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THEMA:    Gedichte Kapitel 16

 146 Antwort(en).

admin/seniorentreff begann die Diskussion am 29.07.01 (15:11) mit folgendem Beitrag:

Zeit für ein neues Kapitel :-). Gedichte Kapitel 15 wird unter http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a154.html archiviert und die Mailanschriften wie immer übertragen.

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv/a154.html)


admin/seniorentreff antwortete am 29.07.01 (15:27):

Tippfehlerteufel ;-), hier der richtige Link

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a154.html )


sieghard antwortete am 29.07.01 (22:07):


Ecce Homo

Weniger als die Hoffnung auf ihn

das ist der Mensch
einarmig
immer

Nur der Gekreuzigte
beide Arme
weit offen
der Hier-Bin-Ich


[Hilde Domin]

.


Heidi antwortete am 29.07.01 (22:19):

Vorsichtshalber

Der Herbst kommt
wir müssen Löwen an die Leine nehmen

Niemand kommt uns zu nah
wenn wir die richtigen Haustiere haben
Größeres als der Mensch
wenn es auf den Hinterbeinen steht

Wer den Hund zurückbeißt
wer auf den Kopf der Schlange tritt
wer dem Kaiman die Augen zuhält
der ist in Ordnung

Hilde Domin


Waltraud antwortete am 30.07.01 (21:14):

Allen einen schönen Abend und bei dieser Wärme
etwas leichte Kost:

Peter Hacks,geb.1928 in Breslau, lebt in Berlin. Studierte Soziologie, Philosophie, Germanistik. Veröffentlichte
Theaterstücke, Essays, Kinderbücher,Lyrik.
Viele Literaturpreise, u.a.den Sonderpreis zum
Dtsch.Jugendliteraturpreis (1998).

Der blaue Hund

Geh ich in der Stadt umher,
Kommt ein blauer Hund daher,
Wedelt mit dem Schwanz so sehr,
Nebenher,
Hinterher
Und verläßt mich gar nicht mehr.

Wedelt mit den blauen Ohren,
Hat wohl seinen Herrn verloren.


Gila antwortete am 30.07.01 (23:01):

Das Ährenfeld

Ein Leben war's im Ährenfeld
wie sonst wohl nirgends auf der Welt:
Musik und Kirmes weit und breit
und lauter Lust und Fröhlichkeit.

Die Grillen zirpten früh am Tag
und luden ein zum Zechgelag':
Hier ist es gut, herein! Herein!
Hier schenkt man Tau und Blütenwein.

Der Käfer kam mit seiner Frau,
trank hier ein Mäßlein kühlen Tau,
und wo nur winkt ein Blümelein,
da kehrte gleich das Bienchen ein.

Den Fliegern ward die Zeit nicht lang,
sie summten manchen frohen Sang.
Die Mücken tanzten ihren Reihn
wohl auf und ab im Sonnenschein.

Das war ein Leben rings umher,
als ob es ewig Kirmes wär'.
Die Gäste zogen aus und ein
und ließen sich's gar wohl dort sein.

Wie aber geht es in der Welt?
Heut ist gemäht das Ährenfeld,
zerstöret ist das schöne Haus,
und hin ist Kirmes, Tanz und Schmaus.

Heinrich Hoffmann von Fallersleben


sieghard antwortete am 31.07.01 (15:00):


Was passt,
das muss sich ründen,
was sich versteht, sich finden,
was gut ist, sich verbinden,
was liebt, zusammensein.
Was hindert,
muss entweichen,
was krumm ist,
muss sich gleichen,
was fern ist, sich erreichen,
was keimt,
das muss gedeihn.


[Novalis]

.


Luzia antwortete am 31.07.01 (15:49):


Wartezimmer

Der Hausarzt kommt nicht mehr wie früher.
Du bist ein Selbst-Dich-hin-Bemüher.
Im Wartezimmer - lang kanns dauern!-
Mußt du auf den Herrn Doktor lauern,
Der, wie´s der Reihe nach bestimmt,
Den einen nach dem andern nimmt -
(Soferne Du nicht wöhnest arg,
Daß er noch viele schlau verbarg
In Nebenräumen, Küch und Keller,
Um sie dann vorzulassen - schneller.)
Dortselbst, in schweigend stumpfem Ernst,
Du warten kannst- wenn nicht, es lernst.
Dann endlich trifft Dich ein beseeltes:
"Der Nächste, bitte! Na, wo fehlt es ?"
Nun gibts von Leidenden zwei Sorten:
den einen fehlts zuerst - an Worten.
Den andern fehlts gleich überall:
Sie reden wie ein Wasserfall.
Der Doktor, geistesgegenwärtig,
Wird leicht mit beiden Sorten fertig.
Maßgebend ist ihm ja der Grund-
Nicht Dein Befinden - sein Befund.

Eugen Roth


Brita antwortete am 31.07.01 (17:09):

Der Verschwender

Ein Mensch, der ein sehr hohes Maß
von reiner Leidenschaft besaß
Vermeinte, daß bei so viel Gnade
Es vorerst weiter gar nicht schade,
So ab und zu in kleinen Summen
Die Zinsen quasi zu verdummen.
Die Liebeleien wurden häufig,
Verschwenden wurde ihm geläufig.
Noch hab ich, kommt das Glück einmal,
So dachte er, das Kapital!
Die Liebe kam dann, unvermutet,
Die wert ist, daß man für sie blutet.
Der Mensch griff tief in seine Seele -
Und merkte plötzlich, daß sie fehle.
Zwar fand er noch, als Mann von Welt,
In allen Taschen Wechselgeld,
Doch reichte es für Liebe nimmer,
Nur mehr für billige Frauenzimmer...

Eugen Roth


Richard antwortete am 31.07.01 (18:34):

Ich lese oft in alten Büchern.
Zufällig stieß ich auf einen Poeten der mir noch nie begegnete. Kennt ihn vielleicht Jemand?
Wo und wann er gelebt hat?
Hier eine kleines Gedicht von ihm.

Die Vorsehung
Richard Zoozmann

Der Pfarrer will's den Kindern klar
an einem Beispiel machen,
wie Gottes Vorsehung fürwahr
sich zeigt in allen Sachen.

Er spricht: »Es fällt ein Mauersmann
vom Kirchendach herunter,
kommt unten mit Gepolter an,
doch unverletzt und munter.

Kann man aus solchem Vorgang nicht
ein göttlich Wirken lesen?
Sprich, Heinz, wie nennst du dies?« ---
Heinz spricht: »Das ist Zufall gewesen.«

»Pass besser auf! Nach einer Weil
fällt unser Maurer wieder
vom Dach herab, und gleichfalls heil
kommt er zu Boden nieder.

Wie heißt solch gütiges Geschick?
Das Wort liegt auf der Zunge
dir gewiss?« --- »Das nenn ich Glück!«,
erwidert drauf der Junge.

Der Pfarrer kraus die Stirne zieht,
doch spricht er ohne Galle:
»Nimm an, ein drittes Mal geschieht
dies Wunder mit dem Falle.

Nicht wahr, nun siehst du dich schon frei
von deiner Geistestrübung?
Sprich: was jetzt wirksam war hierbei?«
Heinz spricht: »Jetzt war es Übung!«


Heidi antwortete am 31.07.01 (21:35):

Richard Zoozmann
geb. 1863 in Berlin - gest. 1934 in Herrenalb (Schwarzwald)

Das Glück

Es huscht das Glück von Tür zu Tür,
Klopft zaghaft an: - wer öffnet mir?
Der Frohe lärmt im frohen Kreis
Und hört nicht, wie es klopft so leis.
Der Trübe seufzt: Ich laß nicht ein,
Nur neue Trübsal wird es sein.
Der Reiche wähnt, es pocht die Not,
Der Kranke bangt, es sei der Tod.
Schon will das Glück enteilen sacht;
Denn nirgends wird ihm aufgemacht.
Der Dümmste öffnet just die Tür -
Da lacht das Glück: "Ich bleib bei dir!"

***
Brachte andern Trank und Speise,
Brachte aber mir nichts mit,
"Wo bleibt meine Weiße?" rief ich,
Als er abermals mich schnitt.
"Gleich, Herr," ruft der Kellner,
"Wollen Sie sie ohne oder mit?"-
"Bringen Sie sie ohne," sprach ich,
"Aber bringen Sie sie mit!"

(von Richard Zoozmann)


Heidi antwortete am 31.07.01 (21:53):


"La lune blanche"
Paul Verlaine.
La Bonne Chanson (1870).


La lune blanche
Luit dans les bois,
De chaque branche
Part une voix
Sous la ramée...

Ô bien-aimée.

L'étang reflète,
Profond miroir,
La silhouette
Du saule noir
Où le vent pleure...

Rêvons, c'est l'heure.

Un vaste et tendre
Apaisement
Semble descendre
Du firmament
Que l'astre irise...

C'est l'heure exquise.


waltraud antwortete am 31.07.01 (22:25):

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

Erich Fried

Und von mir eine GUTE NACHT an alle.
Waltraud


Heidi antwortete am 31.07.01 (23:36):

ERICH FRIED :-))

In Gedanken

Dich denken
und an dich denken
und ganz an dich denken und
an das Dich-trinken denken
und an das Dich-Lieben denken
und an das Hoffen denken
und hoffen und hoffen
und immer mehr hoffen
auf das Dich-immer-Wiedersehen

Dich nicht sehen
und in Gedanken
dich nicht nur denken
sondern dich auch schon trinken
und dich schon lieben

Und dann erst die Augen aufmachen
und in Gedanken
dann erst dich sehen
und dann dich denken
und dann wieder dich lieben
und wieder dich trinken
und dann
dich immer schöner und schöner sehen
und dann dich denken sehen
und denken
daß ich dich sehe

Und sehen daß ich dich denken kann
und dich spüren
auch wenn ich dich
noch lange nicht sehen kann


Werner antwortete am 01.08.01 (08:12):

Liebe Heidi!

Ich verstehe - leider - kein Wort. Kann kein Französisch (Überlegung, die Sprache zu lernen?).

Gibt es eine Übersetzung zu dem Gedicht/Lied? Oder ist das umverschämt zu fragen?

Gruß von Werner.


Heidi antwortete am 01.08.01 (14:48):

;-) auf eigene Gefahr! (mein Französisch ist nicht sonderlich gut) der Versuch einer Übersetzung:


Der weiße Mond
scheint auf die Wälder
von jedem Zweig
tönt eine Stimme

o, liebe Freunde

Im Teich spiegeln
tiefe Geheimnisse
die Umrisse
schwarzer Weiden
wo der Wind weint

lasst uns träumen, das ist die Stunde

Eine gewaltige und zärtliche
Beruhigung
scheint auszugehen
von der Kraft
die den Stern so strahlen läßt

Es ist die große Stunde

****

Gedichte leiden so sehr bei der Übersetzung :-)


Jürgen Schmidbauer antwortete am 01.08.01 (16:52):

PC-Senioren

Sie sind zwar eine Minderheit,
Doch sehr gescheit.
Sie tasten munter auf den Tasten,
Ohne die Knochen zu stark zu belasten.
Sie sind trotz Brille auf der Nase
In einer stürmischen Phase.
Denn Sie können die Welt umarmen,
Oder andere per email vorwarnen.
Oder schreiben sich bei Tag und Nacht,
Bis Hunger oder anderes Bedürnis erwacht.
Sie alle sind dabei und wie,
In der Weltweiten Computer-Szenerie.
Die Älteren sinds, die ich hier meine,
Von Berchtesgaden bis nach Peine,
Von Oder gar bis an den Rhein
Ein Stück Computer darfs schon sein.
Und täglich werden es viel mehr,
Der Bulle ists und nicht der Bär,
Der alle mitreisst die Millionen,
Wenns vielen nützt, wirds uns auch lohnen.

Weiter so mit Silberschläfen,
Wenn alle nur am PC sässen,
Dann würde erwachen die PC-Industrie,
Und mehr helfen ihnen, hihihi...

Jürgen Schmidbauer, 60, München.


Heidi antwortete am 01.08.01 (22:24):

Träume der Nacht

Träume der Nacht
Bilder im Wind jenseits der Zeit
Träume der Nacht
Kein Stern zu hoch, kein Weg zu weit
Schlaf vor der verborgenen Tür
Du hast den Schlüssel zum Glück
Gib ihn mir

Träume der Nacht
Ich such das Schloss tief unterm Meer
Träume der Nacht
Flüge zum Mond, Tränen im Schnee
Ich singe im Traum dieses Lied
kenn jedes Wort das bis heut
niemand schrieb

Ich hab geweint
Ich hab gelacht
Die Liebe fühlte ich manche Nacht
Der graue Tag
Realität
sind nur ein Schmerz der vorübergeht

Schlaf schick deine Boten zu mir
Gib meiner Sehnsucht ein Ziel
fern von hier

Nana Mouskouri auf CD "Kleine Wahrheiten"

:-) Gerade gehört

Gute Nacht an alle und schöne Träume!


hedwig schneider antwortete am 02.08.01 (16:14):

bin 67, Witwe seit fast 8 J., suche netten Austausch mit anderen Senioren. Bin seit mitte Juli 01 neuer mailer, und am 29.7.01 richtete ich mir eine DFÜ zuhause ein. Eben las ich Gedichte und Meinungen dazu. Ich habe da einen guten Eindruck, weil Niveau vorhanden.
Wenn ich noch nicht durchblicke, so llerne ich es noch. Erotik suche ich keine,aber Austausch.
Gedichtbände habe ich seit Jungend, liebte das Fach schon aaals Schulkind. Nach Ehemannes Tod, ca. 1 j. später, besorgte ich mir Bücher und lernte im Selbststudium die Gesetze der Lyrik. Aber das sei ganz bescheiden erwähnt.
Bin dankbar, wenn es nur ab und wann ein bißchen Gegenseitigkeit gibt. "hes"


Heidi antwortete am 02.08.01 (16:35):

Willkommen, "hes" :-), ich bin gespannt auf Deine Gedichtsbeiträge


Ich will ein Garten sein


Ich will ein Garten sein, an dessen Bronnen
die vielen Träume neue Blumen brächen,
die einen abgesondert und versonnen,
und die geeint in schweigsamen Gesprächen.

Und wo sie schreiten, über ihren Häupten
will ich mit Worten wie mit Wipfeln rauschen,
und wo sie ruhen, will ich den Betäubten
mit meinem Schweigen in den Schlummer lauschen.


Rainer Maria Rilke


eva antwortete am 02.08.01 (17:21):

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
unscheinbar verstreut ;
möcht ich immer mehr des inne werden;
wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
in bescheidnen alt und jungen Herzen !
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
macht es holder doch der Erde Flur
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.


