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THEMA:   Lyrik DDR 60/70er Jahre

 10 Antwort(en).

Geli begann die Diskussion am 27.03.02 (08:45) mit folgendem Beitrag:

Hallo Lyrikfreunde !
Wer von Euch kennt vielleicht aus dieser Zeit die Schriftstellerin (?) Micaela Lübke? Seit damals kenne ich eines ihrer Gedichte noch fast auswendig, habe aber danach nie wieder was von ihr gehört. Vielleicht erinnert sich wer:

Ob du wohl Zeit hast
wenn der kalte Schnee
noch zögernd
aber hilflos altersschwach
nun endlich taut
von jedem roten Dach?
Hast du dann Zeit
daß ich nicht einsam geh ?

Wirst du nicht schlafen wollen
wenn der Wind
nach dunkelwarmer, feuchter Erde riecht
und frisches Grün
aus allen Ritzen kriecht ...

Jedes Jahr im Frühling fällt es mir wieder ein.
Frühlingshafte Grüße
Geli


pilli antwortete am 28.03.02 (07:50):

hi geli,
nicht nur im frühling fällt mir dazu was ein! welche lyrik soll denn in diesen jahren in diesem teil unserer landes entstanden sein? das wenige, das den namen lyrik verdiente wirst du über den "aufbau-verlag" finden können.
wie denn auch sollten diese menschen in der lage sein, gedanken lyrisch und frei zu äussern? wie denn auch wenn jegliche literatur bereits an der grenze konfisziert und verbrannt wurde?

pilli,
die nur eisige kälte spürt, wenn sie an diess thema zurückdenkt und dankbar und glücklich ist anders leben zu können.


Geli antwortete am 28.03.02 (08:54):

Hallo, Pilli !
@ "welche lyrik soll denn in diesen jahren in diesem teil unserer landes entstanden sein?"
Na, zum Beispiel das von mir (nicht ganz vollständig und nur aus dem Gedächtnis) zitierte Gedicht - es gefällt mir immer noch gut !

Ich bin in jenem Teil des Landes aufgewachsen und habe mir damals u.a. auch dieses Gedicht aus irgendeinem Gedichtband (vielleicht auch Aufbau-Verlag, weiß ich alles nicht mehr) abgeschrieben.

Interessanterweise habe ich inzwischen beim Herumblättern im Forum (ich glaube, unter Lyrik25 ???) ein zweites Gedicht dieser Autorin gefunden, allerdings unter einem anderen Namen ("Das darfst du nie: aus Mitleid zu mir kommen ..."). Das hatte ich mir damals (vermutlich aus dem gleichen Gedichtband) ebenfalls abgeschrieben.

Vielleicht war Micaela Lübke ja keine DDR-Autorin (und wurde nur im Osten gedruckt) ? Vielleicht war es auch nur ein Pseudonym - ich weiß es wirklich nicht. Deshalb habe ich ja hier nachgefragt.

Und: gerade in solchen Systemen flüchten sich Menschen häufig in Lyrik - weg von der Politik, hin zu den Träumen (ob die dann auch gedruckt wurde, ist eine andere Frage).

Einen schönen Tag wünscht allen Lyrikfreunden - in Ost und in West
Geli


Geli antwortete am 28.03.02 (09:18):

Entschuldigung: die Seite im Forum heißt "Gedichte Kapitel24".
Geli


Heidi antwortete am 28.03.02 (09:40):

hier ist es:

Terzinen

Nur das nicht, daß ich mich daran gewöhne,
daß Du den Weg zu mir gefunden hast.
Nur das nicht, daß das unaussprechlich Schöne,
das mich in Deiner Gegenwart erfaßt
alltäglich wird, beraubt des reinen Glanzes,
des Einzigartigen. Du darfst ein Gast nur eines Festes,
Partner eines Tanzes, Gefährte einer guten Stunde sein,
kostbarste Blüte eines bunten Kranzes,
Tropfen von einem auserwählten Wein,
an dem sich meine Liebe stets aufs neue berauscht.
Laß mich zur rechten Zeit allein,
daß ich mich immer tiefer freue.

