählich wird es kälter.
Und dann fahren wir nach Haus.

Erich Kästner

(Internet-Tipp: http://members.tripod.de/spangenberg/gedichte)


Herbertkarl Hüther antwortete am 12.05.01 (10:24):


beginn

fledermaeuse
im hirn
abriss
der spule

geierwallendes
tuch aus samt
seide um
den finger

reben im
lassen der ideen
laerm
ohne not

abseilen
der buchstaben
im geruch
des verfalls

hkh


Iris antwortete am 12.05.01 (13:14):

...und weil Erich Kästner auch sagte:
"Es gibt nichts Gutes
außer:Man tut es"...

tu ich es hiermit...
;-)...nun noch ein Gedicht von ihm...



Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit.Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne.Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.


*Dieses Gedicht stammt ja zum Glück aus der Feder
eines Mannes ....niemals würde eine Frau wagen...
gleiche Worte zu denken...oder... dann Gedachtes sogar
noch niederzuschreiben *svggg*... niemals...


Heidi antwortete am 12.05.01 (13:23):

*gg* und weil Kästner so liebenswert "bösartig" ist
zu seinen Geschlechtsgenossen noch eines:

Fantasie von Übermorgen

Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein!
und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.
Dann zogen sie in jedem Land,
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerle heraus.
Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.
Da brach so mancher Stock entzwei.
Und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab's Geschrei,
und nirgends gab es Krieg.
Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,
zum Bruder und Sohn und Mann,
und sagten ihnen, der Krieg sei aus!
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahen die Frauen nicht an...

Erich Kästner


Heidi antwortete am 12.05.01 (13:42):

leider... hat er auch uns Frauen nicht verschont *fg*

Sogenannte Klassefrauen
Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die "Klassefrauen",
weil es Mode ist, die Nägel rot!
Wenn es Mode wird, sie abzukauen
oder mit dem Hammer blau zu hauen,
tun sie's auch. Und freuen sich halbtot.


Wenn es Mode wird, die Brust zu färben
oder, falls man die nicht hat, den Bauch...
Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben
oder sich die Hände gelb zu gerben,
bis sie Handschuhn ähneln, tun sie's auch.


Wenn es Mode wird, sich schwarz zu schmieren...
Wenn verrückte Gänse in Paris
sich die Haut wie Chinakrepp plissieren...
Wenn es Mode wird, auf allen vieren
durch die Stadt zu kriechen, machen sie's.


Wenn es gälte, Volapük zu lernen
und die Nasenlöcher zuzunähn
und die Schädeldecke zu entfernen
und das Bein zu heben an Laternen -
morgen könnten wir's bei ihnen sehn.


Denn sie fliegen wie mit Engelsflügeln
immer auf den ersten besten Mist.
Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln!
Und sie sind auf keine Art zu zügeln,
wenn sie hören, daß was Mode ist.


Wenn's doch Mode würde, zu verblöden!
Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.
Wenn's doch mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!
Denn dann wären wir sie endlich los.


Erich Kästner
Aus: Ein Mann gibt Auskunft.


Georg Segessenmann,alias Georg von Signau antwortete am 12.05.01 (18:25):

Männerkrieg? (Fortsetzung zu Kästner?)

Die Stöcke zerbrochen lagen in Stücken;
Frauen nun zu müde, sich danach zu bücken,
Männer an den Fenstern suchten neuen Krieg,
hörten aus Kindheit noch: "Maikäfer flieg"!
Sie schlichen hinaus, sie schrien wie Helden,
wollten sich gern bei den Kriegsherren melden.
Als die Frauen schliefen, vom Wachen ermattet,
haben sie sich wieder einen Krieg gestattet.
Es liegt ihnen im Blut, das Kämpfen um Ehren;
und den Frauen, mit Blut sich für Frieden zu wehren!

Schorsch


Heidi antwortete am 12.05.01 (23:43):

zur Nacht:

So schlafe

So schlafe, und mein Aug wird offen bleiben.
Der Regen füllt' den Krug, wir leerten ihn.
Es wird die Nacht ein Herz, das Herz ein Hälmlein treiben -
Doch ists zu spät zum Mähen, Schnitterin.

So schneeig weiß sind, Nachtwind, deine Haare!
Weiß, was mir bleibt, und weiß, was ich verlier!
Sie zählt die Stunden, und ich zähl die Jahre.
Wir tranken Regen. Regen tranken wir.

Paul Celan


Heidi antwortete am 13.05.01 (00:50):

Mögliches Ende des Weges

Warum sich immer mühen? Ich werde dennoch gelebt haben
Werde die Wolken betrachtet haben und die Leute
Ich habe wenig teilgenommen und dennoch alles kennen gelernt
Vor allem nachmittags, da hat es Momente gegeben.

Die Konfiguration der Gartenmöbel
Die habe ich sehr gut gekannt, mangels Unschuld nämlich;
Den Einkaufsmarkt und die Wege durch die Stadt,
Und den reglosen Verdruss der Aufenthalte im Urlaub.

Ich werde hier gelebt haben, an diesem Fin de Siècle,
Und mein Weg ist nicht immer nur schwer gewesen
(Die Sonne auf der Haut und die Brandwunden des Seins);
Ich möchte ausruhen auf dem unbeirrten Gras.

Ich bin so alt und meiner Zeit so nah wie das Gras,
Der Frühling erfüllt mich mit Insekten und mit Illusionen
Ich werde gelebt haben wie das Gras, gemartert und heiter,
In den letzten Jahren einer Zivilisation.

Michel Houellebecq


hl antwortete am 13.05.01 (01:18):

beginn?

anfang ende anfang

zuckerwatte
im herz
verbrennt
schwarz verklumpt
im hals

verklebt die
stimme der rauch
trübt den blick
nebelgrau
die welt

fieber glüht
die zellen
verdampfen
leer
die gedanken

warten auf
schaumschläger
der neue
zuckerwatte formt
vielleicht
...morgen?

hl


Brita antwortete am 13.05.01 (09:14):

Hier ein Gedicht (ohne Überschrift)

Ich liege beschaulich
An klingender Quelle
Und senke vertraulich
Den Blick in die Welle;
Ich such in den Schäumen,
Weiss selbst nicht, wonach?
Verschollenes Träumen
Wird in mir wach!

Da kommt es gefahren
Mit lächelndem Munde
Vorüber im klaren
Kristallenen Grund
Das alte, vertraute,
Das Weltangesicht!
Sein Aug auf mich schaute
Mit tiefblauem Licht.

Wohin ist's geschwommen
Im Wellengewimmel?
Woher ist's gekommen?
Vom blauenden Himmel!
Denn als ich ins Weben
Der Luft hab gesehn,
Da sah ich noch eben
Es dort vergehn!

Ich seh es fast immer,
Wenn's windstill und heiter,
Und stets macht sein Schimmer
Die Brust mir dann weiter;
Doch wenn sein Begegnen
Die Seele bedarf,
Wird selbst es im Regnen
Mir deutlich und scharf!

Gottfried Keller


Heidi antwortete am 13.05.01 (10:37):

Kleine Stadt am Sonntagmorgen


Kleine Stadt am Sonntagmorgen
Das Wetter ist recht gut geraten.
Der Kirchturm träumt vom lieben Gott.
Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten
und auch ein bißchen nach Kompott.

Am Sonntag darf man lange schlafen.
Die Gassen sind so gut wie leer.
Zwei alte Tanten, die sich trafen,
bestreiten rüstig den Verkehr.

Sie führen wieder mal die alten
Gespräche, denn das hält gesund.
Die Fenster gähnen sanft und halten
sich die Gardinen vor den Mund.

Der neue Herr Provisor lauert
auf sein gestärktes Oberhemd.
Er flucht, weil es so lange dauert.
Man merkt daran: er ist hier fremd.

Er will den Gottesdienst besuchen,
denn das erheischt die Tradition.
Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen.
Pauline bringt das Hemd ja schon!

Die Stunden haben kleine Schritte
und heben ihre Füße kaum.
Die Langeweile macht Visite.
Die Tanten flüstern über Dritte.
Und drüben, auf des Marktes Mitte,
schnarcht leise der Kastanienbaum.

Erich Kästner

Schönen Sonntag an alle :-))


eva antwortete am 13.05.01 (14:54):

Frühlingsseufzer...

Der liebe Mai schenkt nicht nur Flieder;
Goldregen rieselt auf uns nieder.
Ach, schenkte dieser doch realer
mir statt der Blüten - goldne Taler !!


Heidi antwortete am 13.05.01 (19:00):

Frühlingsdank :-))

Gold'ne Taler lieb' ich sehr
doch den Flieder noch viel mehr
schenkt mir Farb' und süßen Duft
ach, ich lieb' die Maienluft!

Wenn der Winter wieder grollt
sag, was nützt dann all Dein Gold?

hl


Brita antwortete am 13.05.01 (22:31):

Eine Minute Weisheit

Reichtum

"Wie könnte Spiritualität einem Weltmann wie mir helfen?" fragte der Geschäftsmann.
"Sie wird dir helfen, mehr zu haben", sagte der Meister.
"Wie?"
"Indem sie dich lehrt, weniger zu erstreben."



Liebe

Ein frisch verheiratetes Paar sagte: "Was sollen wir tun, damit unsere Liebe von Dauer ist?"
Sagte der Meister: "Liebt gemeinsam andere Dinge."



Sein

Was muss ich tun, um Heiligkeit zu erlangen?" fragte ein Reisender.
"Folge deinem Herzen", sagte der Meister.
Das schien dem Reisenden zuzusagen.
Ehe er jedoch fortging, flüsterte ihm der Meister zu: "Um deinem Herzen folgen zu können, wirst du eine kräftige Konstitution brauchen."

Anthony de Mello: Ein Minute Weisheit


Iris antwortete am 14.05.01 (08:09):

Einen Sommer lang

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes,seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gedrückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn,
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gesellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes,seliges Verstecken
Einen Sommer lang.