Luzia antwortete am 02.08.01 (18:11):

Immer wieder----von Wilhelm Busch

Der Winter ging, der Sommer kam.
Er bringt aufs neue wieder
den vielbeliebten Wunderkram
der Blumen und der Lieder.

Wie das so wechselt Jahr um Jahr,
betracht ich fast mit Sorgen.
Was lebte, starb, was ist, es war,
und heute wird zu morgen.

Stets muß die Bildnerin Natur
den alten Ton benützen
in Haus und Garten, Wald und Flur
zu ihren neuen Skizzen.


Heidi antwortete am 02.08.01 (21:45):

Ja, der Sommer - das ist die Jahreszeit der Kinder ...


Gib einem Kind deine Hand
Steh noch einmal wie gebannt
vor Winzigkeiten die dir längst bekannt
gib einem Kind deine Hand

Halt ein Kind in deinem Arm
hilflos und wehrlos und warm
und du wirst hilflos und wehrlos dabei
halt ein Kind für Zauberei

Tröste ein Kind wenn es weint
und was dir wichtig erscheint
vor seinen Sorgen zählt das gar nicht mehr
Sorgen der Kinder sind schwer

Schenk einem Kind deine Zeit
Zuneigung und Zärtlichkeit
tausch deine Hast gegen Fröhlichkeit ein
und du wirst selbst wieder klein

Halt ein Kind auf deinen Knien
und bald wird es dich erziehn
wie wertlos wichtige Dinge oft sind
lernst du erst von einem Kind

Zeig einem Kind selbst zu gehn
auf eigenen Füssen zu stehn
die ersten Schritte noch so ungelenk
halt ein Kind für ein Geschenk

Dann lern Du ihm nicht im Wege zu stehn
Lehre dein Kind fortzugehn


Text: R. Mey auf der CD "Kleine Wahrheiten" Nana Mouskouri


sieghard antwortete am 02.08.01 (21:59):


Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldner Kuss
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.
Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
- Alte unnennbare Tage!

.


Hedwig Schneider antwortete am 03.08.01 (07:58):

Danke für so nette Zuschriften von mehreren. Bin sehr froh.
Mein Unvermögen, gestrige Antwort abzuschicken, erkenne ich heute wieder. Ich fand nicht...Danke, Heidi, für Hilfe...
Gestrige Kurzantwort von mir, war:

Gib mir noch eine kleine Weile Zeit,
ich will die Dinge so wie keiner lieben..

R.M. Rilke ich grüße euch alle und bin dankbar! hhe

Auf Deine ..."Jahreszeit für Kinder"...

..Da wachsen Kinder auf an Treppenstufen,
die immer in demselben Schatten sind
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind
und müssen Kind sein und sind trraurig Kind´...

Aus Rainer M. Rilke´s Stundenbuch (hoff. klappt´s heute...)


Brita antwortete am 03.08.01 (16:11):

Das Gedicht über die Kinder ist wahr und traurig, schmerzt...

Ich will nicht das Thema wechseln, nur schnell ein Beitrg über die Hitze und Schwüle heute....


Aus den Steinen bricht der Schweiß,
Schwalben irren sich noch tiefer
und das Wasser glänzt wie Schiefer
um den gelben Sonnenkreis.

Eine Königskerze, fahl,
brennt herab am Weg zum Ufer,
dreimal gellt der Regenrufer
und die Wolken segeln schmal.

Umgeschlagen hat der Wind -;
dort, die Sonne dreht sich gläsern
zu den sauren Grummetgräsern,
die schon halb verhungert sind.

Bald ist nichts mehr, wie es war
gestern um dieselbe Stunde,
nur der Wirbel rinnt die Runde
schwarz und lockend immerdar.

Christine Lavant


Rosmarie Vancura antwortete am 03.08.01 (16:34):

S o w a s
v.KaL Emmert, übersetzt aus dem Bayrischen

Der Dings ist gestorben vom Nachbarhaus
der Hintermeier Franz
gerade tragt man den Sarg hinaus
so schnell kanns gehen das Ganze

Schon lange habe ich ihn nimmer gesehen
und hab mich nicht darum gekümmert.
Dabei hat er auf den Tod gelegen..
hat sich der Krebs verschlimmert

So,so, der Hintermeier Franz
wer denkt da gleich an Schimmel
komm, wir kaufen einen schönen Kranz
damit er sich freut im Himmel.


Werner antwortete am 03.08.01 (17:00):

Liebe Heidi!

Vielen Dank für die freundliche Übersetzung aus dem Französischen.

Komme gerade hier mal wieder "rein" und finde sei.

Habe mich sehr gefreut, daß Du Dir die Mühe gemacht hast. Verstehe ich das Gedicht doch jetzt...

Gruß von W.


hedwig schneider antwortete am 03.08.01 (18:29):

Liebe Brita,
Hitze und Schwüle....Da paßt vielleicht auch ´was aus der Schulzeit gelerntes:
Abseits
Es ist so still, die Heide liegt
im warmen Mittagssonnenstrahle,
ein rosenroter Schimmer fliegt
um ihre alten Gräbermale;
die Kräuter blühn, der Heideduft
steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durch´s Gesträuch
mit ihren goldnen Panzerröckchen,
die Bienen hängen Zwieg um Zwieg
sich an der Edelheide Glöckchen;
die Vögel schwirren aus dem Kraut -
die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
steht einsam hier und sonnbeschienen;
der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
behaglich blinzelnd nach den Bienen;
sein Juge auf dem Stein davor
schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh´
ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
dem Alten fällt die Wimper zu,
er träumt von seinen Honigernten. -
Kein Klang der aufgeregten Zeit
klang noch in diese Einsamkeit
Theodor Storm


Auf Rosmarie´V.`s Gedicht morgen eine Antwort. Gruß Euch allen! Hedwig


Rosmarie.V. antwortete am 03.08.01 (19:52):

Ravensburg-meine Stadt

Man hätte dich gerne gross
und doch bist du nur
eine kleine Stadt.
Du bist wie ein Kind das,
um grösser zu sein
Mutters Schuhe anzieht.

City nennt sich dein Kern
hie und da steht statt
der schönen Giebel
ein Flachdachhaus.
Statt Fachwerk Glas und Beton.

Die Parkhäuser sind einige
Nummern zu gross.
Die Pflasterung soll an
südliche Plätze erinnern.
Neben schönen alten Brunnen
Einer aus Stahl und Beton.

Und doch...
Oft ertappe ich mich dabei,
wie ich in Gedanken
die Stadt umarme,
die du sein könntest


Hedwig Schneider antwortete am 03.08.01 (20:53):

Noch einmal Sommer, am fortgeschrittenen Abend:

Reiselied
Sonne leuchte mir ins Herz hineien,
Wind verweh´ mir Sorgen und Beschwerden!
Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,
als im Weiten unterwegs zu sein.

Nach der Ebne nehm ich meinen Lauf,
Sonne soll mich sengen, Meer mich kühlen;
unsrer Erde Leben mitzufühlen,
tu` ich alle Sinne festlich auf.

Und so soll mir jeder neue Tag
neue Freunde, neue Brüder weisen,
bis ich leidlos alles Kräfte preisen,
aller Sterne Gast und Freund sein mag. Hermann Hesse


Freundliche Bitte von mir: der nette Mensch aus Hamburg,
bitte, wenn möglich, mich gelegentlich kurz anmailen. Wäre sehr dankbar.
Downloaden wollte ich neu lernen, klappte nicht gleich... Gruß Euch allen!


sieghard antwortete am 03.08.01 (21:49):


Mohn im Winde

Mohn im Winde
So neigen wir uns glühend geneinander, -
doch nie wird zwei zu eins - als einst im Kinde.

[Christian Morgenstern]

.


Luzia antwortete am 03.08.01 (22:07):

Hier auch noch etwas von Christian Morgenstern

Ein Hase sitzt auf einer Wiese
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-a-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.


Brita antwortete am 03.08.01 (22:35):

...hier ein paar Gute-Nacht-Gedanken....

O wie gerne lern ich Milde,
liebes Herz, von deinem Munde,
folge dir in stillem Bunde
in geläuterte Gefilde!

Und wir schaun zurück zusammen
auf die Welt, samt ihrem Schelten,
und anstatt sie zu verdammen,
lassen wir sie gehn und gelten.

Christian Morgenstern


hedwig schneider antwortete am 04.08.01 (07:09):

dreimal Christian Morgenstern, érfreulich.
Kurz ein viertes Mal von ihm:

Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
mußt es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr und Felder reichlich gönnen.

Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest. Chr. M.

Wollte heute auf Brita´s ...Dingsda...antworten,
doch das mir mehrfach Eingefallene könnte manchen zu ernst sein...?

aber schönes, das auf uns alle paßt, hier:

Alter

Das aber ist des Alters Schöne,
Daß es die Seiten reiner stimmt,
Daß es der Lust die grellen Töne,
Dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt.

Ermessen läßt sich und verstehen
Die eigne mit der fremden Schuld,
Und wie auch rings die Dinge gehen,
Du lernst dich fassen in Geduld.

Die Ruhe kommt erfüllten Strebens,
Es schwindet des Verfehlten Pein -
Und also wird der Rest des Lebens
Ein sanftes Rückerinnern sein. Ferdinand von Saar


Brita antwortete am 04.08.01 (07:53):

....Dingsda?...;-) Du meinst die Milde des Herzens?

Mitten im August

Irgendwo trottet jetzt der schwarze Eber zur Tränke,
aus den Tümpeln schlürft er die gelbe Sonne,
und die Winde schmecken nach Moor - uralt.

Das Licht ist schwer. Wie lang noch tragen's die Wälder?
Schon brechen die Wipfel und aus den Kronen prasselt
unaufhörlich der Eichelregen.

Im Feld dengelt der Schlaf die blitzende Sense,
dann rauschen schwere Schwaden. Vor seinem Schwung
stürzen wir hin mit gebrochnen Gelenken.

Christine Busta


Rosmarie Vancura antwortete am 04.08.01 (08:29):

Sehnsucht nach der Provence

von Fridolin Tschudi

Ich schlug die Karte auf, nur so:
verträumt und ohne jedes Ziel,
als, rhoneabwärts, irgendwo,
bei Valence oder bei Les Baux,
mich Sehnsucht plötzlich überfiel.

Weckt das in uns die Nostalgie,
dass wir durch schattige Alleen,
wie hinter einer Jalousie,
von Avingnos bis St.Remy
die gelben Ginsterbüsche sehen?

Zypressen züngeln immer noch
wie dunkle Flammen steil empor.
das ruft den Eindruck von van Gogh
und trotz der Friedhofsnähe doch
verklärte Heiterkeit hervor.

Ich träumte vor mich hin und war,
südwestlich von Montelimar
noch immer in der Schweiz
und trank ( nicht erst am Pont du Gard!)
vom Chateauneuf-du-Pape bereits...

Das zeigt selbst dem, den nichts berührt
wohin das Kartenlesen führt.

Ihr Daheimgebliebenen: Macht doch mit mir
eine Traumreise in die Provence...
Riecht Ihr den Duft des Lavendels?


Heidi antwortete am 04.08.01 (08:40):

Habe mal wieder im Archiv gestöbert:
Edith, die das Kapitel 1 von Gedichte am 22.06.00 eröffnete (Dank dafür!) schrieb heute vor einem Jahr


...
Als Kind von angenehmen Zügen
war Röschen ein gar lustig Ding.
Gern zupfte sie das Bein der Fliegen,
die sie geschickt mit Spucke fing.

Sie wuchs, und größere Objekte
lockt' sie von nun an in ihr Garn,
nicht nur die jungen, nein, sie neckte
und rupft' auch manchen alten Narrn.

Inzwischen tat in stillem Walten
die Zeit getreulich ihre Pflicht.
Durch wundersame Bügelfalten
verziert sie Röschens Angesicht.

Und locker wurden Röschens Zähne.
Kein Freier stellte sich mehr ein.
Und schließlich kriegt' sie gar Migräne,
und die pflegt dauerhaft zu sein.

Dies führte sie zum Aberglauben,
obwohl sie sonst nicht gläubig schien.
Sie meinte fest, daß Turteltauben
den Schmerz der Menschen an sich ziehn.

Zwei Stück davon hat sie im Bauer,
ein Pärchen, welches zärtlich girrt.
Jetzt liegt sie täglich auf der Lauer,
ob ihnen noch nicht übel wird.

Wilhelm Busch

:-))) Schön sind die gesammelten Gedichte-Kapitel

Ich wünsche allen, vor allem den "alten Hasen" von Gedichte, Gedichte, ein schönes Wochenende


Luzia antwortete am 04.08.01 (15:12):

Hallo Heidi,
auch ich stöbere oft in den Kapiteln Gedichte.Es macht Spaß zu lesen, was sich so alles an Gedichten ansammelt.Manche sind zum Schmunzeln,manche helfen aber auch über trübe Stunden hinweg.-- Hier auch noch etwas von Wilhelm Busch

Gründer

Geschäftig sind die Menschenkinder,
die große Zunft von kleinen Meistern,
als Mitbegründer, Miterfinder
sich diese Welt zurechtzukleistern.

Nur leider kann man sich nicht einen,
wie man das Ding am besten mache.
Das Bauen mit belebten Steinen
ist eine höchst verzwickte Sache.

Welch ein Gedrängel und Getriebe
von Lieb und Haß bei Nacht und Tage,
und unaufhörlich setzt es Hiebe,
und unaufhörlich tönt die Klage.

Gottlob, es gibt auch stille Leute,
die meiden dies Gefühl und hassen`s
und bauen auf der andern Seite
sich eine Welt des Unterlassens.


Cornelia Schulz antwortete am 04.08.01 (16:41):

Hallo,
ich suche für meine Großmutter (85 Jahre) ein Gedicht das den Anfang:

Wer will mit durch Europa reisen,
kommt her ich will den Weg Euch weisen,
das erste Land heißt Portugal ....

Können Sie mir weiterhelfen?
Dichter oder evt. einen Tipp geben, wo ich weiter suchen kann.

MfG
Cornelia Schulz

Schönes Alter

Es sollte schön sein, alt zu sein,
Voll des Friedens, der aus Erfahrung stammt,
Und voll der Falten reifer Erfüllung.
Das faltenreiche Lächeln der Vollkommenheit,
Das die Folge eines Lebens ist,
Das gelebt wurde furchtlos und unverbittert von Lügen.

Wenn die Menschen lebten, ohne Lügen hinzunehmen,
Würden sie reifen wie Äpfel und duften
Wie Winterobst in ihrem Alter.
Frieden sollten alte Leute ausstrahlen, gleich Äpfeln,
Da sie der Liebe müde geworden sind.
Duftend wie gilbende Blätter und dunkel von der sanften
Stille und Zufriedenheit des Herbstes.

