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THEMA:   Rechtschreibreform

 27 Antwort(en).

Karl begann die Diskussion am 27.07.00 (10:31) mit folgendem Beitrag:

Die FAZ möchte die Rechtschreibreform rückgängig machen? Hat sie uns bisher wirklich behindert? Ich geniesse die neue Freiheit im wesentlichen schreiben zu können wie ich will (da niemand mehr weiss was richtig ist).

Übrigens auch dem Englischen steht eine Reform bevor:

http://www.zum.de/schule/Faecher/E/newengl.htm


;-))

(Internet-Tipp: http://www.zum.de/schule/Faecher/E/newengl.htm)


Ilse antwortete am 27.07.00 (13:22):

Die Reform rückgängig machen - das geht wohl nicht. Einige Änderungen halte ich auch für sinnvoll, wenngleich ich mich (noch) nicht daran halte. Karl hat es treffend ausgedrückt: Niemand weiß, was richtig ist; aber wußte es vor der Reform jeder? Die deutsche Sprache ist m. E. eine der schwierigsten, voller Unregelmäßigkeiten.


Trudi antwortete am 27.07.00 (22:57):

Ob die FAZ da nicht "auf dem falschen Dampfer" ist? Wie sollen denn unsere Kinder oder besser Enkel dann noch wissen, wie es richtig ist, wenn jeder macht, was er will? Ich habe mich, wie ich durchaus zugebe, auch nicht besonders gern umgestellt - bzw. versuche es auch immer noch. Aber es hilft halt nicht. Im Beruf und als Omi muss ich sehen, dass ich auf dem Laufenden bleibe. Und darum finde ich es ausgesprochen kurzsichtig von der FAZ, nun noch einmal eine Kehrtwendung zu machen.


Michalowsky antwortete am 28.07.00 (08:22):


Große Aufmerksamkeit hat bei mir die Mitteilung gefunden, daß die FAZ zu den alten Rechtschreiberegeln zurückkehrt, die Ziele der Rechtschreibereform seien nicht erreicht worden. Ich habe gejubelt, denn diese Reform war ja wohl eine Publikumsvergewaltigung ersten Ranges. Ehrlicherweise muß ich aber sagen, daß man so sehr viel davon nicht gemerkt hat, mich hat immer nur das sehr häufig zu lesende Wort Tipp (=Tip) und Potenzial (=Potential) aufgeregt. Gerade Letzteres können sich doch nur ganz große Ignoranten ausgedacht haben. Die Herkunft ist das lateinische Wort Potentia und nicht Potenzia, und uns war es im Lateinunterricht sogar untersagt gewesen, das als Potenzia auszusprechen, sondern wir mußten wirklich Poten-t-i-a sagen.

Natürlich fühle ich mich selbst nicht in dem reglementiert, was ich wie schreibe, was ich aber lesen muß, das kann ich mir leider nicht aussuchen.

Ich hoffe, daß das Vorgehen der FAZ Schule macht. Die Wiener Zeitung "Die Presse" hat von vorneherein erklärt gehabt, die neuen Regeln zu ignorieren. Die Neue Zürcher hat sich eine eigene Interpretation vorbehalten - wo ist nun die Vereinheitlichung?

Die Sprachschöpfer in Mannheim und anderswo reagieren wie die beleidigten Buben, denen man ihr Spielzeug wegnehmen möchten, was ich bei deren Fernsehpräsentation vor einigen Tagen sehr erheiternd fand.

Unter unten angegebenen URL kann man über das Vorgehen der FAZ abstimmen!

