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THEMA:   Gedichte, Gedichte, 5. Teil

 57 Antwort(en).

Wolfgang begann die Diskussion am 23.11.00 (00:22) mit folgendem Beitrag:

Ich mache wieder einmal ein neues Kapitel auf. Natürlich mit dem schönsten Thema, der Liebe. Hier ist die erste Strophe eines Liedes von Francois Villon (1431-1463?) - "Der härteste, der glaubwürdigste, der absoluteste Dichter Frankreichs." (Ezra Pound)

Eine neue Ballade, gedichtet für Mira l´Ydolle (von F. Villon)

Die Bäume standen alle grau und krank
im Wald herum, weil in dem Wiesengrund der Tag ertrank.
Du aber warfst die Kleider fort vom Leib
und hast ein weißes Licht
mir angezündet, du, mein Abendweib,
mit Wurzelhaar und Tiergesicht.
Und immer werden meine Augen hell und weit,
wenn in dem Wald der weiße Mond erscheint.

[...]

(Freie deutsche Nachdichtung von Paul Zech)


Heidi antwortete am 23.11.00 (07:41):

:-)) zum Anfang - kein Liebesgedicht aber - was ich so zu Gedichte... gefunden habe :-))


mit worten

mit worten malen
wie mit farben
bilder für das unbewußte
nur zu fühlen
nicht zu sehen
und erst recht nicht
zu verstehen

mit worten spielen
wie mit klängen
lieder für das universum
nur zu fühlen
nur zu ahnen
phantasierend niemals
planen

mit worten streicheln
wie mit händen
ein kuß für die unendlichkeit
gut zu fühlen
warm und weich
teuflich heiß und
engelgleich

Peter Klusen
-------------------------

Selbst die Schatten tragen ihre Glut

Bienfleissig
umschwirren Gedanken
dein Gehirn,
Stachel auf Abwehr
gerichtet,
Fühler zum Licht
ausgestreckt und
Rüssel in fremde Dinge
steckend,
saugen sie mal
Frohsinn,
mal summen sie
Trübsal, aber
Zellen zu füllen,
ist kein Honigschlecken.

Ulrike Rix
--------------------
und

traumland am abend

jeden tag zur dunkelzeit
gedanken voller Müdigkeit
kommen heim und werden alt
greise männer kleine kinder
jungfraun kobolde nicht minder
knien ums seelenfeuer nieder
es beginnt die nacht der lieder
dehnt sich weit zu galaxie
die der mensch nennt phantasie
Frank Rand
----------
Ich wünsche uns allen ein harmonisches "Gedichte V"


Sieghard antwortete am 23.11.00 (07:50):

Celan zum Gedenken
Am 23. November wäre der Dichter
80 Jahre alt geworden
.
.

Denk Dir

Denk dir:
der Moorsoldat von Massada
bringt sich Heimat bei, aufs
unauslöschlichste,
wider
allen Dorn im Draht.

Denk dir:
die Augenlosen ohne Gestalt
führen dich frei durchs Gewühl, du
erstarkst und
erstarkst.

Denk dir: deine
eigene Hand
hat dies wieder ins Leben empor-
gelittene
Stück bewohnbarer Erde
gehalten.

Denk dir:
das kam auf mich zu,
namenwach, handwach
für immer,
vom Unbestattbaren her.

[Paul Celan]
.


Heidi antwortete am 23.11.00 (08:38):

le temps de vivre

ich lebe!

mitten im grauen November
pulsiert der Frühling in mir
pelzbedeckte Magnolienknospen
vor dem Fenster
träumen den Frühling

zarte grüne Triebe
sehen tapfer dem Schnee entgegen
kämpfen sich durch Frostzeiten
unermüdlich
erblühen im Frühling

hl


Koloman Stumpfögger antwortete am 23.11.00 (21:41):

Herbstgewitter

Berstend zuckt der Blitz
aus schwarzen Wolken
über den Hang
spät im November
grollt ein Gewitter

Die Blätter stieben
der Regen prasselt
es wirbelt der Schnee
alle Fenster erzittern
vom gewaltigen Donnerschlag

Es flattert ein Tuch
es torkelt ein Schirm
es gießt in Strömen
entsetzt flieht der Kater
klitschnass ins Haus

kNs


Heidi Lachnitt antwortete am 24.11.00 (09:30):

Schönes Gedicht,Koloman - aber gräßliches Wetter...
---
von Gesa Maria Mundry

wenn ich geboren werde

wenn ich geboren werde
eine tages
werden mich die sterne kennen
und ich kann sie beim namen nennen

auf den lichtbögen will ich tanzen
sie entflammen mit meinem lebendigen atem

schneeblumen werde ich finden
noch bevor sie
knospen
sie an ihrem duft erkennen

das alles weiß ich
das alles
denn es ist mir ins buch
geschrieben

nun aber
da ich noch nicht geboren bin
hänge ich glanzbilder
in meinen himmel
pflücke die bunten scherenschnitte
alle

und stelle sie in mein fenster
daß sie mir verläßlich blühen


Heidi antwortete am 24.11.00 (09:40):

Herbstäpfel und Frühlingsblüten :-))


von Mohamed Abdel Aziz

Pausenapfel

Weisst Du
Was Du für mich bist

Du bist die Sonne
Mit deren Licht
Hat mein Leben
Seinen Morgen begonnen
Du bist der Mond
Mit dessen Schönheit
Hat mein Himmel
Seinen Glanz gewonnen

Du bist die Blume
Mit deren Duft
bebt die Liebe in meinem Herzen
Du bist der Frühling
Mit dessen Blüten
Überquert mein Glück alle Grenzen

Ich kann mir nicht vorstellen
Dich als Pausenapfel zu sehen
Und wenn dies stimmen würde
Würde ich das ganze Leben
Nur von Äpfeln mich ernähren

- einmal arabische Poesie :-) Einen schönen Tag wünsche ich Allen!


Herbertkarl Hüther antwortete am 24.11.00 (15:52):



ottos mops

"ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto:soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mpos
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott"

ernst jandl

[[[[[[[[[#<;


Koloman Stumpfögger antwortete am 24.11.00 (16:19):

pst

mops
kot (p) st!
köter
am kotesten

kNs


Sieghard antwortete am 24.11.00 (18:01):

ein
bein
bockt
ogger

ein
bockbein
neckt
huther

keck
steckt
stumpf
kolo

stein
stockt
frater
perse

ich
brech
dich
doch
noch

lieberovidbittebiegmichlieber

®¿®
~*~
.


Herbertkarl Huether antwortete am 24.11.00 (20:42):

> Thema: Gedichte, Gedichte, 5. Teil
>
> Sieghard (sieghard@gmx.de) schrieb am 24.11.00 (18:01):
>
> ein
> bein
> bockt
> ogger
>
> ein
> bockbein
> neckt
> huther
>
> keck
> steckt
> stumpf
> kolo
>
> stein
> stockt
> frater
> perse
>
> ich
> brech
> dich
> doch
> noch
>
> lieberovidbittebiegmichlieber
>
> ®¿®
> ~*~
> .


einheinleinfein
scherzherzlerzferz
isthistlistfist
einheinleinfein
scherzherzlerzferz

soholofo
scherzherzlerzferzenhenlenfen
wirhirlirfir
alhallallehelefe
tahalafagehelefe


frahalafaterherlerfer
(~-8-~)


Heidi antwortete am 24.11.00 (20:48):

Sehr harmonisch! :-) Viel Spaß noch dabei!


Heidi antwortete am 24.11.00 (21:02):

Kleiner Einstieg in die kommende Adventszeit?

Von der Tochter einer unserer alten Damen geschrieben, sie schreibt religiöse und Naturgedichte:

Dein Ja leuchtet

Du kamst
wohl zu der halben Nacht
Lichtgestalt
und Flüchtling Du
Dein Weg ist
Leben heilen

Du kommst
in meinen Tag und Traum
Dein Ja
leuchtet
in meine Nacht
Lebensstifter
Du

Gertrud Hanefeld
(EG 30 1.Str.)


Koloman Stumpdögger antwortete am 24.11.00 (21:06):

Herzlichsten Dank für diese Wendung. Advent... ja! Ein notwendiges Thema.


Heidi antwortete am 24.11.00 (21:06):

nachstehendes von der gleichen Autorin gefällt mir etwas besser obwohl es ähnlich ist wie das vorherige

Wohl zu der halben Nacht

Es kam mal Einer
wohl zu der halben Nacht
ein Single
ohne festen Wohnsitz
war nicht vermittelbar
Sein Weg
Leben
Leben heilen

Er
ist unterwegs
zu mir
zu Dir
Sein Ja
leuchtet

Er kommt
Unterdrücktes zu befrein'
Lebensstifter Er
Sein Licht wärmt
wohl zu der halben Nacht

Gertrud Hanefeld

(EG 30 1.Str.)


POESIE antwortete am 25.11.00 (01:46):

Weihnachten ist das Fest der Liebe!

Abendstern

Schlaf nur ein, geliebtes Leben,
Schlaf, ich will ja gern zufrieden sein,
Deine lieben Augen geben
dennoch deiner Dienerin hellen Schein
Hast du dich verschlossen,
Will ich unverdrossen
Liebend doch vor deiner Türe stehn;
Daß sie Liebe quäle,
Jauchzet meine Seele,
Darf ich liebend doch an deiner Türe stehn.

... 1.Vers (mündl.Überlf.) aus des Knaben Wunderhorn


Sieghard antwortete am 25.11.00 (08:09):


Der Ton macht die Musik
so ist das auch bei der Kritik.
Ist sie im Sound zu sacht,
wird über sie nicht nachgedacht.
Ist sie zu scharf gehalten,
fühlt sich Betroffener gespalten,
geschmäht, beleidigt, echauffiert,
die Seele ist wie zugeschnürt.
Unfehlbarkeit ist überhaupt
für die Kritik wie zugeschraubt.
Will man die Lüfte nicht verpesten,
so ist der Mittelweg am besten.


Ein User hat nicht reagiert,
fast ist das Lob umsonst zitiert.
Ein Dichterfreund hat es gehört,
Aufrichtigkeit ihn ganz verstört.
Verlogen, richtig, schön und schlecht
nicht ja, nicht nein, nicht selbstgerecht.
Je nach Aspekt dies alles ist
mal so, mal so: Idealist.
Der Dichterpreis bis heute fehlt,
er hätt' ihn gern, er's nicht verhehlt.
Hör auf jetzt guter Reimerich,
sonst wird es gar noch langweilig.
.


Heidi antwortete am 25.11.00 (22:48):

:-) zu Lob und Kritik

Magst den Tadel noch so fein,
noch so zart bereiten,
weckt er Widerstreiten

Lob darf ganz geschmacklos sein,
hocherfreut und munter
schlucken sie's hinunter.

Marie von Ebner-Eschenbach


Heidi antwortete am 25.11.00 (23:01):

und noch eines zu "Gedichte"

Der Leser

Sag: ist das nicht ein wunderliches Leid?
Um fremde Menschen trauern, die nicht leben
und über Dinge, die sich nie begeben,
voll Sehnsucht träumen in der Einsamkeit

Geheimnis, dessen Sinn ich nie verstand:
Sich über Worte atemlos zu neigen
und zu vernehmen in gespanntem Schweigen,
was einer dachte, fühlte und erfand

Wenn Zeile so nach Zeile still verrinnt,
sich wohlig weit zurück im Sessel lehnen,
die Arme breiten, lächeln unter Tränen
Und wieder müßig blättern wie als Kind

Und auf und ab in Abendgassen gehn
und Verse summen, darin Glocken läuten
und ahnen, daß sie Welt und Leben deuten
und dennoch dunkel in den Wind verwehn ..
Felix Braun

:-) Ich wünsche allen eine Gute Nacht und einen schönen Sonntag!


Sieghard antwortete am 26.11.00 (09:21):

Aus Psalm 39
übersetzt von Arnold Stadler "Die Mensch lügen. Alle",
Insel-Verlag 1995

Herr!
Ich will wissen, wie es mit mir ausgeht,
wie viele Tage ich noch zu leben habe.
Zeig mir, was für ein vergängliches Nichts ich bin.
Mein Leben: nichts als ein paar Tage.
Vor dir so gut wie nichts ist dies alles.
Eine Andeutung nur, ein gewisses Nichts
ist der Mensch. Sela.
Ein Schatten an der Wand entlang: der Mensch, der geht.
Viel Lärm um nichts
macht er. Von einer unbeschreiblichen Gier ist er
auf der Welt und weiß selbst nicht, für wen
er seine Sachen zusammenrafft.
Und nun?
Worauf soll ich hoffen?
: Auf Dich allein!
.


Heidi antwortete am 26.11.00 (21:26):

Clemens Brentano (1778-1842)

Lureley

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.

Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.


Heidi antwortete am 27.11.00 (00:08):



Kein Wiegenlied

Schweige, mein Herz
und ruhet, Augen,
Gedanken schlaft,
es ist Nacht.

Am Himmel ziehn Wolken,
Reif auf den Bäumen,
Kälte und Furcht,
es ist Nacht.

Altes und Neues
mischt sich im Grauen,
du zitterst im Schauen,
es ist Nacht.

Wache mein Herz,
seid wachsam Augen,
werdet Stimme, Gedanken,
es ist Nacht!

hl


Sieghard antwortete am 27.11.00 (07:36):

Schatten Rosen Schatten

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
Auf einer fremden Erde
Zwischen Rosen und Schatten
In einem fremden Wasser
Mein Schatten.

[Ingeborg Bachmann]
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 27.11.00 (08:12):

Immer niedlich, immer heiter,
immer lieblich! und so weiter,
stets natürlich, aber klug:
Nun das, dächt ich, wär genug.

(Johann Wolfgang von Goethe, Genug)


Gerlinde antwortete am 27.11.00 (09:16):

Der Kusshandel

Ein Hirtenmädchen, schön zum Malen,
war etwas kaufmännisch gesinnt;
mit zwanzig Schafen muß`t Amint
den ersten Kuß ihr bar bezahlen.

Fünf Jahre älter war Narzisse,
als der Tausch schon besser traf;
da blühten um ein einzig Schaf
auf ihren Lippen zwanzig Küsse.

Bald lag ihr Handel ganz darnieder,
und aus freiwilligem Entschluß
gab sie für einen kalten Kuß
Aminten seine Schafe wieder.

Die eig`ne Herde samt dem Hunde
bot sie für einen Kuß zuletzt;
allein, der Schäfer dankte jetzt
und flog zu einem jungen Munde.


F.E.Langbein


Manfred antwortete am 27.11.00 (16:31):

Mir scheint in diesen Zeiten kommt die politische Lyrik zu kurz.
Deshalb von mir einige Verse,den verantwortlichen Politikern,aber auch für uns alle zum bedenken.
Frieden sei

Ist nicht genug gemordet und erschlagen,
ist noch nicht tief genug der Tränen Meer,
sind nicht genug derKreuze, die da ragen
auf den Millionen Gräbern rings umher?

Warum sind Ströme Blut geflossen,
warum die Leiden,Qualen,Not-weshalb?
Weil da ein Götze steht aus Gold gegossen,
das große und das kleine goldene Kalb!?

Verdammt sei Krieg,der Menschheit Kainszeichen,
verdammt die Zwietracht,Drachensaat der Sucht,
es soll der Mensch die Hand dem Menschen reichen,
erlöst vom Hasse,der selbst Gott verflucht.

Die Sense aber gilt es nun zu schmieden,
die gegen Unfried Einigkeit ergreift,
damit in Ruhe,Freiheit und in Frieden,
die Saat des Lebens keimt und blüht und reift.


Heidi Lachnitt antwortete am 27.11.00 (20:38):

Kein Wiegenlied

Schweige, mein Herz
und ruhet, Augen,
Gedanken schlaft,
es ist Nacht.

Am Himmel ziehn Wolken,
Reif auf den Bäumen,
Kälte und Furcht,
es ist Nacht.

Altes und Neues
mischt sich im Grauen,
du zitterst im Schauen,
es ist Nacht.

Wache mein Herz,
seid wachsam Augen,
werdet Stimme, Gedanken,
es ist Nacht!

hl

Das ist ein politisches Gedicht Manfred, bestätigt durch die heutigen Nachrichten!