Und ein Mädchen sollte sagen.
Es muss wunderbar sein zu leben und alt zu werden.
Schau auf meine Mutter, wie erfüllt 
Und voll Frieden sie ist!
Und ein junger Mann sollte denken:
Bei Gott, mein Vater hat allen Stürmen getrotzt;
Das ist ein Leben gewesen.

Aus: Lawrence.: Der Atem des Lebens. Späte und letzte Gedichte, Wiesbaden; München 1981. - S.3 1.


Herbertkarl Huether antwortete am 04.08.01 (20:35):


gruss an jemand

sag dem tag einen schoenen gruss
auch ich meinte dasselbe
was du mir bedeutetest im schimmern deiner augen
die ich immer wieder traf um mich zu verschenken
in der gabe des nicht mehr zurueckmuessens
sprich mir deine worte ins gesicht
damit ich herablassend meine miene
nicht weiter verziehen muss

nur eine pause im denken gewohnter gedanken

so sagt meine grimasse dem heutigen tag
ein wiedersehen zu
das einzulösen ich nicht berechtigt bin
wenn der jahre reste
langsam meinen mundwinkel hinunterstuerzen
um beilaeufig ihre letzte sache zu erwaehnen
an die ich nicht mehr gedacht hatte
eh die sonne mir den morgen nahm

warme gemeinheiten werfen ihr letztes licht
den abhang hinunter

und so stolpere ich hinternach
ohne mich einzuholen
denn da war niemand
meine richtungen einzuschlagen

unvernunft ist das wort
das mein leben durchzog
von beginn an
das mit mir wuchs
und groesser ward

hkh


hedwig schneider antwortete am 04.08.01 (20:43):

Mein Fehler im Gedicht "Alter" von F.v. Saar
hat groben Fehler: "Saiten" muß ein a haben
(Saiten reiner stimmt...).
Ich merkte es zu spät; es entstellt sehr. Tut mir leid!


Brita antwortete am 04.08.01 (21:11):

Augustinischer Blues

Der du übers Maß des Menschen Geschick empfindest,
im Tal des Weinens die Winde weidest, die allzuviel gesehn:
in Kinderhänden die Blüte der Bitternis,
im Schoße von Frauen die Asche der Liebe,
an faltiger Stirn den riesengroßen Trug:
suchst nicht zu töten die Sorgen des Herzens, den Tod des
Fleisches,
lebst abwärts die schönen Dinge innig,
liebst, was zugrundegeht, den Grund des Zugrundegehns,
folgst dem funkelnden Staube wie einem Rätsel nach,
der Kugel Zeit, die wirkend durch alles Leben rollt.

Ernst Meister


hedwig schneider antwortete am 05.08.01 (07:14):

Schäfers Sonntagslied

Das ist der Tag des Herrn!
Ich bin allein auf weiter Flur;
Noch eine Morgenglocke nur,
Nun Stille nah und fern.

Anbetend knie ich hier.
O süßes Graun, geheimes Wehn,
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir.

Der Himmel, nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn! Ludwig Uhland

(Es ist auch so ein schönes Chorlied...)


Luzia antwortete am 05.08.01 (07:38):

Ich wünsche allen einen angenehmen Sonntag mit den Worten von Phil Bosmanns

Heute leben!

Pack diesen Tag an
mit deinen beiden Händen.
Nimm gern entgegen
was er dir gibt:
das Licht dieses Tages,
die Luft und das Leben,
das Lachen dieses Tages,
das Weinen und das Spielen,
das Wunder dieses Tages.
Nimm diesen Tag entgegen!

Um wirklich zu leben,
mußt du heute leben.
Das Leben ist kurz
ung geht schnell vorbei.
Wenn du heute nicht lebst
hast du den Tag verloren.
Verdüstere deinen Geist nicht
mit Angst und Sorgen von morgen.
Beschwere dein Herz nicht
mit dem ganzen Elend von gestern.

An das Gute von gestern
magst du getrost denken;
träume auch von schönen Dingen
die morgen kommen mögen.
Aber verliere dich nicht
ins Gestern oder ins Morgen.
Leb heute!!


Heidi antwortete am 05.08.01 (09:22):

gestern, heute, morgen

vergiss das gestern nicht
behalte das morgen im auge
lebe heute

dein gestern
hat dein heute geformt
dein heute formt
dein morgen

gestern, heute, morgen
ist dein leben

hl

Einen schönen Sonntag wünsche ich allen hier :-)


sieghard antwortete am 05.08.01 (12:22):


Sämann

Der große Sämann,
ungerufen,
blies einen Atem von Blumensamen über mich hin
und streute eine Saat
von Kronblumen und rotem Mohn
in meine Weizenfelder.

Das leuchtende Unkraut,
mächtiger Sämann,
wie trenn ich es je
von den Ähren,
ohne die Felder
zu roden?

[Hilde Domin]

.


Rosmarie Vancura antwortete am 05.08.01 (14:26):

AUGUSTNACHT von Peter Maiwald

Sie gehen nicht.Es ist ein Gehenlassen.
Man sitzt nicht im Café. Es ist ein Ruhn
und alle Welt hat mit sich selbst zu tun.
Es ist zu heiß, um an dere zu hassen.

Sie sprechen nicht. Es ist ein Worteinwerfen
graziös wie eine Lustpartie Pingpong,
Der Sommer sinkt ganz sanft aus einem Song
ins Ohr und legt sich wärmend auf die Nerven.

Die Alltagshäute sind zuhaus gelassen.
Die Alltagsmesser sind im Küchenschrank.
Die Liebe im Gebüsch, auf einer Bank
lobt die, die leben und die leben lassen.


hedwig Schneider antwortete am 05.08.01 (18:14):

Heidi´s Gestern -heute -morgen spricht sehr an,
auch Sieghard mit Hilde Domin u.a...


Bekenntnis

Früher
Zertrat ich
Achtlos
Insekten

Heute
Trete ich
Achtsam
Daneben

Fliegen
Am Fenster
Morde ich
Noch.

Seid alle gegrüßt! he


Erna Ecker-Philippi antwortete am 05.08.01 (19:00):

Noch ein Versuch, das Gedicht von Paul Verlaine zu übersetzen.

Der weße Mond

Der weiße Mond
Leuchtet in den Wäldern.
Von jedem Zweig geht eine Stimme aus
Unter dem Blätterdach.

O, Heißgeliebte (Liebling)!

Der Teich reflektiert,
Tiefer Spiegel,
Das Schattenbild
Der schwarzen Weide,
Darin der Wind weint.

Lasst uns träumen, es ist die Stunde dazu!

Eine tiefe, zärtliche
Ruhe,
So scheint es, steigt herab
Vom Firmament,
das die Sterne in vielen Farben flimmern lassen.

Das ist die köstliche Stunde.


sieghard antwortete am 05.08.01 (22:30):


für Hedwig

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Und eine große Blüte stieg
leuchtend blass
aus meinem Herzen.
Diese Vögel
ohne Schmerzen
diese leichtesten goldenen
Vögel
dahintreibend
über den Dächern

[Hilde Domin]

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

.


sieghard antwortete am 06.08.01 (08:22):


Heute vor 56 Jahren

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge,
erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab nächtlich,
Hunderttausend, die ihn angehen
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosen-
büsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer
verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe, der auf seinem Rücken saß

Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

[Marie Luise Kaschnitz 1901-1974]
.


Luzia antwortete am 06.08.01 (14:04):

Hiroshima -- schrecklich.
Hoffentlich nie wieder!!!


Rosmarie Vancura antwortete am 06.08.01 (14:18):

Liebe ist wichtiger
v.Hans Kruppa

Liebe ist wichtiger
als Zwänge, Ängste
und alle noch so
hochvernünftigen Erwägungen,
wichtiger als die Zukunft,
wichtiger als die Geduld
und die besten Absichten,
wichtiger als Kompromisse
Hoffnungen und guter Wille,
so unermeßlich wichtiger
als alle Worte, aller Trost
und die sogenannten
Notwendigkeiten.

Frag nicht warum.


hedwig antwortete am 06.08.01 (19:12):

Sieghard, danke für Hilde Domin nochmal!
A pro pos M.L.K... etwas Eigenes:

DARUM

Die Welt ist voller Krieg und Haß - Warum?
Erstrebt wird nurmehr Macht, Profit -
Fast jeder ist ein Egoist - Warum?
Erzogen wird heut´ zur Gewalt -
Schon Jugend lernt gezielten Schlag - Warum?
Klein` Kinder üben nur noch Krieg -
Sie wissen nicht ihr böses Spiel - Warum?
Den Müttern fehlt das Ideal -
Gedankenlos lebt man den Tag - Warum?
Erziehung hat ein falsch`Gewicht -
Man lehrt noch kaum, was wertvoll ist- Warum?
Die innere Armut macht uns krank -
Man fragt nicht mehr, was Andre plagt- Warum?
Gefühle werden degradiert -
Verachtet wird jed´ hehres Ziel - Warum?
Zum Opfer fällt die Ehr` der Macht -
Des Menschseins Sinn wird schnöd vertan - Warum?
Bescheiden sein führt nirgends hin -
Die Welt führt fort ihr tosend` Spiel - Warum?

Laßt finden neu das rechte Maß - Darum!


Heidi antwortete am 06.08.01 (20:13):

Im Namen der Taube (Hiroshima)

Im Namen der Taube und des Ölbaums,
im Namen des verzweifelten Gefangenen,
im Namen des Kindes, das nicht für nichts geboren wurde,
vielleicht kommt er morgen.

Mit Hilfe der täglichen Worte,
mit Hilfe der Gesten der Liebe,
mit Hilfe der Angst, mit Hilfe des Hungers,
vielleicht kommt er morgen.

Im Namen aller, die schon tot sind,
im Namen aller, die noch leben,
in Namen aller, die endlich leben wollen,
vielleicht kommt er morgen.

Mit Hilfe der Schwachen, mit Hilfe der Starken,
mit Hilfe derer, die genauso denken,
und wären es nur einige,
vielleicht kommt er morgen.

Um aller mit Füßen getretenen Träume willen,
um der schon aufgegebenen Hoffnung willen,
in Hiroshima und anderswo,
vielleicht kommt er morgen, DER FRIEDEN.

Georges Moustaki

(Internet-Tipp: http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/ABombe.htm)


Brita antwortete am 07.08.01 (20:19):

Hochsommer

Im Erntemonde, wenn die Halme bleichen
Verstummt der Vögel Sang. Die Erde ruht.
Es wächst die grüne Decke auf den Teichen,
erstickt die Flut.

Der Brunnenschale Wasser geht zur Neige,
Der Efeu streckt die kleine Totenhand
Im Garten schlingen Ranken sich und Zweige
Zu finstrer Wand.

Die roten Beeren schimmern aus dem Laube
Es tritt der Fremde in den Garten ein
Zerpreßt die leuchtende Johannistraube
Wie Blut und Wein.

Es dämmert in der Schluchten matter Wärme
Auf faulem Teich ein Regenbogenglanz,
Bei Schilf und Lattich heben Fliegenschwärme
Sich hoch im Tanz.

Die Zeit ist kurz. Die Liebenden umgreifen
Sich jäh in wilden Ängsten, dumpf und blind.
Nah ist der Herbst. Die Frucht will reifen, reifen,
Es ruht der Wind.

Marie Luise Kaschnitz


eva antwortete am 08.08.01 (10:30):

Für H.

So wölkt sich um deinen Scheitel die Resignation :
Verachtung umspielt deinen Mund,
in den Brauen nistet der Zorn,
die Stirn furcht Enttäuschung.

In deinen Wangen zieht die Entsagung
tief ihre Spuren, und deinen blutleeren Lippen,
zusammengepresst, entfliehen nur bittere Worte.
Arg ist die Welt, die Menschen sind schlecht,
ohne Sinn scheint das Leben und Unvernunft
ist dein steter Begleiter.

Ach mein Lieber, du lügst und ich glaube dir nicht !
Trotz deiner weltverachtenden Pose
leuchtet, tief im Hintergrund deiner Augen,
ein Funken der Sehnsucht, ein Hoffen in der Verzweiflung,
der Wunsch, sich zu verströmen.
Halten wollen die Hände, die Arme umfangen.

So dürste nicht neben der Quelle !
Liebe umgibt dich, du brauchst dich ja nur zu neigen,
um in vollen Zügen vom Wasser des Lebens zu trinken
Warte nicht, dass die Liebe dich sucht !
Sie lebt ja in dir - so gib, so arm du dich dünkst,
der Reichtum ist unerschöpflich,
und im Geben wirst du empfangen - man wartet auf dich !

eKr


Gisa Ruf antwortete am 08.08.01 (15:09):

Das Gestern
wie eine welkende Blume
einst betörende
Schönheit
vergänglich
wann wird das Heute
gestern sein?

Das Gestern
wie ein dunkler Schatten
drohende Kälte
präsent
können wir vergessen
wollen wir vergessen
das Heute
morgen ?

Es wird ein Regen
kommen
es werden Ströme fliessen
tränengleich
unaufhaltsam
Deiche werden brechen
dann wird das Gestern wieder
heute sein.


hedwig antwortete am 08.08.01 (19:43):

Eva, dankeschön! Gruß H.


hedwig antwortete am 09.08.01 (06:48):

MARIANNE

Es tröstet mich, daß in goldenen Nächten
ein Kind schläft.
Daß sein Atem neben der Schmiede geht
und seine Sonne
schon früh
mit Hahn und Hennen
über das nasse Gras steigt. Ilse Aichinger


Brita antwortete am 09.08.01 (17:32):

Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Des Meeres starren und den Tod verstehn,
So leicht und feierlich und ohne Grauen,

Wie kleine Mädchen, die sehr blaß aussehn,
Mit großen Augen, und die immer frieren,
An einem Abend stumm vor sich hinsehn

Und wissen, daß das Leben jetzt aus ihren
Schlaftrunknen Gliedern still hinüberfließt
In Bäum' und Gras, und sich matt lächelnd zieren

Wie eine Heilige, die ihr Blut vergießt.

Hugo von Hofmannsthal


Heidi antwortete am 09.08.01 (21:59):

Der Sandmann

Stille: ich komm wie der Nachtwind
kommt auf den Regenschnüren,
mit Schritten, die lautlos und sacht sind,
euch unter die Träume zu führen.

Ihr greift in mein wehendes Barthaar . .
Ihr könnt mit den Sternen spielen . .
Ihr wißt nicht, wie hart meine Fahrt war,
und wieviele Sterne fielen . . .

Seid ihr tagsüber so einsam?
Komm ich nicht wieder, wieder?
Kein Kummer ist uns gemeinsam . .
Ich streu euch den Schlaf auf die Lider . .

Kam ich spät? Ich muß über Land gehn
und oft an den Kreuzwegen warten,
bis ihr mich fühlt an der Wand stehn
und rüsten zu purpurnen Fahrten . . .