(Internet-Tipp: http://www.vienna.at/tools/ted/ted-fragen.asp)


Frank Hübler antwortete am 28.07.00 (11:04):

Wenn wir ehrlich sind: auch die alte Rechtschreibung haben die wenigsten beherrscht, und viele werden vermutlich auch die neue Rechtschreibung bisher kaum wahrgenommen haben, selbst wenn sie in den Tageszeitungen verwendet wird ;-) Als jemand, der sich viel mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt hat, weiß ich, dass auch ohne strenge Rechschreib-Regelungen gut auskommt und trotzdem Weltliteratur produzieren kann.
Statt uns über ein paar geringfügige Regelungen wie Trennstriche, Kommas und Großschreibung im ein oder anderen Fall zu ereifern, sollten wir uns lieber drüber freuen, dass so viele Menschen hierzulande schreiben und lesen können ... global und historisch gesehen ist das durchaus nicht selbstverständlich.
Man könnte auch die provokante These aufstellen: Je unsicherer und uneinheitlicher die Rechtschreibung ist, desto flexibler denken auch die Köpfe, die sie interpretieren und desto weniger Schwierigkeiten haben die Leser mit durchaus lesenswerden älteren und alten Texten.

Von der FAZ bin ich enttäuscht, dass sie diesen blödsinnigen Streit nun wieder entfacht, solche Holzköpfe hätte ich in dieser Redaktion nun wirklich nicht erwartet, aber man lernt ja nie aus. Wie kann man nach so kurzer Zeit erwarten, dass sich die Regeln in den Köpfen und im Alltag bereits durchgesetzt hätten. Das Proklamieren des Scheiterns der Reform ist verfrüht und das Verhalten der FAZ-Oberen ist doch nur ein gekränktes Nachtreten einiger, die sich zu edel vorkommen sich auf ihre alten Tage noch mal an etwas Neues anzupassen. Aber vielleicht hat es ja auch den positiven Effekt, dass über weitergehende und bessere Reformen nachgedacht wird. Wenn das die Intention war, nehme ich die Kritik auch wieder zurück.


Trudi antwortete am 28.07.00 (23:39):

Frank, Du sprichst mir aus dem Herzen - Sprache lebt nun mal, das sollten wir alle nicht vergessen! Wir schreiben heute ja auch nicht mehr wie unsere Großeltern oder Urgroßeltern. Aber offensichtlich wollen viele das nicht sehen.


Eva Wenzel antwortete am 29.07.00 (05:30):

Muss Trudi zustimmen, dass Frank eine klare Linie in dieses ewige Hinundher gebracht hat , auch fuer mich annehmbar.
Meine Tochter bestaetigte mir, dass es fuer ihren 1ojaehrigen Sohn kein Problem waere umzulernen. Fuer mich stand von Anfang an fest, dass ich in meinem Alter weiter so schreiben erde, wie ich es gelernt habe, so flexibel ich auch sonst bin. Aber wir muessen doch wohl alle zugeben, dass unsere deutsche Sprache ihre Schwierigkeiten hat.Bin ganz ehrlich, habe waehrend meiner Schulzeit beim Diktatschreiben selten fehlerlos geschrieben, leider.
Also entschuldigt bitte, wenn ich einen Schreibfehler mache.
Das war dann eben ein Tippfehler!
Eva


Karin Häsing antwortete am 31.07.00 (18:15):

Hallo Karl,

im Wesentlichen wird groß geschrieben - definitiv!!! Nach der neuen Rechtschreibung! ;-))
Soviel zur Beliebigkeit!!! - Im Ernst, der Kurs zur neuen Rechtschreibung hat mir viel Spaß gemacht. Es war einer der kurzweiligsten Fortbildungen, die ich je gemacht habe. Ich muss ja nicht drin schwimmen können, in den neuen Schreibweisen. Ich habe ein hervorragendes Ortografieprogramm als Schwimmweste. - Und ich stimme dir voll zu. -
Das kann man doch alles nicht mehr Ernst nehmen, oder???

Ich habe ein Faible für die Sprache, sowohl für Deutsch als auch für Englisch, und ich bin froh, dass ich keine Schülerin mehr bin. Meine 20-jährige Tochter behauptet, für das Erlernen der neuen Rechtschreibung zu alt zu sein und begrüßt das Vorgehen der FAZ. - Ich bewerbe mich in die Dudenkommission, vielleicht kann ich so ein Zubrot zu meiner dereinst wahrscheinlich viel zu knapp bemessenen Altersrente erwerben. - Mein nächstes Attentat wäre dann: Alles wird klein geschrieben (hat mein Linguistik-Prof. schon vor 25 Jahren durchzusetzen versucht. - Ohne Erfolg!)
- Generationen von frustrierten SchülerInnen werden mir Dankesbriefe schreiben. Da fällt es mir dann nicht mehr so schwer, von einer meiner hervorragendsten Fähigkeiten Abschied zu nehmen, nämlich "richtiges Deutsch zu schreiben!" (Schnief?!)
Wenn eh' alles egal ist....?!) ;-))))