Detlev von Liliencron
(1844 - 1909)


Heidi antwortete am 14.05.01 (10:28):

:-)))

immer...

ach, wär's nur einen Sommer lang
und fänd ich dort mein Glück
ich schaute, glaub's mir
lebenslang
nur auf den Sommer
zurück

hätt' einen Sommer ich
voll Liebe
ich wollt zufrieden sein
auch in des Herbstes grauer Trübe...
bin ich nicht gern
allein

und in des Winters
Frost und Kälte
.. wenn das Dunkle ruft
nur Liebe
mir den Tag erhellte
und mich erinnert
an Frühlings
Duft

im Frühling, ach
und im Wonnemonat Mai
da wird mein Herz
so froh und frei
ich liebe und lebe
und lache
dabei

hl ;-))


eva antwortete am 14.05.01 (18:25):

Alle die schönen Mausegedichte - ich wollte so gerne
mitmachen, aber mir fiel partout nichts ein ! So nehme ich
eine Anleihe bei Christian MORGENSTERN :

Die Mausefalle.

I.

Palmström hat nicht Speck im Haus,
dahingegen eine Maus.

Korf, bewegt von seinem Jammer,
baut ihm eine Gitterkammer.

Und mit einer Geige fein
setzt er seinen Freund hinein.

Nacht ist´s und die Sterne funkeln.
Palmström musiziert im Dunkeln.

Und derweil er konzertiert,
kommt die Maus hereinspaziert.

Hinter ihr, geheimerweise,
fällt die Pforte leicht und leise.

Vor ihr sinkt in Schlaf alsbald
Palmströms schweigende Gestalt.


II.

Morgend kommt v.Korf und lädt
das so nützliche Gerät

in den nächsten, sozusagen,
mittelgroßen Möbelwaren,

den ein starkes Roß beschwingt
nach der fernen Waldung bringt,

wo in tiefster Einsamkeit
er das seltne Paar befreit.

Erst spaziert die Maus heraus,
und dann Palmström, nach der Maus.

Froh genießt das Tier der neuen
Heimat, ohne sich zu scheuen.

Während Palmström,glückverklärt,
mit v. Korf nach Hause fährt.


sylvia antwortete am 14.05.01 (19:28):

Mein Herz
ruht verträumt
in der Sonne
meine Seele
flattert leicht
im Wind
meine Gedanken
fliegen hoch
mit den Vögeln
mein Verstand
liegt ausgehakt
im Gras

Sturm
kommt auf

Ich müsste mich
beeilen
einfangen
aufsammeln

Aber mein Wille
schläft
mit offenem Mund
unter dem
Fliederstrauch

svr


sieghard antwortete am 15.05.01 (08:47):


Die Zeit
ist mein Freund
mein Feind

Ich esse ihre Süßfrüchte
trinke ihren Wermut

Jede Stunde
ist meine Stunde
Staunen


[Rose Ausländer 1901 - 1988]

.


born antwortete am 15.05.01 (11:48):

etwas ganz Einfaches:

....daß mein Herz so lind und leicht
wie ein Veilchenstrauß sich trägt.
Plötzlich überkommt es mich -
horch - die erste Amsel schlägt."


Heidi antwortete am 16.05.01 (11:18):

als ich gestern mittag durch die Straßen unserer Kleinstadt zum Dienst ging, fiel mir nachstehendes Gedicht wieder ein:

frühlingserwachen

die tage nehmen mit den abgasen zu,
abfall häuft sich wieder in wald und flur.
ein wunderbar warmer, leicht radioaktiver
wind streicht durch unsere straßen, und
am sonnabend mehrt sich der ausflugsverkehr.
legt euch ins gras und träumt
von violettem schnee.

(Wolfgang Fienhold)

aus: www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/Fienhol2.htm

(Internet-Tipp: http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/Fienhol2.htm)


Iris antwortete am 16.05.01 (12:42):

Heidi...zu deinem gedicht passt nun auch noch
das folgende...


wegwerfgesellschaft


vom auto ein paar schritte träg
im mund die zigarette schräg
walkmann-popgedresch im ohr
aus dem rock bleckt BILD hervor


zuhaus vorm fernsehkasten stier
griffbereit die dose bier
ohne antwort ohne frage
spiesserdasein heutzutage


Gerhard Rühm
*1930


sylvia antwortete am 16.05.01 (13:18):

Noch was Passendes gefällig?

Im Rahmen
der allgemeinen
Rationalisierungsbestrebungen
und eingedenk dessen
dass Rohstoffe knapp werden
haben
der Präsident
eines renomierten Oelkonzerns
und der Inhaber
einer Oelsardinenfabrik
beschlossen
zu fusionieren

Die Oeltanker
werden in Zukunft
ihre Havarien
in die Sardinenfanggründe
verlegen

svr



Des Menschen Seele
gleicht dem Wasser
vom Himmel kommt es
zum Himmel
stinkt es
mancherorts

So gesehen
schlechte
Referenzen

svr


sylvia antwortete am 16.05.01 (13:22):

Und dennoch:

Unter des Mondes
milchweissem Licht
finden traumverhangene Augen
keinen Schlaf
streichelt milde Luft
die warme Haut
und spröde Lippen
werden weich
wenn sie
von schimmernden Blüten
den Mondtau küssen
liegen sanfte Hände
auf rauher Rinde
verströmen Zärtlichkeit

Und die Brust
wird weit
wenn sie
herben Erdgeruch atmet

Verhaltene Sehnsucht
wird laut

Es ist Mondnacht
und Mai

svr


Georg Segessenmann antwortete am 16.05.01 (16:18):

Zu Iris`s "Wegwerfgesellschaft" passt noch:

Modern times


Hurenstrich und
Saufgelage,
goldner Schuss
am Rockkonzert,
und am Schluss
die stumme Frage:
"War es dies nun
wirklich wert?"


August 1993, Schorsch *1932


Heidi antwortete am 17.05.01 (10:29):

Erinnerung an vergangene Urlaubszeiten, als das Mittelmeer noch blau war

blauweiße Stille

Sehnsucht
nach dem Meer
in den weichen blauen Wellen
schaukeln
rings um mich nur
blaues Wasser und weisser Schaum
über mir nur blauer Himmel
und weiße Wolken
das sanfte Plätschern
und der Ruf der Möwen
sonst nichts
Stille

hl


Heidi antwortete am 17.05.01 (10:38):



Umweltschutz

Endlich
ist einer großen
Farbenfabrik
der durchschlagende Erfolg
im Kampf
gegen
die Umweltverschmutzung
gelungen

Ab Stromkilometer 475
ist der Fluss
blau
wie das Mittelmeer

(Hermann Spix)

Was für ein Geschlecht sind wir
Das Meer fanden wir vor unberührt
Erst zu unserer Zeit
Mussten wir fürchten, Fische zu essen.

(Bertolt Brecht)


Beides aus www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/... s.o.


sieghard antwortete am 17.05.01 (14:27):


An Amor

Amor, soll mich dein Besuch
Einst erfreuen - -
O so lege dein Gefieder
Und die ganze Gottheit nieder.
Diese möchte mich erschrecken,
Jenes möchte Furcht erwecken,
Furcht, nach flatterhaften Küssen,
Meine Phyllis einzubüßen.
Komm auch ohne Pfeil und Bogen,
Ohne Fackel angezogen...
Stelle dich, um mir lieb zu sein,
Als ein junger Satyr ein.


[Gotthold Ephraim Lessing 1729 - 1781]

.


Iris antwortete am 17.05.01 (20:52):

Drei Schlagworte

Wie heißt das Wort,das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit dem Gelde hält,
Doch mit dem Geld,das stets im Säckel bleibt,
Und schon von selbst die besten Zinsen treibt?
Es ist, es heißt die,die,die,die
Die teure Bourgeoisie!

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit dem Elend hält,
Doch mit dem Elend,das mit wackrem Mut
Die schwere,große Arbeit tut?
Es ist,es heißt,der,der,der,der,
Es heißet:Proletarier!

Wie heißt das Wort,das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit Utopien hält,
Doch mit Utopiein,ähnlich Morgenlicht,
Das licht und warm zu jedem Herzen spricht?
Es ist,es ist mein Ideal,
Das große Wort,es heißt:sozial!


Friederike Kempner
(1836 - 1904)


Brita antwortete am 17.05.01 (21:36):

Wer versteht dieses Gedicht?

Die Visite

Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engell,
vermutlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,

gar nicht zu reden vom Feldspat
und von der Großen Magellanschen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.

Hans Magnus Enzensberger


Heidi antwortete am 18.05.01 (08:45):

vermutlich versteht jeder dieses Gedicht anders :-)

hier 2 weitere Gedichte von Enzensberger und unter u.a. Adresse gibt es einen interessanten Text über ihn

Lebenslauf

später erfuhr ich, daß es ein freitag war,
da ich herausfuhr, schreiend,
aus meinem sarg, aus meiner mutter.
zwischen meiner verräterischen geburt,
besiegelt von öl und wasser und salz,
und meinem eingeborenen tod,
in dieser langen weile zwischen freitag
und aberfreitag ward ich geimpft
und gefirmt und gemustert. für glück
galt das lakierte gesicht der gewalt.
einmal im jahr hat der schnee gewechselt.
mein totenhemd tauschte ich täglich.
ich habe die vier striche des himmels bemerkt.
meine worte sind davongefahren auf einem wind.
kein ruhm, kein feuer hat mich verzehrt.
abends ist meine leber schwer wie feldstein,
und wenn es freitag wird, höre ich ein geschrei,
als schrie ich in meinem weißen hemd,
wie vor langer weile, zur stunde meiner geburt.
dann schlafe ich mürrisch ein und denke:
das geht mich nichts an. es wird ein anderer
krieg sein, ein anderer toter hund, nicht ich,
wird zum mond geschossen, verscharrt
im entgeisterten, schreienden raum.