Heidi Lachnitt antwortete am 27.11.00 (20:43):

und hier noch ein weiteres, wenn's recht ist

für die Kinder des Holocaust



bruchstücke

trocken brot macht wangen rot
warum nur sehen sie so bleich
und ausgemergelt aus

weil das brot feucht und
schimmelig war
und zu wenig

grosse kinderaugen
werden noch grösser
wenn das gesicht kleiner wird

so gross wie die augen
so gross die erinnerung
- wenn sie nicht gebrochen sind

erinnert euch, erinnert uns
ganz laut, ganz tief aus euch
in uns hinein

nicht vergessen, nicht wieder
zulassen, nicht wegschaun
nicht nichts tun

hl


Heidi Lachnitt antwortete am 27.11.00 (21:58):

noch ein letztes Gedicht von Erich Fried

Die Reinwaschung

Der Regen wäscht
deine Kreideschrift
von der Wand
und dein Blut
von den Steinen

Und die Tränen
die um dein Blut
geweint worden sind
die wäscht er
noch schneller ab
als das Blut
und die Kreide

Die Welt
wäscht sich wieder rein

Zuerst die Tränen
und dann das Blut
und die Kreide zuletzt

Was zuerst da war
währt am längsten
Was zuletzt kam
verschwindet zuerst

In dieser Reihenfolge
liegt keine Bedeutung
nur die
daß die Welt
sich reinwäscht
nach und nach


Koloman Stumpfögger antwortete am 27.11.00 (22:07):

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein:
Schmerz versteinerte die Schwelle
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.


Georg Trakl
(1887 – 1914)

Quellenangabe:
"Marchtaler Lesebuch",
Band 1, Buch der Gedichte, S. 135

Freies Katholisches Schulwerk der
Diözese Rottenburg-Stuttgart, 1994


Heidi antwortete am 28.11.00 (00:04):

Stimmungen

Angst

ich habe Angst und mir ist kalt
einsam bin ich
- diese Einsamkeit ist alt

genauso alt wie meine Zweifel
an mir, an der Welt
- meiner Verzweiflung

traurig und ängstlich bin ich
und allein, manchmal will ich
einfach nicht -sein

hl


Herbertkarl Hüther antwortete am 28.11.00 (02:14):


greine nicht

wenn die schwarze dame
leuchtend, haftend
ihr gewand dir zeigt

den fuersprech
dir zugewandt


es sind nur
kleine bitten
die das
herz erreichen

laengst schon
im erinnern starr
tapst das
warme neben
dir vorbei

halte die hand
der verbundenheit
dir zugewandt

eis gehoert
zum sinnen
waerme deiner
seele zu

hkh


Pierre Helmer antwortete am 28.11.00 (10:46):

Ein Gedicht von Aries

Geistloses... überwinden

Viel Zeit gibt es im Leben
zu lernen, wachsen, reifen,
Die Wahrheit anzustreben,
Banales abzustreifen.

Ein einsamer Spaziergang
als Rückzug in die Weite
Lausch’ nur dem inn’ren Klang,
zupf’ an der höchsten Saite!

Die Würde, Einfachheit
gibt es im großen Garten
der Unendlichkeit...
Worauf noch lange warten?

Denn dieses hat doch Sinn...,
zu dienen auch als Puzzle,
und’s lenkt wohl immerhin
aus manch einem Schlamassel.

Nur Mut zum Neu-sich-finden
und würdigen Konzepten,
Geistloses... Überwinden
gibt’s hier keine Rezepte.


Heidi antwortete am 28.11.00 (16:14):

Rainer Maria Rilke

Wir sind nur Mund. Wer singt das ferne Herz,
das heil inmitten aller Dinge weilt?
Sein großer Schlag ist in uns eingeteilt
in kleine Schläge. Und sein großer Schmerz
ist, wie sein großer Jubel, uns zu groß.
So reißen wir uns immer wieder los
und sind nur Mund. Aber auf einmal bricht
der große Herzschlag heimlich in uns ein,
so daß wir schrein -,
und sind dann Wesen, Wandlung und Gesicht.


Herbertkarl Hüther antwortete am 29.11.00 (18:07):



Wie leere Bierdosen


Wie leere Bierdosen und die Stummel
erkalteter Zigaretten gingen meine Tage vorbei.
Wie Gestalten, die ueber den Fersehschirm huschen
und verschwinden, so zog mein Leben vorueber.
Wie die Autos, die auf den Landstrassen dahinglitten,
voll Maedchenlachen und Radiomusik ...
Und auch das Schoene verschwand rasch wie Automodelle
und wie aus der Mode gekommene Schlager.
Von all jenen Tagen blieb nichts, nichts
als leere Dosen, erkaltete Kippen,
Lachen auf vergilbten Fotos, abgerisse Billetts und
das Saegemehl, mit dem man im Morgengrauen die Bars ausfegte.



Cardenal, Ernesto, nicaraguanischer Lyriker und Bildhauer, *Granada 20.1. 1925; seit 1965 katholischer Priester (seit 1985 suspendiert); schloss sich im Exil in Costa Rica (1977-79) den Sandinisten an, unter deren Reg. (1979-90) Kulturminister; 1965 Mitbegründer der christlichen Kommune von Solentiname; schrieb religiöse, stark politisch und sozial engagierte Lyrik (u.a. »Gebet für Marilyn Monroe«, 1965; »Für die Indianer Amerikas«, 1969; »Gesänge des Universums«, 1989); erhielt 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
(c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999


Heidi Lachnitt antwortete am 30.11.00 (00:22):

eingebrannt

wenn ich so zurück schaue
sehe ich Bilder
wie auf einem alten Bildschirm
fest eingebrannt
in vielen Schichten aufeinander
schöne, traurige, böse und gute
die traurigen und die bösen sind
kaum zu erkennen
nur ein leichtes graues Flimmern
im Hintergrund des Schönen
das dadurch immer
schöner wird

hl

Ab und zu sollte man einen Bildschirmschoner aktivieren :-)


Heidi antwortete am 30.11.00 (13:00):

Andreas Gryphius

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa kommen möchten;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.


Heidi antwortete am 30.11.00 (13:12):

Morgen ist der 1. Dezember, die Weihnachtsmärkte sind eröffnet und alle sind schon mit Weihnachten beschäftigt?

Joseph von Eichendorff

Markt und Straßen stehn verlassen
Still erleuchtet jedes Haus
Sinnend geh ich durch die Gassen
Alles sieht so festlich aus

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt
tausend Kindlein stehn und schauen
Sind so wundervoll beglückt

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld
Hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!


Herbertkarl Hüther antwortete am 30.11.00 (16:09):



versuch001

dann das darum vorweg,
denn das sollte sein.

wie was, wo war,
sprach susanne
leise lispelnd.

ohren oeffneten sich
berauscht, besucht, beleidigt.

naehe naeherte sich nun
als aaron alsbald ankam.

kalte kaelte kommt
wenn weitere wuerfe fallen,
falls feiern feste formt.

hkh


Friedgard antwortete am 30.11.00 (17:55):

Der Dezember - von Erich Kästner

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man's versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."


Herbertkarl Hüther antwortete am 30.11.00 (18:23):



Abendständchen

Hör’, es klagt die Flöte wieder,
Und die kühlen Brunnen rauschen.

Golden wehn die Töne nieder,
Stille, stille, laß uns lauschen!

Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht!

Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.

Clemens Brentano


Heidi antwortete am 30.11.00 (19:12):

ein Schubertlied - höre ich gerade :-)

Im Abendrot

O wie schön ist Deine Welt
Vater, wenn sie golden strahlet!
Wenn Dein Glanz hernieder fällt
Und den Staub mit Schimmer malet,
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt!

Könnt ich klagen, könnt ich zagen?
Irre sein an Dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier
Und dies Herz, eh es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht

Text: Carl Gottlieb Lappe


Herbertkarl Hüther antwortete am 30.11.00 (23:00):




Das Veilchen.


Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine junge Schäferin,
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
Daher, daher,
Die Wiese her, und sang.

Ach! denkt das Veilchen, wär' ich nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt,
Und an dem Busen matt gedrückt!
Ach nur, ach nur
Ein Viertelstündchen lang!

Ach! aber ach! das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut' sich noch:
Und sterb' ich denn, so sterb' ich doch
Durch sie, durch sie,
Zu ihren Füßen doch.


Johann Wolfgang von Goethe
1749-1832

Gustav von Loeper (Hrsg.)

Goethes Werke: Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen: 1. Band


Friedgard antwortete am 01.12.00 (08:57):

Flüchtige Begegnung

Ich hätte gern
mit dir gesprochen -
unsere Augen suchten sich -
aber das Schweigen
blieb ungebrochen.

Ich hätte gern
in dir gelesen -
unsre Gedanken kreuzten sich -
aber die Zeit
ist zu kurz gewesen.

Ich hätte dich gern
mit mir heim genommen -
unsre Wege berührten sich -
doch es ist etwas
dazwischengekommen.

fs.


Gerlinde antwortete am 01.12.00 (22:03):


Der erste Schnee


Herbstsonnenschein; des Winters Näh`
verrät ein Flockenpaar,
es gleicht das erste Flöckchen Schnee
dem ersten weißen Haar.

Noch wird, wie wohl von lieber Hand
der erste Schnee dem Haupt,
so auch der erste Schnee dem Land
vom Sonnenstrahl geraubt.

Doch habet acht! Mit einemmal
ist Haupt und Erde weiß,
und Liebeshand und Sonnenstrahl
sich nicht zu helfen weiß.-



Theodor Fontane


kNs antwortete am 02.12.00 (11:45):

Liebes Christkind sei so lieb,
bring uns keine Gaben,
die es auch im Kaufhaus gibt,
weil wir die schon haben.

Schenk uns mehr Gelassenheit,
bring uns Ruhe, Einkehr, Rast
und ein kleines bißchen Zeit
statt der Eile und der Hast.

Bring uns keine Pfefferkuchen,
die bei uns verderben,
während andre Nahrung suchen,
Hunger leiden, sogar sterben.

Schenk uns eine harte Nuß,
die wir knacken müssen -
weich nur macht der Überfluß,
wenn wir nichts vermissen.

Bring uns Mut und Tapferkeit,
Wahres laut zu sagen:
und des andern Not und Leid
wie unser Eigen mitzutragen.

Bring uns einen Tannenbaum
aus grünem frischen Wald.
O, welch schöner
Weihnachtstraum,
Chriskind komm doch bald.


E. Michler


Sieghard antwortete am 02.12.00 (21:47):

..............

Schon neigt der Tag dem Abend zu,
die Schatten werden länger.
Vergänglich ist, was uns umgibt,
du aber bleibst bestehen.

Im Tageslicht, das steigt und sinkt,
wird uns die Zeit bemessen,
bis uns der Tod hinüberführt,
wo alle Grenzen fallen.

..............

Mein Gott, mein Gott - Warum hast du mich
verlassen?
Ich bin zur Karikatur geworden,
das Volk verachtet mich.
Man spottet über mich in allen Zeitungen.

Ernesto Cardenal
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 03.12.00 (11:57):



Singen will ich

Will nicht leugnen
die Dunkelheit
Aber auch nicht
das Sonnenlicht

Singen will ich
in die Dunkelheit
von der Sonnne
ein Lied

Anne Steinwart


Heidi antwortete am 03.12.00 (20:53):

Weil Liebe die Dunkelheit erhellt :-)

Frauen-Liebe und Leben (Adalbert von Chamisso)

Seit ich ihn gesehen,
glaub ich blind zu sein;
Wo ich hin nur blicke,
Seh ich ihn allein;
Wie im wachen Traume
Schwebt sein Bild mir vor,
Taucht aus tiefstem Dunkel
Heller nur empor.

Sonst ist licht- und farblos
Alles um mich her,
Nach der Schwestern Spiele
Nicht begehr ich mehr,
Möchte liebe weinen
Still im Kämmerlein;
Seit ich ihn gesehen
Glaub ich blind zu sein.

Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,
Es hat ein Traum mich berückt;
Wie hätt' er doch unter allen
Mich Arme erhöht und beglückt?

Mir war's er habe gesprochen:
Ich bin auf ewig dein -
Mir war's - ich träume noch immer,
Es kann ja nimmer so sein.

Oh, lass im Traume mich sterben,
Gewieget an seiner Brust,
Den seligsten Tod mich schlürfen
In Tränen unendlicher Lust.


Heidi antwortete am 03.12.00 (21:57):

Zurück zur Vorweihnachtszeit und "Wunschzetteln" - was sich ein kleiner Junge vor ca. hundert Jahren gewünscht hat:

Der kleine Nimmersatt (von Heinrich Seidel)

Ich wünsche mir ein Schaukelpferd,
'ne Festung und Soldaten
und eine Rüstung und ein Schwert,
wie sie die Ritter hatten.

Drei Märchenbücher wünsch' ich mir
und Farbe auch zum Malen
und Bilderbogen und Papier
und Gold- und Silberschalen.

Ein Domino, ein Lottospiel,
ein Kasperletheater,
auch einen neuen Pinselstiel
vergiß nicht, lieber Vater!

Ein Zelt und sechs Kanonen dann
und einen neuen Wagen
und ein Geschirr mit Schellen dran,
beim Pferdespiel zu tragen.

Mir fehlt - Ihr wißt es sicherlich -
gar sehr ein neuer Schlitten,
und auch um Schlittschuh' möchte ich
noch ganz besonders bitten.

Um weiße Tiere auch von Holz
und farbige von Pappe
und einen Helm mit Federn stolz
und eine neue Mappe.

Auch einen großen Tannenbaum,
dran hundert Lichter glänzen,
mit Marzipan und Zuckerschaum
und Schokoladenkränzen.

Doch dünkt die alles Euch zu viel,
und wollt Ihr daraus wählen,
so könnte wohl der Pinselstiel
und auch die Mappe fehlen.
......


Herbertkarl Hüther antwortete am 04.12.00 (11:33):





Fahrerfluch

Ich fahre nichtsahnend durch den Wald des Lebens, und
plötzlich bricht die Liebe aus dem Dickicht und läuft mir voll
in die Karre, und ich denke noch: Scheiße! -und im
gleichen Moment kracht,s auch schon, und ich brauche
eigentlich gar nicht mehr auf die Bremse zu latschen. Ist
sowieso zu spät. -Für einen Augenblick ist der Tag
stehengeblieben. AIIes stilI. Nur aus weiter Ferne höre ich
(es könnte Louis Armstrong sein) "Oh, what a wonderful
world", mir schlottern die Knie -und ich verpisse mich
durch die Hintertür und rufe ein Taxi, und wir fahren durch
die Nacht von Köln, die seufzend den Kopf schüttelt, und
als der Wagen hält, sagt der Fahrer: Zwölf-zwanzig. -und
ich gebe ihm einen Fünfziger: Stimmt so. -und als ich in
sein ungläubiges Gesicht sehe, da habe ich wenigstens
Gewißheit: ich bin ein Gedichte schreibender ldiot!



Burghard Hedtmann


jochen antwortete am 04.12.00 (23:19):

der sturm

eine wüste der leere,
keine träne am horizont der sinne,
wie ein korn in spektrum der einsamkeit,
erfüllt der augenblick den traum.
der wind dreht sich, elemente folgen
dem instinkt der urkraft.
ein tropfen berührt mich als wäre ich
das korn im unermeßlichen feld.
wünsche erfüllen sich es regnet.

der verstand zerrt an meiner seele,
warum, warum bin ich das was ich bin.
es ist soviel zeit vergangen
seit ich anfing zu verstehen.
sie in meine augen dort wirst du sie sehen,
tief, verborgen, beherrschen sie mein leben,
die gezeiten der zeit.
sieh in meine augen dort siehst du mein herz.
wie die ebbe suchte ich die flut,
doch wasser löscht die glut.
auf der suche nach einem weg fand ich ihn,
den anderen weg.
wir beide stehen im regen, der regen entblößt dich,
ich kann dich sehen, der regen öffnet dein herz,
du zeigst es mir.
aus dem korn wird ein gefühl,
gefühle schaffen illusionen,
gefühle erschaffen den sturm.
die sonne scheint, eine letzte träne wandert durch
dein gesicht, ich küsse dich.
der sturm wird mich zerstören.



sorry for a,b,c...

jochen


Heidi antwortete am 05.12.00 (09:38):

Reiner Kunze

Nächte, die dich steinigen

Die sterne stürzen herab
auf ihrem licht

Du stehst in ihrem hagel

Keiner trifft dich

Doch es schmerzt,
als träfen sie alle


Sieghard antwortete am 05.12.00 (17:46):

Ovidlieb war recht aufgeräumt
er hatte beim Mailen wach-geträumt
so was vom Verdrehen der Welt
was uns besonders gut gefällt
denn Fantasie hat keine Schranken
auch nicht absurdeste Gedanken
manche liebt das über die Maßen
denkt daran auf allen Straßen
denkt daran auch noch im Bett
dichtend darüber im Doppel-Duett
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 05.12.00 (18:59):

Grenzen vergessen

Türen öffnen,
Räume entdecken,
Grenzen vergessen.