Viele Grüße
Karin


Karin Häsing antwortete am 31.07.00 (19:46):

Mea culpa
es muss natürlich heißen: Es war e i n e der kurzweiligsten...

Nur um zu beweisen, dass ich sie wirklich konnte, die deutsche Grammatik und die deutsche Rechtschreibung.

Tschüß
Karin


Manfred Franz antwortete am 31.07.00 (21:49):

Wenn nach fast 90 Jahren, die letzte Rechtschreibreform war doch wohl 1907 (?), mal wieder die Rechtschreibung der lebenden Sprache angepasst wird, finde ICH das richtig. Oder wollen wir so lange warten, bis kein Wort mehr so gesprochen wird, wie es geschrieben steht, wie z.B. im Englischem?
Und eine Vereinfachung hatte unsere Rechtschreibung doch wohl nötig- oder wer will da behaupten, ALLE Orthographie- und die vielen Ausnahmeregelungen dazu, absolut beherrscht zu haben?
Ich jedenfalls finde die neue Rechtschreibung in ihren logischen Vereinfachungen schon in Ordnung. Bis auf einige Ausnahmen. Z.B.die Kleinschreibung der direkten Anrede außerhalb der Höflichkeitsform, gefällt mir gar nicht. Oder sind uns vertraute Menschen, zu denen wir "DU" sagen, weniger wert, als die, die wir "siezen"?? Aber vielleicht bin ich da zu altmodisch.
Jedenfalls sollte man die ganze Sache nicht so überernst nehmen- sicher ist es auch ein neues Stück Freiheit, das uns, etwa bei der Interpunktion, geschenkt wurde.

(Internet-Tipp: http://Radefeld.here.de)


Michalowsky antwortete am 02.08.00 (19:01):

Kommando zurück - heißt es jetzt auch beim Deutschen Hochschulverband. Denn wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung kehrt jetzt auch die Berufsvertretung der Professoren und Privatdozenten zur alten Rechtschreibung zurück. Und zwar ab 1. Oktober. (Wenn das kein Gewicht hat!)

Hartmut Schiedermair ist der Präsident des deutschen Hochschulverbandes und hat dazu ein Interview gegeben, das unter der unten angegebenen URL des Norddeutschen Rundfunks nachgelesen werden kann.

(Internet-Tipp: http://www.ndr4.de/cgi/framer/interviews/200008023.html)


Michalowsky antwortete am 03.08.00 (12:50):

Auszug aus einer Presseveröffentlichung des SWR:

SWR-Mitarbeiter dürfen an alter Rechtschreibung festhalten
SWR-Intendant Prof. Peter Voß sieht sich durch FAZ bestätigt


Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Südwestrundfunk (SWR)
ist es nach wie vor ausdrücklich freigestellt, an der alten Rechtschreibung
festzuhalten und die Regeln der Rechtschreibreform nicht zu beachten. Dies
hat SWR-Intendant Peter Voß auf Anfrage bestätigt. Lediglich in offiziellen
Dokumenten und im Erscheinungsbild des SWR -wie etwa bei
Programmeinblendungen - werde der SWR die neuen Regeln weiterhin
anwenden, um z. B. bei Schulkindern keine Verwirrung zu stiften. Er selbst,
so Voß, halte weiterhin an der alten Schreibweise fest und fühle sich durch
die Entscheidung der FAZ bestätigt.