Text von Hans Magnus Enzensberger


A


Bevor du B sagst, verweile doch,
horch,
bedenk,
was du gesagt hast.
Ein Vokal,der wenig bedeutet,
viel in Bewegung setzt.
Einmal den Mund aufgemacht,
und du treibst deine sterbliche Hülle
zu Leistungen an
von kosmischer Komplexität:
ganze Kaskaden von Reizen,
Berechnungen, Turbulenzen,
hinter dem Rücken dessen,
der Ich ist – vom Gehirn,
das nicht redet
und jeder Wissenschaft spottet,
zu schweigen.

http://www.freitag.de/1999/46/99461301.htm

(Internet-Tipp: http://www.freitag.de/1999/46/99461301.htm)


sieghard antwortete am 18.05.01 (09:22):


Im Kerker

Man brachte mich
ins Verlies
ich weiß nicht warum

Was sind Sie
ein Dichter ist nichts
was sind Sie in Wahrheit

In meiner Zelle
erzählte ich der jungen Frau
Märchen Gedichte
sie lernte sie leicht

Aus lehmigem Brot
machten wir Schachfiguren
spielten bis das Auge
im Guckloch erschien
Spielen verboten
Lesen und Schreiben verboten

Zehn Minuten im Hof
der Himmel eine
blaue Legende
Weiß winkte eine Wolke:
deine Mutter wartet

(Rose Ausländer 1901 - 1988)



Aus: Gesammelte Werke, Bd. 5,
Fischer Verlag, derzeit vergriffen

Während des 2. Weltkriegs zwi-
schen Nov 1940 und Feb 1941
wegen angeblicher Spionage
war sie in sowjetischer Haft. Sie
schwieg darüber, außer in die-
sem Gedicht von 1979

.


Georg Segessenmann antwortete am 18.05.01 (10:33):

Antwort für Brita

Merke: Einiges braucht nicht verstanden zu werden - es genügt wenn es von möglichst vielen gelesen wird!

Schau doch mal, was unter "moderner Literatur" so alles verstanden wird. Wenn Du von möglichst vielen gelesen werden möchtest, dass schreibe so, dass nicht jeder "Gemeine Leserling" es auf Anhieb versteht. Wenn ihm dann nach Stunden des Sinnierens der Kopf schwirrt, gibt er resigniert auf und denkt: "Was bin ich doch für ein unsäglich dummer Mensch - und was für ein Genie muss doch der Schreiber sein, dass ich seine Schreibe nach noch so vielen Versuchen nicht begriffen habe. Hebt ihn aufs Podest der Unsterblickeit!"
Ja, so wird man unsterblich - aber nur auf dem Papier. Und vielleicht kommen dann nach Generationen Menschen, die endlich begreifen, dass der Unsterbliche nichts Unsterbliches an sich hatte - sondern nur Unverständliches!

Gruss

Schorsch

P.S. Das ist nicht nur in der Literatur so, sondern in jeder Form, die sich Kunst nennt.


Georg Segessenmann antwortete am 18.05.01 (10:37):

Liebe Britta
Da noch ein P.S. zum P.S.:
Lies doch mal die Kurzgeschichte "Korsebejewska" auf meiner Hompage

http://www.seniorentreff.de/fr-georg.html

Vielleicht wird Dir dann einiges klarer!

Schorsch


Brita antwortete am 18.05.01 (11:05):

Lieber Schorsch,
das Gedicht von Hans Magnus Enzensberger hat mich sehr beeindruckt und ich habe mir Gedanken gemacht, was mit dem Erscheinen des Engels ausgedrückt werden soll. Ich habe für mich eine Antwort gefunden, wollte aber hören - was Andere darüber denken. Ich bin übrigens sehr dankbar für zwei www.Seiten, in denen ich sehr viel über diesen mutigen Künstler(Zeitzeuge)nachlesen konnte. Deine Kurzgeschichte werde ich auch noch studieren. Schönen Gruß an alle, Brita


Brita antwortete am 19.05.01 (21:25):

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, lass uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg', ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.

Clemens von Brentano


Heidi antwortete am 19.05.01 (23:27):

hörst du?

hörst du wie die stille schreit?
nur das rauschen deines blutes
das müde klopfen deines herzens
übertönt noch die stille deines zimmers
und das gelächter des schlafes
mischt sich mit dem wehklagen
des traumes und du fieberst
dem morgen entgegen
und dem licht

hl


Heidi antwortete am 20.05.01 (00:42):

Abendlied

Warum, ach sag, warum
geht nun die Sonne fort?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da geht die Sonne fort.

Warum, ach sag, warum
wird unsere Stadt so still?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
weil sie dann schlafen will.

Warum, ach sag, warum
brennt die Laterne so?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da brennt sie lichterloh!

Warum, ach sag, warum
gehn manche Hand in Hand?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da geht man Hand in Hand.

Warum, ach sag, warum
ist unser Herz so klein?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da sind wir ganz allein.

Wolfgang Borchert


Brita antwortete am 20.05.01 (09:00):

Der stille Punkt

Hätten wir den stillen Punkt
in uns gefunden,
wären die Armeen nicht nötig,
Worte würden ausreichen,
Hände würden Hände berühren,
weil es nichts zu verteidigen gäbe.

Der erhobene Zeigefinger
würde seine Drohung verlieren,
und ebenso still würden wir begreifen,
dass er nach oben zeigt,
auf den stillen Punkt über uns.

Ulrich Schaffer


Heidi antwortete am 20.05.01 (09:30):

Mal relaxen können wie eine Maus in der Falle

In den meisten Fällen
enden wir als senile
gutmütige Narren, hin
und her geschoben von
einer rosigen Kranken-
schwester, die uns an-
blafft, weil die
Bettpfanne wieder rand-
voll ist.
Es sei denn, es nimmt
ein gewaltsames Ende -
ein Finish, in dem
noch einmal alles an uns
vorüberzuckt: Mahagoni-
farbene Sonnenstrahlen,
Girls am Strand, Platt-
füße, Haarschnitte,
rasselnde Wecker, ein
rasender Puls.
Egal wie, es kommt nie
richtig zusammen.
Ich gehe in Bars, durch
leere schmale Seiten-
straßen, ins Wettbüro,
frage mich, was ich
eigentlich will, und
denke wehmütig an
Urwälder voll Kletter-
pflanzen und ähnliche
Dinge, z.B. an Mäuse,
die sich mit den Vorder-
pfoten die Nase putzen.
Ich sehe mir die Leute an,
aber sie sind alle
beschäftigt mit Dingen,
die ein Spinner wie ich
für Unfug hält: Ein Haus
abstottern, von da nach
dort kommen, Geld verdienen
und darüber reden.
Das einzige wovon man
etwas hat, ist wahrscheinlich
rücksichtslos zu schlafen,
aber auch das geht nicht
lange genug gut - überall
werfen sie Preßlufthämmer an,
die Kirchenglocken juckt der
Schweiß der Beter, die Bienen
stechen, die Fenster gleißen,
Boote kentern und verfüttern
ihren Inhalt an die Haie, nur
Kanonen schlafen ungestört
in Museen. Ich gehe weg von
allem, habe nichts gelernt,
weiß jeden Tag weniger, meine
Hände werden magnetisch ange-
zogen von meiner Kehle,
meine Füße tragen mich voran
wie bewußtlose tierische
Extremitäten, in Gegenden
hinein, wo es schimmelt und
gärt, in eine behagliche
Hölle, voll von Grünzeug,
Ranken und Lianen, und dafür
danke ich ihnen auf den Knien.

Charles Bukowski


Rosmarie S antwortete am 20.05.01 (17:38):

Ein herzliches Hallo und Dankeschön an alle, die die stillen Mitleser (wie mich) hier so bereichern und erfreuen!

Mir fällt auf, dass eine große Anzahl der geposteten Gedichte einen (mit-)leidenden Blickwinkel auf die Welt zeigt. Versteht mich bitte nicht so, dass dies kritisierend gemeint ist. Ich sehe dies völlig wertneutral. Aber für mich sind Gedichte der Spiegel der Welt oder der Menschen.
Meint ihr, dass wir Älteren uns dem Schmerz stärker stellen als Jüngere? Leiden wir mehr unter der Welt, vielleicht, weil wir mehr unter uns selbst und unserem Abbau, unserer Endlichkeit oder Beschränktheit leiden? Hat uns das Leben kritischer gemacht? Sind wir illusionsloser geworden? Lässt die Lebensbegeisterung nach? Gibt es nicht mehr soviel, worüber wir erfreut und beglückt sind?

Oder hatten Gedichte schon immer mehrheitlich eine Aussage, die nicht auf glücklichen Empfindungen beruhte?
Was meint ihr?

Herzlichen Gruß
Rosmarie


Heidi antwortete am 20.05.01 (21:06):

Rede vom Gedicht

Das Gedicht ist nicht der Ort,
wo die Schönheit gepflegt wird.
Hier ist die Rede vom Salz,
das brennt in den Wunden.
Hier ist die Rede vom Tod,
von vergifteten Sprachen.
Von Vaterländern,
die eisernen Schuhen gleichen.

Das Gedicht ist nicht der Ort,wo die Wahrheit verziert wird.
Hier ist die Rede vom Blut, das fliesst aus den Wunden.
Vom Elend, vom Elend, vom Elend des Traums.
Von Verwüstung und Auswurf, von klapprigen Utopien.

Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Schmerz verheilt wird.
Hier ist die Rede von Zorn und Täuschung und Hunger
(die Stadien der Sättigung werden hier nicht besungen).
Hier ist die Rede von Fressen, Gefressenwerden
von Mühsal und Zweifel, hier ist die Chronik der Leiden.

Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.
Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.
Flügel! Flügel! Der Engel stürzt, die Federn
fliegen einzeln und blutig im Sturm der Geschichte!

Das Gedicht ist nicht der Ort,
wo der Engel geschont wird.

Christoph Meckel


Heidi antwortete am 20.05.01 (21:25):

Hallo, Rosmarie :-)

vorhergehendes Gedicht nur als Beispiel für das was ich zu Gedichten zu sagen habe.
Gedichte sind ein Spiegel von Empfindungen, Gefühlen, Momentaufnahmen, allerdings: der Spiegel ist verzerrt oder besser ausgedrückt, Gedichte sind Karrikaturen: jedes Gefühl wird verstärkt ausgedrückt, ob Liebe oder Leid, die Vernunft kommt in Gedichten nicht zum Ausdruck (wäre ja auch langweilig). Gedichte sind die Essenz von Gefühlen denen dann noch, um der Form willen oder des Ausdrucks oder des Reimes, Worte hinzu gefügt werden.
Ich habe schon einige Male versucht, auch dies in meinen Gedichten auszudrücken " das bin nicht ich, ist nur ein Gedicht".
Aber Leserin oder Leser neigt dazu, den Dichter mit seinen Gedichten zu identifizieren. :-).