Wir sind weit mehr,
als wir ahnen.

Innere Augen öffnen,
durch Mauern spazieren,
Bewegungsfreiheit genießen.

Alle Wege ins Freie
führen nach innen.

Hans Kruppa


Heidi antwortete am 05.12.00 (22:23):



Sonne an Stern

Ich träum von dir
in dunklen Nächten
wenn nur ein Stern am Himmel steht

Der halbe Mond
hat sich versteckt
um die dunkle Wolke zu liebkosen

Warte auf den Tag wenn
Mond und Wolke weinen
weil Stern und Sonne sich lieben

hl

:-))


Heidi antwortete am 06.12.00 (10:15):

Weihnachtsmärkte überall und Glühweinduft aus allen Ecken. Zum Nikolaustag ein Glühweinrezept von Schiller! :-)

Punschlied

Vier Elemente,
innig gesellt,
bilden das Leben,
bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
saftigen Stern!
Herb ist des Lebens
innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
linderndem Saft
zähmet die herbe
brennende Kraft!

Gießet des Wassers
sprudelnden Schwall!
Wasser umfänget
ruhig das All.

Tropfen des Geistes
gießet hinein!
Leben dem Leben
gibt er allein.


Heidi Lachnitt antwortete am 06.12.00 (20:56):

Hier ein ganz 'anderes' Adventsgedicht von Christel Kerting, einer Künstlerin aus dem hiesigen Raum, heute bei der Adventsfeier im Pflegeheim gehört:


Licht
bricht auf
aus dem Dunkel
noch ungewohnt
das Auge
Licht des Schöpfungstages

Wasser
getroffen vom Licht
leuchtend
lebendiges Wasser
Licht
Wasser
Leben

Einer sagte es von sich!


Heidi antwortete am 06.12.00 (20:59):

auch dies ein Adventsgedicht von Christel Kerting

Nacht
am Rande der Stadt
Menschen
Randmenschen
schauen ins Dunkel
sehen das Licht
glauben dem Licht
folgen ihm
finden


Heidi antwortete am 07.12.00 (23:20):

...alles schläft, einsam wacht!... Dabei ist es noch garnicht soweit mit der "Stillen Nacht". - Alle im Vorweihnachtsstress?


Heidi antwortete am 08.12.00 (00:37):

Eine kleine Nachtballade - von Ernst Moritz Arndt

Und die Sonne machte den weiten Ritt
Um die Welt,
Und die Sternlein sprachen: "Wir reisen mit
Um die Welt";
Und die Sonne sie schalt sie: "Ihr bleibt zu Haus,
Denn ich brenn' euch die goldnen Äuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt."

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: "Du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein,
Er verbrennet uns nimmer die Äugelein."
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond,
In der Nacht,
Ihr verstehet, was still in den Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
In den freundlichen Spielen der Nacht.


Gute Nacht!


Sieghard antwortete am 08.12.00 (05:02):

Morgen-Hymnus

Die Nacht ist vergangen,
wir schauen erwartend den steigenden Tag
und grüßen die Sonne.

Schon lockt uns die Taube,
wir horchen, verlangend zu folgen dem Ruf
des beginnenden Tages.

Die Nebel entweichen
im Glanze der strahlenden Klarheit und Kraft
der kommenden Stunden.

Allen guten und erfolgreichen 8. Dezember!
.


Heidi antwortete am 08.12.00 (07:45):

Das war ein sehr schöner Tagesbeginn, Sieghard, Danke!


Wie wichtig doch in dieser dunklen Jahreszeit das Licht für uns ist ... kein Wunder, dass die Sonne in sehr alten Zeiten als Gott angesehen wurde:


Du erstrahlst so schön im Lichtberg des Himmels,
Du lebendige Sonne, die zuerst zu leben anfing.
Du leuchtest auf im östlichen Horizont
Und erfüllst alle Lande mit deiner Schönheit.
Du bist schön und gewaltig, glänzend und hoch
über allen Landen.
Deine Strahlen umarmen die Länder bis zum
letzten Ende deiner Schöpfung.
Du bist fern, und doch sind deine Strahlen auf der Erde.
Du bist im Angesicht der Menschen und doch
kann man deinen Weg nicht sehen.
Gehst du zur Rüste am westlichen Horizont,
So ist die Welt in Finsternis wie im Tode:
Die Schläfer sind in der Kammer, die Häupter verhüllt,
Nicht kann ein Auge das andere sehen.
Jedes Raubzeug kommt hervor aus seiner Höhle,
Und alles Schlangengewürme beißt.
die Welt liegt in Stille, denn der sie schuf,
ist zur Ruhe gegangen.
Im Morgengrauen aber leuchtest du wieder auf und glänzest
aufs neue als Sonne am Tage.
Es weicht die Finsternis, sobald du deine Strahlen spendest,
Die Länder sind in Festesstimmung,
Die Menschen erwachen und stellen sich auf die Füße:
Du hast sie sich erheben lassen.
Sie waschen ihren Leib, sie nehmen die Kleidung,
Ihre Hände erheben sich in Anbetung, weil du erschienen bist.
Die ganze Welt tut ihre Arbeit. Alles Vieh labt sich an seinem Kraute,
Bäume und Pflanzen grünen;
Die Vögel fliegen auf aus ihrem Neste,
Ihre Flügel erheben sich in Anbetung für dich,
Alles Wild hüpft auf den Füßen,
Was da kreucht und fleucht,
Sie leben, da du ihnen aufgeleuchtet bist...
Wie zahlreich sind doch deine Werke!
Sie sind verborgen vor dem Angesicht der Menschen.
Du einziger Gott, außer dem es keinen andern gibt,
Du hast die Erde geschaffen nach deinem Sinn,
Du einzig und allein,
Mit Menschen, Herden und allem Getier.
Die Fremdvölker, Syrien und Äthiopien und das Land
Ägypten...
Du hast den Himmel gemacht fern von der Erde,
Um an ihm zu erstrahlen,
Um alles, was du, einzig du, erschaffen hast, zu sehen,
Wenn du aufleuchtest in deiner Gestalt als lebendige Sonne
Strahlend und glänzend, fern und doch so nah.
Du machst Millionen Gestalten aus dir, dem Einen,
Städte, Dörfer, Äcker, Wege und Ströme.

Echnaton (1364-1347 v.Chr.)


Hoffen wir auf einen schönen sonnigen Dezembertag.


Huether antwortete am 08.12.00 (09:30):




Rundherum

am anfang
aller welten
kramt der
huet(h)er der
schwelle seine
schranken
heraus

ein tauchen ins
stete sein
in den urgrund

regentopfen fallen
ins tal
erwuenschter
moeglichkeiten

noch liegt
der schwere
damast ueber
allem hier


der schnitter
webt seinen
weg ins
lebendige

am horizont
das unerklaerliche
das erhoffte
scheinsein


hkh


Wolfgang antwortete am 08.12.00 (11:38):

Wenn ich meinen Dezember-Blues kriege... so viel Sonne kann's gar nicht geben - der bleibt und hat seinen Höhepunkt so um die Feiertage. Dann lese ich folgendes Gedicht - für mich tröstlich (jedenfalls bisher hat's immer geklappt):

Waun ois a bissl zvü wird (von Joseph Hader)

Waun ois a bissl zvü wird
Waun ois a bissl zvü wird
Dann geh i zu an Doktor
Mit dem i maturiert hab
Und sag eam, du, i schlaf so schlecht
Waast eh, so als Künstler
Die Nerven und so
Wenns geht a bissl was Stärkeres
Ausnahmsweis
Ausnahmsweis

Dann wart i auf die erste klare Winternacht
Wenn der frische Schnee liegt
Wenn der frische Schnee liegt
Dann dusch i mi, tua mi kampeln
Ziag an Anzug an, fahr zum Franzjosefsbahnhof
Und fahr mit der Donauuferbahn
Zu einer klan Station im Strudengau
Von dort is nur mehr circa zwaa Stund
Dort wo i hin will
Dort wo i hin will

A wunderschene Wiesn mitten im Wald
Mit ganz hohe Bam und Wackelstana
Dort werd i dann vom Fußmarsch
A bisserl miad sei und mi ganz gern in Schnee setzen
Und trink aus meiner Thermoskann
Mein Tee mit Rum und Rohypnol
Und schau ma no a bissl en schwoazzn Wald an
Und en weißen Schnee an
Und en weißen Schnee an

Und wenn i dann miad werd werd i mi hinlegn
Und werdn eana no die Händ falten damits kane Umständ habn
Und suach ma dann am Himmel aus Zeitvertreib
Den Großen Wagen oder schau an Flugzeug zua
Bis dann
Die blede Hitzn
Die depperte Hitzn
Endlich aus mir ausserrinnt
Ich mecht ihna ja
Kan Gusta machen
Aber wenn alls a bissl zviel wird
Gibts schlimmre Sachen


Sieghard antwortete am 08.12.00 (15:39):

für Edith
.
Rondel
Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends braun und blaue Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

[Georg Trakl]
.


Manfred antwortete am 08.12.00 (18:00):

Liebe Heidi Lachnitt! Mir scheint,noch gibt das Weltgeschehen den Menschen keinen Grund optimistisch in die Zukunft zu schauen.Zu viel der Unruhe,des Unfriedens,der zweifelhaften Entscheidungen so vieler Politiker.Dieses Machtgerangel um Einfluß,Geld und Macht.Ob in Amerika,Europa ,Afrika oder Asien,überall das gleiche.
Darum sollte man auch politische Lyrik nutzen,sie könnte doch helfen
die Augen zu öffnen?
Was sagst du dazu?

Wir wissen viel,doch nie genug
um weise uns zu nennen,
vielleicht sind wir schon überklug
um weise sein zu können?
Probleme bilden neu Probleme,
Extreme führen in Extreme,
die Formeln finden Formen
und keine eigentliche Form,
um das Vernünftige zu normen
fehlt derVernunft die rechte Norm.
Den Geist im Mikroskop zu finden
gelingt dem Forscher nicht
und um die Seele zu ergründen
reicht auch kein Röntgenlicht.
Ideen streiten mit Ideen,
es ändert am Naturgesetze nichts,
der Mensch muß seinen Lebenskampf bestehen
im Schweiße seines Angesichts.
Trotz Dichter,Denker;Forscher und Erfinder,
trotz Technik,Kunst und Wissenschaft,
verbittern sich die Menschenkinder
dasDasein selbst mit aller Kraft.

(Internet-Tipp: http://in.germany.com/divestern)


Wolfgang antwortete am 08.12.00 (20:13):

Einschlaflied

Du schläfst noch nicht...
Es ist doch spät.
Sei lieb und geh jetzt schlafen.
Tu einfach so,
als wärest du
das Boot und's Bett der Hafen.

Du liegst dann drin
im sichren Schutz
und hast es warm und wohlig.
Vergisst den Schmerz
vom ganzen Tag
und bist nicht mehr nur traurig.

Du schläfst noch nicht...
Du solltest doch.
Komm, schau mal durch das Fenster.
Die kleinen Sterne,
der grosse Mond,
vertreiben die Gespenster.

Die Luft ist klar
und nur für dich,
tun alle Sterne scheinen.
Was meinst du wohl:
Ob diese Nacht
auch andere Kinder weinen?

Du schläfst noch nicht...
Es ist halt so.
Ein Boot fehlt noch im Hafen.
Ein Platz ist leer.
Man denkt und bangt.
Man kann dann nicht gut schlafen.

wml


Heidi antwortete am 08.12.00 (21:02):

Eine Einschlafgeschichte

schon als Kind
habe ich die Nacht geliebt
das schützende Dunkel und Ruhe
um meine Geschichten auszudenken

ich war dann eine kleine Elfe (schon damals, ja)
und wohnte auf einem Seerosenblatt
in einem kleinen Teich und
wenn die Seerose blühte
habe ich mich in die weichen
weissen Rosenblätter gekuschelt
und in den blauen Himmel gesehen
und geträumt

daß ich ein kleines Menschenkind bin
das sich in sein Federbett kuschelt
und sich Geschichten ausdenkt
von einer kleinen Elfe
die im Seerosenteich wohnt

auch heute liebe ich die Dunkelheit
und die Nacht
und ich sitze am PC und denke mir
Gedichte aus und träume wieder
von einer kleinen Elfe
die im Seerosenteich wohnt
und doch so gerne woanders wäre
weit dort oben in dem Gold und Blau
und dann werde ich wieder wach
und denke mir Gedichte aus
für Dich und für mich

hl


Sieghard antwortete am 08.12.00 (23:26):


Rundherum

Während seiner Tage
sucht Hüter
Öffnung ins Weite

In den Urgrund
hinabtauchend

Mit Gedanken Wünschen
Werken

Schweres
Scheinsein vor sich
unerwünschte
Regentropfen

Doch Manitu
webt in seinen Damast
Lebendiges
Strahlendes
Starkes
Schönes

Weit vor dem Horizont
nach Schwellen und Schranken
lange vorm heraneilenden
Schnitter
erfüllt sich
Lebenshoffnung
unerklärliche Freude
über
sein
Sein
.


Heidi antwortete am 09.12.00 (02:40):

Noch ein kleines Liebesgedicht zur Nacht? :-))

Augenblicke

wenn unsere Augen sich vermählen
tief ineinander versunken
schweigen unsere Lippen

wenn unsere Augen sich vermählen
tief ineinander versunken
steht die Welt still

wenn unsere Augen sich vermählen
tief ineinander versunken
möchte ich Dir sagen .....


hl


Sieghard antwortete am 09.12.00 (08:42):

Heidi hat gestern den Sonnengesang von Echnaton (1364-1347 v.Chr.)
ins Forum gestellt. Es gibt Parallelen zum:


Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi (1182-1226)

Höchster, allmächtiger, gütiger Herr!
Dein ist der Preis, der Ruhm, die Ehre und jegliche Segnung.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Preis dir, o Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
vornehmlich unserer edlen Schwester, der Sonne;
sie schafft den Tag, und du erleuchtest uns in ihr.
Schön ist sie und strahlend im großen Glanze,
ein Sinnbild von dir, o Allerhöchster!

Preis dir, o Gott, durch unsere Geschwister, den Mond und
die Sterne, du hast sie am Himmel gebildet, so klar, so
köstlich, so schön.

Preis dir, o Gott, durch unsern Bruder, den Wind,
durch die Luft, durch wolkiges, heitres und jegliches Wetter,
wodurch du deinen Geschöpfen Erhaltung gewährst.

Preis dir, o Herr, durch unsere Schwester, das Wasser,
sehr nützlich ist es, bescheiden, köstlich und rein.

Preis dir, o Gott, durch unseren Bruder, das Feuer,
durch welches du die Nacht erhellst,
schön ist es und freudebringend, kraftvoll und mächtig.

Preis dir, o Gott, durch unsere Schwester, die Allmutter
Erde, die uns erhält und heget und allerlei Früchte hervorbringt,
nebst bunten Blumen und Kräutern...

Preis dir, o Herr, durch unseren Bruder, den zeitlichen Tod,
dem kein Lebendiger entrinnen kann...

[Auszug]
.