Voß verwies in diesem Zusammenhang auf ein Schreiben vom 22. Juni 1999
an die leitenden Mitarbeiter des SWR, in dem er mitgeteilt hatte: »Was den
sonstigen Gebrauch der neuen Rechtschreibung angeht, stelle ich die
Anwendung in Ihr Ermessen. Ich akzeptiere auch Briefe, in denen Kölnisch
Wasser statt kölnisch Wasser oder ein Schwarzes Brett statt eines
schwarzen Bretts (was in beiden Fällen eben nicht dasselbe ist) oder ein
Mißstand statt eines Missstandes vorkommt; ich selbst werde in solchen
Fällen bei der alten und nach meinem Dafürhalten besseren Schreibweise
bleiben.«

Alles in allem: Es steigt nun wohl die Hoffnung, daß die ganze Rechtschreibe-Mißgeburt gekippt wird! Die wenigen Beispiele, die Peter Voß gibt, sollten schon alleine überzeugend sein!

(Internet-Tipp: http://www.swr.de/presse/archiv/2000/08/02/402/index.html)


Michalowsky antwortete am 03.08.00 (20:49):

Darmstadt (dpa) - Die Deutsche Akademie für Sprache und
Dichtung fordert die Rückkehr zur alten Rechtschreibung. In einer
Mitteilung appelliert die Organisation an alle Zeitungen, Verlage,
Betriebe und staatliche Stellen. Diese Reform sei von Anfang an
eine Missgeburt gewesen, hieß es. Fachleute hätten einhellig
gegen die Reform votiert. Die einzige veröffentlichte
Untersuchung über die Auswirkungen auf die Schule komme zu
einem negativen Ergebnis.


Michalowsky antwortete am 03.08.00 (21:16):

Auszug aus einer Veröffentlichung des Deutschlandfunkes - der gesamte Beitrag ist unter der unten stehenden URL nachzulesen -:

Es stimmt auch nicht, was so oft gesagt wird - wenn
jedenfalls die Reformer nicht ihr Lied von der
‘Jahrhundertreform’ intonieren -, daß nämlich die Reform gar
nicht viel verändert habe. Vielmehr kann weniges in einer
Schrift schon ziemlich störend sein, jedenfalls für sensible
Leser, und davon gibt es, wie man sieht, eine ganze Menge.

Wer von der so überaus starken Reaktion auf den Beschluß
der Frankfurter Allgemeinen überrascht ist, hat entweder
nicht einzuschätzen gewußt, was die Reform anrichtet, oder
er hat gemeint, daß die Allgemeinheit sich letztlich damit
abfinden würde, etwa um des lieben Friedens willen.

Es ist überaus erfreulich, daß dieserart Annahmen sich als
falsch erwiesen. Zwei Drittel der Deutschen sind laut
Umfragen nach wie vor gegen die Reform, trotz allen Drucks
von oben und allen vorauseilenden Gehorsams, von dem man
in Deutschland noch immer nicht genug zu haben scheint.

(Internet-Tipp: http://www.dradio.de/cgi-bin/user/fm1004/es/neu-feuilleton/411.html)


Günter Peltz antwortete am 03.08.00 (21:32):

Eines hat die Rechtschreibreform erreicht: Butter aufs Brot bestimmter Verlage! Ich möchte nicht verklagt werden, daum nenne ich nicht Roß und Reiter.


Günter Peltz antwortete am 04.08.00 (10:17):

Lieber Michalowsky und die anderen. Wenn Potential zu Potenzial wird, warum wollen die maßgebenden Eierköpfe nicht auch daß man nazional (nazi... ist doch gut, gelle?) Internazionale usw. schreibt? Das ganze ist doch irrazional! ;-) Gruß Günter


Ilse antwortete am 04.08.00 (13:57):

'rin in de Kartoffeln, 'raus aus de Kartoffeln ...das kommt doch alles Jahre zu spät.


Karin Häsing antwortete am 04.08.00 (14:25):

Hallo Karl, hallo Jo,

nach Durchsicht der angegebenen Artikel kann ich nur eins sagen:
Ganz langsam geht mir hierbei wirklich der Humor aus. Fällt es eigentlich niemandem auf, dass es sich längst um den Streit der Priviligierten handelt?