Das darfst Du nie, aus Mitleid zu mir kommen,
wenn Du mich nicht mehr lieben kannst.
Das eine versprich mir, daß Du unvoreingenommen
und ohne Scheu und Rücksicht mir die reine Wahrheit bekennst.-
Wenn sich die Fäden lösten, die Dich mit mir verbanden,
wenn sich Deine Gefühle wandeln,
kannst Du mich nicht trösten, indem Du es verschweigst
und mich insgeheim weiter umarmst.
Du weißt es, auch die größten Schmerzen
und alle Tränen, die ich weine, sie haben ihren Sinn
jedoch wir sehen ihn meist nicht ein.
Verstehst Du, was ich meine?
Du mußt mich lieben oder von mir gehen.

von Annemarie Bostroem


Heidi antwortete am 28.03.02 (09:50):

"...

3. Sechziger Jahre

Anfang der 60er Jahre gab es in der DDR den Aufstand der jüngeren Generation, der von einem durch Stephan Hermlin im Dezember 1962 in der Akademie der Künste veranstalteten Lyrikabend ausging (Sarah Kirsch, geb. 1935; Rainer Kirsch, geb. 1934; Volker Braun, geb. 1939; Wolf Biermann, geb. 1936). Charakteristisch für das Aufbegehren, das sich nicht gegen die 'Aufbauleistung' als solche, wohl aber gegen die Selbstzufriedenheit der 'Älteren' wandte, ist das Gedicht Meinen Freunden, den alten Genossen von Rainer Kirsch (Barner S. 542 f.). Wolf Biermann, in Hamburg geboren, war 1953 in die DDR übergesiedelt; er brachte das 'Grundgefühl' der jungen Autoren auf den Punkt: "Ich soll vom Glück Euch singen / einer neuen Zeit / doch Eure Ohren sind vom Reden Taub. / Schafft in der Wirklichkeit mehr Glück! / Dann braucht ihr nicht so viel Ersatz / in meinen Worten." (1965 in Die Drahtharfe, hier zit. n. Barner S. 543 f.). Die Welle der kritischen Lyrik reißt nicht mehr ab (vgl. auch Reiner Kunze, geb. 1933); eine erste deutliche Bilanz zieht die Anthologie In diesem besseren Land von 1966.



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4. Entwicklung bis zur Wende

Die 70er und 80er Jahre sind die Zeit der Ausreise und Ausbürgerung der großen Lyriker der DDR. Im November 1976 wird Wolf Biermann ausgebürgert, im Gefolge gehen - mehr oder auch weniger freiwillig u.a. Kunert, Sarah Kirsch, Reiner Kunze und Bernd Jentzsch. "Lyrik über die DDR wurde nun vielfach zu einer Lyrik über das Bleiben oder eben über das Weggehen" (Barner s. 747). Immer deutlicher werden die Defizte angemahnt - bis hin zu dem Befund von Heinz Czechowski (geb. 1935) aus dem Jahre 1987: "Nichts ist eingelöst / Von allen Versprechen: / Wie Herbstlaub raschelnd / Treiben die Worte. / Allzu sicher der Zukunft / Glaubten wir unsern / Propheten" (zit. n. Barner 749). So kann man für diese Zeit durchaus von einer lyrischen "Revision des DDR-Credos" (ebd., S. 747) sprechen. Hinzu kommt- und damit verbunden ist - eine auch in der DDR deutlicher zu Tage tretende Tendenz zur (neuen) Subjektivität sowie eine intensivere Verarbeitung des Mythos (vgl. auch hierzu Kunerts Ikarus 64, S. 31) - dies Letztere vor allem natürlich nicht nur in der Lyrik (Heiner Müller, Christa Wolf).