Heidi antwortete am 09.12.00 (09:33):

'hausgemachte' Philosophie :-)) - mal wieder animiert von Vorhergegangenem

relativ

gemessen an der Ewigkeit
ist unser Leben nur
ein Hauch

gemessen an der Freude
ist unser Leben
viel zu kurz

gemessen an dem Schmerz
ist unser Leben
endlos

so ist unser Leben endlos kurz
und vergeht wie ein Hauch
vor unserem Bruder
dem Tod

die Freude genießen
den Schmerz annehmen
und der Zeit mit Ruhe
entgegen sehen

hl

Ich wünsche allen einen schönen 2. Advent


Herbertkarl Huether antwortete am 09.12.00 (09:57):



trallalla

wenn graeten weinen
weisst du nicht
den grund


moegliche moeglichkeiten
und ein bisschen senf dazu

zeit verkauft
im sack

girlanden der suehne
schmuecken mein haupt

klimmen hoch
den fels
der wahrheit

nebenwege des denkens
eine zunge
die eben noch sprach

kuehn schwebt
der vogel
des wissens
den gestirnen nah

sterne beruehren sich
nehmen sich war
auch du bist ein universum

hkh


Friedgard antwortete am 09.12.00 (11:59):

Advent

Jetzt kommt die Zeit der langen, kalten Nächte,
der dunklen Stunden voll Erinnerungen,
da ich Dich in den Armen halten möchte -

Jetzt kommt die Zeit, da Andre Kerzen zünden
und Lieder singen - oder sich besinnen,
wo sie noch Liebe füreinander finden -

Jetzt kommt die Zeit, da wir mit ein paar Gesten
der Armen, Kranken, Trauernden gedenken,
als ob wir damit ihre Fesseln lösten -

Jetzt kommt die Zeit, da die Verlassnen beten,
daß Tod sie endlich von dem Leid befreie,
und manche wissen keinen Weg, als sich zu töten -

Jetzt kommt die Zeit der langen, kalten Nächte.

Doch da
gebiert ein Weib ein Kind
in tiefster Nacht.
Hör, wie es spricht:
ICH BIN DAS LICHT!

fs


Gerlinde antwortete am 09.12.00 (21:48):



Notturno

Kiesweg und Mond überm Baume:
Alles ist leise gesagt.
Alles ist innen im Traume.

Spur um den Mund, die es klagt,
Stirn, die hinauf zu den Sternen
leidet und lodert und fragt.

Ach, aus der Reue zu lernen:
Jegliches ist nur geschenkt,
uns von uns selbst zu entfernen.

Zeit, wo die Kühle sich senkt!
Stund, wo der heimlich Verstörte
bitter den Abschied bedenkt.

Daß doch dein Herz es noch hörte!
Fühl, wie der Nachthimmel ragt,
der uns vor jenem betörte.

Spur um den Mund, die es klagt,
Kiesweg und Mond überm Baume.
Kerze, verflackernd im Raume:
Alles ist leise gesagt.....



J.Weinheber


Heidi antwortete am 10.12.00 (08:07):

Protest

ich sag es laut
und schrei's in Deine Ohren
Du lebst!
nun gut, du hast sehr viel verloren
doch bliebst du nicht allein
und all dein leises Klagen
behindert nur dein Sein

sei fröhlich,
sieh die schönen Stunden
Du lebst!
und wenn das Dunkle heimlich kommt
auf leisen Sohlen
zünd' ich dir helle Lichter an
und sing' ein Liebeslied

das Leben ist so kurz
du sollst es nicht verschwenden
Du lebst!
und wenn es wieder Frühling wird
das erste zarte Grün
lässt dich das Grau vergessen
das Leben ist so schön!

hl


Friedgard antwortete am 10.12.00 (10:52):

Das sind wieder sehr schöne Gedichte - danke!
Heute früh hörte ich am Hessischen Rundfunk die Bach-Kantate: "Wer nur den lieben Gott läßt walten"
und holte mir das Gesangbuch.
Georg Neumark schrieb 1641 - im tiefsten dreißigjährigen Krieg:

Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, wenn wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wirs uns versehn
und lässet uns viel Guts geschehn.

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
daß du von Gott verlassen seist
und daß ihm der im Schoße sitze,
der sich in stetem Glücke preist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich,
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Ich wünsche allen einen schönen zweiten Advent.


Herbertkarl Hüther antwortete am 10.12.00 (18:25):


Wer wußte je das Leben recht zu fassen


Wer wußte je das Leben recht zu fassen,
wer hat die Hälfte nicht davon verlorn
im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
in Liebesqual, im leeren Zeit verprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,
mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,
frühzeitig einen Lebensgang erkoren,
muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,
allein das Glück, wenn´s wirklich kommt, ertragen,
ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
und auch der Läufer wird es nicht erjagen.


August von Platen


Sieghard antwortete am 10.12.00 (21:18):

und weiter:

Es liegt an eines Menschen Schmerz,
an eines Menschen Wunde nichts,

Es kehrt an das, was Kranke quält,
sich ewig der Gesunde nichts,

Und wäre nicht das Leben kurz,
das stets der Mensch vom Menschen erbt,

So gäb's Beklagenswerteres
auf diesem weiten Runde nichts.

Einförmig stellt Natur sich her,
doch tausendförmig ist ihr Tod,

Es fragt die Welt nach meinem Ziel,
nach deiner letzten Stunde nichts.

Und wer sich willig nicht ergibt
dem ehrnen Lose, das ihm dräut,

Der zürnt ins Grab sich rettungslos
und fühlt in dessen Schlunde nichts.

Dies wissen alle, doch vergisst
es jeder gerne jeden Tag.

So komme denn, in diesem Sinn,
hinfort aus meinem Munde nichts!

Vergesst, dass euch die Welt betrügt,
und dass ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,

Lasst eurer Liebe nichts entgehn,
entschlüpfen eurer Kunde nichts!

Es hoffe jeder, dass die Zeit
ihm gebe, was sie keinem gab,

Denn jeder sucht ein All zu sein
und jeder ist im Grunde nichts.


[August von Platen 1796 - 1835]
.


Heidi antwortete am 10.12.00 (21:28):

von Platen:

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheim gegeben
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!


Wolfgang antwortete am 10.12.00 (21:32):

's liegt wos in dr Luft (von Wilhelm Staudacher)

's liegt wos in dr Luft,
wos Nei's.
Aus alli Fenster kummts
mit're süeßlie Fohne,
und's steigt nauf über d' Dächer
und's lejcht si noo
mit'n Nebl
auf d' Pflasterstaa
scho in dr Früeh.

's liegt wos in dr Luft,
wos Würzi's.
Wie aus türkischi Länder,
sou riecht's, wie nach Turban
und noochtdunkli Aache.
Und's hengt in die Gasse
und's ziecht übersch Land
auf en fliechende Teppich.

's liegt wos in dr Luft,
wie alli Joehr widder,
Und's raache die Schläet,
mit en zuckrie Nebl vermischt,
und des aalt si,
wenn's windstill is drunnernei,
woulgfälli vor alli Haiser,
und des verdaalt si,
wenn e klaans Lüftle gäeht,
überoll hii.

Quelle: Petra Hochrein (Hrsg.), Komm, Christkind, flieg über mein Haus. Weihnachtliche Geschichten und Gedichte aus Franken, Echter Verlag, Würzburg 1995


Heidi antwortete am 10.12.00 (22:08):

von Platen:

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheim gegeben
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!


Heidi antwortete am 10.12.00 (22:13):

wieso ist mein letzter Beitrag noch einmal erschienen? Ich habe ihn nicht abgeschickt. Hallo, webmaster, bitte löschen!


Herbertkarl Hüther antwortete am 11.12.00 (07:38):

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum glücklich sein
Und währe alles Liebste dein.

Solange du nach Verlorenem klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziele mehr, noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz - und deine Seele ruht.

Hermann Hesse


Heidi antwortete am 11.12.00 (10:54):

Glück

ist jeder Wunsch nach Glück
mir fern
und hab ich keine Ziele mehr
mein Herz nichts hört
und meine Seele ruht
dann .... bin ich tot!

hl


Friedgard antwortete am 11.12.00 (13:19):

Wollen wir den alten von Platen nochmal bemühen?

Ich bedurfte, deine Liebe zu gewinnen, heut und morgen,
Drum, o Freunde, laßt vergebens nicht verrinnen heut und morgen!
Heut und morgen ist die Summe dieses allzu kargen Lebens,
Und wie schnell, wir wissen's alle, gehn von hinnen heut und morgen!
Gestern fragte mich ein Lüftchen: Hast du nichts an ferne Freunde?
Wohl, versetzt ich, doch ich will mich erst besinnen heut und morgen;
Im topasnen Kelch der Tulpe schwelgt der Tau als Silbertropfen,
Doch ihn läßt das Gold der Sonne nicht darinnen heut und morgen!
Ein'ge Blätter aus den Rosen hat ein Wind davongetragen,
Und er wird sie ganz entführen, fürcht ich, binnen heut und morgen!
Laß den Trank im Becher steigen, denn der Wein des Morgenrotes
Quillt empor bis an der Berge hohe Zinnen heut und morgen.


Beate antwortete am 11.12.00 (16:35):

...und ich renne gegen Wände,
der Turm ist zu hoch, zu massiv, zu fest, zu hart, zu stumm.
Ich renne gegen Wände.
...und ich schreie und fluche, weine, beschimpfe,
...und renne gegen Wände, mit dem Kopf.

...und ich renne gegen Wände,
kratze mit dem Nagel, suche Spalten, suche Löcher,
versuche mich durchzugraben.
...und ich renne gegen Wände mit dem Kopf.

...und als ich es schon aufgeben wollte,
dachte, diese Festung ist unerreichbar,
sehe ich die große helle Tür.
Wer vermochte es sie zu öffnen?
...und ich bin stumm vor staunen, mit dem Herz.

BR


Herbertkarl Hüther antwortete am 11.12.00 (18:08):



Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundetete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundetete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Ingeborg Bachmann(1953)


Heidi antwortete am 11.12.00 (20:58):

für Beate

kein turm ist so hoch, so fest und so hart
als das nicht ein kleines wort
ihn umwerfen könnte

keine wand ist so dick und undurchlässig
als das nicht ein leiser ruf
sie durchdringen könnte

es gab immer einen weg in die festung
ich habe es versäumt, dir eine
Wegbeschreibung zu geben

so musstest du den Weg alleine finden
von dir zu mir
verzeihst du mir?

hl


Heidi antwortete am 11.12.00 (22:18):

um noch mal auf Advent und Weihnachten zurück zu kommen :-))

Tannengeflüster

Wenn die ersten Fröste knistern,
In dem Wald bei Bayrisch-Moos,
Geht ein Wispern und ein Flüstern
In den Tannenbäumen los,
Ein Gekicher und Gesumm
Ringsherum.

Eine Tanne lernt Gedichte,
Eine Lärche hört ihr zu.
Eine dicke, alte Fichte
Sagt verdrießlich: "Gebt doch Ruh!
Kerzenlicht und Weihnachtszeit
Sind noch weit!"

Vierundzwanzig lange Tage
Wird gekräuselt und gestutzt
Und das Wäldchen ohne Frage
Wunderhübsch herausgeputzt.
Wer noch fragt: "Wieso? Warum?!
Der ist dumm.

Was das Flüstern hier bedeutet,
Weiß man selbst im Spatzennest:
Jeder Tannenbaum bereitet
Sich nun vor aufs Weihnachtsfest,
Denn ein Weihnachtsbaum zu sein:
Das ist fein!

James Krüss

(Internet-Tipp: http://www.kirchenweb.at)


Sieghard antwortete am 11.12.00 (22:50):


Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel.
Drüben versinkt dir Geliebte im Sand -
er steigt um sein wehendes Haar,
er fällt ihm ins Wort,
er befiehlt ihm zu schweigen,
er findet ihn sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

[frei nach Bachmann 10.2.78]


Heidi antwortete am 11.12.00 (23:20):

Ich träume von Kindertagen , als Weihnachten noch etwas Geheimnisvolles war:

Plätzchenduft in den seltsamsten Ecken
versteckt vor gieriger Kinderhand
rote Kugeln im Tannengrün
hängen an Tür und Wand
"werden wir das Christkind sehn?"
Weihnachtslieder klingen
von Kinderstimmen
es wird eifrig gesucht
nach Geschenkverstecken

wir haben sie nie gefunden
und auch das Christkind nie gesehen
aber für uns als Kinder
war Weihnachten wunderschön

hl


Sieghard antwortete am 12.12.00 (04:53):

Er ging die Straße entlang
bis zur Haustür.
Er öffnete die Haustür
und verschwand im Haus.
Im Haus
machte er Licht
und lief die Treppe empor.
Bei Nr. 10 hielt er
und klingelte mehrmals.
Seine Frau öffnete die Wohnungstür
und ließ
ihn
eintreten.
Das Nachtmahl stand auf dem Tisch
und zwar gab es
Eierspeis mit Salat.
Um elf löschte er das Licht
und begab sich mit ihr
zu Bett.
Im Bett puderten sie noch eine
Zeit lang, dann
entschliefen sie
und erwachten zugleich
um 7 Uhr
als der Wecker schellte.
.


Heidi antwortete am 12.12.00 (08:04):

Der Aufruf

Mein Leben:
ein Guckkasten mit kleinen Landschaften
gemächlichen Menschen
vorüberziehenden Tieren
wohlbekannten wiederkehrenden Szenerien

plötzlich aufgerufen bei meinem Namen
steh ich nicht länger im windstillen Panorama
mit den bunten schimmernden Bildern

sondern drehe mich wie ein schrecklich glühendes Rad
einen steilen Abhang hinunter
aller Tabus und Träume von gestern entledigt
auf ein fremdes bewegtes Ziel gesetzt:

ohne Wahl
aber mit ungeduldigem Herzen

Friederike Mayröcker


Herbertkarl Hüther antwortete am 12.12.00 (08:06):



Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und, leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh’ ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!

So lasst mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.

(Johann Wolfgang von Goethe)


Herbertkarl Hüther antwortete am 12.12.00 (08:59):




Der Traum

Ich lag und schlief; da träumte mir
ein wunderschöner Traum:
Es stand auf unserm Tisch vor mir
ein hoher Weihnachtsbaum.

Und bunte Lichter ohne Zahl,
die brannten ringsumher;
die Zweige waren allzumal
von goldnen Äpfeln schwer.

Und Zuckerpuppen hingen dran;
das war mal eine Pracht!
Da gab's, was ich nur wünschen kann
und was mir Freude macht.

Und als ich nach dem Baume sah
und ganz verwundert stand,
nach einem Apfel griff ich da,
und alles, alles schwand.

Da wacht' ich auf aus meinem Traum,
und dunkel war's um mich.
Du lieber, schöner Weihnachtsbaum,
sag an, wo find' ich dich?

Da war es just, als rief er mir:
"Du darfst nur artig sein;
dann steh' ich wiederum vor dir;
jetzt aber schlaf nur ein!

Und wenn du folgst und artig bist,
dann ist erfüllt dein Traum,
dann bringet dir der heil'ge Christ
den schönsten Weihnachtsbaum.

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)


Beate antwortete am 12.12.00 (09:13):

Eine Mutter ist eine Mutter,
ist eine Mutter.
War immer Mutter,
bleibt immer Mutter.
Natürlich.

BR


Heidi antwortete am 12.12.00 (18:36):

Auch ein Weihnachtsgedicht...

Als einst in rauher Winternacht im Schnee ich zitternd stand,
Kam plötzlich Hitze über mich, mein Herz geriet in Brand;
Und furchtsam hob die Augen ich zu sehn, was das wohl war:
Ein lieblich Kindlein, brennendhell, bot meinem Blick sich dar.
Das ließ, von heißer Glut versengt, Ströme von Tränen fließen,
Doch statt zu löschen, ließen sie mehr noch die Flammen schießen.

"O weh", sprach es, "dass, neugeborn, in solcher Glut ich leide,
Und niemand naht, damit sein Herz sich an der Wärme weide.
Mein reines Herz der Ofen ist, Brennstoff sind Dornenbande,
Liebe das Feuer, Seufzer Rauch, und Asche Hohn und Schande.
Gerechtigkeit legt Kohle drauf, Gnade die Flamme weckt,
Das Erz, das in der Esse glüht, sind Seelen, schuldbefleckt.
Um sie zu läutern, brenn ich hier in so entfachter Glut
Und schmelze hin zu einem Bad, wasch sie mit meinem Blut."
Damit verschwand's aus meinem Blick, war weg mit einem Schlag,
Und plötzlich kam mir in den Sinn: es war ja Weihnachtstag.