Die von oben diktierte Reform fand ich schon schlimm genug. Aber dass ein Herr Professor es wagt, in der Öffentlichkeit zu sagen, man habe die neuen Schreibweisen ein Jahr lang ausprobiert und sei zu der Überzeugung gekommen, dass sie nachgebessert werden müsse, das finde ich schon sehr entlarvend. Das Gleiche gilt für die Herren Redakteure.

Warum gibt es eigentlich keinen Aufschrei aller Hochschulsekretärinnen, die, hoffnungslos unterbezahlt, tagtäglich damit beschäftigt sind, die zum Teil hanebüchenen Formulierungen, die die Herren Professoren und ihre Assistenten zwischen ihre Formeln setzen, ganz abgesehen von den grammatikalischen und orthographischen Schnitzern, auszubügeln und in einigermaßen verständliche Verbindungsstücke umzuschreiben? Auch diejenigen, die sich Geistes-wissenschaftler nennen, nehme ich dabei nicht aus. Ich hatte ausgiebig mit ihnen allen zu tun.

Die Behauptung nämlich, die schreibende Zunft, zu der der Herr Professor sich und seine Standesgenossen zählt, habe in der Regel keine Probleme mit der deutschen Sprache, stelle ich schlicht in Abrede. – Meine reichhaltigen Erfahrungen mit diesem Teil der „schreibenden Zunft“ sagen mir nämlich ganz etwas anderes. Und dass der Herr Professor und seine Kollegen ein ganzes Jahr gebraucht haben (nach Einführung wohlgemerkt! – Nicht nach Bekanntwerden der beabsichtigten Änderungen!), um die Auswirkungen in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit zur Kenntnis zu nehmen , bestätigt mich da doch voll und ganz. Warum sind sie denn nicht auf die Barrikaden gegangen, als es noch Zeit war? Die Vorbereitungen gingen doch über Jahre! Warum haben sie die mehrfachen Versuche, die Reform gerichtlich kippen zu lassen, nicht nachhaltig unterstützt?

Als ich mich vor zwei Jahren an der medizinischen Fakultät der RWTH Aachen bewarb, fragte ich den Herrn Professor, wie man es denn dort mit der neuen Rechtschreibung halte. Er musste er seine Sekretärin fragen! Er wusste es nicht!!!

Komme mir jetzt keiner mit dem Argument, er habe schließlich Wichtigeres zu tun, als sich im Vorfeld schon mit solchen Entwicklungen zu beschäftigen! - Wenn wir das nicht einmal von unserer geistigen Elite fordern können, wie kommen wir dazu, so etwas von unser SchülerInnen, LehrerInnen, ErzieherInnen zu fordern!

Die Bequemlichkeit nämlich liegt nicht auf Seiten derer, die die Auswirkungen dieses Streites erleiden, nämlich SchülerInnen, LehrerInnen, und nicht zu vergessen die HilfslehrerInnen der Nation, die Mütter und manchmal auch die Väter. Die Bequemlichkeit liegt auf Seiten derer, die jetzt so gewichtig daherkommen und auf ihre Privilegien pochen.

Aber wir haben ja Zeit genug und sonst keine Probleme! Wir haben uns die unaussprechliche Mengenlehre angetan, wir werden uns die Rechtschreibreform antun, und wir werden uns auch noch die Kehrtwende antun, wenn's denn sein muss. -
Wir werden in unserer Eigenschaft als Mütter oder Großmütter unseren Kindern Enkeln bei der neuen Rechtschreibung behilflich sein. Als Sekretärinnen je nach Arbeitgeber die alte Rechtschreibung konservieren, als freie Journalistinnen je nach Blatt, für das wir schreiben, die alte und die neue Rechtschreibung anwenden, Und als Dichterinnen werden wir uns die "dichterische Freiheit" gewähren, zu schreiben, wie es uns passt. Und zum Schluss alles durcheinander. Das Chaos ist perfekt. Wohl denen, die wie ich selbst einigermaßen klarkommen und/oder sehr intelligente Kinder oder Enkel haben. Alle anderen haben eben Pech gehabt! Und dass ich zum Schluss nur die weibliche Form aufzähle, ist beabsichtigt. Denn wir, die Frauen sind es überwiegend, die in die vielen Rollen zu schlüpfen haben und das tagtäglich mehrere Male. Wir haben meistens keine Assistentinnen und Sekretärinnen.