Abschließend: über Liebe oder Leid schreibt es sich natürlich am besten. Gedichte über den Alltag will kaum einer lesen.

Herzlichen Gruß, Heidi


Heidi antwortete am 20.05.01 (21:57):

Noch ein Nachsatz: Oben gesagtes trifft nicht auf zeit- sozial- oder gesellschaftskritische Gedichte zu.

Natürlich alles nur meine eigene Meinung und nicht allgemein gültig. :-)


Brita antwortete am 20.05.01 (22:01):

Sehr bereichernd finde ich Eure Fragen und Antworten

Erinnerung an Angelika

Ich denk an Bamberg
im September
der Sommer drehte
sich im Fluss
nur in Dir
war schon Dezember

Dein Atem
lag auf Steinen
Du konntest
nicht mehr weinen
Die Speere
stachst Du gegen Dich
bis Du daran
verblutet bist

Deine Sprache
war das Schweigen
Nie hast Du was
von Dir erzählt
ein stummer Vogel
in den Zweigen

Dein Schmerz
fiel keinem auf
Du legtest
Stille drauf
Die Speere
stachst Du gegen Dich
bis Du daran
verblutet bist

Wie fremdes Land
so war Dein Leben
zu wenige Blumen
auf dem Weg
Zuviel Liebe
hast Du vergeben

Versprechen wurden
viele gemacht
nur an Dich
hatte niemand gedacht
Die Speere
stachst Du gegen Dich
bis Du daran
verblutet bist

Gabrielle Gisela Traut


Rosmarie S antwortete am 20.05.01 (22:10):

Hallo Heidi,

was du antwortest, leuchtet mir ein.
Ich finde es auch gut, dass es so ist, z.B. "...jedes Gefühl wird verstärkt ausgedrückt, ob Liebe oder Leid, die Vernunft kommt in Gedichten nicht zum Ausdruck (wäre ja auch langweilig). Gedichte sind die Essenz von Gefühlen..."
Nein, dass die Dichterin oder der Dichter so sind wie ihr Gedicht, das habe ich nicht angenommen. Höchstens, dass der Dichtende in diesem Moment für diesen Ausschnitt von Gefühlen besonders offen ist...
Da du, liebe Heidi, hier besonders viel beiträgst und ich immer Gewinn daraus ziehe, möchte ich mich bei dir noch einmal extra bedanken!
Ich selbst habe nur wenige Gedichte gemacht, liebe aber alles Poetische, sozusagen als Verdeutlichung oder Hervorhebung dessen, was Leben ist.
Was mir aber an mir auffällt, ist, dass ich mich, wenn es aus eigenem Antrieb geschieht, nur noch ausschließlich mit Gedichten mit positivem Lebensgefühl beschäftige. Durch die vielen nachdenklichen und negative Zustände anprangernden Gedichte hier, kam ich ins Grübeln, ob ich vielleicht nur noch oberflächlich bin. Aber bei mir könnte dies daran liegen, dass meine Leidensfähigkeit erschöpft ist, meine freiwillige natürlich.
Aber seht dies bitte, bitte nicht als Wink mit dem Zaunpfahl an, mehr Heile-Welt-Gedichte zu schicken! So ist es nicht gemeint. Denn ich profitiere sehr von allen, von dieser ganzen Bandbreite!
Mein Posting sollte nur die Rückmeldung einer ja eher schweigsamen Mit-Genießerin darüber sein, was diese vielen bewegenden Gedichte an Nachdenken in mir in Gang setzen.

Herzlichen Gruß
Rosmarie


Heidi antwortete am 20.05.01 (22:43):

Liebe Rosmarie,
ich glaube, neben mir, freut sich auch jeder andere Schreiber hier in diesem Thema über Dein Feedback...
Dankeschön!


Heidi antwortete am 20.05.01 (22:48):

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattichte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen die Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzende Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln,
Schimmerndes Ziel,

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.



Clemens Brentano


sylvia antwortete am 21.05.01 (00:02):

Liebe Rosmarie

ich denke, dass jedes Thema, jedes Gefühl, jede Empfindung durch lyrische – eben verdichtete Form – ausgedrückt werden kann, soll und darf. Würden wir Schreibenden uns nur über den Unrat dieser Welt auslassen, würde das auch niemand mehr lesen wollen.
Ich gehe nicht ganz einig mit Heidi, wenn sie sagt, Vernunft komme nicht zum Ausdruck in Gedichten und Gedichte wären allesamt Karikaturen.
Vernunft kann sehr wohl zum Ausdruck kommen, und manche finden das nicht langweilig...
Ob Gedichte immer Spiegel der eigenen Empfindungen, Gedanken sind, ist eine andere Frage. Manchmal sind sie’s, manchmal nicht.
Die besten Texte habe ich immer in Zeiten des Umbruchs, der Trauer oder andrer innerer Not geschrieben. Dabei sind Texte der düsteren, wie auch der heiteren Art entstanden.
So wie das Leben - die Welt - Düsteres, Schlimmes, Schreckliches, aber auch Gutes, Heiteres, Befreiendes bietet, so sollen und dürfen auch unsre Gedichte sein. Du sollst Dich getrost auch mit „Heile-Welt-Gedichten“ auseinandersetzen. Auch Freude im Leben darf sein, selbst wenn uns bewusst ist, dass wir nicht in einer wirklich heilen Welt leben. Aber deswegen sich nur auf Trübsal und Grübelei zu verlegen – was bringt's der Welt und Dir? Lass Dich auf alle Arten von Gedichten ein. In unserm Forum - vor allem in eigene Lyrik - wird ja in letzter Zeit auch ganz schön geblödelt. Und keiner, oder keine dies tut, will darin wirklich ernst genommen werden. Sie wollen erheitern. Das ist auch legitim.
Herzlich
Sylvia


Iris antwortete am 21.05.01 (01:00):

...gesucht...und gefunden...eine Antwort für
Rosmarie...


Drei Arten Gedichte aufzuschreiben

1.
Ein trockenes Flußbett
ein weißes Band von Kieselsteinen
von weitem gesehen
hierauf wünsche ich zu schreiben
in klaren Lettern
oder eine Schutthalde
Geröll
gleitend unter meine Zeilen
wegrutschend
damit das heikle Leben meiner Worte
ihr Dennoch
ein Dennoch jedes Buchstabens sei


2.
Kleine Buchstaben
genaue
damit die Worte leise kommen
damit die Worte sich einschleichen
damit man hingehen muß
zu den Worten
sie suchen in dem weißen
Papier
leise
man merkt nicht wie sie eintreten
durch die Poren
Schweiß der nach innen rinnt
Angst
meine
unsere
und das Dennoch jedes Buchstabens


3.
Ich will einen Streifen Papier
so groß wie ich
ein Metrer sechzig
darauf ein Gedicht
das schreit
sowie einer vorübergeht
schreit in schwarzen Buchstaben
das etwas Unmögliches verlangt
Zivilcourage zum Beispiel
diesen Mut den kein Tier hat
Mit-Schmerz zum Beispiel
Solidarität statt Herde
Fremd-Worte
heimisch zu machen im Tun

Mensch
Tier das Zivilcourage hat
Mensch
Tier das den Mit-Schmerz kennt
Mensch Fremdwort-Tier Wort-Tier
Tier
das Gedichte schreibt
Gedicht
das Unmögliches verlangt
von jedem der vorbeigeht
dringend
unabweisbar
als rufe es
"Trink Coca-Cola"

Hilde Domin
(*1912)


Heidi antwortete am 21.05.01 (01:43):

Danke, Iris, das war auch für mich eine Antwort..


Georg Segessenmann antwortete am 21.05.01 (08:28):

Ja, liebe MitmacherInnen, da werden sich wohl auch unsere Nachkommen noch darüber streiten, was ein gutes Gedicht sei.

Betreffs Blödeln: Da kommt mir der Clown schlechthin in den Sinn, der immer dann am lustigsten ist, wenn er traurig ist!

Gruss

Schorsch


sieghard antwortete am 21.05.01 (08:55):


Holde Gattin, dir zur Seite fließen
sanft die Stunden hin. Jeder Augen-
blick ist Wonne, keine Sorge trübet
sie.
Teurer Gatte, dir zur Seite,
schwimmt in Freuden mir das Herz.
Dir gewidmet ist mein Leben, deine
Liebe sei mein Lohn.

Der tauende Morgen, o wie ermun-
tert er!
Die Kühle des Abends, o wie er-
quicket sie!
Wie labend ist der runden Früchte
Saft!
Wie reizend ist der Blumen süßer
Duft!
Doch ohne dich, was wäre mir -

Der Morgentau,
Der Abendhauch,
Der Früchte Saft,
Der Blumen Duft.

Mit dir erhöht sich jede Freude, mit
dir genieß' ich doppelt sie, mit dir
ist Seligkeit das Leben, dir sei es
ganz geweiht!

[Aus Haydns Schöpfung]

.


:-) Heidi antwortete am 21.05.01 (14:59):

Ereignisse

Welle sein
schäumend im sanften
Murmeln deines Blutes

Dämmern am Rand deines Seins
kauern, das Haar zerfließend an deiner Schulter
gehalten vom Streicheln deiner Hand

Sprachlos flüstern
längstgesagter Worte
altbekannt seit der ersten Paarung
eines Mannes und einer Frau
die einer im anderen
die Welt entdecken.

Sanftes Tier sein
das dich sucht mit offenen Augen
und denkt das Leben ist schön
und stark und unerwartet neu.