'The Burning Babe" Robert Southwell (1561-1595)


Monika antwortete am 12.12.00 (19:32):

Ich bin heute zum erstenmal in diesem Netz und bin begeistert von den hübschen Gedichten, so dass ich gern wenigstens eins dazu beitragen möchte.

Ein gutes Wort ist...

wie der Tau, der den Vogel am Meer tränkt,
wie der Duft, den die Blume dem Kranken schenkt,
wie ein Lied, das die Lerche zum Himmel trägt,
wie das Blau, das unser Auge zwischen Wolken entdeckt,
wie ein Strahl, den die Sonne ins Zimmer schickt,
wie das Grün, das als erstes die Hänge schmückt,
wie ein Quell, der wie Silber dem Berg entspringt,
wie ein Stern, der in der Nacht aus dem Dunkel blinkt.


Georg Schneider


Wolfgang antwortete am 12.12.00 (19:44):

Winter (von Regina Lindinger)

Da Winter
ist koit
heia

I brauchat
als Pullover
a paar Händ
de mi
streichln

an warma Blick
als Mantel
zum Einiwickln

als Schal
a liabs Wort

und an Huat
aus Behutsamkeit

wei da Winter
is heia
koit

Walter Flemmer (Hrsg.): Weil's uns freut. Das große Buch der Bayerischen Lyrik aus zwei Jahrhunderten, Ludwig Verlag, Pfaffenhofen 1986


Heidi antwortete am 12.12.00 (20:10):

Mein Lieblingsthema ein Liebesgedicht :-))

Die Liebende schreibt

Ein Blick von deinen Augen in die meinen,
ein Kuß von deinem Mund auf meinem Munde,
Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?

Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen,
Führ' ich stets die Gedanken in die Runde,
Und immer treffen sie auf ene Stunde
Die einzige, da fang' ich an zu weinen

Die Träne trocknet wieder unversehens,
Er liebt ja, denk' ich, her in diese Stille,
Und solltest du nicht in die Ferne reichen?

Vernimm das Lispeln dieses Liebeswehens!
Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille,
Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!

Verfasser unbekannt


Heidi antwortete am 12.12.00 (20:34):

Nachtrag: von Goethe war's :-))


Herbertkarl Hüther antwortete am 12.12.00 (20:47):



Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh' ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)


Sieghard antwortete am 13.12.00 (04:48):

Advents-Hymnus

Tauet, Himmel, aus den Höhn,
tauet den Gerechten;
was verdorrt ist, blühe auf,
unter seinem Segen.

Wolken, regnet ihn herab,
regnet den Ersehnten,
Öffne, Erde deinen Schoß,
spross hervor den Heiland.

Komm, du Trost der ganzen Welt,
rette uns vom Tode.
Komm aus deiner Herrlichkeit,
komm, uns zu erlösen.

Komm, du Sonne voller Glanz,
komm in unser Dunkel,
und erhelle unsre Nacht,
Herr in deinem Lichte.

Komm, Herr Jesu, komme bald,
such uns heim in Frieden.
Mach die ganze Schöpfung neu.
Komm, o komm, Herr Jesu.
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 13.12.00 (08:03):




Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
ein reines, unschuldsvolles Kind,
als ich zum ersten Mal erfahren,
wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
und flüsterte: O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb ich sie alle,
des Lebens schönster Lenz ist mein;
und wenn ich keinem mehr gefalle,
dann will ich gern begraben sein.

(Frank Wedekind)


Herbertkarl Hüther antwortete am 13.12.00 (09:02):





Der Wein der Liebenden

Strahlend ist heut der Raum!
Ohne Sporen und Zügel und Zaum,
Sprengen wir, hoch auf dem Wein,
In den Zauberhimmel hinein!

Zwei Engeln gleich, die Fiebergluten
Unerbittlich überfluten,
Wollen wir uns der gläsern-blauen
Spiegelung der Ferne anvertrauen!

Von dem sanften Flügelschlagen
Weiser Wirbel fortgetragen,
Gleichem Rausche hingegeben,

Meine Schwester, laß uns schweben,
Fliehen, rastlos ohne Ruh,
Dem Paradies der Träume zu!

(Charles Baudelaire)
Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff


Friedgard antwortete am 13.12.00 (11:23):

Will sein: der Liebsten Bett
daß sie von harter Erd
kein Spüren hätt.

Will sein: der Liebsten Schuh
daß sie an keinem Stein
sich stoßen tu.

Will sein: der Liebsten Kleid
daß sie an keinem Frost
ein Wunden leid.

Will sein: der Liebsten Brot
daß sie kein Grimmen und
kein Sorg bedroht.

Will sein: der Liebsten Aug
daß sie vermehrter säh
was Welt ihr taug.

Will sein: der Liebsten Baum
daß sie ein Schatten find
und hell ein Traum.

Will sein: der, der ich bin
daß sie von meiner Art
käm zu sich hin.

Peter Maiwald: "Balladen von Samstag auf Sonntag"


Heidi antwortete am 13.12.00 (14:33):

:-) scheint nicht nur mein Lieblingsthema zu sein

Freundliches Begegnen

Im weiten Mantel bis ans Kinn verhüllet,
Ging ich den Felsenweg, den schroffen, grauen,
Hernieder dann zu winterhaften Auen,
Unruh'gen Sinns, zur nahen Flucht gewillet.

Auf einmal schien der neue Tag enthüllet:
Ein Mädchen kam, ein Himmel anzuschauen,
So musterhaft wie jene lieben Frauen
Der Dichterwelt. Mein Sehnen war gestillet.

Doch wandt' ich mich hinweg und ließ sie gehen
Und wickelte mich enger in die Falten,
Als wollt' ich trutzend in mir selbst erwarmen;

Und folgt' ihr doch. Sie stand. Da war's geschehen!
In meiner Hülle konnt' ich mich nicht halten,
Die warf ich weg, sie lag in meinen Armen.

Goethe


Heidi antwortete am 13.12.00 (14:44):

:-)) Goethe schreibt noch mal für mich:

Sie kann nicht enden

Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte,
Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe,
ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.

Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte;
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe;
Da läs' ich, was mich mündlich sonst entzückte:

'Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!'
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.

Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest.
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.


Sieghard antwortete am 13.12.00 (16:56):

Lüge und Wahrheit

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
auch wenn er just die Wahrheit spricht

Lügen haben kurze Beine.

Auf eine grobe Lüge gehört
eine grobe Maulschelle.

das sind die weisen,
die durch irrtum zur wahrheit reisen,
die im irrtum verharren,
das sind die narren.

Blaise Pascal (1623 - 1662)
Hier auf Erden ist jegliches Ding zum
Teil wahr, zum Teil falsch... Nichts ist
reine Wahrheit, und deshalb ist nichts
wahr, was wir für reine Wahrheit halten...
Wir besitzen sowohl Wahrheit wie Gutes
nur zum Teil, und mit Bösem und Fal-
schem gemischt.

Auf Erden ist nicht die Heimat der Wahr-
heit, unerkannt irrt sie unter den Men-
schen umher.
.


Wolfgang antwortete am 13.12.00 (18:26):

Schau' ich mir hier die Gedichte der letzten Tage an, ist schwer zu glauben, dass Adventzeit ist. Mir scheint, der Frühling ist ausgebrochen. :-) - Zum Thema "Lüge und Wahrheit" habe ich was. Ganz brauchbar, wenn der Weltschmerz unerträglich wird. Hoffentlich - Sieghard - steigts mar etza net afi afn Huat... :-)

Die Wölt is schlecht (von Karl Winter)

Dies muaß dir schon a Zöltn sa,
wenn oaner tuat wiar ih;
und söchane wernd söltn sa,
wo kamat ma do hi!
Und wal mas koaner mocha tuat
a so, wiar ih gern mächt,
drum steigts mar afi afn Huat!
Die Wölt is schlecht!

Und wenn ih oft recht schöltn tua,
aft lochend ulle Leut:
Wos is denn mit den Zöltn nur,
wird der denn nimmer gscheit?
Aft deng ih holt: Dös redts ma guat,
am End hobts eppa recht...
Drum steigts mar afi afn Huat!
Die Wölt is schlecht!

Ja, wenn ih net der Zöltn war,
do hauat ih holt drei,
do liaßatnds mih göltn, - na!
do spirratnds mih ei. -
Drum rennat ih am liebsten fuhrt,
wal koaner mocht mas recht...
Drum steigts ma afi afn Huat!
Die Wölt is schlecht!


Heidi antwortete am 13.12.00 (19:08):

nicht ernst zu nehmender Kommentar :-))

Advent, Advent -'Gedichte' brennt
von Liebe und Sehnsucht
der Lüge und schlechter Welt
und wie's dem einen oder andern
ums Herz ist bestellt
Advent, eine Weihnachtsgeschichte,
Gefühle hoch drei,
sind es doch 'nur 'GEDICHTE?
einem jedem steht's frei
zu lesen die Worte
zwischen die Zeilen zu sehn
doch eines steht fest
"Gedichte" ist schön!

-- und niemals langweilig! :-))


Herbertkarl Hüther antwortete am 14.12.00 (08:02):



Ode an den glückhaften Tag

Diesmal lasst mich
glücklich sein,
keinem ist etwas geschehen,
und ich bin nirgendwo,
einziges Ereignis ist,
dass ich glücklich bin
beim Gehen, beim Schlafen,
beim Schreiben über das ganze
Rund meines Herzens.
Was soll weiter ich tun, ich bin
glücklich,
zahlloser bin ich
als das Gras
auf den Weiden,
ich fühle die eigene Haut wie den runzligen Baum
und unten das Wasser,
hoch oben die Vögel,
um meiner Hüfte das Meer
wie einen Reif,
aus Brot und Stein die Erde geschaffen,
die Luft singt wie eine Gitarre.

Du mir zuseiten im Sande
bist Meeressand,
du singst und bist Gesang,
die Welt
ist heut meine Seele,
Lied und Sand,
die Welt
ist heute dein Mund,
lasst mich
an deinem Munde und im Sande
glücklich sein,
ja, glücklich sein, weil ich atme
und weil auch du atmest,
glücklich sein, weil ich
dein Knie berühre
und es ist,
als berührte ich
die blaue Haut und Kühle
des Himmels.

Heute lasst mich
einzig nur
glücklich sein
mit allen oder ohne sie,
glücklich sein
mit dem Gras
und dem Sand,
glücklich sein
mit der Luft und der Erde,
glücklich sein
mit dir, mit deinem Munde
glücklich sein.

(Pablo Neruda)
1971 Nobelpreis für Literatur


Sieghard antwortete am 14.12.00 (09:22):

Heute ist Johannes vom Kreuz im Heiligenkalender.
1525 geb. in Alt-Kastilien
1563 Eintritt in den Karmel
1591 14.12. gestorben in Ubeda
1926 Kirchenlehrer

In größter Not [Gefangenschaft, Folter, Verleumdung]
wurde in ihm der mystische Dichter geboren. Hier ein
Beispiel:


An meiner sel'gen Brust,
Die ihm allein zu eigen,
Ruht er in süßer Lust.
Und ich, ich darf in Lieb' mich zu ihm neigen
Ihm Kühlung wehn gelind mit Zederzweigen.

Als schon der Morgenwind
Begann sein Haar zu spreiten
Um meinen Nacken lind,
Ließ er die Rechte gleiten;
Mir schmolz das Herz in Seligkeiten.

Ich gab, ergab mich ganz,
Das Haupt am Lieb geborgen.
Es schwand der Dinge Glanz,
Vergessen war mein Sorgen,
Da ich in Lilienduft geborgen.
.


Friedgard antwortete am 14.12.00 (12:20):

Zurück zur Weihnachtszeit:

Rudolf Hagelstange schrieb:

ACH GUTER JOSEPH...

Nimm den Fuß da weg! ( Der Wirt schloß die Tür.)
Er nahm sie beim Arm und sprach zu ihr: "Komm!
Mein Lebtag habe ich Betten gezimmert
für andre Leute. Du siehst, was es bringt.
Ach, wär ich ein junger Kerl noch! Ich hätte...

Vielleicht ist es gut so. Wer weiß es. Du hättest
sicher gelitten. Die vielen Menschen.
Der Weindunst. Die Enge! - Ich hätte ja tief
in den Beutel gegriffen, nur daß du endlich ...-

Hier war'n wir doch schon? Ich glaube wir laufen
immer im Kreise. - Der Kerl hatte Finger
wie eine Spinne! Na. Laß ihn... Was meinst du:
Wollen wir's draußen versuchen? An Festen
findet sich abseits leichter ein Plätzchen.

Das erste, was ich uns kaufe daheim,
wäre ein Esel. Ich sag dir: Beweglich
muß man heut sein! - Ach, dieser Quirinius
ist sicher ein Junggeselle. Sonst hätt er
doch die schwangeren Frauen beurlaubt! Väter
sollten uns nur regieren. Aber was red ich...

Hier gehts hinaus aus dem Ort. Sags ehrlich:
Reichts noch ein Stückchen? Wir gehen langsam...
Du könntest dich setzen. Ich schaute derweil...
Schon gut denn. Wir bleiben einfach zusammen.
Was hast du? Du leidest. Da, setz dich. Ich glaube
du fieberst...? Ach, Täubchen, mein Engel...
Wie soll ich denn helfen!? - Ach wär'n wir zu Haus...

Nun lächelst du wieder. Nein, ruh noch ein Weilchen.
Dahinten, sieh mal: Das scheint eine Hütte.
Ob das etwas wäre?...(Es dämmert ja schon.)
Nur langsam, nur langsam...

So schau doch! Ein König kröche hier unter
- im Regen. Ein Ochs und ein Esel erwarten uns schon.
Und sauberes Stroh! Wir werden nicht frieren.
Leg dich und ruh dich... Ach, weine doch nicht.
Sinds Schmerzen? Ists Glück? Es wird doch am Ende..?"

"Ach, guter Joseph... Mit ist so... Wir wollen
beten beide, daß Gott bei uns sei."
Und Joseph leise: "Er ist es. Ich seh ihn
schon aus deinen Augen mir winken..."


Herbertkarl Hüther antwortete am 14.12.00 (14:33):



Knabe und Veilchen

Knabe:
Blühe liebes Veilchen,
Das so lieblich roch,
Blühe noch ein Weilchen,
Werde schöner noch.
Weist du was ich denke,
Liebchen zum Geschenke,
Pflück ich Veilchen dich,
Veilchen freue dich!

Veilchen:
Brich mich stilles Veilchen,
Bin die Liebste dein,
Und in einem Weilchen
Werd ich schöner seyn!
Weist du, was ich denke,
Wenn ich duftend schwenke
Meinen Duft um dich:
Knabe liebe mich!


Arnim, Achim von /Clemens Brentano
(aus: Des Knaben Wunderhorn)


Sieghard antwortete am 14.12.00 (15:19):

Jedes neue Weihnachtsgedicht
ist sicher für alle eine Freude.
Wiederholung ist die Mutter des
Studiums. Das kennen wir aus
der Jugendzeit. Das hat uns auch
manchmal in späteren Jahren ge-
nützt. Nur langweilig sollte es
nicht werden.
In www.kirchenweb.at
sind sehr viele Weihnachtsge-
dichte und -Sprüche veröffent-
licht.
Es lohnt sich dort einmal hinein-
zusehen.
.
.


Heidi antwortete am 14.12.00 (21:08):

Erstaunlich, was sich unter Stichwort "Weihnachten" so alles findet, unter anderem auch das Kästner-Gedicht:

Der Weihnachtsabend des Kellners

Aller Welt dreht er den Rücken,
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
Ach, du liebes Weihnachtsfest!"
Im Lokal sind nur zwei Kunden.
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.
Denn vielleicht kommt doch noch einer,
welcher keinen Christbaum hat
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.-
Dann schon lieber Kellner bleiben
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Straßen treiben
und vor fremden Fenstern stehn!
Erich Kästner


Heidi antwortete am 14.12.00 (21:28):

kein Weihnachtsgedicht - aber auch beim Surfen gefunden :-)

Schlaflied für dich

Komm zu mir, dann wieg' ich dich,
wiege dich zur Ruh'.
Komm zu mir und weine nicht,
mach die Augen zu.

Ich flechte dir aus meinem Haar
eine Wiege, sieh!
Schläfst drin aller Schmerzen bar,
träumst drin ohne Müh'.