. . .

Schwindelt euch, komm ich wie Nachtwind
kommt auf den Regenschnüren,
mit Schritten, die lautlos und sacht sind,
euch sorgsam nachhausezuführen . . .

Paul Celan (Gedichte 1938 - 1944)


Brita antwortete am 10.08.01 (12:08):

... mein Herz ist wundgerissen... ich bin traurig

Regen

Lauer Regen, Sommerregen
Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen,
Oh, wie gut und voller Segen,
Einmal wieder satt zu träumen!

Wa so lang im Hellen draußen,
Ungewohnt ist mir dies Wogen:
In der eignen Seele hausen,
Nirgend fremdwärts hingezogen.

Nichts begehr ich, nichts verlang ich,
Summe leise Kindertöne,
Und verwundert heim gelang ich
In der Träume warme Schöne.

Herz, wie bis du wundgerissen,
Und wie selig, blind zu wühlen,
Nicht zu denken, nicht zu wissen,
Nur zu fühlen, nur zu fühlen!

Hermann Hesse


eva antwortete am 10.08.01 (16:01):

Seid mir nur nicht gar zu traurig,
Daß die schöne Zeit entflieht,
Daß die Welle kühl und schaurig
Uns in ihren Wirbel zieht ;

Daß des Herzens süße Regung,
Daß der Liebe Hochgenuß,
Jene himmlische Bewegung,
Sich zur Ruh begeben muß.

Laßt uns lieben, singen, trinken,
Und wir pfeifen auf die Zeit ;
Selbst ein leises Augenwinken
Zuckt durch alle Ewigkeit.

Wilhelm Busch


Rosmarie Vancura antwortete am 10.08.01 (16:38):

Helmut Preissler

Geize nicht mit der Zeit

Geize nicht mit der Zeit,
ferne von mir;
auch in der Trennung
füllt deine Liebe mich aus.

Liebe, das ist nicht
Nahesein zwischen Nachtmahl und Frühstück;
Zärtlichkeiten und Lust
sind der Liebe zuwenig;
tausend Stunden Gemeinsamkeit
machen die Liebe nicht satt.

Liebe erfüllt sich im Mühen,
die Welt zu verbessern:
Liebe erfüllt sich im Streben,
einander wert zu sein.

Helmut Preissler
aus: Zwischen Gräsern und Sternen"
geb. 1925 in Cottbus
lebt in Eisenhüttenstadt bei Fürstenberg(Oder)


Brita antwortete am 10.08.01 (20:19):

Schlaflied für Mirjam

Schlaf, mein Kind - schlaf, es ist spät.
Sieh, wie die Sonne zur Ruhe dort geht,
Hinter den Bergen stirbt sie im Rot!
Du, du weißt nichts von Sonne und Tod,
Wendest die Augen zum Licht und zum Schein. -
Schlaf - es sind so viel Sonnen noch dein -
Schlaf, mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schlaf, mein Kind, der Abendwind weht.
Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?
Dunkel, verborgen die Wege hier sind:
Dir - und mir - und uns allen, mein Kind!
Blinde so gehn wir und gehen allein,
Keiner kann keinem Gefährte hier sein -
Schlaf, mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schlaf, mein Kind, und horch nicht auf mich,
Sinn hats für mich nur und Schall ists für dich.
Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,
Worte - vielleicht eines Lebens Gewinn!
Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein,
Keiner kann keinem ein Erbe hier sein -
Schlaf, mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schläfts du, Mirjam? Mirjam, mein Kind:
Ufer nur sind wir - und tief in uns rinnt
Blut von Gewesnen; zu Kommenden rollt's,
Blut unsrer Väter voll Unruh und Stolz!
In uns sind alle! wer fühlt sich allein?
Du bist ihr Leben - ihr Leben ist dein.
Mirjam, mein Leben, mein Kind - schlaf ein!

Richard Beer-Hofmann


Hans-Jürgen antwortete am 10.08.01 (20:55):

Etwas Politisches (ich bitte um Entschuldigung):

Das Argument

Ein Kommunist tönte über Humanität.
Und als ich ihm sagte:
"Ihr schießt auf Kinder"
und den Fünfzehnjährigen
in der Spree
als Beispiel nannte,
war die Antwort:

"Hitler erschoß
Tausende von Kindern.
Außerdem wußte der Posten ja nicht,
daß es ein Junge war,
denn er sah nur
(und von weitem)
den Kopf über dem Wasser..."

Am kommenden 13. August denkt mancher schmerzerfüllt und mit Abscheu an den Bau der Berliner Mauer vor vierzig Jahren. Indirekt auf sie bezieht sich das vorstehende "Gedicht", das damals entstand.

Hans-Jürgen


hedwig antwortete am 12.08.01 (04:25):

Trotz Jahrestags des Mauerbaus morgen. - Hier Eichendorff

Mittagsruh

Über Bergen, Fluß und Talen
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert, Strahlen!
Sinnend ruht des Tags Gewühle
In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewußt,
Treten heimlich, groß und leise
Aus der Wirrung fester Gleise,
Aus der unbewachten Brust,
In die stillen, weiten Kreise. J. Frh.v.E.


Rosmarie Vancura antwortete am 12.08.01 (18:57):

Traum

Du kennst das auch
aus schlechten Träumen
man will fliehen
und kommt oh Schreck..
überhaupt nicht vom Fleck.

Jüngst träumte ich das Gegenteil
ich war flink wie ein Pfeil
floh mit List
schlug haken kreuz und quer
dabei war kein Mensch hinter mir her.
RV


Herbertkarl Huether antwortete am 12.08.01 (21:26):


hohl

so lag denn die dunkelblaue entscheidung
von verlorenen jahren
hinueber in der gewalt
von sternen aus verloschenen sonnen

ruchloser rauch der kalten gestirne
steig den eisigen gestaden
des uferlosen seins empor
wenn kraeuselnde baeume
ihren hauch dem wind entgegenstrecken
um ihren martern zu entfliehen

richte nicht die waage des goldenen fruehlings
damit dein auge keinen traenenwall
gegen die himmelsburg schleudere

rede nicht mit verstehen
denn das erlaubt der verstand
dem koerper nicht
gehe den pfad des todlosen
der nimmt sein schicksal an

glueck dem sieger
dem herrscher ueber hass und gewalt
dass sein gesicht mir nicht gefiel

gefaellt es dir auch nicht
so schleudere ihm das hohle grinsen
der ungeduld gezaehlter tage entgegen
und nimm seinen verstand
in deine haende
um sein gehirn zu umnachten

krumme wege machen noch keinen kreis
lange strassen noch keine verbindung
loese die gier deiner gefuehle
von der anzahl der welten

hkh


Heidi antwortete am 12.08.01 (23:22):

Um Schönheit

Schönheit?
Nicht machtlos
aber in mancher Gestalt
nur den Augen der Machtlosen aufblinkend flüchtig
nur am entfernteren Rand des ungelebten Lebens
(des zuerst lange noch nicht und zuletzt nicht mehr gelebten)
sie ist dann wenig mehr
als Maske des Todes

So leuchtet eine Frau auf oder ein Mädchen
vor den Augen des Knaben der viel zu jung scheint für Glück
aber vielleicht nur weil er
noch nicht wagt wirklich zu leben

Grauer um jede nicht aufgebrochene Stunde
wird unsere Zeit
unfreier unsere Welt
in Wirklichkeit nie mehr unser
wenn wir uns nicht losreißen lernen
(nicht von allem
aber von mehr
als die Ratgeber raten)
wenn wir nicht endlich offen zu tun beginnen
was wir geträumt haben vor dem bleiernen Tag

Gewiß:
Die uns warnen vor der Gefahr
sind erfahren
aber oft nur erfahren im Sich-Beugen
Keine Todesgefahr kann so groß sein
wie die Lebensgefahr
zu versäumen
gelähmt vom eigenen Zögern
die einzige Zeit

Erich Fried
(Am Rand unserer Lebenszeit, Verlag Klaus Wagenbach,Berlin)


Brita antwortete am 13.08.01 (21:41):

...ich lache so gerne, leider zu wenig...
Hier 3 Teilchen von Eugen Roth....

Leider

Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten, leider hält
Das Unhaltbare auf der Welt.



Leider

Ein Mensch, kein Freund der raschen Tat,
Hielt sich ans Wort: Kommt Zeit, kommt Rat.
Er wartete das Herz sich lahm -
Weil Unzeit nur und Unrat kam.



Das Geheimnis

Ein Mensch bemerkt oft, tief ergrimmt,
Daß irgendwas bei ihm nicht stimmt.
Jedoch, woran es ihm gebricht,
Er findets nicht und findets nicht.
Und ohne es entdeckt zu haben,
Stirbt er zum Schluß und wird begraben;
Schad, daß er nicht mehr hören kann:
Am Sarg sagts offen jedermann.


eva antwortete am 14.08.01 (09:30):

Vorsorge

Ich bin ein Retter von blessierten Käfern.
Sitzt auf meinem Weg, am falschen Ort,
so ein kleiner Schläfer,
oder liegt er am Rücken und zappelt mit den Beinchen,
so hebe ich ihn auf und trage ihn fort,
setze ihn ins Gras,
oder, ist dieses zu nass,
am Wegesrand auf ein trockenes Steinchen.

Auch die Ameisen
können mich preisen :
wenn sie in ihrer Marschkolonne defilieren,
steige ich wie Goliath
über ihren Pfad,
ohne sie auch nur mit der Schuhspitze zu berühren.

Wandelt eine Schnecke betulich über den Asphalt,
gleich mache ich Halt,
und trage sie behutsam mit ihrem Häuschen
auf die andere Seite.
Ich hoffe, dass ich ihr Freude bereite,
auch wenn sie sich ängstlich zurückzieht in ihr Kläuschen.

Ich bin ein Schutzpatron der Schmetterlinge -
seien es vornehme oder geringe,
vom Kohlweißling bis zum Admiral -
Rang und Stand sind mir hier egal.

Wie viele Wespen rettete ich aus dem Glase !
Verzweifelt rudernd in Bier, Wein oder Limonade;
fischte ich sie heraus mit einem Grase
und setzte die Halbertrunkenen ins warme Licht
(die Tischgesellschaft dankte mir nicht ...).

Auch öffne ich immer,
summt eine verlorene Biene in meinem Zimmer,
die Fenster weit
und schenke ihr Freiheit.

Grenzen hat meine Güte bei Mücken,
Ungeziefer und Fliegen -
die haben ihre Tücken;
doch warne ich sie stets
und rate ihnen zu flüchten,
sonst würde ich sie vernichten -
und auf mein Wort -
noch vor dem geplanten Mord
sind sie meist fort.

Ach, lächelt nicht :
Stehe ich einst vor dem großen Gericht
und St. Michael hält die Seelenwaage -
keine Frage -
wie viele Gebote, Gesetze und gute Sitten
habe ich verletzt, übertreten, gebrochen, überschritten !
Wie es halt so eben im Leben geht -
und zur Reue ist es dann immer zu spät -
(und meine guten Taten
sind eher dürftig geraten...)
da hoffe ich dann auf das kleine Gelichter,
vor dem großen Richter
werden sie - vielleicht - ihre Stimmchen erheben
und ihre Erlebnisse wiedergeben :

All diese Kleinchen
mit fehlenden Beinchen,
humpelnde Insekten
mit vielen Defekten,
verknitterte Falter
von jeglichem Alter,
Raupen, vom Baume gefallen und aufgeklaubt,
die sich schon verloren geglaubt,
die mir ihr kleines Leben danken -
vielleicht bringt ihr Bericht
die Waage ins Gleichgewicht ?
Ich weiss es nicht,
aber ich hoffe sehr, sie gerät ins Schwanken ;
meine Gedanken
sind voll Zuversicht.
mag sein, das kleine Gewimmel
hilft mir zu einem Plätzchen im Himmel,
denn vor IHM sind alle Kreaturen gleich.
So fürchte ich mich nicht
und hoffe auf das Himmelreich. -


eKr


Heidi antwortete am 14.08.01 (22:46):

Nachtgebet

Vorbild in uns
oder Nachbild
das uns noch etwas bedeutet
hilf uns
daß wir nicht vorbeten oder nachbeten
die falschen Lehren
der Elektronengehirne
und ihrer Herren und Knechte

Wo das Unrecht größer wird als wir
wo das Unrecht schneller wird als wir
wo das Unrecht kräftiger wird als wir
hilf uns nicht zu ermüden

Wo das Unrecht uns übertrifft
an Kenntnissen und an Mitteln
wo das Unrecht uns übertrifft
an Ausdauer und an Erfolgen
wo das Unrecht so groß wird
daß wir klein werden
bei seinem Anblick
hilf uns nicht zu verzagen

Wo das Unrecht eindringt in uns
in unsere Tage und Nächte
in unser Aufschrecken und in unsere Träume
in unsere Hoffnungen und in unsere Flüche
hilf uns
uns nicht zu vergessen

Wo das Unrecht spricht mit den Stimmen
des Rechtes und der Macht
wo das Unrecht spricht mit den Stimmen
des Wohlwollens und der Vernuft
wo das Unrecht spricht mit den Stimmen
der Mäßigung und der Erfahrung
hilf uns nicht bitter zu werden

Und wenn wir doch verzagen
hilf uns erkennen daß wir verzagen
und wenn wir doch bitter werden
hilf uns erkennen daß wir bitter werden
und wenn wir uns krümmen vor Angst
hilf uns wissen, daß es die Angst ist
das Verzagen und die Bitterkeit und die Angst

Damit wir nicht verfallen
dem Irrtum
wir hätten
eine neue Erleichterung erfahren
und den großen Ausweg gefunden
oder den Weg nach innen
und nur der hätte uns so verwandelt

Erich Fried


Dietlinde antwortete am 15.08.01 (13:39):

Heute hat Matthias Claudius Geburtstag.


15. 8. 1740 Matthias Claudius (+ 21.1.1815)
Deutscher Dichter. Er studierte zunächst Theologie, dann Jura und Staatswissenschaften. Nach der Beendigung seines Studiums lebte und dichtete er im Haus seines Vaters, bis ihm 1770 eine Redakteursstelle bei der Hamburger Volkszeitung "Der Wandsbeker Bote" angeboten wurde. In dieser Zeitung erschienen ab 1775 seine eigenen Werke. Ab 1778 lebte er als freier Schriftsteller, zusätzlich hatte er ein kleines Einkommen als Bankrevisor. Zunächst schrieb er noch im Stil der Anakreontik Gleims, später wandte er sich unter dem Eindruck des Todes seines Bruders immer mehr religiösen und ethischen Themen zu. Seine Lyrik blieb volksliedhaft einfach und widersetzte sich den literarischen Moden seiner Zeit ("Der Mond ist aufgegangen", 1778). Einige Gedichte wurden von Schubert vertont.
www.hausarbeiten.de/archiv/germanistik/germ-althaus.shtml
Hausarbeiten.de mit einer Analyse einiger Texte von Matthias Claudius.
gutenberg.aol.de/claudius/wandsbek/wandsbek.htm
"Matthias Claudius, ASMUS omnia sua SECUM portans oder sämtliche Werke des Wandsbecker Boten" - in der digitalen Bibliothek des Gutenberg-Projekts erschienen.
www.acronet.net/~robokopp/claudius.html
Private Website mit einer Sammlung von Liedertexten von Matthias Claudius.