(Gioconda Belli)


waltraud antwortete am 21.05.01 (15:06):

Hallo,
die Diskussion über Inhalt und Form usw. eines
Gedichtes möchte ich ergänzen. Ich fand von Kevin Stützel, einem jungen Lyriker aus Thüringen folgendes:

Relation eines Gedichtes

In jenem Moment,
in dem du diesen Stift in der
noch so jungen Hand hältst
Stirbt etwas

In dieser Minute
in der du diese Zeile beendest,
leidet etwas

Es könnten die 30.000 Kinder sein,
die eben verhungerten,
während du über die Schönheit
des Herbstes schreibst,
es kann der erfrorene Bettler sein,
oder auch du, oder ein Teil,
ein Teil des Films, des Films im Kopf,
der Ewigkeit

aus:Spiegelwelt, im Eigenverlag
Kontakt:Postfach 1223, 36453 Barchfeld


Heidi antwortete am 21.05.01 (15:20):

.. und im gleichen Moment lieben sich Menschen, werden Kinder geboren, erblüht eine Rose..... auch, damit diese kleinen Schönheiten des Lebens nicht verloren gehen, werden Gedichte geschrieben, wie z.B. dieses hier:

Weil

du ein Mensch bist

weil
ein Mensch eine Muschel ist
die manchmal tönt

weil
du in mir tönst
als wär ich eine Muschel

weil
wir uns kennen
ohne Namen und Samen

weil
das Wort Welle ist

weil
du Wort und Welle bist

weil

wir strömen

weil
wir manchmal
zusammenströmen

Wort Welle Muschel Mensch

(Rose Ausländer)


Quelle:
http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/Ausl7.htm

(Internet-Tipp: http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/Aus17.htm)


sylvia antwortete am 21.05.01 (16:51):

Lieber Hans-Jürgen, wenn Du denkst, die reimlose Lyrik wäre eine Eirfindung der modernen Zeit, irrst Du. Der vielgepriesene Herr von Goethe hat eine ganze Menge "Ungereimtes" geschrieben (Prometheus, Ganymed, Das Göttliche (Edel sei der Mensch, hilfreich und gut....), Grenzen der Menschheit, etc... Auch Hölderlin, Klopstock schrieben reimlose Lyrik.
Ich denke, nicht der Reim ist ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist, ob ein Text einen Sinn macht, ob die Aphorismen stimmen, ob ein Dichter oder eine Dichterin die Sprache beherrscht, das heisst, auch über einen grossen Wortschatz verfügt, ob Lesende sich eine Vorstellung vom Inhalt machen können, wobei diese Vorstellungen sehr unterschiedlich sein können und dürfen.
Fluss und Rhythmus der Sprache sind für mich auch wichtig. Dann dürfen Wortfolgen, Wortstellungen, Worformen auch einmal unkonventionell und gegen alle grammatikalischen Regeln sein. Bei gereimten Gedichten wird und wurde schon in alten Zeiten die Sprache hin und wieder bis an die Grenze des Erträglichen verbogen, nur um des lieben Reimes willen. Und auch in gereimter Form wurde und wird so manches Ungereimte geschrieben.
Ich denke, ein Gedicht darf auch schlicht ein Wort- und Gedankenspiel sein.
Hans-Jürgen, wenn Du gereimte Lyrik lieber magst, sei Dir das unbenommen. Lies sie, geniesse sie. Ich denke, wer Gedichte gerne liest, mag sie, ich auch, sogar sehr!
Ich mag es aber nicht, wenn Du alles, was sich nicht reimt, in die Ecke stellst und auszählst: Die haben weder Rhythmus, noch Reim, noch irgendeine Form, schon gar keinen verständlichen Inhalt. Das mag ich nicht, weil ich auch "Ungereimtes" schreibe, mich somit auch betroffen fühle. Und ich finde, ich habe schon ein paar gute, verständliche, rhythmisch wohlgeformte Sachen geschrieben. Oh, nicht nur ich! Wenn Du Dich weiter umsiehst und auch in den Archiven blätterst, wirst Du Gedichte finden von Forum-Leuten, die ungereimt und "schön", verständlich, ernst zu nehmend, interessant, zu Herzen gehend, düster, heiter, lustig, verspielt sind.
Auch Stuss ist dabei, zugegeben. Aber es gibt auch jede Menge gereimten Stuss!

Herzlich grüsst Dich

Sylvia


Heidi antwortete am 21.05.01 (17:14):

*g* hier ein "gedicht" speziell für Hans-Jürgen

Wortbrei


gries und milch
ergibt griesbrei

grosse geister
formen kleinliche weisheit

nebel verdeckt wahrheit
zucker süßt nur den brei

über den bergen
ist die luft klarer

abschied
vom dunstigen tal

die füchsin wechselt
das revier
während der frühling
die fanfare putzt
um mit hochglanz
die natur zu preisen

hl

Copyright(c) Heidi Lachnitt

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/hp/lachnitt/wortbrei.html)


Heidi :-))) antwortete am 21.05.01 (17:36):

Sorry, Hans-Jürgen *gg* es sollte doch dieses sein:

Freude


Ich sing dir ein Lied
von Liebe und Freud'
und werde beides
nimmermehr leid

Das Leben ist Liebe
und Lieben ist Freud'
wenn sich's dann
auch noch reimt
hat's mich gefreut!

hl


Copyright(c) Heidi Lachnitt


Heidi antwortete am 21.05.01 (17:40):

Falls jemand den Eintrag sucht: die letzten drei Beiträge beziehen sich auf den Eintrag von Hans-Jürgen in 'Eigene Lyrik' :-)


Rosmarie S antwortete am 21.05.01 (20:08):

Hallo miteinander,

leider kann ich mich heute nur noch ganz kurz für die anregenden Antworten bedanken. Ich muss - Ironie des Schicksals? :-))) - nämlich noch an meinem langen Gedicht zum 80. Geburtstag meiner Tante feilen (leider ohne jeden künstlerischen Anspruch, aber der Versuch einer Anerkennung und Liebesbezeugung... :-))).
Aber ich habe jeden Gedanken von euch aufgenommen und dadurch auch neue Anregungen zum Nachdenken erhalten.
Auch die Diskussion um Gereimtes oder Ungereimtes finde ich interessant! Ich selbst liebe zwar mehr das Gereimte, bin aber überzeugt, dass Ungereimtes durchaus aussageintensiver und künstlerischer sein kann.
Ich freue mich schon auf weitere Gedichte und auch Kommentare!

Herzliche Grüße in die dichtende und denkende Runde!


eva antwortete am 22.05.01 (19:22):

Kritik des Herzens

Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es :
Die Herrschaft fuhr eben aus !

Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleineren Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.

Wilhelm Busch


eva antwortete am 24.05.01 (16:08):

Ungelöste Fragen

Abends,
wenn die Gassen dunkel werden,
oder Mondschein liegt auf den Dächern der Stadt,
mag sein, der Regen klopft an die Fenster -
dann flackert in den Fenstern der Häuser
das blaue Licht der TV-Apparate.

Auch ich
folge betulich dem täglichen Ritual :
ein bequemer Sessel,
ein Polster im Kreuz,
auf dem Tisch ein Glas Rotwein.

Aus dem Fernsehprogramm
der täglichen Zeitung
suche ich mir
einen schönen blutigen Krimi.

Ich sehe so gerne
subtile Dramatik
mit gewissen brutalen Aspekten;
dazu den sensiblen Kommissar,
neuerdings auch Kommissarin.

Während
die Handlung sich aufbaut,
die Fäden sich knüpfen,
der plot sich entwickelt
(die Blondine schaut so verdächtig !) -
- Schweißausbrüche vor Spannung,
es sträubt sich das Haar,
man kaut an den Fingernägeln -
senkt sich Schlummer auf meine Lider,
ich träume von Wolken und Wiesen. -

Pünktlich zum Abspann wache ich auf :
ein Geretteter drückt dankbar
dem Retter die Hände;
jemand wird abgeführt,
(ich sehe nur den Rücken)
und der Kommissar blickt versonnen
in die Linse der Kamera.

Warum ???
Wer war der Mörder ?
Wer hat wen, wann, wo und warum
erschossen,
erschlagen,
erwürgt ,
ertränkt ??
WER WAR DER MÖRDER ?!

Ich werde es nie erfahren.
Morgen kann ich nicht mitreden.
(Wer war die Blondine ??)

Es muss sich bei mir
um eine genetische Abnormität
oder einen Defekt
in der Hirnrinde handeln.

eKr


Wolfgang antwortete am 24.05.01 (16:49):

An den Richter (von Georg von der Vring)

Noch denk ich, mein Richter,
Du wirst mich nicht fragen;
Doch wenn du mich fragtest,
Was könnt ich Dir sagen?

...Ich war wie ein Laub, und der Sturmwind verblies mich -
Das wäre nur Ausflucht,
Ich werd es nicht sagen.
...Kein kluger, kein redlicher Freund unterwies mich -
Das wär nicht die Wahrheit,
Ich werd es nicht sagen.
...Was feind war, verblieb; was lieb war, verliess mich -
Das wäre mir Schmach,
Und ich werd es nicht sagen.
...Ich war wie ein Kind, und die Welt verstiess mich -
Das wäre wohl war;
Doch ich werd es nicht sagen.


Heidi antwortete am 24.05.01 (17:03):

ich sah in die sterne
ihre schönheit und ewige wahrheit
erschreckte mich

ich sah die wolken
ihr leichtes schweben
ließ mich träumen

ich sehe
mein gesicht im spiegel
wer bin ich?

hl


evelyn antwortete am 24.05.01 (17:44):

Liebe Schreiber ,Dichter und Reimer !Jetzt wird es interessant!Weil auf andere eingegangen wird und unterschiedliche Meinungen diskutiert werden . Der Kreis wird so kreativer.Nur,ich bin halt heut erstmalig im "12."Kapitel und muss mich für 4 Wochen zum TÜV in die Weserbergland Klinik verabschieden.Ohne PC - nur per Schreibmaschine oder SMS ist Beteiligung schwierig.Alle guten Wünsche Euch allen bis bald.Evelyn

Anstatt
---------(Reim)
Du bist in Stimmung,schreibst `nen Brief
Verschwendest manches schöne Wort
Gedanken anspruchsvoll und tief
und schickst ihn hochbefriedigt fort.

