Archivübersicht

THEMA:   Gedichte, Gedichte Teil VI

 190 Antwort(en).

webmaster begann die Diskussion am 22.12.00 (08:52) mit folgendem Beitrag:

Die Kapitel I-V finden sich im Archiv:

http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/archiv.html

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/archiv.html)


Heidi Lachnitt antwortete am 22.12.00 (09:29):

Morgenandacht

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
Schick uns diese Morgenzeit
Deine Strahlen zu Gesichte
Und vertreib durch deine Macht
Unsre Nacht

Die bewölkte Finsternis
Müsse deinem Glanz entfliegen,
Die durch Adams Apfelbiß
Uns, die kleine Welt, bestiegen,
Dass wir, Herr, durch deinen Schein
Selig sein.

Deiner Güte Morgentau
Fall auf unser matt Gewissen:
Lass die dürre Lebensau
Lauter süßen Trost genießen
Und erquick uns, deine Schar,
Immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut
Unsre kalten Werke töte
Und erweck uns Herz und Mut
Bei entstandner Morgenröte,
Dass wir, eh wir gar vergehn,
Recht aufstehn.
....


Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689)

Einen wunderschönen Guten Morgen an Alle!


Heidi antwortete am 22.12.00 (11:55):

im Garten gesehen:


Buschrosen im Winter
strecken sich der Sonne entgegen
leicht bereift vom Morgenfrost
rosane Blüten im Winter
die Blätter immer noch grün!


Vereistes Geäst zittert im Winterwind
Bambusgras raschelt leise
im gefrorenen Teich erstarrt
gelbe Blätter des Herbstes
Wehmut geht auf die Reise

Buschrosen im Winter
träumen vom Frühling und Licht
von Wärme und Vogelgezwitscher
... rosane Blüten im Winter
die Blätter immer noch grün!

hl


Sieghard antwortete am 22.12.00 (13:25):

Frau Dichtung förmlich überschäumt,
sie hatte gründlich in ihrem Fundus geräumt.
Da stieß sie wieder auf den Busch,
Verwendung diesmal weihnachtlich. Husch, husch
mit ihm ins Forum Gedichte,
sodass erstrahlen Dreikönigs-Lichte.
Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid
und lobe die Schlagfertigkeit.
.


Heidi :-)) antwortete am 22.12.00 (14:13):

:-))) da soll nochmal eine sagen in Gedichte würde nicht diskutiert..

vier die sich kennen
eine von drauss
schreiben gedichte
auf 'deuwel komm raus'
ironisch und heiter
geht es nun weiter
das Spiel ist noch lange
nicht aus.....
hl


Sieghard antwortete am 22.12.00 (15:05):

Gedichte 6 nicht abgeschnürt
vom Fünfer-Teil, wie sich's gebührt

oder doch? der Master im Web
mit Dichterinnen im Schlepp?

Nur ein Mensch, das ist auch er.
Ansonsten o.k., was will man mehr?
.


Herbertkarl Hüther antwortete am 22.12.00 (16:30):


Die Lindenwirtin


Keine Tropfen im Becher mehr,
Und der Beutel schlaff und leer,
Lechzend Herz und Zunge, -
"Angetan hat mir's der Wein,
Deiner Äuglein heller Schein,
Lindenwirtin, du junge!"

"Angekreidet wird hier nicht,
Weil's an Kreide uns gebricht",
Lacht die Wirtin heiter.
"Hast du keinen Heller mehr,
Gib zum Pfand dein Ränzel her,
Aber trinke weiter!"

Tauscht der Bursch sein Ränzel ein
Gegen einen Krug voll Wein,
Tät zum Gehn sich wenden.
Spricht die Wirtin: "Junges Blut,
Hast ja Mantel, Stab und Hut;
Trink und laß dich pfänden!

Da vertrank der Wanderknab
Mantel, Hut und Wanderstab,
Sprach betrübt: "Ich scheide.
Fahre wohl, du kühler Trank,
Lindenwirtin jung und schlank,
Liebliche Augenweide!"

Spricht zu ihm das schöne Weib:
"Hast ja noch ein Herz im Leib:
Laß mir's, trauter Wandrer!"
Was geschah? - Ich tu's euch kund:
Auf der Wirtin roter Mund
Brannte heiß ein andrer.