Hier kann ich leider kein abmilderndes Smiley hineinsetzen, das meine ich so wie ich es schreibe. Ich bin empört!!!


Michalowsky antwortete am 06.08.00 (19:13):


Liebe Karin,

vielleicht hast Du ja von der neuesten Entwicklung schon selbst Kenntnis genommen, aber hier nachfolgend ein Zitat aus dem Nachrichtenteil von n-tv (aus dem Internet) vom 6. August.

Ich denke, der Lehrerverband und erst recht der Elternverein sind im Sinne Deiner Ausführungen unverdächtig, da weder akademisch-professoral noch einseitig männlich dominiert - die genauen Zahlenverhältnisse kenne ich zwar nicht, aber die Lehrerschaft ist in großen Teilen eine Lehrerinnenschaft, und im Elternverein sollten doch die Mütter ein hinreichend gewichtiges Wörtchen mitreden können.

Ich gebe Dir in Vielem recht, vor allem hätte das Unheil früher, nämlich vor seinem Entstehen, abgewendet werden können, aber am Ende ging es nur noch um das berühmte Wahren des Gesichtes und Durchhalten um seiner selbst willen.

Rechtschreibreform auch unter Lehrern umstritten

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, hat
sich für eine partielle Rückkehr zur alten Rechtschreibung
ausgesprochen. Den Unterschied zwischen Doppel-S und scharfem
S könne den Schülern zwar vermittelt werden, doch die neuen
Regeln für die Zusammen- und Getrenntschreibung seien "völlig
wirr".

Ferner forderte Kraus "eine verbindlichere und exaktere
Kommasetzung". Die Schule sei in einer Situation, in der sie zum
Rechtschreib-Elfenbeinturm werde: über kurz oder lang würde
niemand mehr den Lernstoff außerhalb der Schule praktizieren.

Auch der Deutsche Elternverein will wieder zurück zur alten
Rechtschreibung. Es dürfe nicht sein, dass es zu einem Nebeneinander
verschiedener Orthografien kommt, aus denen sich jeder wie im
Supermarkt das passende Produkt aussucht, sagte die Vorsitzende
Heidemarie Mundlos.


Frank Hübler antwortete am 07.08.00 (02:36):

Lieber Herr Michalowsky, was wollen sie uns eigentlich mit diesem Bombardement mit verkürzten Zitaten und Interviews der Rechtschreibreformgegner sagen, die danach nichts anderes proklamieren als "zurück" und keine Alternative anbieten?
Haben Sie auch eine eigene Meinung dazu, wie man sonst die veraltete und umständliche deutsche Rechtschreibung besser hätte vereinfachen können? Was soll denn die Lösung sein? Weiter so wie all die Jahre? Dagegen sein, weils schick ist gegen alles zu sein? Das kanns ja auch nicht sein.
Also wenn nun die ganzen Millioneninvestitionen, die bisher in die (m.E. grundsätzlich begrüßenswerte) Reform gesteckt wurden, in den Wind geschossen werden sollen, möchte ich auch noch was Konstruktives, etwas Zukunftsweisendes hören! Dass die Reform nicht in allen Punkten das Gelbe vom Ei ist, leuchtet ein, aber deshalb muss man ja nicht gleich wieder ganz von vorne anfangen. Genauso gut kann man die Reform doch in aller Ruhe auch positiv weiter entwickeln.
Ich verstehe diese derzeitige Panik- und Stimmungsmache in den Medien jedenfalls nicht. Die "Intellektuellen" in diesem Lande scheinen den Verstand verloren zu haben, wenn sie dieses eigentlich schon gegessene Thema nun wieder derartig aufkochen. Schließlich wird niemand standrechtlich erschossen, wenn er sich nicht an die neuen Regeln hält und seine Sprache wird auch niemand deswegen verlieren, und die deutsche Sprache wird auch kaum untergehen wenn sie weniger reguliert ist.