Doch kaum ist er im Kasten drin
beginnt auch schon die Quälerei:
Was hat denn bloss für einen Sinn
die ganze Sentimenterei --

Was denkt der bloss,wenn der ihn liest
womöglich nicht bei Laune ist
und über was du dich ergiesst
nur müde murmelt:Welch ein Mist!

Das wär verdammt nicht angenehm -
Jedoch die Sache ist passiert.
Hättst du "anstatt" telefoniert
gäbs kein Problem.--------


Wolfgang antwortete am 24.05.01 (18:52):

Der Lyriker Georg VON DER VRING ist recht unbekannt... Das liegt wohl daran, dass er ein Zeitgenosse war (1889-1968), aber, anders als die modernen Lyriker, die Fahne der Romantik hochhielt, lange nachdem die Romantik ihren verzweifelten Kampf verloren hatte. Technik, Fortschritt, Umtriebigkeit, Geschwindigkeit, Getöse... die Sachen, die die Welt heute ausmachen, waren ihm ein Greuel. - Auf besonderen Wunsch hier also noch ein kleines Gedicht des letzten deutschen Romantikers:

Die Zeit, die mich betrog,
Die wolkengleich entflog
Übers Gebirg von dannen zog.
Die Stunde jahrefern,
Im West versunkner Stern,
Auf ihrem Grunde ruht ich gern.
Die Seele, welche fragt,
Von Herz zu Herz sich wagt,
Hat solcher Ruhe abgesagt.
Die Seele und das Wort,
Sie haben keinen Ort,
Sie tönen ohn Besinnen fort.

Georg von der Vring:
Die Gedichte
Gesamtausgabe...
Hrsg. von Christiane Peter und Kristian Wachinger
Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1989
ISBN 3-7846-0142-1


Iris antwortete am 24.05.01 (20:08):

Nur zwei Dinge

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage:wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eins:ertrage
-ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
dein fernbestimmtes:Du mußt!

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge:die Leere
und das gezeichnete Ich.

Gottfried Benn


Heidi antwortete am 24.05.01 (20:29):

Drei Dinge gibt es
(für manche ein viertes noch dazu)
Geburt - Leben - Tod
unauflöslich miteinander verbunden
wir wurden nicht gefragt
als wir zur Welt kamen
wir werden nicht gefragt
wenn wir gehen
doch das Leben
das können wir gestalten
so... oder so...

hl


Brita antwortete am 24.05.01 (21:28):

Kleiner Faden Blau

Kleiner Faden Blau,
Aus der Pfeife steigend,
Freut mich, wenn ich schweigend
Sitz und Zeilen bau.

Beides nicht von Übel
Und zugleich nichts wert.
Wer hat mich's gelehrt?
Und aus welcher Fibel?

Und wo will's hinaus?
Eh ich das begreife,
Klopf ich mancher Pfeife
Noch die Asche aus.

Georg von der Vring


sieghard antwortete am 25.05.01 (08:25):


Nacht und Gewölk und Finsternis,
verworr'nes Chaos dieser Welt,
entweicht und flieht! Das Licht erscheint
der Tag erhebt sich: Helle naht.

Jäh reißt der Erde Dunkel auf,
durchstoßen von der Sonne Strahl,
der Farben Fülle kehrt zurück
im hellen Glanz des Taggestirns.

So soll, was in uns dunkel ist,
was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter diesem Licht
und ihm sich öffnen, da es ist.

Blick tief in unser Herz hinein,
sieh unser ganzes Leben an:
Noch manches Arge liegt in uns,
was nur dein Licht erhellen kann.

[Prudentius + nach 404]

.


Brita antwortete am 25.05.01 (12:51):

Ja damals - ich erinnere mich an meinen einjährigen Aufenthalt in England...

Memories

If you find in these pages the smell of Englisch
meadows, if they bring back to you the smooth
movement of English rivers, the stately
somnolence of cathedral cities, and the sound of
bells among elm trees on cool, summer mornings,
I am happy because - well, the pain will not really
hurt you. You may even enjoy it.

H. V. MORTON


Heidi antwortete am 25.05.01 (19:46):

Ich habe eine schöne Gedichteseite gefunden :-)

Faunsflötenlied

Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.
Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

Otto Julius Bierbaum

***

Sterne und Träume

Weißt Du noch,
wie ich Dir die Sterne vom Himmel
holen wollte,
um uns einen Traum zu erfüllen?
Aber
Du meintest,
sie hingen viel zu hoch ...!
Gestern
streckte ich mich zufällig
dem Himmel entgegen,
und ein Stern fiel
in meine Hand hinein.
Er war noch warm
und zeigte mir,
daß Träume vielleicht nicht sofort
in Erfüllung gehen;
aber irgendwann ...?!-

Markus Bomhard -

***

An sich

Sei dennoch unverzagt!
Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir, und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan sein muss, und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kannst das wird noch stets geboren.
Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,
Und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist, und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Paul Fleming


http://free.freespeech.org/gedichte/index.html

(Internet-Tipp: http://free.freespeech.org/gedichte/index.html)


Heidi antwortete am 25.05.01 (20:01):

:-) eines noch aus obiger Seite:

Noch einmal dem Nichts entstiegen,
Noch einmal aus Flammen neu,
Seh ich dich im Morgen liegen,
Schöne Welt, dem Treuen treu.
Komm, begegne meinem Hoffen,
Gib an Lust und Schmerz mein Teil,
Gläubig steht mein Busen offen
Deinem Blitz und Todespfeil.

Ricarda Huch


Brita antwortete am 25.05.01 (21:05):

Entstanden 1907 unter dem Titel "Neue Gedichte"

Es bebten Berg und Täler von Gewittern,
Das Licht erlosch am Himmel in der Nacht.
Noch überläuft die fernen Hügel Zittern,
Doch löst sich linde schon der Stürme Schlacht.
Im frisch entwölkten Blau strahlt durchs Gewimmel
Der Sterne stolz ein Schwert mit Schneid und Knauf.
O Erde, rolle jauchzend durch die Himmel:
Das Sternbild unsrer Liebe ging dir auf!

Ricarda Huch


Iris antwortete am 26.05.01 (07:08):

;-)) ...ohne kommentar...
wünsche allen...ein heiteres...sonniges wochenende...


Da sie ihren Busen feste vermachte

Mein Kind, sei doch so blöde nicht,
Laß deinen Busen offen,
So sieht man, daß dir nichts gebricht,
Daß alles eingetroffen:
Sonst denket man gewiß von dir,
Du hättest nicht der Brüste Zier.

Ein Griff entweiht nicht deine Brust
Und macht ihr keine Flecken.
Was nützt ein Schatz, der unbewußt,
Den Sand und Steine decken?
Die Perl, so stets verborgen liegt,
Mit ihrem Glanze nicht vergnügt.

Was die Natur uns Menschen gibt,
Das darf man allen zeígen,
Am meisten diesem, der uns liebt,
Dem wir die Sinne beugen.
Was ist es, das zum Sklaven macht,
Wohl anders denn der Brüste Pracht?

Was nun die Liebe heilig heißt,
Das lasse auch verehren,
Und wenn denn seine Pflicht erweist,
So mußt du den nicht stören,
Dem deine Brust der Altar ist,
Auf dem er deine Gottheit küßt.

Celander
(1675-1771)


Heidi antwortete am 26.05.01 (08:11):

Heinrich Heine hat es geschrieben:

Sommernachtständchen

Güldne Sternlein schauen nieder
Mit der Liebe Sehnsuchtwehn.
Bunte Blümlein nicken wieder,
Schauen schmachtend in die Höhn.

Zärtlich blickt der Mond herunter,
Spiegelt sich in Bächleins Fluten,
Und vor Liebe taucht er unter,
Kühlt im Wasser seine Gluten.

Wollustatmend, in der Schwüle,
Schnäbeln weiße Turteltäubchen;
Flimmernd, wie zum Liebesspiele,
Fliegt der Glühwurm nach dem Weibchen.

Lüftlein schauern wundersüße,
Ziehen feiernd durch die Bäume,
Werfen Kuß und Liebesgrüße
Nach den Schatten weicher Träume.

Blümlein hüpfet, Bächlein springet,
Sternlein kommt herabgeschossen; -
Alles wacht und lacht und singet, -
Liebe hat ihr Reich erschlossen.

Ochse, deutscher Jüngling, endlich,
Reite deine Schwänze nach;
Einst bereust du, daß du schändlich
Hast vertrödelt manchen Tag!


:-)))
Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich


Heidi antwortete am 26.05.01 (21:54):

kein Gedicht zum Sonntag, eigentlich auch kein Gedicht - nur etwas zum Nachdenken


Zwischen Raubvögeln.
Wer hier hinabwill,
wie schnell
schluckt den die Tiefe!
- Aber du, Zarathustra,
liebst den Abgrund noch,
tust der Tanne es gleich? -
Die schlägt Wurzeln, wo
der Fels selbst schaudernd
zur Tiefe blickt -,
die zögert an Abgründen,
wo Alles rings
hinunter will:
zwischen der Ungeduld
wilden Gerölls, stürzenden Bachs
geduldig duldend, hart, schweigsam,
einsam ...

Einsam!
Wer wagte es auch,
hier Gast zu sein,
dir Gast zu sein?...
Ein Raubvogel vielleicht:
der hängt sich wohl
dem standhaften Dulder
schadenfroh ins Haar,
mit irrem Gelächter,
einem Raubvogel-Gelächter ...
Wozu so standhaft?
- höhnt er grausam:
man muss Flügel haben, wenn man den Abgrund liebt ...
man muss nicht hängen bleiben,
wie du, Gehängter! -

Oh Zarathustra,
grausamster Nimrod!
jüngst Jäger noch Gottes,
das Fangnetz aller Tugend,
der Pfeil des Bösen!
Jetzt -
von dir selber erjagt,
deine eigene Beute,
in dich selber eingebohrt ...
Jetzt -
einsam mit dir,
zwiesam im eignen Wissen,
zwischen hundert Spiegeln
vor dir selber falsch,
zwischen hundert Erinnerungen
ungewiss,
an jeder Wunde müd,
an jedem Froste kalt,
in eignen Stricken gewürgt,
Selbstkenner!
Selbsthenker!