Der dies neue Lied erdacht,
Sang's in einer Sommernacht
Lustig in die Winde.
Vor ihm stand ein volles Glas,
Neben ihm Frau Wirtin saß
Unter der blühenden Linde.

Rudolf Baumbach


Friedgard antwortete am 22.12.00 (17:06):

Älterwerden

Sterne der Jugend, wohin
Seid ihr hinabgefallen?
Keinen mehr von euch allen
Seh im Gewölk ich ziehn.

Ihr meiner Jugend Genossen,
Ach wie früh mit der Welt
Habt ihr Frieden geschlossen!
Keiner, der zu mir hält!

Junge, die ihr uns Alten
Hohnlacht, wie habt ihr recht!
Denn auch ich selber - wie schlecht
Hab ich mir Treue gehalten!

Dennoch kämpfe ich weiter,
Steh entgegen der Welt.
Kann ich nicht siegen als Held,
Will ich doch fallen als Streiter.

Hermann Hesse


Heidi antwortete am 22.12.00 (18:15):

Horto recreamur amoeno
(Im lieblichen Garten erholen wir uns)

Der habe Lust zu Würfeln und zu Karten,
Der zu dem Tanz und der zum kühlen Wein.
Ich liebe nichts, als was in diesem Garten
Mein Drangsalstrost und Krankheitsarzt kann sein.
Ihr grünen Bäume,
Du Blumenzier,
Ihr Haus der Reime,
Ihr zwinget mir
Dies Lied herfür.

Mir mangelt nur mein Spiel, die süße Geige,
Die würdig ist, daß sie mit Macht erschall
Hie, wo das Laub und die begrünten Zweige
Am Graben mich umschatten überall,
Hie, wo von weiten
Die Gegend lacht,
Wo an der Seiten
Der Wiesen Pracht
Mich fröhlich macht.

Was mir gebricht an Geld und großen Schätzen,
Muß mein Gemüt und dessen güldne Ruh
Durch freies Tun und Fröhlichkeit ersetzen,
Die schleußt vor mir das Haus der Sorgen zu.
Ich will es geben
Um keine Welt,
Daß sich mein Leben
Oft ohne Geld
So freudig hält.

Gesetzt, daß ich den Erdenkreis besäße
Und hätte nichts mit guter Lust gemein,
Wann ich der Zeit in Angst und Furcht genösse,
Was würd es mir doch für ein Vorteil sein?
Weg mit dem allen,
Was Unmut bringt!
Mir soll gefallen,
Was lacht und singt
Und Freud erzwingt.

Ihr alten Bäum' und ihr noch jungen Pflanzen,
Ringsum verwahrt vor aller Winde Stoß,
Wo um und um sich Freud und Ruh verschanzen,
Senkt alle Lust herab in meinen Schoß.
Ihr sollt imgleichen
Durch dies mein Lied
Auch nicht verbleichen,
Solang man Blüt
Auf Erden sieht.

Simon Dach (1605-1659)


Friedgard antwortete am 23.12.00 (17:55):

Zu Weihnachten:

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dirs wohlgefallen.

Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht'
wie schön sind deine Strahlen!

Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nicht weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen!

Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
daß ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So laß mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

Paul Gerhardt 1653

Frohes Fest allen Freunden!


Herbertkarl Hüther antwortete am 23.12.00 (19:00):



Bruno Horst Bull

Am Tag vor Weihnachten

Nur noch einmal wird es dunkel,
nur noch einmal wird es Nacht.
Wird es wieder Abend werden,
hat Knecht Ruprecht was gebracht.

Aus dem Walde wird er kommen,
wo verschneite Tannen stehn,
und sechs große zahme Hirsche
sind vor dem Gefährt zu sehn.

Glocken klingen, und der Schlitten
ist bis obenhin bepackt.
Ach, was hat der gute Alte
für die Kinder eingesackt!

Äpfel, Nüsse und Rosinen,
Kuchen, Kekse, Marzipan,
Engelshaar und Mandarinen,
Hampelmann und Eisenbahn.

Weiß du noch vom letzten Jahre,
als der Tannenbaum gebrannt,
wie es war, als lang erwartet
in der Tür Knecht Ruprecht stand?