Fritze
Nun mag ich auch nicht länger leben,
verhaßt ist mir des Tages Licht;
denn sie hat Franze Kuchen gegeben,
mir aber nicht.




Die Liebe
Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
und schlägt sie ewiglich.





Der Philosoph und die Sonne


Der Philosoph
Du edler Stern am hohen Himmelszelt,
Du Herr und König deiner Brüder!
Du bist so gut gesinnt – du wärmest uns die Welt,
Und schmückst mit Blumen uns das Feld,
Und machst den Bäumen Laub, den Vögeln bunt Gefieder;
Du machst uns Gold, das Wunderding der Welt,
Und Diamant, und seine Brüder;
Kömmst alle Morgen fröhlich wieder,
Und schüttest immer Strahlen nieder –
Sprich edler Stern am hohen Himmelszelt,
Wie wachsen dir die Strahlen wieder?
Wie wärmest du? Wie schmückst du Wald und Feld?
Wie machst du doch in aller Welt
Dem Diamant sein Licht, dem Pfau sein schön Gefieder?
Wie machst du Gold?
Sprich liebe Sonn', ich wüßt' es gern.

Die Sonne
Weiß ichs? Geh, frage meinen Herrn.


Matthias Claudius

(Internet-Tipp: http://easy.to/haikulinde)


hedwig antwortete am 15.08.01 (18:29):

Ich bitte nicht um Glück der Erden,
nur um ein Leuchten nun und dann,
daß sichtbar deine Hände werden,
ich deine Liebe ahnen kann;
nur in des Lebens Kümmernissen
um der Ergebung Gnadengruß,
dann wirst du schon am besten wissen,
wieviel ich tragen kann und muß.

Annette von Droste-Hülshoff


Heidi antwortete am 16.08.01 (13:39):

Dieses Gedicht von Erich Fried fiel mir beim Zeitunglesen heute morgen ein:

Drehorgellied

Ihr auf die ich
vor dreißig Jahren hoffte
- Aber der rote Wind wird am Abend blau oder grün -
seid auch ihr gehässig geworden
und kleinlich wie viele Beamte?
- Und das Heidekraut auf dem gesprengten Bunker wird blühn

Seid auch ihr nur zu sehen bereit
was euch in den Kram paßt
- Und Kinder werden singen und weder von mir noch von euch -
habt auch ihr verlernt auszuatmen
und zu staunen und euch zu freuen?
- Aber der Abendwind schaukelt die Spinnweben im Gesträuch

Könnt auch ihr von der Krankheit die ihr bekämpft
euch nicht heilen
- Aber der Abendwind ist am Morgen schon lange verweht -
bringt auch ihr nur das Mißtrauen mit
um es gerecht zu verteilen?
- Und rostig kreischen die Räder von spielenden Kindern gedreht

Werdet auch ihr so kalt
und gerissen sein wie die andern
- Und das Heidekraut wird zwischen Betontrümmern blühn -
ihr auf die ich
vor dreissig Jahren hoffte?
- Aber der Wind wird singen und der Abend wird rot sein
und grün

Erich Fried in "Die bunten Getüme" Fischer Verlag


eva antwortete am 16.08.01 (15:57):

Im schönen grünen Walde
verging mir der Übermut :
in der dornigen Brombeerhalde
floss mancher Tropfen Blut.

Zwischen Dornen und Nesseln
wachsen die schönsten Beeren ;
Ranken wollten mich fesseln,
mir den Zugriff verwehren.

Zerkratzt, geritzt und zerstochen
kam ich des abends nach Haus -
die Beeren, die waren gebrochen,
doch die Eva sah traurig aus !

Zerrissen und zerschunden
hab ich als wahr empfunden
die alten Weisheitslehren :
Willst du Süßes nicht entbehren,
so rechne mit bitteren Wunden ...

eKr


Waltraud antwortete am 17.08.01 (16:55):

Ihr werdet alle über die Abkühlung sehr froh sein.Ich wünsche Euch ein schönes Wochende.
Waltraud

Gewitternacht

Frisch und sauber Baum und Strauch.
Feiner Duft in jedem Hauch.
Reine Luft, die ich so mag.
Freu' mich auf den heut'gen Tag.


Heidi antwortete am 17.08.01 (22:52):

Phantasie

Schweifen laß stets Phantasie,
Denn daheim sind Wonnen nie:
Kaum berührt, sind süße Wonnen
Wie ein Regenguß zerronnen.
Drum laß die Beschwingte streifen,
Wo Gedanken nicht mehr greifen:
Sperr dem Hirn das Tor weit auf,
Schon steigt sie pfeilschnell hinauf.
Phantasie! o laß sie frei —
Schal geht Sommerglück vorbei,
Es schwinden in der Frühlingszeit
Freuden wie ihr Blütenkleid;
Herbstobst, rot geschminkt, hat auch,
Glühend durch den Dunst und Rauch,
Viel zuviel Geschmack. Was dann?
Rück an den Kamin heran,
Wenn das Scheit hell lodernd kracht,
Geist in einer Winternacht;
Wenn die Erde still umschmiegt ist
Und der Ackerharsch durchpflügt ist
Von des Jungknechts schweren Schuhn;
Wenn die Nacht die Mittnacht nun
Dunkles planend trifft und gleich
Den Abend bannt aus ihrem Reich.
Setz dich dort und send ins Land,
Durch ein Hirn, selbst-übermannt,
Phantasie, höchst eilig, send sie!
Aufmerksame Diener kennt sie:
Statt des Frosts bringt sie hervor
Schönheit, die das Land verlor;
Bringt dir her, mit allen Düften,
All das Glück aus Sommerlüften;
All den Flor und Flaum des Mais,
Von feuchtem Gras und Dornenreis;
All die Pracht der Erntezeit,
Still und voller Heimlichkeit:
Sie mischt diese Wonnen klug
Wie drei Weine in den Krug,
Und du sollst saufen — sollst von fern
Klar die Erntelieder hörn;
Garben rauschen durch den Wind;
Vögel, da der Tag beginnt;
Und, zur selben Zeit - sei still!
Schon die Lerche des April
Oder emsig Krähngekrächz,
Lärm des Stroh- und Stockgefechts;
Sollst, auf einen Blick gleich, sehn
Calendula und Tausendschön;
Weiß-zart Lilien und verfrüht
Heckenprimeln, schon erblüht;
Schattenhyazinthen, ganz
Mittmais Königinnenglanz;
Und jede Blume, jedes Blatt
Von demselben Schauer satt;
Sehn die Feldmaus, mager noch
Nach dem Schlaf in ihrem Loch;
Und die Schlange, winterschlank
Sich häuten auf der heißen Bank;
Fleckige Gelege auch,
In der Brut im Weißdornstrauch,
Wenn des Rebhuhns Flügel gut
Auf dem Nest aus Moosen ruht;
Dann die Hast und den Alarm,
Stürzt vom Korb der Bienenschwarm;
Wie die Eichel prasselnd reift,
Während schon der Herbstwind pfeift.


Phantasie! o laß sie frei;
Alles geht so schal vorbei:
Welche Wange wird nicht grau
Durchs Bestarren? Welcher Frau
Gereifte Lippen sind stets neu?
Wo ists Auge, noch so treu,
Das nicht langweilt? Das Gesicht,
Das man ständig treffen möcht?
Wo die Stimme, noch so sacht,
Die dich stets neu lauschen macht?
Kaum berührt, sind süße Wonnen
Wie ein Regenguß zerronnen.
Drum laß Phantasie auf Schwingen
Deinem Hirn die Herrin bringen:
Ceres´ Tochter gleich an Zärte,
Eh der Martergott sie lehrte,
Wie man zürnt und rast wie er;
Weiß um Leib und Lenden her
Ganz wie Hebe, als ihr Kleid,
Vom Verschluß aus Gold befreit,
Ihr auf ihre Füße sank,
Während sie vom Weinkelch trank
Und schwach ward Zeus. — Zerreiße nur
Phantasiens Seidenschnur;
Schneid rasch ihre Fesseln auf,
Und sie bringt solch Glück zuhauf.
Fliegen laß die Phantasie,
Denn daheim sind Wonnen nie.

John Keats


Heidi antwortete am 17.08.01 (23:07):


Du Dunkelheit, aus der ich stamme
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich, wie sie's errafft,
Menschen und Mächte -

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Rainer Maria Rilke


Luzia antwortete am 18.08.01 (10:31):

Heute ist ein schöner Tag.Freuen wir uns über die kleinen Dinge und kleinen Nettigkeiten die unser Leben bereichern.Wir müssen nur genau hinsehen.

Katharina Münster

Schöne Blumen auf dem Weg -
ein wunderbar geheimnisvoller Wolkenhimmel -
ein spiegelnder See -
leuchtend gelbes Korn -
ein Mensch, der uns eine Gefälligkeit erweist -
ein gutes Wort -
ein Händedruck, der mehr sagt als Worte -
jemand, der uns im Vorübergehen anlächelt -
jemand, der ein Stück Weg mit uns geht..

<<<<<< Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.


Heidi antwortete am 18.08.01 (14:52):

Ein weiteres Werk von Keats, als Dank für einen "Schwalbenschwanz" :-)

Ode auf die Lässigkeit

Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht

Drei Wesen konnt ich eines Morgens sehn,
Gebeugt, halb abgekehrt und Hand in Hand,
Und heiter nach und nach vorübergehn,
In leichten Schuhn und weißem Schmuckgewand;
Sie schwanden, wie Figurn im Marmorglanz
Auf Urnen, die man vor den Augen dreht;
Sie kamen neu — als sei das Drehn vollführt
Und zeige die Gestalten wieder ganz;
Und fremd warn sie mir, wie’ s wohl dem ergeht
Mit Vasen, der an Phidias’ Künsten rührt.

Was hab ich, Schatten! euch nur nicht erkannt?
Was kamt ihr so maskiert und stumm verhüllt?
Habt ihr im stillen tief-verkappt geplant,
Ihr stehlt euch fort, daß meinen Tag nichts füllt
Als Trägheit? Reif war diese Stunde Schlaf;
Vor selger Sommerlässigkeit mein Blick
Ganz starr; mein Puls verflachte mehr und mehr;
Kein Schmerz, der stach, kein Glück, das Blumen warf:
O, warum wicht ihr nicht, ließt mich zurück
Und meinen Sinn, erfüllt von Nichts nur — leer?

Ein drittes Mal noch zogen sie vorbei
Und wandten sich mir zu in dem Moment;
Da brannte ich auf Flügel, diesen drei
Zu folgen, denn sie waren mir nicht fremd:
Erst kam das hübsche Kind, das Liebe heißt;
Dann kam der Ehrgeiz, blaß und abgezehrt
Und müden Augs, doch schlafend nie;
Zuletzt, mir mehr lieb, je mehr Schmach ihr Geist
Erträgt, Elfe am ehesten entehrt —
Sah ich meine Dämonin Poesie.

Sie schwanden — wahrlich! Flügel wollte ich.
O Torheit! Liebe — was ist sie! und wo?
Und Ehrgeiz — dieser kurze Fieberstich,
Der eines Menschen kleinem Herz entfloh.
Dann Poesie! — nein, nichts, das sie besitzt —
Für mich niemals — vom Schlaf im Mittagslicht,
Vom Abend, süß durchtränkt mit Lässigkeit.
O, eine Zeit, vor Plagen so geschützt —
Ich wüßte, wie die Monde wechseln, nicht
Und wäre taub für rege Nüchternheit!

Ein drittes Mal kamen sie — ach! warum?
Mit trüben Träumen war mein Schlaf bestickt;
Der Rasen meiner Seele war rundum
Mit Blumen, Licht und Schattenspiel geschmückt;
Bewölkt der Morgen, doch nicht regennaß,
Nur seine Augen tränten süß vom Mai;
Durchs Fenster, in das knospend Wein sich brach,
Kam warmer Duft und Drossels Lied herbei —
O Schatten! Zeit, Lebwohl zu sagen, war’s!
Nicht eine Träne weinte ich euch nach.

Darum adieu, ihr Geister! Für euch fährt
Mein Haupt nicht auf vom kühlen Bett im Gras;
Denn ich will nicht, daß man mit Lob mich nährt,
Ein Schoßlamm in einer gefühlvollen Farce!
Weicht meinem Blick und setzt ein weitres Mal
Das Maskenspiel auf diesem Traumkrug fort.
Lebt wohl! Visionen nachts hab ich schon meist
Und zarte für den Tag in großer Zahl.
Verlaßt, Phantome! meinen trägen Geist,
Fort in die Wolken, und bleibt ewig dort!

John Keats


Heidi antwortete am 18.08.01 (23:04):

Mir ist im Moment so "winterlich" zumute:

Der Winter singt und hört sich zu,
Der zottige Wald summt sich zur Ruh
Mit hundertfachem Laut.
Tieftraurig hin am Himmelsrand
Ziehn in ein unbekanntes Land
Die Wolken fort, ergraut.

Der Schneesturm breitet vor dem Haus
Das Bett, den seidenen Teppich, aus,
Darin die Kälte liegt.
Die munteren Spätzchen haben sich,
Wie kleine Waisen, unglücklich
Ans Fenster angeschmiegt.

Der Vogelwinter ist zu hart.
Schwach und hungrig, wie erstarrt
Kauern sie dicht an dicht.
Ein Wirbelsturm uebergross
Schlägt auf die Fensterläden los,
Zornig, und endet nicht.

Die zarten Spaetzchen schlummern ein,
Bei Sturm und Tosen, wildem Schnein,
Am Fenster, weiss von Eis.
Und träumend sehn sie wunderbar
Die Sonne, schön, als sei es wahr,
Die Gaerten blühendweiss.

Sergej Jessenin (3.10.1895 - 28.12.1925)

http://www.zeppelin-it.com/stefan/alfred/archiv/Jessenin/Der_Winter_singt.html

(Internet-Tipp: http://www.zeppelin-it.com/stefan/alfred/archiv/Jessenin/Der_Winter_singt.html)


eva antwortete am 19.08.01 (12:06):

Das Leben spielt mir seltsame Streiche :
Heut traf ich im Wald eine blinde Schleiche;
sie lag gerad
in meinem Pfad
und wollte wohl, dass ich ihr weiche.