Was bandest du dich
mit dem Strick deiner Weisheit?
Was locktest du dich
ins, Paradies der alten Schlange?
Was schlichst du dich ein
in dich - in dich? ...
Ein Kranker nun,
der an Schlangengift krank ist;
ein Gefangner nun,
der das härteste Los zog:
im eignen Schachte
gebückt arbeitend,
in dich selber eingehöhlt,
dich selber angrabend,
unbehülflich,
steif,
ein Leichnam -,
von hundert Lasten übertürmt,
von dir überlastet,
ein Wissender!ein Selbsterkenner!
der weise Zarathustra! ...
Du suchtest die schwerste Last:
da fandest du dich -,
du wirfst dich nicht ab von dir ...

Lauernd,
kauernd,
Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!
Du verwächst mir noch mit deinem Grabe,
verwachsener Geist!

Und jüngst noch so stolz,
auf allen Stelzen deines Stolzes!
Jüngst noch der Einsiedler ohne Gott,
der Zweisiedler mit dem Teufel,
der scharlachne Prinz jedes Übermuts! ...

Jetzt -
zwischen zwei Nichtse
eingekrümmt,
ein Fragezeichen,
ein müdes Rätsel -
ein Rätsel für Raubvögel ...
sie werden dich schon "lösen",
sie hungern schon nach deiner "Lösung",
sie flattern schon um dich, ihr Rätsel,
um dich, Gehenkter! ...
Oh Zarathustra! ...
Selbstkenner! ...
Selbsthenker! ...

Friedrich Nietzsche


Heidi antwortete am 27.05.01 (09:23):

Shakespeare am Morgen ... ;-)

Good morrow, masters, put your torches out;
The wolves have prey'd, and look, the gentle day,
Before the wheels of Phoebus, round about
Dapples the drowsy east with spots of grey.

Much ado about nothing, V, 3

Übersetzung:
Ihr Herren, guten Morgen, löscht die Fackeln aus!
Der Wölfe Raubzug ist gewesen; seht den milden Tag.
Vor Phöbus Wagen schreitet er einher,
Den noch schlaftrunkenen Ost mit Grau besprenkelnd.

Ich wünsche allen einen schönen Sonntagmorgen :-)


Heidi antwortete am 27.05.01 (19:57):

Dämmerung

Der Abend naht
der Tag war lang
(warum ist mir
im Herz so bang?)

Sturmwinde wehen
Wolken ziehen...
die Sonne versinkt

Himmel murmelt
leise vor sich hin
der Tag vergeht..
wohin, wohin?

Sturmwinde wehen
Wolken ziehen...
die Sonne versinkt

Vögel singen
ihr Abendlied
in Fenstern man
schon Lichter sieht

Sturmwinde wehen
Wolken ziehen..
die Sonne versinkt

Der Abend naht
es folgt die Nacht
bleib ruhig, Herz
halte nur Wacht

Sturmwinde wehen
Wolken ziehen..
die Sonne versinkt

hl


sieghard antwortete am 27.05.01 (22:34):


Das Wort

Am Anfang
war das Wort
und das Wort
war bei Gott

Und Gott gab uns
das Wort
und wir wohnen
im Wort

Und das Wort ist
unser Traum
und der Traum ist
unser Leben


R.A.

.


waltraud fuchs antwortete am 28.05.01 (01:16):

Hallo,Grüsse an alle,
war heute zu einer Lyrik-Lesung mit Irma Münch
und Hans Peter Minetti, ein tolles Erlebnis, u.a.
auch Louis Fürnberg. Von diesem für euch alle

" Und draußen ist ein großes Kinderlachen"

Und draußen ist ein großes Kinderlachen,
dein Herz wie schlägt es leicht und frei
trotz seiner zentnerschweren Siebensachen.
So alt du bist, du bist ja noch dabei.

Du kämpfst,daß alle Kinder froh erwachen
und daß für alle immer Sonntag sei...
so laß die Schweine Schweinereien machen;
geh deinen Weg! Was tut dir ihr Geschrei!

Denn seit du denkst,bekämpftest du die Drachen
der Selbstsucht und den nimmersatten Hai,
hab keine Angst und lach ihm in den Rachen,
wirf die Harpune aus, dann ist's mit ihm vorbei.

Da sitzt du nun und flüchtest in Gedichte,
weil du sie haßt, die so erbärmlich sind.
Sei nicht so kleinlich, lern aus der Geschichte:
daß das, was schlecht ist, nie den Kampf gewinnt.


eva antwortete am 28.05.01 (07:40):

Einen schönen guten Morgen zum Wochenbeginn - und etwas
zum Schmunzeln :

Gestern war ich in der Oper.
Man gab : Die Frau ohne Schatten.
Die Sänger auf der Bühne
sangen sich die Seele aus dem Leib;
es half ihnen wenig :

Die Sensation des Abends
war eine Dame, sechste Reihe Parkett.
Sie trug ein goldfarbenes Abendkleid
und auf dem Kopf einen Federbusch !

Nein - auf dem wohlfrisierten Lockenköpfchen
steckte ein kunstvolles Arrangement
von fächerartig arrangierten Pfauenfedern,
fünfundzwanzig Zentimeter hoch.

Nicht nur der Herr auf dem Sitz hinter ihr
war irritiert: ich bin es noch heute.
Wo führt das hin ? Welche Perspektiven
ergeben sich hier ? Kehrt die Rokokozeit zurück ?!

Ich werde demnächst meine Tante Frieda
in Unterkreuzstetten besuchen.
Die Gute hat einen schönen Hühnerhof
mit einem prächtigen Hahn ...

eKr



Heidi antwortete am 28.05.01 (09:13):

Für B.

Windstoß

War's ein Hauch, der mich betrog,
Daß ich auch von dannen flog,
Wenn der Zweige
Weiße Neige
Blühend unterm Wind sich bog?

Blüten haben kurze Dauer,
Schwirrn wie Vögel aus dem Bauer.
Aufgescheucht,
Regenfeucht
Weht ein Wind sie von der Mauer.

Streut ein voller Zweig sich aus,
Schweif ich selber mit hinaus,
Doch es endet,
Wie's versendet,
Denn ich selbst hab auch kein Haus.

Georg von der Vring


Iris antwortete am 28.05.01 (09:26):

Für Eva...

;-)) nun darfst du weiter schmunzeln...und lesen...was im 17.jahrhundert...

Laurentius von Schnüffis...zu diesem thema schrieb...



Von Torheit der falschen Haaren und Parucken

Wie toerecht seind die Teutsche nicht
Von Hoffart angeflammet,
Weil sie zum eignen Hohngedicht
Mehr, als ein Hahn, bekammet,
Der Kopf tragt, ob er schon nicht Glatz,
Ein Haarnest mit Beschwerden,
Vielleicht auf daß allda der Spatz
Einwohner möge werden.

Der Hut vom Kopf verbannet wird
Nur fremder Haaren wegen,
Der doch zuvor als eine Zierd
Gar schön darauf gelegen:
Nun unterm Arm gerumpfet er
Vor Angst schier möcht erbleichen:
Ist es, wer hutlos geht daher,
Nicht eines Dieners Zeichen?

Ich schweige, daß den Kopfes-Strauch
Von Pferden man entlehne,
Ich glaube von dem Esel auch,
Wann er hätt lange Mähne:
Wird diese dumme Eitelkeit
In Gottes Straf nicht fallen,
Als dem verhaßt insonderheit
Die Hoffart ist vor allen?

*****


Brita antwortete am 28.05.01 (12:16):

Wirklich schön, wie Du - Heidi - auf die verschiedensten Beiträge reagierst und an Eva: Die Oper könnte heissen: Die Frau mit Federschatten...Ich träume gerade noch von England...

O DEAR, dear England! how my longing
eye
Turned westward, shaping in the steady
clouds
Thy sands an high cliffs!

S. T. COLERIDGE


Anni antwortete am 28.05.01 (19:20):

Georg von der Vring kannte ich nicht. Angeregt von Ihren Gedichten habe ich mich näher mit ihm befaßt. Hier noch ein Gedicht vom ihm:

Traum, du Knospe

Traum, du Knospe,
Was verbirgst Du,
Deinen Baum zu
Überraschen?

Scherz, du Blüte,
Was enthüllst Du,
Deinen Kelch zu
Überglänzen?

Und ich selber,
Was verrinnt mir
Mit dem Perlweiß
Dieser Blüten?

Und ihr Späteren,
Was verbleibt euch
Vom Rubinrot
Jener Kirschen?


Heidi antwortete am 28.05.01 (21:58):

Sommerwind

Korn im Land,
Wind durchblies es;
Silberhand,
Öffne und schließ es.

Ährengesind,
Neige und bäum dich;
Sommerwind,
Bleib und versäum dich.

Treibt es dich um?
Rufst du als Kuckuck?
Kehr wieder, du stumm
Gewordener Wind!

Georg von der Vring


sylvia antwortete am 28.05.01 (22:51):

Pfingstwunder

Die Parther, Meder, Elamiter
von damals
können mich nicht mehr begeistern
und auch die Feuerzungen nicht

Die Leute aus Galiläa
haben die Sprache
der Liebe gesprochen
keine wohlgeformten Sätze sondern
die Ich-bin-dir-gut-Sprache
die sie mühsam gelernt hatten
von dem
der sie lebte
ein Wort gab das andere
die Aussätzigen
die Zöllner
die Frauen
die ohne Chancen
das letzte Wort
waren die ausgebreiteten Arme
am Kreuz
und Gott sprach
das grosse Amen
da gingen
ihnen die Augen auf
weil sie Ohren hatten
zu hören
das machte sie so
verständlich

Christel Voss-Goldstein
aus "Balance zwischen Mund-aufmachen und Hände-falten"
(Frauentexte zum Glaubensalltag)


Heidi antwortete am 28.05.01 (23:18):

Noch einmal Georg von der Vring :-)

Vor Nacht

Jener Abendstern stand immer
Überm Wust von schwarzen Sträuchern.
Der Johanniskäfer Glimmen
Schien die Zäune auszuräuchern.

Und der Abendstern verkühlte
Mehr und mehr, und wir erschraken,
Als ein Haupt das andre fühlte
Auf dem schön bereiten Laken.