Nur noch einmal wird es dunkel,
nur noch einmal wird es Nacht.
Wird es wieder Abend werden,
hat Knecht Ruprecht was gebracht.


Heidi antwortete am 23.12.00 (19:59):

Fei(u)ertage

Mutter ist nervös
Vater ist nervös
Kind ist nervös
Oma ist nervös

Oma ist gekommen
Um Mutter zu helfen
Vater hat gesagt
Sei nicht nötig gewesen

Kind steht im Weg
Mutter steht im Weg
Oma steht im Weg
Vater steht im Weg

Alle ham geschafft
Mit allerletzter Kraft

Vater hat gebadet
Mutter hat gebadet
Kind hat gebadet
Oma hat gebadet

Alle ham gepackt
Und alle sind gerannt
Und schließlich hat
Der Baum gebrannt

Mutter ist gerührt
Vater ist gerührt
Kind ist gerührt
Oma ist gerührt

Und dann werden
Die Pakete aufgeschnürt

Mutter ist gekränkt
Vater ist gekränkt
Kind ist gekränkt
Oma ist gekränkt

Denn jeder hat dem anderen
Was Falsches geschenkt

Schwiegermutter kommt
Patentante kommt
Lieblingsbrunder kommt
Großneffe kommt

Kuchen ist zu süß
Plätzchen sind zu süß
Marzipan zu süß
Un der Baum ist mies

Mutter ist beleidigt
Vater ist beleidigt
Kind ist beleidigt
Oma ist beleidigt

Frieden auf Erden
Un den Menschen ein
Unbehagen

Vater hats am Magen
Mutter hats am Magen
Oma hats am Magen

Kann nichts mehr vertragen
Nach all diesen Tagen

Mutter ist allein
Vater ist allein
Kind ist allein
Oma ist allein
Alle sind allein

Doch an Ostern
Wolln alle
In jedem Falle
Wieder zusammen sein

Hans Dieter Hüsch


:-) Wassereimer und Magenbitter nicht vergessen!


Sieghard antwortete am 24.12.00 (05:24):

Hymnus an Heilig-Abend

Du, dessen Rechte alle
Reiche einzig leitet,
zeig deinem Volke deine
große Macht. Gewähre
ihm das langersehnte
Heil.
Du, den des Sehers Mund
weissagend kündet, hoch
von des Himmels heller
Burg, steige herab auf
unsere Erde. Werde in
meinem Herzen geboren.
.


Wolfgang antwortete am 24.12.00 (11:40):

Ich wünsche allen in diesem Forum ein frohes Weihnachtsfest...


In dere Noocht (von Wilhelm Staudacher)

's kou sei,
daß sie manches verwandlt
in dere Noocht.
Daß Baame oufange z'rejde,
ugwount, und nit jeder verstäehts -
daß dr Busch am Weechraa
vo Wundersch weeche
unrui wird
und Zaache git mit sene Zweig
für Hoose und Räeh
und wos um ihn rum is -
daß im Stool
s' Viech oufengt zu horche
um d' Schloefeszeit
walls hell is zmoel,
doochhell überol, vo en Stäere -
's kou sei,
daß si manches verwandlt
in dere Noocht,
daß dr Booch drunt im Dool
still wird für e boer Niidli,
wall ebbes durch d'Luft ziecht,
vo weit her,
mit en glenzede Mantl,
daß dr Wind si lejcht
zu-ere gewiiße Zeit
und rui bleibt übern Land -
daß Müedi und Hungrie e Herberg finde,
zmoel, nach hunnert vergeblie Froeche
ou hunnert Türe,
aa wenns nr e Bett is
aus Stroeh und aus Hei, nit mäehr,
es is e Dach übern Koupf,
und wenns nr e Broet is, e Scheibe,
und Salz, e boer Körnli,
und Wasser, e Schluck,
gejche'n Dorscht.
's kou sei,
daß si manches verwandlt
in dere Noocht.

aus: Petra Hochrein (Hrsg.): Komm, Christkind, flieg über mein Haus. Weihnachtliche Geschichten und Gedichte aus Franken, Echter Verlag, Würzburg 1995


Herbertkarl Hüther antwortete am 24.12.00 (11:44):


Nicht aufzuhalten

Dieses verrückte Kind
das losrennt
das Leben zu umarmen
das hinfällt
aufsteht und weiterläuft
mit zerschlagenen Knien

Dieses verrückte Kind
das Hoffnung heißt
an Liebe glaubt

Anne Steinwart


Heidi antwortete am 24.12.00 (12:03):

Glauben, Hoffen und Lieben - die Fundamente unseres Lebens!