Ich dachte gerührt : "... die arme Blinde !"
Ob sie den rechten Weg wohl finde ?
doch sie, nicht faul,
machte auf das Maul
und zischte wütend : "Verschwinde !"

Ich bin ja nun schon von reiferen Jahren
(man kennt es an meinen grauen Haaren),
doch blieb mir vor Schreck
die Spucke weg -
das hatte ich noch nicht erfahren !

Und die Moral von dieser Geschichte,
die ich erzähle in dem Gedichte :
bind heißt nicht stumm
und keinesfalls dumm !
- Ende von dem Berichte. -

eKr


Heidi antwortete am 19.08.01 (22:03):

Suche nach Glück ..

Jenseits dieser weissen Häuser
Ist ein anderes Universum da
In mir gerät etwas in Bewegung
Ein anderes Universum brauche ich.

Die Allgegenwart der Sozialbau-Häuser,
Die Übersteigerung des blutenden Ichs
Es müsste eine Welt da sein, in der man lieben,
Ein Ozean, in dem man schwimmen kann

Nicht diese Schwimmbad-Embryonen,
Wo die Vorstädter sich erholen;
In Ruinen von Diskotheken
Recken sich ein paar Halbstarke und sind geil.

In mir ist etwas am Zerreißen,
Ich möchte Freude empfinden
Den Menschen annehmen und die Natur,
Es gelingt mir nicht. Ich friere.

Michel Houellebecq


hl antwortete am 19.08.01 (22:24):

Ein Tag wie jeder andere

Schlaf verlässt das Zimmer
Traum ist lang verweht
Tag steht auf im Morgenrot
- ich denke den Tod

Coffein für's Gehirn
Nikotin für die Seele
Aspirin anstatt Brot
- ich denke den Tod

Finger auf den Tasten
Gefühle formieren sich
Worte sprechen von Not
- ich denke den Tod

Selbstgespräche sinnlos stumm
Fragen zerschneiden den Mund
das Blut der Zunge fließt rot
- ich denke den Tod

Nacht bringt die Dunkelheit
Schlaf das Vergessen
Erwachen im Morgenrot
- nein, ich bin tot.

hl


KarinD antwortete am 20.08.01 (08:26):

Liebe Heidi!

Lese gerade DEIN Gedicht. Hast Du Dich gestern Abend so gefühlt, als Du es hier reinstelltest? Das wäre schade ....

Hoffe von Herzen, daß es Dir wieder besser geht - heute.
Trotzdem rührt mich das Gedicht.

Lieben Gruß von Karin.


hl antwortete am 20.08.01 (08:51):

Nein, das war nur Houellebecq nachempfunden..


Heidi antwortete am 20.08.01 (10:42):

Fragen und Antworten

Wo sie wohnt?
Im Haus neben der Verzweiflung

Mit wem sie verwandt ist?
Mit dem Tod und der Angst

Wohin sie gehen wird
Wenn sie geht?
Niemand weiß das

Von wo sie gekommen ist?
Von ganz nahe oder ganz weit

Wie lange sie bleiben wird?
Wenn du Glück hast
Solang du lebst

Was sie von dir verlangt?
Nichts oder alles

Was soll das heißen?
Daß das ein und dasselbe ist

Was gibt sie dir
-Oder auch mir- dafür?
Genau soviel wie sie nimmt
Sie behält nichts zurück

Hält sie dich
-Oder mich- gefangen
Oder gibt sie uns frei?
Es kann uns geschehen
Daß sie uns die Freiheit schenkt

Frei sein von ihr
Ist das gut oder schlecht?
Es ist das Ärgste
Was uns zustoßen kann

Was ist sie eigentlich
Und wie kann man sie definieren?
Es heißt daß Gott gesagt hat
daß er sie ist

Erich Fried


hedwig antwortete am 20.08.01 (22:36):

Aus: "O unfaßbare Welt" von Francis Thompson:

Die Engel stehn an immer gleicher Stelle
ganz nah - ihr braucht nur einen Stein zu drehn.
Doch ihr, ihr frenmdgewordenen Gesichter,
versteht der Erde Herrlichkeit nichzt mehr zu sehn.

Kennt jemand das Gedicht ganz?
Finde nichts in der Bibliothek darüber,
wohl daß F. Th. (englischer Autor)
1905 verstarb...


Herbertkarl Huether antwortete am 21.08.01 (07:57):


frage

gruendet das meer
in den dunklen tiefen
vor den gezeiten
nachgelebter intoleranz

wenn zwerge im geiste
entschluesse erzwingen

haemmernd geht das tor
zu krach
im reiche hastdublossgesehen
neben wirdeseinmalsein

wenn hohles wirken
das sein einholen will


geaest wringt loses gestein
wasser raus
waescherin nimmt
die welt in kauf

wenn klares fordern
eis zerklirrt


der vogel der einsamkeit
schwingt seine federn nicht mehr
der apfel des verstaendnisses
bekommt eine harte schale

wenn schwuere wie perlenreihen
aus der muschel des lasters treten

gebirge weinen in qual
natur kramt in seinen taschen
welten wehen im zank
getier sieht seine begrenztheit


wenn luefte aufeinander stehen
wasser austrocknen

wueste ist der klang der harfen
rascheln kriecht die wand entlang
fuechse schnappen fell
gelegenheit gab seine sorgen ab

hkh


Rosmarie Vancura antwortete am 21.08.01 (11:23):

Starker Stern, der nicht
den Beistand braucht

Starker Stern, der nicht den Beistand braucht,
den die Nacht den anderen mag gewähren,
die erst dunkeln muss, dass sie sich klären,
Stern, der schon vollendet, untertaucht,

wenn Gestirne ihren Gang beginnen
durch die langsam aufgetane Nacht.
Grosser Stern der Liebes-Priesterinnen,
der vom eigenen Gefühl entfacht,

bis zuletzt verklärt und nie verkohlend, niedersinkt,wohin die Sonne sank:
tausendfachen Aufgang überholend
mit dem reinen Untergang.


Rainer Maria Rilke


Christel Gruber antwortete am 21.08.01 (19:06):

Ich wünsche Dir Zeit nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen , das heißt um zu reifen,
Ich wünsche Dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche Dir Zeit, zu Dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche Dir Zeit, auch Schuld zu vergeben,
Ich wünsche Dir: Zeit zu haben zum Leben!


hedwig antwortete am 21.08.01 (19:55):

KarinD, sei bedankt und gegrüßt für "Francis Thompson".
Näheres demnächst. hedwig


Heidi antwortete am 23.08.01 (23:40):



Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke


Träume, die in deinen Tiefen wallen

Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn -

Rainer Maria Rilke


KarinD antwortete am 24.08.01 (08:38):

Heidi,

schöööööön - Deine Rilkes! Den mag ich auch seehr gerne.

CHRISTEL, auch die zwei Strophen aus Elli Michlers "Ich wünsche Dir Zeit" sind schön, gehört auch dieses Gedicht zu meinen Lieblingsversen.

Schönen Tag von Karin.


Rosmarie S antwortete am 24.08.01 (09:38):

Fülle eines Sommermorgens
Lichterstrahlen überm Tau
Lösen übertrieb´nen Sorgens
Ich schau und schau und schau

Beim Blick aus dem Fenster sind mir gerade diese Zeilen eingefallen. Ich möchte mich damit hier in dieser Runde bedanken. Ihr bringt mir viel Bereicherung und Freude!

Herzliche Grüße
Rosmarie


eva antwortete am 24.08.01 (09:46):

Das Sommerloch scheint doch recht gross geraten; ich will
versuchen, es mit einigen Balladen zu füllen :

Schön Agnete

Als Herrn Ulrichs Wittib in der Kirche gekniet,
Da klang vom Kirchhof herüber ein Lied.
Die Orgel droben hörte auf zu gehn,
Die Priester und die Knaben, alle blieben stehn,
Es horchte die Gemeinde, Greis, Kind und Braut,
Die Stimme draussen sang wie die Nachtigall so laut :

"Liebste Mutter in der Kirche, wo des Mesners Glöcklein
klingt,
Liebe Mutter, hör wie draußen deine Tochter singt.
Denn ich kann ja nicht zu dir in die Kirche hinein,
Denn ich kann ja nicht mehr knieen vor Mariens Schrein,
Denn ich hab ja verloren die ewige Seligkeit,
Denn ich hab ja den schlammschwarzen Wassermann gefreit.

Meine Kinder spielen mit den Fischen im See,
Meine Kinder haben Flossen zwischen Finger und Zeh,
Keine Sonne trocknet ihrer Perlenkleidchen Saum,
Meiner Kinder Augen schließt nicht Tod noch Traum - -

Liebste Mutter, ach ich bitte dich,
Liebste Mutter, ach ich bitte dich flehentlich,
Wolle beten mit deinem Ingesind
Für meine grünhaarigen Nixenkind,
Wolle beten zu den Heiligen und zu Unserer Lieben Frau
Vor jeder Kirche und vor jedem Kreuz in Feld und Au !
Liebste Mutter, ach ich bitte dich sehr,
Alle sieben Jahre einmal darf ich Arme nur hierher.
Sage du dem Priester nun
Er soll weit auf die Kirchentüre tun,
Daß ich sehen kann der Kerzen Glanz,
Daß ich sehen kann die güldene Monstranz,
Daß ich sagen kann meinen Kinderlein
Wie so sonnengolden strahlt des Kelches Schein. "

Die Stimme schwieg.
Da hub die Orgel an,
Da ward die Türe weit aufgetan, -
Und das ganze heilige Hochamt lang
Ein weißes weißes Wasser vor der Kirchentüre sprang.

Agnes MIEGEL (1879 - 1964)


Rosmarie Vancura antwortete am 24.08.01 (12:42):

Ins weite Land mit dir

Ich umkreise dich mit meinen Stürmen,
mit Sonnenschein und Morgenröte,
damit dein Sonnenlicht gebäre
eine große, weite Welt.

Ich umkreise deine Morgenstunde,
damit wir trinken können wilden Wein
und bis zum Mittag hin
gebrochen wird dein trocknes Brot.

Ich umkreise deine tiefen Nächte
und zerschlage bis zur Morgenstunde
die letzte volle Gärung deiner Seele,
damit das Werk gelinge,
das ich begann in großen Tagen!

Ich umkreise deine Atemschläge
und pflanz' auf deine tiefe Brust
die Wurzeln eines edlen Weins,
den wir einst trinken in den hellen Sommernächten.

Ich umkreise sanft dein zartes Wesen
und trage dich auf weitem Felde
einer großen Brücke zu,
die wir gebaut für uns - Stein um Stein.

Ich umkreise dich auf dieser Brücke
und geh mit dir ins andre Land,
in die große Weite ein-
wo du den Frieden findest.
.

Ich umkreise deine bangen Fragen
und trage dich auf unsere Brücke
zu den letzten Dingen hin -
damit dein Herz wird endlos schlagen!

Ich umkreise dich bei deiner letzten Erdenstunde
und zeige dir die bittre Schwere
meine dunkelhellen Seelengänge,
um dir zu leuchten auf dem Wege -
dem ahnungsvollen Lichte zu....


Heidi antwortete am 24.08.01 (21:16):

Immer den gleichen Pfad

Ich geh jetzt immer den gleichen Pfad:
am Garten entlang, wo die Rosen grad
Einem sich vorbereiten;
aber ich fühle: noch lang, noch lang
ist das alles nicht mein Empfang,
und ich muss ohne Dank und Klang
ihnen vorüberschreiten.

Ich bin nur der, der den Zug beginnt,
dem die Gaben nicht galten;
bis die kommen, die seliger sind,
lichte, stille Gestalten, -
werden sich alle Rosen im Wind
wie rote Fahnen entfalten.

***

Ich will nicht langen

Ich will nicht langen nach dem lauten Leben
und keinen fragen nach dem fremden Tage:
Ich fühle, wie ich weiße Blüten trage,
die in der Kühle ihre Kelche heben.

Es drängen Viele aus den Frühlingserden,
darinnen ihre Wurzeln Tiefen trinken,
um nicht mehr könnend in die Knie zu sinken
vor Sommern, die sie niemals segnen werden.

***

Ich bin zu Hause

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verlangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.

Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum.

Rainer Maria Rilke

(Internet-Tipp: http://bilux.onlinehome.de/rilke/index.html#MirzurFeier)


sieghard antwortete am 24.08.01 (21:52):


Gebet um Gelassenheit und Weisheit

Gott, befreie mich von dem
Verlangen, jedermanns
Angelegenheiten in Ordnung bringen
zu wollen. Mache mich bedachtsam
und nicht schwermütig, hilfsbereit,
jedoch nicht herrschsüchtig.
Bewahre mich vor der unheilvollen
Angewohnheit zu meinen, ich müsse
zu allem etwas sagen und das bei
jeder Gelegenheit.
Angesichts meines unermesslichen
Vorrats an Lebenserfahrung erscheint
es mir bedauerlich, nicht alles zu
nützen, aber du weißt Herr, dass ich
ein paar Freunde haben möchte am
Ende.

Bewahre mich davor, endlose
Einzelheiten aufzuzählen; verleihe mir
Flügel, zur Hauptsache zu kommen.
Versiegle meine Lippen, was meine
Schmerzen und Leiden anbelangt.
Sie nehmen zu, und die Lust daran,
sie aufzuzählen, wird wohltuender mit
den Jahren.
Um so viel Gnade zu bitten, dass ich
an den Erzählungen über die
Schmerzen anderer Gefallen finden
könnte, wage ich nicht; hilf mir
jedoch, sie mit Geduld zu ertragen.
Trage Sorge dafür, dass ich
einigermaßen liebenswürdig bin ; ich
möchte keine Heilige, kein Heiliger
sein - mit manchen von ihnen ist es
schwer zu leben - aber eine
sauertöpfische alte Person ist eines
der hervorragendsten Werke des
Teufels.

Ich wage es nicht, ein besseres
Gedächtnis zu erbitten, wohl aber
zunehmende Bescheidenheit, und
abnehmende Selbstsicherheit, wenn
meine Erinnerung mit den
Erinnerungen anderer in Widerspruch
zu stehen scheint.
Führe mich zu der großartigen
Erkenntnis, dass ich mich
gelegentlich auch irren könnte.

Schenke mir die Fähigkeit, Gutes zu
entdecken an Orten, an denen ich es
nicht erwarte und Begabungen in
Menschen, denen ich sie nicht
zutraue.

Und gib mir, o Herr, die Gnade, es
ihnen auch zu sagen. Amen.

[kürzlich im Internet aufgelesen]

.