Und der Abendstern erstarrte
Als ein Bruchstück, das man findet,
Alten Silbers, und der zarte
Himmel war erblindet -

Nimm für alles, was versunken
Oder schwarz am Boden kauert
Auge du, den Glanz und Funken,
Der im andern Auge dauert.


waltraud antwortete am 29.05.01 (00:48):

Liebe Heidi und alle Mitschreiber,
die Natur hat ja einen bedeutenden Stellenwert in der Lyrik.
Sogar in der Schule versuchen sich unsere Kinder daran,
ihre Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen in Versen aufzuschreiben. Ich fand ein Gedicht in einer Schülersammlung von Yvonne Kawandt, 10 Jahre:

Der alte Baum

Ich seh den Baum, wie er sich biegt,
Sich hin und her im Winde wiegt.

Ich höre, wie er knarrt und ächzt
Und wie ein alter Rabe krächzt.

Wie nun der Sturm die Äste rüttelt
Und die dünnen Zweige schüttelt!

Wind, ach Wind, laß nun dein Wehen,
Denn unser Baum kann kaum noch stehen!


waltraud antwortete am 29.05.01 (00:59):

Nun noch ein Gedicht ( eigentlich Lied) von
Max Zimmering, zu dem kein Kommentar nötig scheint:

Es beginnt erst der Mensch,
wo die Ausbeutung endet,
wo das Brot, das du ißt, keinen würgt.
Wo die Frau ihren Pfennig nicht tausendmal wendet,
wo das Leben das Leben verbürgt.

Es beginnt erst der Mensch,
wo das Sterben verständlich,
weil die Jahre zur Neige gelebt,
und wo endlich der menschliche Friede unendlich,
wo das Schwert keine Gräber mehr gräbt.

Es beginnt erst der Mensch,
wo die Herzen erklingen,
wo die Flamme der Menschlichkeit brennt
und wo die Hände die toten Gesteine bezwingen,
wo der Mensch sich zum Menschen bekennt.

Gute Nacht an alle!


Heidi antwortete am 29.05.01 (08:41):

Der Rosenbusch

Es haben meine wilden Rosen
- erschauernd vor dem Hauch der Nacht -
die windeleichten, lichten, losen
Blüten behutsam zugemacht.

Doch sind sie so voll Licht gesogen,
daß es wie Schleier sie umweht,
und daß die Nacht in scheuem Bogen
am Rosenbusch vorübergeht.

Hermann Claudius


Iris antwortete am 29.05.01 (12:18):

Das Rosenband

Im Frühlingsschatten fand ich sie:
Da band ich sie mit Rosenbändern
Sie fühlt` es nicht, und schlummerte.

Ich sah sie an; mein Leben hing
Mit diesem Blick an ihrem Leben:
Ich fühlt` es wohl, und wußt` es nicht.

Doch lispelt` ich ihr sprachlos zu,
und rauschte mit den Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer auf

Sie sah mich an; ihr leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns ward`s Elysium.

Friedrich Gottlieb Klopstock


eva antwortete am 29.05.01 (15:33):


Der Käfer im Laube,
die Würmer im Boden,
sie leben in ihrer eigenen Welt.

Der Mensch auf der Erde
hat auch nicht mehr Wert
als das Moos auf dem Stein.

Doch sind Käfer und Würmer,
Mensch, Moos und Steine
gleich eingebunden in den Kreislauf des Lebens;
in den ewigen Gesang der Sterne,
in den Plan der Schöpfung.

eKr


Brita antwortete am 29.05.01 (21:08):

nicht gerade leichtfüßig, diese Ingeborg...


Die blaue Stunde

Der alte Mann sagt: mein Engel, wie du willst,
wenn du nur den offenen Abend stillst
und an meinem Arm eine Weile gehst,
den Wahrspruch verschworener Linden verstehst,
die Lampen, gedunsen, betreten im Blau,
letzte Gesichter! nur deins glänzt genau.
Tot die Bücher, entspannt die Pole der Welt,
was die dunkle Flut noch zusammenhält,
die Spange in deinem Haar, scheidet aus.
Ohne Aufenthalt Windzug in meinem Haus,
Mondpfiff - dann auf freier Strecke der Sprung,
die Liebe, geschleift von Erinnerung.

Der junge Mann fragt: und wirst du auch immer?
Schwör's bei den Schatten in meinem Zimmer,
und ist der Lindenspruch dunkel und wahr,
sag ihn her mit Blüten und öffne dein Haar
und den Puls der Nacht, die verströmen will!
Dann ein Mondsignal, und der Wind steht still.
Gesellig die Lampen im blauen Licht,
bis der Raum mit der vagen Stunde bricht,
unter sanften Bissen dein Mund einkehrt
bei meinem Mund, bis dich Schmerz belehrt:
lebendig das Wort, das die Welt gewinnt,
ausspielt und verliert, und Liebe beginnt.

Das Mädchen schweigt, bis die Spindel sich dreht.
Sterntaler fällt. Die Zeit in den Rosen vergeht: -
Ihr Herren, gebt mir das Schwert in die Hand,
und Jeanne d'Arc rettet das Vaterland.
Leute, wir bringen das Schiff durchs Eis,
ich halte den Kurs, den keiner mehr weiss.
Kauft Anemonen! drei Wünsche das Bund,
die schließen vorm Hauch eines Wunsches den Mund.
Vom hohen Trapez im Zirkuszelt
spring ich durch den Feuerreifen der Welt,
ich gebe mich in die Hand meines Herrn,
und er schickt mir gnädig den Abendstern.

Ingeborg Bachmann


Anni antwortete am 29.05.01 (22:23):

Die Drossel

Am Fenster war ein grünes Licht.
Ach, ist es schon der Morgenschein?
Die Drossel sang am Ohre dicht;
Ein starkes Lied, das fiel ihr ein.
Da stand ich auf und sah sie nicht
Vor lauter Schlaf und Morgenschein
Und rieb den Schlaf aus dem Gesicht.
Da drang der Morgen ganz herein.

Am Morgen, da kein Halm sich regte,
Und grau der Strauch in Knospen steht,
Der Himmel seine Sonne trägt,
Manch zarten Keim das Gartenbeet -
Ich seh sie wohl, die kaum bewegt
Überm Gezweig nach Osten späht
Und weiterflötet ungeregt
Wenn jemand unterm Baum hingeht.

Vom Garten kühl noch übertaut
Und schon die Sonn an schwarzer Brust,
Sie flötet leis und flötet laut,
Ein schöner Quell der Weltenlust.
Die frühe Zeit ist ihr vertraut;
Ein frühes Lied wird dir bewußt.
Sings leis wie sie und wieder laut,
Und daß du nichts verschweigen mußt.

Georg von der Vring


Heidi antwortete am 30.05.01 (00:14):

Aus einer Nacht

Oh Nachtgedank, mein Ungewinn:
Ich werde nie sein, der ich bin.
Der Ulmbaum ist's, das Weinlaub ist's,
Du Regenguss an Scheiben bist's,
Ihr Füchse seid's, ihr Gruben seid's,
Ein hingeflüstert Wort bereits.

Dies lag mir schon im Kindersinn:
Ich werde nie sein, der ich bin.
Die Mutter war's, das Zimmer war's,
Der Fluss im Sterngeflimmer war's;
ein Hund im Ort, ein Hund an Bord,
Ihr Zorngebell durch Stunden fort.

Mich führt kein Weg zu keinem hin:
Ich werde nie sein, der ich bin.
Was ich bedenk, bleibt ungelenk,
Was ich betracht, scheint ungeschlacht;
Was ich mir träum, sind Uferbäum,
Darin ich euren Ruf versäum.

Ihr ruft mir schon seit Anbeginn,
Jedoch ich bin nicht, der ich bin.
Ich hör im Ried, ich hör im Schilf
Mein unverlierbar Lied: Gott hilf!
Und greif ins Haar, ob ich erfahr,
Dass ich ein Schilf, ein Ried nie war.

Georg von der Vring


Heidi antwortete am 30.05.01 (00:19):

auch Georg von der Vring:

Nachtlied

Sage, hast du das Gras erdacht,
Oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur dies und das gemacht,
Aber hätt ich das Gras erdacht
Wäre ich wohl ein anderer Meister

Einsame Nacht
In eine Glockenblume zu gehn,
Mitten ins Blau verwehn -

Sage, hast du den Flieder erdacht,
Oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur kleine Lieder gemacht,
Aber hätt ich den Flieder erdacht,
Wäre ich wohl ein anderer Meister

Einsame Nacht,
In eine Mohnblume einzugehn,
Mitten ins Rot verwehn -

Sage, hast du den Schlummer erdacht,
Oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur Freude und Kummer gemacht,
Aber hätt ich den Schlummer erdacht,
Wäre ich wohl ein anderer Meister.

Einsame Nacht,
In deine Fernen einzugehn,
Mitten ins Weltenwehn.
Gute Nacht.


Heidi antwortete am 30.05.01 (09:18):

Morgenstern zum Morgen ;-)

Vice Versa

Ein Hase sitzt auf einer Wiese
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeisses,
betrachtet voll gehaltnen Fleisses

vom vis-a-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.

Christian Morgenstern


Heidi antwortete am 30.05.01 (09:38):

Ich habe mir erlaubt, die Nr.13 zu eröffnen ;-))


Iris antwortete am 30.05.01 (19:56):

...und weil auch im Kapitel 13...die Liebe...
den meisten Platz einnehmen soll...fange ich nun damit
an ;-)



Für °°°° °°°°

Zwischenfall

Ich schreibe dir
noch immer
daß ich dich liebe

Ich schreibe
daß ich dich liebe
und daß du nicht da bist

aber daß ich nicht allein bin:
denn ich
sitze neben mir

Ich sehe mich an
und nicke
und strecke die Hand aus

Ich rühre mich an
und freue mich
daß ich noch da bin

Ich bin froh
daß ich nicht allein bin
wenn ich dir schreibe

Ich hebe den Kopf
und sehe:
Ich bin nicht mehr da

Bin ich
zu dir gegangen?
ich kann nicht mehr schreiben

Erich Fried