Meine Augen sollen dir
blinkend Spielzeug sein.
Meine Lippen schenk' ich dir -
trink dich in sie ein.

(Selma Meerbaum-Eisinger)


Heidi antwortete am 14.12.00 (22:27):

Dieses ist mit Abstand das schönste Gedicht das ich heute im Internet(t) gefunden habe:

Definitionen

Wir können über Liebe sprechen.
Ich würde dir sagen,
mir gefällt die seltsame Art
in der dein Körper und mein Körper sich kennen
Pfadfinder die noch einmal
den uralten Weg der Erkenntnis erforschen.

Ich würde dir sagen
ich liebe deine Haut
und meine Haut liebt dich
deinen versteckten Turm
der sich plötzlich erhebt
und erzittert in mir
auf der Suche nach der Frau
die im tiefsten Innern meiner Weiblichkeit nistet.

Und ich würde dir sagen
ich liebe deine Augen
die rein sind und mich gleichfalls durchdringen
zart oder mit einem Hauch von Fragen.

Ich würde dir sagen
ich liebe deine Stimme
vor allem wenn sie Gedichte spricht
doch auch wenn du ernst klingst
so bemüht diese Welt zu verstehen
die weit ist und fremd.

Ich würde dir sagen
ich liebe, wenn ich dich sehe,
das Schmetterlingsflattern in meinem Magen
die Lust zu lachen
aus Freude daß ich bin und es dich gibt
und daß ich weiß, dir gefallen die Wolken
und die kalte Luft der Wälder von Matagalpa.

Wir könnten darüber sprechen
ob dies alles ernst ist was ich dir sage.
Ob die Verbrennung leicht ist
zweiten dritten oder ersten Grades
Ob man die Dinge beim Namen nennen muß oder nicht.
Ich sage dir nur diesen einzigen Satz:
Ich liebe dich.


Gioconda Belli

aus: Zauber gegen die Kälte
Sortilegio contra el frio
(Übersetzung: Anneliese Schwarzer)


Herbertkarl Hüther antwortete am 14.12.00 (22:38):



Ungeduld

Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein,
Ich grüb es gern in jeden Kieselstein,
Ich möcht es sä'n auf jedes frische Beet
Mit Kressensamen, der es schnell verrät,
Auf jeden weißen Zettel möchte ich's schreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Ich möcht mir ziehen einen jungen Star,
Bis daß er spräch die Worte rein und klar,
Bis er sie spräch mit meines Mundes Klang,
Mit meines Herzens vollem, heißem Drang;
Dann säng er hell durch ihre Fensterscheiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Den Morgenwinden möchte ich's hauchen ein,
Ich möchte es säuseln durch den regen Hain;
Oh, leuchtet' es aus jedem Blumenstern!
Trüg es der Duft zu ihr von nah und fern!
Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben?
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Ich meint, es müßt in meinen Augen stehn,
Auf meinen Wangen müßt man's brennen sehn,
Zu lesen wär's auf meinem stummen Mund,
Ein jeder Atemzug gäb's laut ihr kund,
Und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!

Wilhelm Mueller


Heidi antwortete am 14.12.00 (22:47):

damit wir Weihnachten nicht vergessen :-)) - mein liebstes Weihnachtslied:

Es wird scho glei dumpa,
Es wird scho glei Nacht.
Drum kimm i zu dir her,
Mein Heiland, auf d'Wacht.
Will singa a Liadl
Dem Liabling, dem kloan,
Du magst ja net schlafn,
I hör' di no woan.

Refrain:
Ei, ei, ei, ei!
Schlaf süß, herzliabs Kind!

2. Vergiß jetzt, o Kindlein,
Dein'n Kummer, dein Leid,
Daß du da mußt leiden
Im Stall auf der Heid.
Es zier'n ja die Engel
Dein Krippelein aus,
Möcht' schöner nicht sein
In dem vornehmsten Haus.

Refrain:

3. O Kindlein, du liegst dort
Im Kripplein so schön;
Mir scheint, ich kann niemals
Von dir dort weggehn.
Ich wünsch dir von Herzen
Die süßeste Ruh;
Die Engel vom Himmel,
Die decken dich zu.

Refrain:

4. Schließ zu deine Äuglein
In Ruh und in Fried
Und gib mir zum Abschied
Dein'n Segen nur mit.
Dann wird auch mein Schlafen
Ganz sorgenlos sein,
Dann kann ich mich ruhig
Aufs Niederlegn freun.

Refrain:


Herbertkarl Hüther antwortete am 15.12.00 (00:22):




All mein Gedanken

All mein Gedanken, die ich hab', die sind bei dir.
Du auserwählter einz'ger Trost, bleib stets bei mir.
Du, du, du sollst an mich gedenken.
Hätt' ich aller Wünsch Gewalt,
von dir wollt ich nicht wenken.

Du auserwählter einz'ger Trost, gedenk daran!
Leib und Gut, das sollst du gar zu eigen han.
Dein, dein, dein will ich immer bleiben:
Du gibst Freud und hohen Mut
und kannst mir Leid vertreiben.

Dein allein und Niemands mehr, das wiss' fürwahr,
tätst du desgleichen Treu an mir, so wär ich froh.
Du, du, du sollst von mir nit setzen:
Du gibst Freud und hohen Mut
und kannst mich Leids ergetzen.

Die werte Rein, die ward sehr wein'n, do das geschah:
Du bist mein und ich bin dein, sie traurig sprach.
Wann, wann, wann ich soll von dir weichen:
Ich nie erkannt, noch nimmer mehr
Erkenn ich deines Gleichen!

(Minnelied)


Heidi antwortete am 15.12.00 (00:44):

wurde mir gerade zugesandt von einem Preisträger des Berner Lyrikwettbewerbs 2000, sehr schön:

Poseidon

am morgen
die flügel öffnen
und das gellende licht hereinlassen
den atem des einhorns fühlen

am tage
ohren und augen sprechen lassen
und im wogenden gras untertauchen
nach verborgenen drachen suchen

am abend
das pochen des herzens spüren
und zärtliche gedanken auf bauchnabel kritzeln
ozeane überfliegen

in der nacht
eine fischhaut anlegen
und zu den delphinen hinabsteigen
auf dem wagen des poseidon reiten

aufwachen
in freudiger erwartung
eines neuen tages

(Thomas Seilnacht)

(Internet-Tipp: http://www.seilnacht.tuttlingen.com)


Sieghard antwortete am 15.12.00 (09:04):


FÜRCHTE DICH NICHT
vor dem kommenden Tag,
dem du dich nicht gewachsen fühlst
und vor den Aufgaben,
die dich zu verschlingen drohen.

Fürchte dich nicht
vor Menschen,
die anders sind als du
und die sich ein Bild
von dir gemacht haben,
das deiner Wirklichkeit
nicht entspricht.

Fürchte dich nicht vor dir selbst
und vor all dem Dunkeln
und Ungewissen in dir,
das dir manchmal so bedrohlich ist.

Fürchte dich nicht,
sondern vertraue auf die Liebe.
Die Liebe ist stärker als alle Ängste
und mächtiger als alle Tode
dieser Welt.
Wenn du einem Menschen,
vor dem du Angst hast,
in Liebe begegnest,
wirst du auch an ihm etwas finden,

das dir liebenswürdig erscheint,
so wie die Liebe
zu den Abgründen deiner eigenen Seele
dich zu deiner Tiefe
und damit auch zur Mitte
deines Wesens und deines Lebens
führen kann.
Darum:
fürchte dich nicht.

Fürchtet euch nicht!
Denn ich verkünde euch eine große Freude,
die dem ganzen Volk zuteil werden soll.
Lk 2,10
Botschaft gegen die Angst
wird uns da verkündet,
eine Botschaft gegen Enge
und Lieblosigkeit
eine Botschaft für das Leben
und für Zukunft!
.
.


Heidi antwortete am 15.12.00 (09:39):

Weihnachts- u. Adventslieder von morgens bis abends,
auch dieses gehört zu meinen Lieblingsliedern:

Maria durch ein'n Dornwald ging,
Kyrieleison!
Maria durch ein'n Dornwald ging,
Der hat in sieb'n Jahr kein Laub getragen.
Jesus und Maria.

2. Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrieleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
Das trug Maria unterm Herzen!
Jesus und Maria.

3. Da hab'n die Dornen Rosen getragen,
Kyrieleison!
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
Da haben die Dornen Rosen getragen!
Jesus und Maria

4. Wie soll dem Kind sein Name sein?
Kyrieleison!
Der Name, der soll Jesus sein,
Das war von Anfang der Name sein!
Jesus und Maria.

5. Wer soll dem Kind sein Täufer sein?
Kyrieleison!
Das soll der Sankt Johannes sein,
Der soll dem Kind sein Täufer sein!
Jesus und Maria.

6. Was kriegt das Kind zum Patengeld?
Kyrieleison!
Den Himmel und die ganze Welt,
Das kriegt das Kind zum Patengeld!
Jesus und Maria.

7. Wer hat erlöst die Welt allein?
Kyrieleison!
Das hat getan das Christkindlein,
Das hat erlöst die Welt allein!
Jesus und Maria!

aus dem 17. Jahrhundert

Einen schönen guten Morgen wünsche ich!


Siegrun Greaune antwortete am 15.12.00 (11:29):

Weihnachtsgedanken

Die Kerzen strahlen am Tannenbaum
ich sitze im Sessel und träume
tiefe Stille in diesem Raum
der Wind draußen schüttelt die Bäume.

Wie war es doch vor langer Zeit
als ich ein Kind noch war
in einem kurzen Hängerkleid
und langem schwarzen Haar.

Die Kerzen strahlten am Tannenbaum
der für mich das Schönste war
denn Geschenke gab es kaum
so war es Jahr für Jahr.

Doch wenn ich meine Puppe sah
in einem neuen hübschen Kleid
da war ich den oft denTränen nah
so hab` ich mich gefreut.

Wo mag jetzt meine Puppe sein
ich hab` sie lang nicht mehr geseh`n
vielleicht ist sie nun auch allein
ich werd´ sie suchen geh`n.

S.Graune


Siegrun Greaune antwortete am 15.12.00 (11:35):

Weihnachtsgedanken

Die Kerzen strahlen am Tannenbaum
ich sitze im Sessel und träume
tiefe Stille in diesem Raum
der Wind draußen schüttelt die Bäume.

Wie war es doch vor langer Zeit
als ich ein Kind noch war
in einem kurzen Hängerkleid
und langem schwarzen Haar.

Die Kerzen strahlten am Tannenbaum
der für mich das Schönste war
denn Geschenke gab es kaum
so war es Jahr für Jahr.

Doch wenn ich meine Puppe sah
in einem neuen hübschen Kleid
da war ich den oft denTränen nah
so hab` ich mich gefreut.

Wo mag jetzt meine Puppe sein
ich hab` sie lang nicht mehr geseh`n
vielleicht ist sie nun auch allein
ich werd´ sie suchen geh`n.

S.Graune

www.literatursofa.de


Herbertkarl Hüther antwortete am 15.12.00 (12:46):



O stille dies Verlangen

O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein!
zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Schon liegt die Welt im Träume,
Blühet die duft'ge Nacht;
Der Mond im blauen Raume
Hält für die Liebe Wacht.
Wo zwei sich treu umfangen,
Da gibt er den holdesten Schein.
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!

Du bist das süße Feuer,
Das mir am Herzen zehrt;
Lüfte, lüfte den Schleier,
Der nun so lang' mir wehrt!
Laß mich vom rosigen Munde
Küssen die Seele dir,
Aus meines Busens Grunde
Nimm meine Seele dafür - .
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein,
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!

Die goldnen Sterne grüßen
So klar vom Himmelszelt,
Es geht ein Wehn und Küssen
Heimlich durch alle Welt,
Die Blumen selber neigen
Sehnsüchtig einander sich zu;
Die Nachtigall singt in den Zweigen -
Träume, liebe auch du!
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Von Lieb' und Traum umfangen
Wollen wir selig sein.

(Emanuel Geibel)


Heidi antwortete am 15.12.00 (17:37):

Bei diesen schönen Liebesgedichten leidet man ja richtig mit :-))

"dichterische" freiheiten

o unbekannte schöne
erhöre doch sein flehn
lass diese süßen Worte
nicht ungehört vergehn

er bietet seine seele
sein herz für alle zeit
o unbekannte schöne
siehst du denn nicht sein leid?

o unbekannte schöne
du dichterische traumgestalt
ich wandle deine seele
wirst ihn erhör'n nun bald

:-))) hl


Heidi antwortete am 15.12.00 (18:50):

Advent! ...auf besonderen Wunsch ein 'Mundart'Gedicht

Niederdeutsch aus Hamburg um die Reformationszeit

Advent! Advent! du hillig Tied!
wo schienst du uns in't Hart so blied!
un maakst uns wunnerfröhlich!
Nu seht wi klaar,
nu ward wi't wohr,
wo deep Gott's Leev is un wo fründlich!

Ut Bethlehem vun Krüff un Stall
kümmt her de Schien un will uns all
den Weg nah'n Himmel wiesen.
Gott ward en Kind
as wi dat sünd.
Nu köönt wi em as Kinner priesen.

De hillig Lüüd in't Land ümher
harrn up em tööwt mit hitt Begehr.
Se wulln ehrn König grööten.
Dor reckt Gott's Hand
sik öwer't Land.
De König keem, ehr to bemööten.


Heidi antwortete am 15.12.00 (19:51):

gerade gefunden:

Das Lied vom verlorenen Jesuskind

"Jesuskind, wo bist du? Du bist nicht mehr zu sehn.
Leer ist deine Krippe, wo Ochs und Esel stehn ...
Ich seh Maria, die Mutter, und Joseph Hand in Hand,
ich seh die schönen Fürsten vom fernen Morgenland.
Doch dich kann ich nicht finden:
Wo bist du, Jesuskind?"
"Ich bin im Herzen der Armen, die ganz vergessen sind."

"Maria, voller Sorgen, die sucht dich überall,
draußen bei den Wirten, in jeder Eck im Stall.
Im Hof ruft Vater Joseph und schaut ins Regenfaß.
Sogar der Mohrenkönig, er wird vor Schrecken blaß.
Alles sucht und ruft dich:
Wo bist du, Jesuskind?"
"Ich bin im Herzen der Kranken, die arm und einsam sind."

"Die Könige sind gegangen, sie sind schon klein und fern;
die Hirten auf dem Felde, sie sehn nicht mehr den Stern.
Die Nacht wird kalt und finster - erloschen ist das Licht.
Die armen Menschen seufzen: Nein, nein, das war Er nicht!
Doch rufen sie noch immer:
Wo bist du, Jesuskind?"
"Ich bin im Herzen der Heiden, die ohne Hoffnung sind."

Jean Anouilh (1910 - 1987)


heidi antwortete am 16.12.00 (02:55):



Elfenlied

sie singt ganz leise ihre Elfenlieder
sie tanzt auf Elfenfüßen ihren Elfentanz
sie träumt zarte Elfenträume und
ihre goldenen Elfenlocken wehen leise im Wind

niemand sieht die kleine Elfe
niemand hört sie
Elfen sind unsichtbar
...
hl

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/hp/lachnitt)


Huether antwortete am 16.12.00 (11:02):





so sein

so sein
ist da sein

ist hier sein
ist auch
woanderssein

sein zu sein
nicht zu sein

sein zu gewesen
aber weswegen

seiendes seiendes
weshalb brichst du
dir deine fluegel ???

hkh


Heidi antwortete am 16.12.00 (11:12):

Der erste Schnee war da - heute morgen um 6.00

Schneeflöckchen, Weißröckchen
deckst alles schön zu
du schneeweiße Stille
bringst Seelenruh

Das Tanzen der Flocken
im flimmernden Grau
lässt mich vergessen
des Himmels Blau

Alles ist ruhig
und still auch mein Herz
Schneeflöckchen, Weißröckchen
du kühlst allen Schmerz

Schneeflöckchen, Weißröckchen
wann kommst du geschneit
kommst hoch aus den Wolken
dein Weg ist sehr weit

hl


heidi antwortete am 16.12.00 (21:12):

verstauchte flügel

zu tief geflogen
bruchlandung gemacht
wunden geleckt in der nacht

wieder aufgestanden:
durch schneeflocken fliegen
ist schön

hl


Heidi antwortete am 16.12.00 (21:47):

Da es inzwischen wieder regnet hier.....