Herbertkarl Huether antwortete am 25.08.01 (00:34):


irrelevanz

seltene toene der erloestheit
zirpen enge gassen von erschrecktsein
in das leere zimmer der gestrecktheit
wenn volle kleider sich langsam entlueften
geben rechte ausrufe von wohlsein
an katzenartige farben das geloestseins ab

viele stimmen der erfuelltheit
werfen rote betbaenke an die wand
die mit stakkatoartigem widerstand
dem lachen sich ergeben

fieberthermometer rieseln klangweilig
aus uebervollen lueften
dem gang des kalten lichtes entgegen
als mir der gedanke kam
das alles schon schon vor langer zeit
unter anderen umstaenden
vieltausendfach dem menschen
gewuenscht zu haben
dem suchend ich entgegenlief
um ihm blicke der besorgnis zu schenken

nimm hin das brot der leere
mit dem so mancher sich zufrieden gab
bevor er es besser wusste
als sein nachbar ihm erlaubte

hkh


Rosmarie.Vancura antwortete am 25.08.01 (08:21):

Lieber hkh! Wunderschön! Vielen Dank und von wem?

Herzlichen Wochenendgruß Ruzenka - Rosmarie V.


Heidi antwortete am 25.08.01 (10:29):

relevant

das brot der leere
erst schluckend
dann wiederkäuend
spucke ich es wieder aus
es macht hungrig
ich will es nicht

blicke der besorgnis
sind nutzlos wenn nicht
taten folgen jedoch
erfüllung bringt nicht immer
erlösung dem wohlsein
folgt leere

das feuer der seele
erkaltet in den engen gassen
der vernunft
aus roter asche und salzwasser
ersteht aufs neue
phoenix

hl


eva antwortete am 25.08.01 (11:33):

Da die Ballade von Agnes MIEGEL - aus politischen Gründen -
keine gute Aufnahme fand, will ich den unverdächtigen
alten GOETHE bemühen - obwohl auch er seinerzeit als
"Fürstenknecht" beschimpft wurde und man ihm die Bewun-derung Napoleons sehr übel nahm ... Sollte man nicht doch
versuchen, die Autoren an ihren Werken zu messen und nicht
an ihrem menschlichen Verhalten - sie hatten ja alle ihre
Fehler, wie auch wir !

Der Fischer

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach der Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt, und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm :
"Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut ?
Ach wüßtest du, wie´s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer ?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her ?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau ?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew´gen Tau ?"

Das Wasser rauscht´, das Wasser schwoll,
Netzt´ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war´s um ihn geschehn :
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.


Irene antwortete am 25.08.01 (18:20):

Auf der Suche nach Seniorenseiten im web bin ich auf diesen
"Gedicht-Salon" gestoßen und bin einfach hingerissen.Von wegen - der Pc sei der Untergang der Kultur ! Dieser
Fund ist mal wieder ein wunderbarer Beweis für die alte chinesische Weisheit, welche besagt:

Es ist besser ein Licht anzuzünden
als die Dunkelheit zu beklagen.

Irene


christel antwortete am 25.08.01 (20:39):

Ich wünsche dir nicht alle Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit - nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche dir Zeit - nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit zum Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun...

(Autor unbekannt)


Rosmarie Vancura antwortete am 25.08.01 (23:07):

Jetzt wo soviele Menschen auf Reisen sind hier einen

Irischen Reisesegen

Möge der Weg dir
nicht zu lang werden

Der Wind sich niemals
gegen dich drehen

Sonnenschein dein
Gesicht bräunen

Wärme dich erfüllen

Der Regen möge
deine Felder tränken

Harm dein Haus
verschonen

Und bis wir zwei
uns wiedersehen

halte Gott dich schützend
in seiner großen Hand


Heidi antwortete am 26.08.01 (09:03):

Sonntagsfrieden

Die Gedanken noch traumverwirrt
Augen versinken im tiefen Blau
des Morgens

weiche Kissen geben Wärme
und Schutz
Nur nicht aufwachen..

hl

Ich wünsche allen einen schönen Sommersonntag


Rosmarie Vancura antwortete am 26.08.01 (09:35):

Es lohnt sich

Es lohnt sich
auch die späteren Jahre voll zu leben
Die lichten Tage auszukosten Schluck für Schluck
den Wolken gleich in Träume zu entschweben
Die Seele kann so übern Alltag sich erheben.

Es lohnt sich
Von der Fülle der Erinnerung zu zehren
den vollen Becher bis zur Neige leeren
gern jeden Tag der uns geschenkt
zu sich zurückzuholen und um der Menschen Urteil
sich einen feuchten Dreck zu scheren


eva antwortete am 26.08.01 (17:38):

Abends beim Einschlafen,
allein,
suche ich in der Erinnerung
nach deinen lieben Worten;
ich hülle mich in sie
wie in eine warme, vertraute Decke
und schlafe sicher und gut.

Morgends beim Erwachen,
allein,
suche ich in den Gedanken
nach deinen lieben Worten -
und in die leere Stube
dringt die Sonne mit ihren Strahlen
und ich beginne fröhlich den Tag.

Wenn du dann bei mir bist
und sagst mir in lieben Worten,
wie gern du mich hast,
dann bewahre ich sie sorgfältig
und hüte sie wie Juwelen.

Bin ich dann einsam,
öffne ich den geheimen Schatz,
putze ihn blank,
damit er nicht matt und blind wird.
Und zuweilen stecke ich mir ein liebes Wort
wie einen Stern an meine Jacke
und gehe damit spazieren,
strahlend,
und niemand sieht ihn.

Nur wenn ein Fremder mir tief in die Augen schaut,
sieht er den Glanz -
er könnte daran verbrennen -
aber er ist nicht gemeint.

eKr


Luzia antwortete am 26.08.01 (17:56):


Hallo Christel,
<> hat doch einen Autor, und zwar:
Elli Michler.--Den vollständigen Text habe ich Dir gemailt, ich hoffe, er ist bei Dir angekommen.
Einen schönen Sommerabend wünscht <


Heidi antwortete am 26.08.01 (22:00):

Gernhardt zum Abend:

Man oH Man

Man ist nur so jung
wie man sich fühlt.

Man denkt nur so tief
wie man sich wühlt.

Man kriegt nur so viel
wie man sich gibt.

Man lebt nur so lang
wie man sich liebt.

***

Sei gut zu dir,
Die Welt ist schlecht.
Das Unrecht blüht,
nimm dir das Recht
und tu den Schritt
zum Ich vom Wir:
Die Welt ist schlecht.
Sei gut zu dir.

***

Katz und Maus

Die Katze spricht: Ich bin nicht so,
wie alle Welt vermutet.
Ich töte Mäuse, ja, jedoch
mit einem Herz, das blutet.
Mit einem Herz, das zuckt und schreckt,
mit einem Herz, das leidet -
Mit meinem Herz? Nein, dem der Maus!
Denn wenn uns etwas scheidet,
die Maus und mich, dann ist es das:
Ich bin der Fresser. Sie ist Fraß.

Robert Gernhardt "Gedichte 1954-1997"
Haffmans Verlag ISBN 3 251 00452 2


Heidi antwortete am 26.08.01 (22:54):

vielleicht dieses noch:

Mäusegedicht

Und dräut die Katze noch so sehr,
sie kann uns nicht verschlingen,
solange wir nur unverzagt
von allem, was noch ungesagt,
von Lust und Frust
von Frist und List
und dem, was sonst noch sagbar ist,
nicht schweigen, sondern singen:
Das Singen wird es bringen!

Robert Gernhardt (s.o.)


KarinD antwortete am 27.08.01 (07:28):

Einen schönen guten Morgen!
Ich mag Rückert.

Alles ein Hauch

Herz nun so alt und noch immer nicht klug
Hoffst Du von Tagen zu Tagen
Was Dir der blühende Frühling nicht trug
Werde der Herbst dir noch tragen?

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Immer zu schmeicheln, zu kosen
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Bis er ihn völlig gelichtet
Alles, oh Herz ist ein Wind und ein Hauch
Was wir geliebt und gedichtet.

(Friedrich Rückert)


sieghard antwortete am 27.08.01 (14:33):



Heimat II

Du schwimmst
auf dem Meer
der Unendlichkeit

Glückt es dir
eine Küste zu erreichen
wird ein Stück Erde
deine Heimat

Rose Ausländer

.


sieghard antwortete am 28.08.01 (10:15):


Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene Buch
Begeisterte Gesichter
Der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, pflanzen
Reisen, singen
Freundlich sein.

[Bertolt Brecht]

.


Rosmarie S antwortete am 28.08.01 (20:03):

Weihnachtsspeck im August

Er sitzt auf Schenkeln, Po und Bauch
und sagt: Ich ärgere mich auch!
Es ist das Kilo Weihnachtsspeck.
Das müsste weg, das müsste weg!

Ganz recht, jetzt haben wir August.
Doch langsam wird mir schon bewusst,
das nächste Christfest kommt gewiss
und mit ihm mancher leckre Biss
in Gans, Maronen, Marzipan...
Zimtsterne schaun mich auch schon an...

Was mach ich mit dem alten Speck,
der nun zum ersten Mal so keck,
dass jedem Trick er widersteht
und einfach nicht mehr runter geht?
Habt ihr nen Tipp Speck-weg-im-nu?
Wie andachtsvoll hört ich euch zu!
Am besten wär ein Zauberwort
wie: Jahresring, geh hurtig fort!

Ach, hör ich schon: Hungre doch fest?
Nein, nein, das gäbe mir den Rest.
Ich lieb doch Leben und Genuss!
Nur die Folgen sind Verdruss...
Wer sagte da: Schmus ihn doch weg,
ein Küsschen gegen ein Gramm Speck...
Genuss durch Kuss wär ja nicht schlecht.
Doch gebt ihr mir ganz sicher recht,
dass süße Küsse sind eher selten.
Dagegen stehen Essenswelten
wie Kipferl, Gans- und Entenbraten...

Lasst mich auf euren Tipp nicht warten!


eva antwortete am 29.08.01 (14:23):

Aktäon

Aktäon hat im dunklen Hain
Das edle Wild gefällt,
Da sah von einem milden Schein
Die Waldflur er erhellt.

Den Silbermond auf weißer Stirn,
Sonst der Gewänder bar,
Und um sie manche nackte Dirn,
Die nicht zu tadeln war,

So stand Diana weiß und zart -
O dreimal selige Birsch !
Sie spritzt´ihm Wasser in den Bart,
O unglückseliger Hirsch !

Wohl sprang er über Stein und Dorn,
Zitternd und verzagt,
An seinen Fersen Götterzorn,
Die wilde Jungfernjagd !

Schon floß sein rauchend Blut so rot
Dianen vor den Fuß ;
Das ist ein schlimmer Jägertod,
Der so verenden muß !

Das letzte wilde Mägdlein sprang
Voll keuscher Wut herzu
Und hielt dem schön gehörnten Fang
Das brechende Auge zu.

Auch heut noch mancher Junker birscht
Durch das Kartoffelkraut,
Der aber, wird er auch verhirscht,
Die Göttin nie geschaut !

Gottfried Keller


hedwig antwortete am 29.08.01 (18:12):

Elternlied

Kinder laufen fort.
Lang her kann´s noch gar nicht sein,
Kamen sie zur Tür herein,
Saßen zwistiglich vereint
Alle um den Tisch.

Kinder laufen fort,
Und es ist schon lange her.
Schlechtes Zeugnis kommt nicht mehr.
Stunden Ärgers, Stunden schwer:
Scharlach, Diphterie!

Kinder laufen fort.
Söhne hangen Weibern an.
Töchter haben ihren Mann.
Briefe kommen, dann und wann,
Nur auf einen Sprung.

Kinder laufen fort.
Etwas nehmen sie doch mit.
Wir sind ärmer, sie sind quitt,
Und die Uhr geht Schritt für Schritt
Um den leeren Tisch.

Franz Werfel


Hier möchte ich noch mal ganz besonders herzlich
danken dafür, daß man den Service so schön nutzen
konnte, sich die jeweiligen Einträge zusenden zu lassen.
Finde so schön selber hin nun. Gruß an alle! hedwig


Heidi antwortete am 29.08.01 (21:28):

Mir träumte einst von wildem Liebesglühn,
Von hübschen Locken, Myrten und Resede,
Von süßen Lippen und von bittrer Rede,
Von düstrer Lieder düstern Melodien.

Verblichen und verweht sind längst die Träume,
Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild!
Geblieben ist mir nur, was glutenwild
Ich einst gegossen hab in weiche Reime.

Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch,
Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden,
Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden --
Dem luftgen Schatten send ich luftgen Hauch.

Heinrich Heine


Grüsse auch von mir ;-))


eva antwortete am 30.08.01 (09:14):

Reim dich oder ich fress´dich -

oder

Wie man einen Wiener Strudel backt


Man nehme : eine Handvoll Mehl,
Wasser, Salz und etwas Öl,
verknete dieses ohne Hasten
und lass´ den Teig ein wenig rasten.

Womit soll man den Strudel füllen ?
Zum Beispiel Kirschen, auch Marillen,
Äpfel-Rosinen, reife Pflaumen.
Beim Schneiden achte auf den Daumen
denn auch ein kleines Tröpfchen Blut
tut einem Strudel selten gut.

Was man dazu noch weiter nimmt :
Vanille, Brösel, etwas Zimt,
natürlich Zucker, nach Belieben
auch Haselnüsse, fein gerieben.

Nun heize man das Ofenrohr
auf zweihunderzwanzig Grad zuvor.

Dann wende man voll Seelenruh
dem Strudelteig sich wieder zu.
Man walze ihn mit voller Kraft,
- hier zeigt sich erst die Könnerschaft ! -
und zieh ihn aus mit zarten Händen,
man muss ihn immer wieder wenden,
bis ganz zuletzt so dünn er dann,
dass durch ihn Zeitung lesen kann
die Köchin. - So steht es im Buche.
Jedoch mit einem herben Fluche
wird sie recht bald erkennen müssen :
Der Teig ist mehrmals durchgerissen ...
Man kann das Loch natürlich flicken
mit Teig - doch wird sie bald erblicken
die nächsten Löcher desperat.
Darum nun hier ein guter Rat :

Wenn du so recht verzweifelt bist,
so wirf den Teig jetzt auf den Mist.
Im Supermarkt, der gar nicht ferne,
verkauft man preiswert dir und gerne
Strudelteig von vielen Arten,
von derben bis zu den ganz zarten,
eilst du damit geschwind nach Hause,
schaffst du es grade noch, zur Jause
den schönsten Strudel zu vollbringen,
es wird dir sicherlich gelingen.