Seit der Mitte der 70er Jahre gibt es teilweise deutliche Tendenzen zur Hermetik, aber auch zu spielerischer Formenvielfalt, zu Sprachzertrümmerung, Sprachkritik und Intertextualitätsmomenten. Zentrale Errungenschaften der Avantgarde werden ebenso 'nachgeholt' wie die Einflüsse der westlichen 'Beatlyrik'. Es bildet sich auch eine literarische Gegenkultur mit Bohème-Zügen (Prenzlauer Berg u.a.), die aber bereits vor den Stasi-Debatten zerklüftet und in sich zerstritten war. - Weitere wichtige Autoren, die in dieser Zeit besonders auf den Plan treten, sind: Uwe Kolbe (geb. 1957), Elke Erb (geb. 1938), Sascha Anderson (geb. 1953)
..."


aus http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/Braungart/skripten/ws98/Vl41297.html


Hans-Jürgen antwortete am 28.03.02 (19:32):

Es scheint verdienstvoll, sich mit *diesem* Teil unserer deutschen Vergangenheit zu befassen. Ein paar Jahre weiter zurück kann man auf das folgende Gedicht von Johannes R. Becher stoßen, von 1954-58 (soweit ich weiß) Kulturminister der "DDR":

Stalin

Es wird ganz Deutschland einstmals Stalin danken.
In jeder Stadt steht Stalins Monument.
Dort wird er sein, wo sich die Reben ranken,
Und dort in Kiel erkennt ihn ein Student.
Dort wirst Du, Stalin, stehn, in voller Blüte
der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
und winkt zu sich heran ein scheues Reh.
Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben,
Dankt man Dir, Stalin, und sagt nichts als: "Du!"
Ein Armer flüstert "Stalin" noch im Sterben,
Und Stalins Hand drückt ihm die Augen zu.


Geli antwortete am 28.03.02 (22:24):

Eigentlich wollte ich ja keine politische (oder kulturpolitische) Diskussion entfachen, sondern einfach nur etwas über die von mir erwähnte Lyrikerin erfahren (die halt zufällig - wahrscheinlich - aus der DDR war).
Aber vielleicht kennt ja jemand dieses Gedicht:

So sehr gesehnt hab ich mich nie vorher
und noch niemals so gesehnt - bis heut;
es waren viele, lange, schwere Tage.
Und heut, am Ende, steh ich da und sage:
ich kannīs nicht ändern, und es tut mir leid,
ich liebe dich nicht mehr.

Auf diesen Frühling hab ich mich gefreut
so hoffnungsvoll und tief und immerzu;
jetzt werde ich ihn einem andern zeigen.
Jetzt hat mein Herz nur fremdes, kaltes Schweigen,
und wenn es redet, sagt es nicht mehr Du.
Und hab mich so gesehnt.
Es tut mir leid.

Einen schönen Abend noch wünscht allen Geli


pilli antwortete am 29.03.02 (08:51):

hi Geli,

wird schon so sein, dass ich mit dieser art von lyrik herzlich wenig anfangen kann und gleich "stop" signalisiere.

hi Hans-Jürgen,
ist das nicht einfach nur peinlich? zu johannes r. becher habe ich beim stöbern bei google noch weitere unglaubliche fakten gefunden:

u.a. erschoss seine feundin; sein versuch sich auch zu töten, misslang. wegen mangelnder deutschkenntnisse nicht versetzt, morphinist und vieles üble mehr. mich wundert, wie man unter diesen voraussetzungen kulturminister werden konnte. gerade überlege ich, wenn er proklamiert hätte, die erde ist eine scheibe, auch das hätten viele bestimmt frenetisch beklatscht.

pilli


Geli antwortete am 29.03.02 (09:38):

Ob diese Diskussion wohl auch so verlaufen wäre, wenn ich im Titel "DDR" weggelassen hätte ???

Österliche Grüße an alle Lyrikfreunde (auch an die, denen meine zitierten Gedichte aus dem einen oder anderen Grund nicht gefallen) von Geli


pilli antwortete am 29.03.02 (10:33):

@ Geli,
bestimmt :-)),
nur hier lautete die themenüberschrift, die du gewählt hast, halt so.
auch meine österlichen grüsse an dich. ostern bedeutet ja auch "auferstanden" und "auferstanden aus ruinen," wenn auch viele jahre später seit becher`s wirren lyrikversuchen
sind ja die neuen länder. nur halt anders als becher glaubte.*gg*

nette grüsse,
pilli