Regen in der Dämmerung

Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süssem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut

Das rinnende rauschende Wasser
Berauschte verwirrend die Stimmen
Der Träume, die blasser und blasser
Im schwebenden Nebel verschwimmen

Der Wind in den wehenden Weiden,
Am Wasser der wandernde Wind
Berauschte die sehnenden Leiden,
die in der Dämmerung sind...

Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel...

Hugo von Hofmannsthal


Sieghard antwortete am 16.12.00 (22:35):

Zum 3. Advent:

Gaudete in Domino semper;
iterum dico, gaudete.
Dominus enim prope est.
Phil. 4,4
.


Poesie antwortete am 16.12.00 (23:56):

Ausgang

Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.
Theodor Fontane


Heidi antwortete am 17.12.00 (01:11):

Im Conrady geblättert

einfache Sätze
während ich stehe fällt der Schatten hin
Morgensonne entwirft die erste Zeichnung
Blühn ist ein tödliches Geschäft
ich habe mich einverstanden erklärt
ich lebe

Helmut Heissenbüttel (1921-1996)


Heidi antwortete am 17.12.00 (01:35):

Bald zwei Uhr - Zeit für ein Liebesgedicht :-)) - in sieben Tagen ist Weihnachten und in vierzehn Tagen ist das Jahr zu Ende.....

Liebeskalender

Wann ist zum Lieben die beste Zeit?
Wenn der Frühling sich schwingt in denLüften,
Wenn der Kuckuck ruft so weit, so weit,
Wenn die Bäume blühen und düften;
Du aber am Arme der lieblichsten Frau
Du wandelst mit Neigen und Grüßen
Und windest zum Kranze die Blumen der Au-
O seliges Lieben und Küssen!

Wann ist zum Lieben die beste Zeit?
Wenn derSommer lächelt, der holde,
Es stehen die Fluren in festlichem Kleid,
Die Ähren prangen im Golde.
Da sitzt die Geliebte im blühenden Feld,
Du ruhest ihr kosend zu Füßen,
Und über euch dämmert das wogende Zelt -
O seliges Lieben und Küssen!

Wann ist zum Lieben die beste Zeit?
Wenn der Herbst sich neiget zu Ende,
Wenn die Buche sich färbt und das Rebhuhn schreit,
Es färbt sich der Wein am Gelände.
Die Kleine, die Feine, die hat sich versteckt,
Sie wirft dich mit Trauben und Nüssen,
Du aber, du hast sie im Fluge entdeckt -
O seliges Lieben und Küssen!

Wann ist zum Lieben die beste Zeit?
Wenn der Winter knirscht auf dem Eise;
Die Wälder begraben, die Wege verschneit,
O süße Beschwerden der Reise!
Nun sitzt du im Stübchen so traulich und warm
Es labt dich die Liebste mit Küssen
Sie hält dich, sie wiegt dich im schwellenden Arm -
O seliges Lieben und Küssen!

So ist zum Lieben jedwede Zeit
Die echte, die rechte, die beste,
So halte, o Herz, dich immer bereit,
Zu empfangen die himmlischen Gäste!
Und hast du die flüchtige Stunde verträumt,
Mit Tränen wirst du es büßen,
So leere den Becher, solang er dir schäumt -
O seliges Lieben und Küssen!

Robert Prutz in "Deutsche Liebeslyrik"


Sieghard antwortete am 17.12.00 (09:04):

.
WEIHNACHTSLIED
ernst jandl + 1925

machet auf den tuerel
machet auf den tuerel
dann kann herein das herrel
dann kann herein das herrel
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
...
.


Heidi antwortete am 17.12.00 (16:23):

mir ist heute nicht nach Advent


der hügel wo wir wandeln liegt im schatten
indes der drüben noch im lichte webt
der mond auf seinen zarten grünen matten
nur erst als kleine weisse wolke schwebt

die strassen weithin-deutend werden blasser
den wandrern bietet ein gelispel halt
ist es vom berg ein unsichtbares wasser
ist es ein vogel der sein schlaflied lallt?

der dunkelfalter zwei die sich verfrühten
verfolgen sich von halm zu halm im scherz..
der rain bereitet aus gesträuch und blüten
den duft des abends für gedämpften schmerz

Stefan George 1868-1933


Heidi antwortete am 17.12.00 (17:32):

nach Weihnachten :-) - es sei denn, man hat einen Plastikbaum :-(

Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
die grünen Nadeln warn'n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
Hei! Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Christian Morgenstern


Herbertkarl Hüther antwortete am 17.12.00 (20:30):



Drey Winterrosen

Es ritt ein Herr mit seinem Knecht,
Des Morgens in dem Thaue,
Was fand er auf der Heide stehn?
Ein wunderschöne Jungfraue.

"Gott grüß euch Jungfrau hübsch und fein,
Gott grüß euch Auserwählte,
Wollt Gott ich sollt heut bey euch seyn,
In euren Armen schlafen."

"In meinen Armen schlaft ihr nicht,
Ihr bringt mir denn drey Rosen,
Die in dem Winter wachsen sind,
In voller Blüt erschlossen."

Er schwang sich in den Sattel frei,
Dahin so thät er traben,
Da wo die rothen Röslein stehn,
Um Fräuleins Gunst zu haben.

Der Röslein warn nicht mehr denn drey,
Er brach sie an den Stielen,
Er schütt sie der Magd in Geren frei,
Nach allem ihren Willen.

Da sie die rothen Röslein sah,
Gar freundlich thät sie lachen:
"So sagt mir edle Röslein roth,
Was Freud könnt ihr mir machen?"

"Die Freud, die wir euch machen wohl,
Die wird sich auch schon finden,
Jetzund geht ihr ein Mägdlein jung,
Aufs Jahr mit einem Kinde."

"Geh ich mit einem Kindelein,
So muß es Gott erbarmen,
Hab ich doch nur eine halbe Nacht,
Geschlafn an deinen Armen."

"So klage nicht mein Töchterlein,
Und weine nicht so sehre,
Es ist geschehn; manch Jungfräulein
Kam noch zu großen Ehren."

Das hat gesungen ein Reuter gut,
Ein Berggesell hat ihn verdrungen,
Er trinkt viel lieber den lautern Wein,
Denn Wasser aus kühlem Brunnen

Arnim, Achim von / Clemens Brentano
(aus: Des Knaben Wunderhorn)


Heidi antwortete am 17.12.00 (20:51):

Gespräch mit dem Stein

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Lass mich ein,
ich will mich umschaun in dir,
dich einatmen wie die Luft.“

„Geh weg“, sagt der Stein.
„Ich bin dicht verschlossen.
Sogar in Teile zerschlagen,
bleiben wir dicht verschlossen.
Sogar zu Sand verrieben,
lassen wir niemanden ein.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich komme aus reiner Neugier.
Das Leben ist meine einzige Chance.
Ich möchte deinen Palast durchschreiten
und dann noch das Blatt und den Wassertropfen besuchen.
Ich hab nicht viel Zeit für das alles.
Meine Sterblichkeit sollte dich erweichen.“

„Ich bin aus Stein“, sagt der Stein,
„und muss gezwungenermaßen ernst sein.
Geh weg.
Lachmuskeln hab ich keine.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Man sagt, es gibt große leere Säle in dir,
unbetrachtet, vergeblich schön,
taub, ohne ein Echo von irgendwessen Schritten.
Gib zu, dass du selbst nicht viel davon weißt.“

„Große und leere Säle“, sagt der Stein,
„aber ohne Raum.
Schön, möglich, aber jenseits des Geschmacks
deiner ärmlichen Sinne.
Du kannst mich kennenlernen,
du wirst mich aber niemals erkennen.
Meine ganze Oberfläche wende ich dir zu,
meine Innenseite wende ich von dir ab.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich suche keine Zuflucht für ewig.
Ich bin nicht unglücklich.
Ich bin nicht obdachlos.
Meine Welt ist eine Rückkehr wert.
Ich komme herein und gehe mit leeren Händen
wieder hinaus.
Und zum Beweis, dass ich wirklich da war,
zeig ich nichts vor außer Worten,
denen niemand Glauben schenken wird.“

„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
„Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.
Kein Sinn ersetzt dir den Sinn der Anteilnahme.
Selbst der bis zur Allsicht geschärfte Blick
nützt dir gar nichts ohne den Sinn der Anteilnahme.
Du kommst nicht rein,
hast kaum eine Ahnung von diesem Sinn,
kaum seinen Ansatz, eine Idee davon.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich kann nicht zweitausend Jahre warten,
bis ich eintrete unter dein Dach.“

„Wenn du mir nicht glaubst“, sagt der Stein,
„frag das Blatt, es wird dir dasselbe sagen.
Frag den Wassertropfen, er sagt dasselbe wie das Blatt.
Frag schließlich das Haar auf deinem Kopf.
Ich platze vor Lachen, vor großem Lachen, vor Lachen,
das ich nicht lachen kann.“
Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.“

„Ich hab keine Tür“, sagt der Stein.

(Wislawa Szymborska)


Heidi antwortete am 17.12.00 (20:57):

Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben

Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

(Erich Fried)


heidi antwortete am 17.12.00 (21:25):

Avec tes yeux je change comme avec les lunes
Et je suis tour à tour et de plomb et de plume,
Une eau mystérieuse et noire qui t'enserre
Ou bien dans tes cheveux ta légère victoire.

(Paul Eluard)


Heidi antwortete am 17.12.00 (21:27):

Das war eine kleine Auswahl aus nachstehender Adresse.

Ich wünsche allen eine gute Nacht!

(Internet-Tipp: http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte/Gedichte.htm)


Sieghard antwortete am 18.12.00 (09:55):

.
Nachrichten aus Bethlehem
Rudolf Otto Wiemer *1905

Gestern uebernachtete ich in
Bethlehem. Als ich den Wirt
fragte: Wo ist der Stall?
sagte er: Abgebrannt.
Wo Ochs und Esel?
Geschlachtet.
Maria und Joseph?
Vergast.

Die Weisen, bevor sie eintraten,
zweifelten. Sie versteckten
Gold, Weihrauch, Myrrhe unter den
Maenteln und sagten: Hier
nicht.

Die Krippe wurde oft von Reportern
fotografiert. Man fand sie grossartig
hart, bemaengelte jedoch, dass sie,
vom Stroh abgesehn,
leer sei.

Engel sollen damals an allen Ecken
gesehen worden sein, besonders von
Blinden.

Die Lokalpresse schrieb von der
Friedenskonferenz, von der Ankunft
dreier Minister, vom hellen Stern des
Explorer, vom ueberraschenden Anstieg der
Boersenkurse, vom zukuenftigen Heil durch
Raketen, von den Hirten und ihrem
Tariflohn, von der Geburt eines
unehelichen Kindes.

Die Revolte im Gefaengnis wurde
niedergeschlagen. die Aufruehrer,
peinlich befragt, erklaerten, sie
haetten die vom Engel verkuendete Amnestie
woertlich genommen.

Man probt die Sirenen. Man rechnet
mit einem neuen Ueberfall der
himmlischen Heerscharen.

Die Kinderschlaechter sind endlich
vor Gericht gestellt. Sie geben an,
auf allerhoechsten Befehl
gehandelt zu haben.
Antrag: man hoere den
Allerhoechsten.

Einer der Hirten kam nicht zur Krippe.
Er wollte die Schafe nicht allein lassen.
Als die andern heimkehrten, glaubte er
nichts, er hatte den Wolf abgewehrt.

Die Zaehlung geht weiter. Laengst
sind die Moerder gezaehlt, die
Planer, die Ausfuehrer, die Mitlaeufer,
keiner gezaehlt, der sagt: Ich bin schuld.

Als Krieg kam, wurden drei Hirten
Soldat. Sie gedachten des Engels und
sagten: Friede auf Erden.

Der erste verlor ein Bein.
Der zweite bekam das Ritterkreuz.
Der dritte wurde am Pfahl
erschossen.
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 18.12.00 (10:10):



Müde kehrt ein Wandersmann zurück
Nach der Heimat seiner Liebe Glück.
Doch bevor er tritt in Liebchens Haus,
Kauft er für sie den schönsten Blumenstrauß.

Und die Gärtnerin so hold und bleich,
Zeiget ihm ihr ganzes Blumenreich.
Doch bei jeder Rose, die sie bricht,
Rollt eine Träne ihr vom Angesicht.

Warum weinst du, holde Gärtnersfrau?
Weinst du um die Veilchen dunkelblau?
Oder um die Rose, die du brichst?
Ach nein, ach nein, um diese wein' ich nicht

Um den Liebsten wein' ich nur allein,
Der gezogen ist wohl übern Rhein.
Dem ich ew'ge Treu geschworen hab',
Die ich als Gärtnersfrau gebrochen hab'.

Liebe hast du nicht für ihn gehegt,
Darum hast die Blumen du gepflegt.
Ach, so gib mir, holde Gärtnersfrau,
Einen Strauß von Veilchen dunkelblau.
Und mit dem Blumenstrauß wohl in der Hand,
Will ich wandern durch das ganze Land,
Bis der Tod mein müdes Auge bricht.
Leb wohl, Geliebte, und vergiß mich nicht!

Eichendorff, Joseph Freiherr von (1788-1857)


Heidi antwortete am 18.12.00 (11:31):

Im Zug

Landschaften wie meine Gedanken
reifbestäubt, nebelversunken
kaltweiße Morgensonne

Pavarotti singt leise in mein Ohr
'dormi' und 'Ave Maria'
Pappbechertee

Ankunft im fremden Ort, schon
vertraut, Entscheidung
bereits getroffen

hl


Sieghard antwortete am 18.12.00 (15:11):

.
Zum soundsovielten Male im Weihnachts-
oratorium von JSB [früher selbst mitgesun-
gen.] - Im Rahmen des sog. Parodieverfah-
rens hat er frühere Werke in diesem Oratorium
verarbeitet. Was die Texte anbetraf, machte
Bach diese poetisch-musikalischen Umarbei-
tungen mit dem versierten Dichter Picander. An-
sonsten ist ja der anthologische Text-Charakter
dieses Werkes bekannt. Komposition ohne Texte
ist nicht denkbar.

Hier 7 von 64 Texten
aus dem Weihnachts-Oratorium
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750)
Uraufführung zum Jahreswechsel
1734/35

1
Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren.

5
Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn' ich dir?
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seelen Zier!
O Jesu, Jesu setze
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze,
Mir kund und wissend sei!

12
Brich an, o schönes Morgenlicht,
Und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
Weil dir die Engel sagen,
Dass dieses schwache Knäbelein
Soll unser Trost und Freude sein,
Dazu den Satan zwingen
Und letztlich Freude bringen!

15
Frohe Hirten, eilt, ach eilet,
Eh ihr euch zu lang verweilet,
Eilt, das holde Kind zu sehn!
Geht, die Freude heißt zu schön,
Sucht die Anmut zu gewinnen,
Geht und labet Herz und Sinnen.

28
Dies hat er alles uns getan,
Sein groß Lieb zu zeigen an;
Des freu sich alle Christenheit
Und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis!

59
Ich steh an deiner Krippen hier,
O Jesulein, mein Leben;
Ich komme, bring und schenke dir,
Was du mir hast gegeben.
Nimm hin! es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin,
Und laß dirs wohlgefallen.

63
Was will der Höllen Schrecken nun,
Was will uns Welt und Sünde tun,
Da wir in Jesu Händen ruhn?
.
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 18.12.00 (17:40):



schreiben, lesen, nicht schreiben
darueber schreiben
denken, warum man schreibt oder nicht schreibt,
oder nicht schreiben kann: will

reflektieren ueber den akt des
schreibens/denkens/nichtdenkens
hintergruende
beilaeufiges
zeitgeschichtliches
persoenliches
nicht-zu-ende-gedachtes
lieber-keinem-sagen-wollendes
zu-denken-vorhabendes

alles ohne ausnahme?
wer will, der kann, der soll, der muss ...


zwanglos
reizlos
sinnlos
absichtslos
inhaltslos


assoziativ



               ;,'
       _o_    ;:;'
   ,-.'---`.__ ;
  ((j`=====',-'
   `-\     /
      `-=-'


herbertkarl
®¿®


Heidi antwortete am 18.12.00 (17:48):

weil mir der Winter zuwider ist.........