Ricardo antwortete am 07.08.00 (22:12):

Alen menschen rehcht getahn,
ist eine kunßt die nimand kan


Brigitte antwortete am 09.08.00 (01:30):

Als direkt 'betroffene' (lehrerin in der grundschule, 54) kann ich nur sagen:
Die rechtschreibreform ist leider halbherzig und an vielen stellen unlogisch.
Beispiele: ck ist der verdoppelte mitlaut kk nach kurzem vokal. Warum schreiben wir dann nicht kk und trennen die wörter auch entsprechend?
Warum dieser wirrwarr bei der groß - und kleinschreibung? Haben Sie etwa mühe diesen text zu lesen?? Das wäre eine echte erleichterung für schüler (auch lehrerInnen), nicht zuletzt für ausländer gewesen, wenn außer satzanfängen und eigennamen alles klein geschrieben würde wie in vielen anderen sprachen auch.
Meine schüler jedenfalls haben akzeptiert, dass bestimmte texte in büchern auf die alte weise geschrieben werden. Sie können das genauso lesen und es macht ihnen spaß, wörter zu entdecken, die wir heute anders, aber ebenso leserlich schreiben.
Sprache und schrift entwickeln sich, es geht m.e. nichts von Goethes inhalten verloren, nur weil sich die schrift etwas ändert!


Karin Häsing antwortete am 09.08.00 (10:29):

Lieber Johannes,

ich hatte es noch nicht vernommen, vielen Dank einstweilen.- Klammheimliche Freude?

Lies' meine Polemik nochmal. Du hast noch eine Chance.

Ich geb' dir 'nen Tip (nehme ich jetzt die neue, die alte oder beide Schreibweisen?).

Die LehrerInnen sind allemal die "Erleidenden". Und die Eltern. Und da sie das alles umsetzen müssen, wünsche ich mir, dass sie mit ihren Vorstellungen durchkommen. Denn sie sind die PragmatikerInnen. Dabei ist es mir völlig egal, ob die neue oder die alte Rechtschreibung oder irgendetwas dazwischen. Wie gesagt, ich habe damit keine Probleme.

Im wesentlichen (diesmal alte Schreibweise) richtete sich mein empörter Aufschrei gegen den intellektuellen Hochmut dieser akademisch-professoralen Kaste, die es gerade nötig hat. Ihnen (den Professoren und ihren Assistenten) stehen zwar viel mehr Worte zur Verfügung als den „gewöhnlich Sterblichen“, aber damit schreiben sie auch viel mehr Unfug als alle anderen zusammen. Nur kommt sowas nie ans Licht des Tages. Eloquenz und geschliffene Rhetorik ist eben noch lange n i ch t !!! gleichbedeutend mit umfassender Kompetenz im schriftlichen Sprachgebrauch. Und um die Schriftsprache geht es schließlich.


Liebe Grüße
Karin


Gisbert Pfundt antwortete am 09.08.00 (23:23):

Richtig ist, dass die Rechtschreibreform in einigen Dingen nicht weit genug gegangen ist.
Aber alle, die gegen die Reform sind, möchte ich fragen, ob sie heute noch z.B. "Thor" statt "Tor" schreiben möchten oder statt (soweit noch jetzt notwendig) "sh" statt "ß", und es gäbe noch viele Beispiele aus früheren Zeiten. Ich nehme an, dass damals bei der früheren Reform (kurz nach 1900) die Älteren auch dagegen waren, weil es gegen ihre bisherige Gewohnheit war. Reformen bedeuten nun mal Änderungen, an die man sich erst gewöhnen muß. Wer in einigen Jahren die neue Rechtschreibung von Kind auf gewöhnt ist, wird diese Diskussion nicht mehr verstehen, so wie wir alle (Senioren!) auch über die sicher damals ebenfalls vorhandenen Diskussionen noch heute lachen würden.