Und jeder wird die Köchin loben.
Beim nächsten mal dann - siehe oben.

eKr


Rosmarie S antwortete am 30.08.01 (12:39):

Liebe Eva,

einfach köstlich - sowohl dein Gedicht als auch der Gedanke an Marillen-Strudel!
Nur, dann wird mein Weihnachtsspeckkilo ja noch kilöiger... :-((

Liebe Karin,
nachträglich möchte ich mich noch besonders für "Alles ein Hauch" von Rückert bedanken. Auch ich liebe ihn. Ich habe dieses Gedicht heute Morgen beim Gassigehen mit meinem Hund gelernt. Hoffentlich weiß ich morgen noch etwas davon - es ist eben alles so hauchig, selbst mein Gedächtnis...
Aber im Ernst, ich empfinde das Gedicht als wunderschönen Ausdruck meines Lebensgefühls.

Herzliche Grüße in diese bereichernde Runde
Rosmarie


KarinD antwortete am 30.08.01 (14:52):

Schönen Tag, alle miteinander!

Freut mich, ROSEMARIE, daß Dir Rückert gefällt. Tja, diese Gedichte hier sollen erfreuen, und scheinen es zu tun. Ist der "Weihnachtsspeck" auf Deinem ..ähh.. "Mist" gewachsen? Einfach köstlich!!
'N Tipp habe ich aber leider nicht :-)).

HEIDI, Heine paßt doch auch immer, gelle? Ich mag ihn jedenfalls. Auch seine Geschichte "Die Nordsee". Kennst Du die?

EVA, hast Du den "Wiener Strudel" selbst gebacken *ähmm* gedichtet? TOLL! Wirf mal bitte 'n Stückchen rüber. Frau kriegt ja Hunger beim Lesen.
--------------
Ich mag auch Ph. Bosmans:

Ich habe genug ......

Ich habe genug.
Ich habe zwei Augen, kostbar wie Diamanten,
einen Mund, um zu pfeifen,
und eine Gesundheit, die nicht zu bezahlen ist.

Ich habe genug.
Ich habe eine Sonne am Himmel.
Ich habe ein Dach überm Kopf. Ich habe zu tun.
Ich habe genug zu essen, und ich habe Menschen,
um sie zu lieben.

Ja, ich habe genug. (Bosmans)

Lieben Gruß von Karin.


Gabriela antwortete am 30.08.01 (14:59):

Im Sommer
von Sarah Kirsch

Dünnbesiedel das Land.
Trotz riesigen Feldern und Maschinen


Liegen die Dörfer schläfrig
In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf.
Im August fallen Sterne.
Im September bläst man die Jagd an.
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch
Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken
Wie Berge fliegen sie über die Wälder.
Wenn man hier keine Zeitung hält
Ist die Welt in Ordnung.
In Pflaumenmuskesseln
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
Feuerrot leuchten die Felder.
-------
Kann mir jemand dieses Gedicht deuten, bitte, es eilt!


Heidi antwortete am 30.08.01 (16:02):

Probleme mit "Hausaufgaben", Gabriela? ;-)

Gedichte kann man nicht deuten, jeder "liest" seinen eigenen Sinn darin. Obwohl dieses Gedicht von Sarah Kirsch doch recht unzweideutig ist. Lies die Biographie von ihr und dann noch einmal das Gedicht.


hedwig antwortete am 30.08.01 (16:41):

Wiederhole meine gestrige Abbestellung der Zusendung
hier mit nochmals herzlichem Danke!


Gabriela antwortete am 30.08.01 (17:00):

@Heidi:
Es sind ja schließlich nicht meine Hausaufgaben, aus dem Alter bin ich längst raus, ich habe nur vorm meiner 14-jährigen Großcousine angegeben, daß ich früher immer besonders gut in Deutsch war, nun kam sie heute zu mir und hat mir dieses Gedicht in dei Hand gedrückt und mich gefragt, ob ich den so freundlich wäre, natürlich habe ich ja gesagt, aber als ich mir das Gedicht durchgelesen hatte, habe ich nur Bahnhof verstenden.
Die Suche im Internet hat mir auch nichts gebracht, also dachte ich, ich versuche es mal hier.
Wenn du weißt, was die Kernaussage dieses Gedichtes ist, dann verrate es mir doch bitte, damit ich mich nicht vor meiner Großcousine blamieren muß.


KarinD antwortete am 30.08.01 (17:36):

Liebe Gabriela!

Vielleicht hast Du hier noch nicht geklickt?
Sonst war's ein Versuch!

Ich wünsche Dir viel Glück beim Finden Deiner Antwort.

Vielleicht bringt HEIDI die Lösung ja vorbei :-))

Mir fällt es auch schwer, den Inhalt zu verstehen, falls es Dich tröstet. Aber H. ist ein bisserl weiter.

Gruß von Karin.

(Internet-Tipp: http://http://www.goethe.de/os/hon/aut/dekir.htm)


sieghard antwortete am 30.08.01 (17:42):


LIEBE IST

Liebe kennt weder Anfang noch Ende.
Liebe ist unsterblich,
mögen die Liebenden auch kommen und gehen.

Liebe ist Sanftheit,
sie vermag selbst das verschlossenste Herz zu erobern.

Liebe wohnt nicht an einem Ort,
sie durchdringt jede Faser deines Wesens.

Liebe kennt keine Geschichte,
allein in der Gegenwart wird sie gefunden.

Liebe hat ihre eigenen Gesetze,
sie ist nicht blind, noch hat sie Augen zu sehen.

Liebe ist schön; selbst dem Hässlichsten
verleiht sie einen Ausdruck von Göttlichkeit.

Liebe ist alles;
doch nur für den, der Liebe will......

.


KarinD antwortete am 30.08.01 (17:48):

Sorry, falscher Link! Hatte zweimal http. dabei.
Ich versuch's noch einmal.
Die Überschrift des Gedichtes lautet übrigens "Im Sommer".

K.

(Internet-Tipp: http://www.goethe.de/os/hon/aut/dekir.htm)


christel grube antwortete am 30.08.01 (18:34):

Die Menschen finden sich in dieser Welt zum Leben,
wie Jahre sind, wie Zeiten höher streben,
so wie der Wechsel ist, ist übrig vieles Wahre.
daß Dauer kommt in die verschiednen Jahre;
Vollkommenheit vereint sich so in diesem Leben,
daß diesem sich bequemt der Menschen edles Streben.

f.hölderlin


christel antwortete am 30.08.01 (18:44):

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln - der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick - des Erdballs Werden und Verglut.


Ruth antwortete am 31.08.01 (00:16):

Gute Nachtgedanken:

Das wünsche ich Dir

Mögen sich die Wege vor deinen Füssen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben,
möge die Sonne warm dein Gesicht bescheinen,
möge Gott seine schützende Hand über dir halten.

Mögest du in deinem Herzen dankbar bewahren
die kostbare Erinnerung der guten Dinge in deinem Leben.

Das wünsche ich dir, dass jede Gottesgabe in dir wachse
und sie dir helfe, die Herzen jener froh zu machen, die du liebst.
Möge freundlicher Sinn glänzen in deinen Augen, anmutig und edel wie die Sonne, die, aus den Nebeln steigend, die ruhige See wärmst.

Gottes Macht halte dich aufrecht, Gottes Auge schaue für dich,
Gottes Ohr höre dich, Gottes Wort spreche für dich.

Gottes Hand schütze dich.

Altirische Segenswünsche für Euch alle.

(Internet-Tipp: http://www.mnr.ch)


Heidi antwortete am 31.08.01 (05:18):

Nun seh' ich wohl, warum so dunkle Flammen

Nun seh' ich wohl, warum so dunkle Flammen
Ihr sprühtet mir in machem Augenblicke.
O Augen! O Augen!
Gleichsam, um voll in einem Blicke
Zu drängen eure ganze Macht zusammen.


Doch ahnt' ich nicht, weil Nebel mich umschwammen,
Gewoben, vom verblendenden Geschicke,
Daß sich der Strahl bereits zur Heimkehr schicke,
Dorthin, von wannen alle Strahlen stammen.
Ihr wolltet mir mit eurem Leuchten sagen:
Wir möchten nah dir bleiben gerne!


Doch ist uns das vom Schicksal abgeschlagen.
Sieh' uns nur an, denn bald sind wir dir ferne!
Was dir nur Augen sind in diesen Tagen:
In künft'gen Nächten sind es dir nur Sterne.

Rückert


KarinD antwortete am 31.08.01 (07:51):

Guten Morgen!

HEIDI - so früh schon auf? Hab auch noch'n Rückert - wenn auch ein bisschen früh noch - von wegen "es ist ein Ros entsprungen :-)):


Ursprung der Rose

Den Rosenzweig benagt ein Lämmchen auf der Weide,
Es tuts nur sich zur Lust, es tuts nicht ihm zuleide.
Dafür hat Rosendorn dem Lämmchen abgezwackt
Ein Flöckchen Wolle nur; es ward davon nicht nackt.
Das Flöckchen hielt der Dorn in scharfen Fingern fest;
Da kam die Nachtigall und wollte baun ihr Nest.
Sie sprach: "Tu auf die Hand und gib das Flöckchen mir,
Und ist mein Nest gebaut, sing ich zum Danke Dir.
Er gab, sie nahm und baut, und als sie nun gesungen,
Da ist am Rosendorn vor Lust die Ros entsprungen!

Allen einen schönen Tag wünscht
Karin.


Rosmarie S antwortete am 31.08.01 (09:15):

Liebe Ruth,

danke für deine anrührenden Segenswünsche!
Ich hatte mal einen altirischen, der mir besonders gefiel, den ich aber leider verloren habe und aus dem Gedächtnis nicht mehr zusammen bekomme. Vielleicht findet er sich in deiner Sammlung?

Nicht, dass keine Träne des Leides über dich komme,
nicht, dass dein künftiges Leben ein langer Weg von Rosen sei,
...
Das alles wünsche ich dir nicht.
Mein Wunsch für dich sei...

Herzliche Grüße
Rosmarie


Dietlinde antwortete am 31.08.01 (11:05):



Was ich dir wünsche?

Nicht, dass du
der schönste Baum bist,
der auf dieser Erde steht.
Nicht
dass du jahraus, jahrein
leuchtest von Blüten
an jedem Zweig.

Aber dass dann und wann
an irgendeinem Ast
eine Blüte aufbricht, dass dann und wann
etwas Schönes gelingt,
irgendwann
ein Wort der Liebe
ein Herz findet,
das wünsche ich dir.

Jörg Zink

aus dem Buch: Mehr als drei Wünsche /Kreuz Verlag

(Internet-Tipp: http://easy.to/haikulinde)


Wolfgang antwortete am 31.08.01 (12:19):

Zu Sarah KIRSCHs "Im Sommer"... Sarah KIRSCH hat viel Naturlyrik geschrieben. Die Stilrichtung "Neue Subjektivität" sollte erklärt und erwähnt werden, denn sie ist davon eine der bedeutendsten VertreterInnen. Ich würde aber nicht zu viel in das Gedicht hinein interpretieren. Trotz grosser Felder und Maschinen (vielleicht ein Hinweis auf die grossen landwirtschaftlichen Betriebe in ihrer Heimat, der DDR) werden ein Stück Natur und Einfachheit und "heile Welt" beschrieben. "Werkimmanent" nennt sich solch eine Heransgehenweise an einen literarischen Text.

Hier noch zwei Links:

Deutschlandfunk - Büchermarkt - Kritiken, Gespräche, Porträts
Sarah Kirsch - Werke in fünf Bänden
http://www.dradio.de/cgi-bin/user/fm1004/es/neu-lit-buch/2579.html

Sarah KIRSCH
http://vassun.vassar.edu/~vonderem/g301/project/Kirsch/

(Internet-Tipp: http://vassun.vassar.edu/~vonderem/g301/project/Kirsch/)


Richard antwortete am 31.08.01 (13:15):

Noch zweimal Rückert, das Zweite liebe ich besonders.

Wenn die Vöglein sich gepaart
Friedrich Rückert

Wenn die Vöglein sich gepaart,
dürfen sie gleich nisten,
ohne Sorg', auf welche Art
sie sich werden fristen.

Ach, dass auch der Menschen zwei
also könnten wohnen
wie die Vöglein frank und frei
in den Laubeskronen!

Brauchte mit der Liebsten ja
nur ein kleines Nestchen:
doch kein Nahrungszweig ist nah,
der mir böt ein Ästchen.

---------------------

Schweigekunst
Aus dem Arabischen des Hariri
ins Deutsche geformt von Friedrich Rückert

Solang man schweigt,
kann man für weise gelten,
doch wenn man spricht,
ist lautre Wahrheit selten.


Gabriela antwortete am 31.08.01 (19:13):

Tagchen

Vielen Dank an alle, die versucht haben, mir ein wenig zu helfen, aber ein Volltreffer war leider nicht dabei.
Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich für die Kleine sowas mache, bis jetzt hatte ich immer auf diesen speziellen Hausaufgabenseiten etwas dazu gefunden, aber in diesen Fall eben nicht, daher war ich gezwungen, selbst darüber nachzudenken (es ist immer wieder schlimm wenn das passiert)
Also bitte korregiert mich, falls Folgendes nicht stimmt:

-Sarah Kirsch beschreibt in dem Gedicht ihre Erinnerungen, worauf das in der 3. Strophe auftauchende "noch" hinweist, d.h. diese "heile Welt" existiert nicht mehr, die Gegenwart ist nicht mehr so harmonisch.


Ich habe da nur noch ein paar kleine Fragen:

"Dünnbesiedelt ist das Land" ist das positiv oder negativ gemeint

"riesige Felder und Maschinen" - Harmonie oder Bedrohung?

"In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf." - Wie ist das gemeint?

Warum werden Wolken mit Bergen verglichen?

Was sagt der Neologismus "Pflaumenmuskessel" aus?

Und "Wenn man hier keine Zeitung hält
Ist die Welt in Ordnung." - Naivität der Bewohner?


Herbertkarl Huether antwortete am 31.08.01 (21:59):


fluestern

fluestere mir noch einmal
jene heiseren worte von
wind und leid
dass ich sehe
dass dir nicht
vor mir bangt

sag mir sacht die dinge
die du von mir hoeren willst
in denen ich mich
fuer dein annehmen bedanke

sind meine lippen auch noch trocken
so denk sie dir feucht
mein sehnen ist wie dein sehnen
wenn auch die bedenken
mir von der seite
nicht weichen wollen

vielerorts kam dein hauch
meiner haut nah
und spiegelnd
ueberraschte dein funkeln
meine ungeduld

samtiges tasten
von verspuertem ahnen
lehnen an schultern
von offenheit

spueren der
annehmlickeit von waerme
und empfinden
im tunnel ohne zeit
geborgen im beieinandersein

hkh


Admin/Seniorentreff antwortete am 01.09.01 (08:35):

Kapitel 16 kann jetzt im Archiv nachgelesen werden. Kapitel 17 ist eröffnet.