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde ?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Johann Christian Friedrich Hölderlin


..........träume ich lieber vom Sommer :-)))


Im Gras

Schönes, grünes, weiches Gras.
Drin
liege ich.
Mitten zwischen Butterblumen!
Über mir,
warm,
der Himmel:
ein weites, zitterndes Weiß,
das mir die Augen langsam, ganz langsam
schließt.
Wehende Luft ... ein zartes Summen.
Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und deutlich spüre ich, wie die Sonne mir durchs Blut rinnt -
minutenlang.
Versunken alles. Nur noch ich.
Selig!

(Arno Holz)


Herbertkarl Hüther antwortete am 18.12.00 (19:02):



Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab' nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Eichendorff, Joseph Freiherr von (1788-1857)


Sieghard antwortete am 18.12.00 (23:13):


Wintersee

Ihr Fische, wo seid ihr
mit schimmernden Flossen?
Wer hat den Nebel,
das Eis beschossen?

Ein Regen aus Pfeilen,
ins Eis gesplittert,
so steht das Schilf
und klirrt und zittert.

[Peter Huchel]
.


Heidi antwortete am 18.12.00 (23:32):

Lieblingsthema hatten wir heute noch nicht :-) ist gesungen natürlich noch viel schöner

Ständchen

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm zu mir!

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht,
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.

Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.

Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.

Laß auch dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich,
Bebend harr ich dir entgegen!
Komm, beglücke mich!

(Ludwig Rellstab)


Poesie antwortete am 18.12.00 (23:38):

Nacht ohne Schlaf

Ich weiß, daß du jetzt wachst in deiner Nacht,
So wie ich schlaflos wache in der meinen.
Der gleiche Mond, der mich so kühl verlacht,
Wird wohl auch jetzt dir Ruhelosem scheinen.

Ich weiß, das Leid, das ich dir nicht geklagt,
Wird mir im stillen Vers zur Ruhe gehen.
So mag dein Weh, das du mir nicht gesagt,
Dich tröstend wie ein Morgenwind umwehen.

(Mascha Kaléko)


Heidi antwortete am 19.12.00 (01:45):

hotelzimmer

ich liebe hotelzimmer die,
ohne anspruch an mich, mir
alles bieten was ich brauche

ein schreibtisch mit modemanschluß
bett, schrank und ein bad
das frühstück und abendessen
morgens frische handtücher
der drink in der bar

niemand stört mich, niemand fragt mich
niemand ist da

ich liebe hotelzimmer die,
ohne mich zu lesen, mich
schreiben lassen

notwendigkeiten wie einsamkeit
und schmerz, alles im preis
inbegriffen und das telefon schweigt
(wenn ich einmal sterben muss soll es
in einem hotelzimmer sein)

niemand stört mich, niemand fragt mich
niemand ist da

....warum bloß stört mich das?
hl


Heidi antwortete am 19.12.00 (02:15):

Weihnachtsnacht

Weht im Schnee ein Weihnachtslied
Leise über Stadt und Felder,
Sternenhimmel niedersieht,
Und der Winternebel zieht
Um die dunklen Tannenwälder.

Weht im Schnee ein Weichnachtsduft
Träumerisch durch dichte Flocken,
Füllt die schwere Winterluft
Und aus weichen Wolken ruft
Sanft der Klang der Kirchenglocken.

Geht durch Schnee ein Weihnachtskind
Liebend über kalte Erde,
Geht dahin und lächelt lind,
Hoffend, daß wir gütig sind
Und die Menschheit besser werde.

(Hilde Fürstenberg)

da Weihnachten dieses Jahr für mich ausfällt und in zwei Wochen das neue Jahr beginnt hier das erste Neujahrsgedicht



Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
Traulich durch die Zeiten,
Schwere Stürme, milde Weste,
Bange Sorgen, frohe Feste
Wandeln sich zur Seiten.

Und wo eine Träne fällt,
Blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh' wir's bitten,
Ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehen und kommen wieder,
Und kein Wunsch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Waage,
Jedem Sinn für seine Freuden,
Jedem Mut für seine Leiden
In die neuen Tage,

Jedem auf des Lebens Pfad
Einen Freund zur Seite,
Ein zufriedenes Gemüte,
Und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

(Johann Peter Hebel)


Herbertkarl Hüther antwortete am 19.12.00 (11:44):



Blumen


Wie sind meine Finger so grün,
Blumen hab ich zerrissen.
Sie wollten für mich blühn
und haben sterben müssen ...
Ich war in Gedanken
und ich achtet's nicht
und bog sie zu mir nieder,
zerriß die lieben Glieder
in sorgenlosem Mut.
Sie weinten nicht,
sie klagten nicht,
sie starben sonder Laut.


Annette von Droste-Hülshoff
(1797-1848)


Sieghard antwortete am 19.12.00 (13:32):

weiter mit dem Blumentod
von der Droste von 1820

Sie starben sonder Laut,
Nur dunkel ward ihr Angesicht,
Wie wenn der Himmel graut.
Sie konnten mirs nicht ersparen,
Sonst hätten sie's wohl getan;
Wohin bin ich gefahren
In trüben Sinnes Wahn?

O töricht Kinderspiel,
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleichts dem Leben viel,
Lasst mich die Augen schließen,
Denn was geschehn ist, ist geschehn,
Und wer kann für die Zukunft stehn?

Annette von Droste-Hülshoff
(1797-1848)
.


Heidi antwortete am 19.12.00 (14:50):

Wenn erst die Rosen verrinnen
Aus Vasen oder vom Strauch
Und ihr Entblättern beginnen,
Fallen die Tränen auch.

Traum von der Stunden Dauer,
Wechsel und Wiederbeginn,
Traum - von der Tiefe der Trauer,
Blättern die Rosen hin.

Wahn von der Stunden Steigen
Aller ins Auferstehn
Wahn - vor dem Fallen, dem Schweigen,
Wenn die Rosen vergehn.

Benn, Gottfried (1886-1956)


Heidi antwortete am 19.12.00 (21:47):

Gottfried Keller

Weil ich den blauen untreu ward
Und mich zu braunen Augen wandte,
Kamst du, zu rächen, jene, her,
Du dunkelglühende Nachtgesandte!

Ich sollt auf deiner Augen Grund
Die Strafe meines Leichtsinns lesen
Und schamerrötend auch zugleich
Der wahren Liebe Glut und Wesen!

Der Liebe, die im heiligen Ernst
Zu lieben denkt und dann zu sterben
Und deren dunkle Rosen sich
Nur mit dem besten Herzblut färben!

Und als ich büßend dich geliebt,
Bist du wie ein Phantom entschwunden;
Da hab ich mich mit meiner Reu
Verlassen und allein gefunden!

*****

Nelly Sachs

Dein Schweigen

Du entfernst dich so schnell
Längst vorüber den Säulen des Herakles
Auf dem Rücken von niemals
Berechneten Sternen
Treibst du
Mit offenen Augen.

Dein Schweigen
Meine Stimme
Dein Ruhen
Mein Gehen
Dein Allesvorüber
Mein Immernochda.

*****

Nelly Sachs

Abgewandt
warte ich auf dich
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.

Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub -

die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird -

Abgewandt
wartet sie auf dich

*****


Friedgard antwortete am 20.12.00 (08:34):

Einfach so
(aus der Kirche St. Sebastian in Dornbirn)

Das ungezwungene Lächeln,
mit dem mich jemand
angeschaut hat,
wie gut hat es mir getan.

Die freundliche Geste,
mit der mir jemand begegnet ist,
wie hat sie mich ermutigt.

Die gelungene Überraschung,
die mir jemand bereitet hat,
wie froh hat sie mich gestimmt.

Die herzliche Anteilnahme,
die mir jemand entgegenbrachte,
sie hat sie mich getröstet.

Das aufmerksame Ohr,
das mir jemand geliehen hat,
wie hat es mich erleichtert.

Die persönliche Frage,
die mir jemand gestellt hat,
wie hat sie mich berührt.

Das gute Wort des Lobes,
das mir jemand ausgesprochen hat,
wie hat es mich bestärkt.

Die wohlwollenden Blicke,
die mir jemand zugeworfen hat,
wie haben sie mich erheitert.

Die lieben Grüße,
die mir jemand
nach langem Schweigen geschickt hat,
wie haben sie mich gefreut.

Solche kleinen Freuden
sind große Geschenke,
die mir viel bedeuten.


Sieghard antwortete am 20.12.00 (08:54):


DER HIRTE
Christa Reinig *1926

leute, kommt zu mir ans feuer
wer die nacht liebt, ist ein feind
fremde seid ihr, wenn nicht euer
angesicht im licht erscheint

wollte gott, dass friede werde
oder uns der gnadenstoß
der soldat jagt unsre herde
und der hirt ist waffenlos

wer hat noch die haende offen
und wer luegt nicht, wenn er spricht
und wir schweigen und erhoffen
einen gott, - o glaubt es nicht

dass er kommt uns zu erloesen
und er hat es wohlbedacht
denn wir knien vor dem boesen
und beneiden seine macht
.
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 20.12.00 (11:19):


Kamelie

Gar weite Wege hast du gemacht,
Kamelia, staubige Schöne,
In deinem Kelche die Flöte wacht,
Trompeten und Zymbegetöne;
Wie zittern durch das grüne Revier
Buntfarbige Lampen und Schleier!
Da brach der zierliche Gärtner mir
Den Strauß beim bengalischen Feuer.

Annette von Droste-Hülshoff


Herbertkarl Hüther antwortete am 20.12.00 (16:03):



Ich will

vertrauen
auf das was ist
und was kommt

zweifeln
an dem was ist
und was wird

suchen und ankommen
und weitersuchen
Auf Teufel komm raus

Anne Steinwart


Herbertkarl Hüther antwortete am 20.12.00 (17:46):


Der Mensch

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret;
Hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts, und alles wahr;
Erbauet und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius


Heidi antwortete am 20.12.00 (20:32):

nun, ich werde hundert und komme als goldene Abendwolke wieder :-))
- im Zug geschrieben:

Himmelszüge

Kondensstreifen am Abendhimmel
immer vorwärts strebend
niemals fest zu halten
leuchten hell wo sie beginnen
verblassen wo sie enden als
wären sie nie gewesen nur
kleine Stücke der Erinnerung

Manchmal kreuzt ein anderer
den Weg, einen Moment lang
leuchten beide zusammen
doppelt so hell dann
trennen sich die Wege
jeder für sich zieht weiter
einsamer Weg verblasst

hl


Sieghard antwortete am 21.12.00 (08:16):

nächtlich geleckter wunder
beinaher seinsflügelbruch

seiendes woanderssein
weswegen brichst du dir
daseiend deine fluegel ?

zu tief geflogen bruchlandung
gemacht wunden geleckt in
der nacht schneeflocken fliegen

vom geflügelten flockigen Wort
bis zur flügellahmen Flughündin
mit Fug und Lug im Flug genug
.


Heidi Lachnitt antwortete am 21.12.00 (08:36):

Fröhliche Weinacht!
Überall tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weinacht!
Überall tönet durch die Lüfte froher Schall.

.. in diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und alle Gute für den Jahreswechsel!


Friedgard antwortete am 21.12.00 (08:43):

Die Nacht Mariens - von Rudolf Hagelstange

Es kam die Zeit, daß sich enthülle
das Wort der Schrift und der Propheten Schau:
Es zog ein Paar nach seines Herrschers Wille,
damit geschätzet würde Mann und Frau,
zur Stadt. Jung war das Weib. Der Jahre Fülle
trug schon der Mann. Ihr Kleid war grau
vom Staub, den ihre Schritte auf vom Wege scheuchten,
als sie des Tages Rast und Ziel erreichten.

Und man erzählt: In dieser Stadt der Städte,
die ausgezeichnet werden sollte vor dem Herrn,
da blieb dem jungen Weibe nicht ein Bette.
Sie fanden einen Stall, der nahm sie gern,
und Ochs und Esel grüßten rasselnd mit der Kette,
und ihre Lampe war ein stiller Stern.
Es fiel der Wind durch Fenster, Dach und Türen
und half dem Mann ein Feuer schüren.

Und es geschah zur Nacht in diesen Wänden,
da schrie das Weib und weinte in den Wind
und litt in Schmerzen, die an allen Enden
für alle Mütter noch dieselben sind,
und hielt in ihren leichenblassen Händen
das Licht, das All, das Leben - hielt ihr Kind.
Und ihrer Freude Tränen fielen nieder
und wuschen dieses Kindes vielgeliebte Glieder.

Es mag wohl sein, daß solchen Frauen,
für die die Welt kein weiches Bette hat,
ein Singen kommt von himmelsfernen Auen,
daß Hirten knien vor solcher Lagerstatt
und dort das Licht der Welt erschauen...
Und solche Mütter hat wohl jede Stadt,
auch wenn sie nicht die Welt erschüttern
wie einst Marie, die ärmste, reichste unter allen Müttern.


Sieghard antwortete am 21.12.00 (13:57):

An meine Damenharmonie

So gern hät ich ein schönes Lied gemacht
Von eurer netten hamonischen Weise,
Die Gabe, die für andre ständig wacht,
Hätt ich gern gesungen zu eurem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten drüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nehmt die leichte Spottes-Gabe hin,
Von leichter Disharmonie getragen,
Gegen Langeweile Kampf lieget darin,
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.
.


Sieghard antwortete am 21.12.00 (14:04):

übrigens
frei nach Droste
die Kennerin
weiß das
sowieso
.


Herbertkarl Huether antwortete am 21.12.00 (14:17):


Der Wein der Liebenden

Strahlend ist heut der Raum!
Ohne Sporen und Zügel und Zaum,
Sprengen wir, hoch auf dem Wein,
In den Zauberhimmel hinein!

Zwei Engeln gleich, die Fiebergluten
Unerbittlich überfluten,
Wollen wir uns der gläsern-blauen
Spiegelung der Ferne anvertrauen!

Von dem sanften Flügelschlagen
Weiser Wirbel fortgetragen,
Gleichem Rausche hingegeben,

Meine Schwester, laß uns schweben,
Fliehen, rastlos ohne Ruh,
Dem Paradies der Träume zu!

Charles Baudelaire


Annette von Droste-Hülshoff antwortete am 21.12.00 (22:51):

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall,
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich die im Verbleiche;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mir das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd' ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd' ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möcht' in treue Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis' es durch die Züge wühlt,
Dann möcht' ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mit schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl' ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd' ich, und
Mich dünkt - ich würde um dich weinen!


Friedgard antwortete am 22.12.00 (08:30):

DER STERN

Hätt einer auch fast mehr Verstand
Als wie die drei Weisen aus Morgenland
Und ließe sich dünken, er wär wohl nie
Dem Sternlein nachgereist wie sie;
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
Fällt auch auf sein verständig Gesicht,
Er mag es merken oder nicht,
Ein freundlicher Strahl
Das Wundersternes von dazumal.

Wilhelm Busch


Sieghard antwortete am 22.12.00 (08:46):

Wunschzettel einer Süchtigen.

Bald ist Weihnachten, leider glaube ich nicht
mehr an Wunder, ist aber schade, weil ich sonst
auf meinen Wunschzettel schriebe:

Bitte nimm mir meine Schüchternheit
Bitte nimm mir meine Ängste
Bitte nimm mir meinen Egoismus
Bitte nimm mir meine Scheu vor Konflikten
Bitte nimm mir meine Selbstzweifel
Bitte nimm mir meinen Größenwahn
Bitte nimm mir meinen Neid
Bitte nimm mir meine Eifersucht
Bitte nimm mir meine Unehrlichkeit
Bitte nimm mir meine Haßgefühle
Bitte nimm mir meinen Opportunismus
Bitte nimm mir mein Jammern
Bitte nimm mir meine Vorurteile
Bitte gib mir was du mir geben willst....
Bitte gib mir dass ich clean werde.
.


Karl antwortete am 22.12.00 (08:47):

Hallo zusammen,

ich bitte die nächste Dichterin/den nächsten Dichter um die Eröffnung von Kapitel 6. Ich stelle diesen Gedichtsband jetzt ins Archiv.

Frohe Weihnachten, Karl