Friedgard Seiter antwortete am 10.08.00 (20:29):

Wir haben im Mannheimer Morgen einen hervorragenden Karikaturisten, Andreas Rulle, der zu diesem Thema eine Zeichnung gemacht hat. Mit Hilfe von Karl möchte ich sie Euch zugänglich machen, nachdem ich mir telefonisch von Andreas Rulle selbst die Erlaubnis hierzu eingeholt habe.
Viel Spaß beim Betrachten!
URL: http://www.seniorentreff.de/gifs/forum/duden.jpg


Trudi antwortete am 11.08.00 (23:31):

Liebe Friedgard,
treffender hätte man es kaum darstellen können. Danke für Deine Idee, diese Karikatur im Forum vorzustellen. Es hat Spaß gemacht, sie zu betrachten.
(Ist alles richtig geschrieben - alt bzw. neu?)


Karin Häsing antwortete am 15.08.00 (16:08):

Eigentlich war die Karikatur, die durch den angegebenen Link von Friedgard Seiter zu finden war, ein gelungener Abschluss der Diskussion. Dennoch bitte ich zu verzeihen, dass ich eine mir auf meinen letzten Beitrag zugeschickte Stellungnahme im Nachhinein noch ins Forum stelle. Ich habe erst jetzt die Erlaubnis des Verfasser erhalten können:

Manfred Franz schrieb:
Was Sie im Seniorennetz geschrieben haben, ist leider nur zu wahr. Die wirklichen Meister auf dem Gebiet der Recht-schreibung sind nicht Professoren und Doktoren irgendwel-cher Hochschulen, sondern deren gestandene, meist ältere, Sekretärinnen.
Auch wir hatten in unserer Dienststelle (Chef des Stabes einer Reichsbahndirektion) eine solche, wirklich bewun-derungswürdige Frau, die ohne besonders darauf hinzuweisen die oft schlimmen Fehler der Manuskripte selbstständig kor-rigierte, sie manchmal tatsächlich erst les- und verstehbar machte. Sie hätte mit ihren enormen Rechtschreibkenntissen jedem Professor für deutsche Schriftsprache das Wasser rei-chen können. Und zu ihrer Ehre sei auch gesagt, dass sie sich nicht schämte, den DUDEN als erstes Buch immer griff-bereit zu haben. Leider fühlen sich einige "Schriftge-lehrte" da in ihrer Ehre verletzt. Hinzu kam die enorme Kenntnis der Handschriften der leitenden Mitarbeiter- oft konnte sie das Geschmiere besser lesen als der eigentliche Autor! (Wir lieferten damals noch HANDGESCHRIEBENE Manuskripte ab.)
Jedenfalls finde ICH die ganze Diskussion um die Recht-schreibreform schon deswegen müßig, weil sie zu ihrer Änderung oder gar Rückgängigmachung mindestens den gleichen Aufwand wie zu ihrer Einführung erfordern würde. Und da gäbe es auch wieder Gegner - ich wäre bestimmt dabei!-, die ihrerseits nichts unversucht lassen würden, diese erneute Änderung zu verhindern. Ein nettes Gesprächsthema im Sommerloch war und ist sie dennoch -nicht mehr und nicht weniger!

Und einen schönen Tag noch!
Das wünschen
Erika und Manfred Franz
aus Radefeld bei Leipzig!

Dieser Text ist hier hineinkopiert worden, deshalb die vielen unpassenden Trennungsstriche. - Ich bitte um Nachsicht.

Herzliche Grüße
Karin Häsing


Christine Thiessen antwortete am 16.08.00 (00:07):

Nur keine Aufregung!
Die FAZ ist wohl ein wenig zu voreilig vorgeprescht! Es gibt keine Reform der Rechtschreibreform, denn die Testphase läuft noch bis zum Jahr 2005 ( wenn ich mich recht erinnere!). Sie ist noch garnicht abgeschlossen. Außerdem kann man nach zwei Jahren noch nicht behaupten, dass die Einführung der neuen Rechtschreibung gescheitert ist. Wenn einige Professoren und Literaten sich aus Altersgründen nicht mehr an die neue Schreibweise gewöhnen können, bleibt es ihnen ja unbenommen bei der traditionellen zu bleiben. (Obwohl ich dieses Beharren als geistiges Armutszeugnis empfinde.)

Liebe Grüße Christine Thiessen