Ich wünsche allen den Glauben an die Zukunft, die Hoffnung auf Leben und die Liebe zum Menschen...

und allen, die das Weihnachtsfest alleine verbringen, Frieden und Ruhe im Herzen


Sieghard antwortete am 25.12.00 (05:17):

Wo liegt Betlehem?
Betlehem, diese kleine Stadt im Süden
Jerusalems, ist nicht nur zufällig Ort der
Geburt Jesu. Denn in Bethlehem, nicht
in der heiligen Stadt Jerusalem, beginnt
die Geschichte der Menschwerdung
Gottes und unserer Vermenschlichung.
Betlehem liegt überall dort, wo Men-
schen unter unmenschlichen Zustän-
den leiden und Hunger und Durst ha-
ben nach dem Frieden Gottes. Im Um-
kreis dieser Menschen wollte Gott ge-
boren werden, dort, wo Menschen
frieren, kein Licht mehr sehen, ausge-
setzt, heimatlos sind. Betlehem finden
jede, die kindlich geblieben sind wie
das Kind in der Krippe; sie sehen den
Stern aufgehen, sie hören die Stimme
des Engels. Sie haben eine Vision von
der Besserung der Verhältnisse.

Einen Rabbi fragten seine Schüler:
Meister, wo wohnt Gott? Was sagt ihr?,
fragte der Rabbi zurück. Sie antwor-
teten: Wohnt Gott nicht überall? Ist
nicht die ganze Welt seiner Herrlich-
keit voll? Der Rabbi schüttelte den
Kopf: Gott wohnt, wo man ihn einlässt.
.


Heidi antwortete am 25.12.00 (13:27):

eine Weihnachtsgeschichte

Die Gute Nacht

Der Tag, vor dem der große Christ
Zur Welt geboren worden ist
War hart und wüst und ohne Vernunft.
Seine Eltern, ohne Unterkunft
Fürchteten sich vor seiner Geburt
Die gegen Abend erwartet wurd.
Denn seine Geburt fiel in die kalte Zeit.
Aber sie verlief zur Zufriedenheit.
Der Stall, den sie doch noch gefunden hatten
War warm und mit Moos zwischen seinen Latten
Und mit Kreide war auf die Tür gemalt
Daß der Stall bewohnt war und bezahlt.
So wurde es doch noch eine gute Nacht
Auch das Heu war wärmer, als sie gedacht.
Ochs und Esel waren dabei
Damit alles in der Ordnung sei.
Eine Krippe gab einen kleinen Tisch
Und der Hausknecht brachte ihnen heimlich einen Fisch
(Denn es mußte bei der Geburt des großen Christ
Alles heimlich gehen und mit List.)
Doch der Fisch war ausgezeichnet und reichte durchaus
Und Maria lachte ihren Mann wegen seiner Besorgnis aus
Denn am Abend legte sich sogar derWind
Und war nicht mehr so kalt, wie die Winde sonst sind.
Aber bei Nacht war er fast wie ein Föhn.
Und der Stall war warm und das Kind sehr schön.
Und es fehlte schon fast gar nichts mehr
Da kamen auch noch die Dreikönig daher!
Maria und Joseph waren zufrieden sehr.
Sie legten sich sehr zufrieden zum Ruhn
Mehr konnte die Welt für den Christ nicht tun.

(Bertold Brecht)


Herbertkarl Hüther antwortete am 25.12.00 (16:56):


aeusserlich zwar nicht mehr zerissen, aber ...

Und als wir ans Ufer kamen

Und als wir ans Ufer kamen
Und saßen noch lang im Kahn
Da war es, daß wir den Himmel
Am schönsten im Wasser sahn
Und durch den Birnbaum flogen
Paar Fischlein. Das Flugzeug schwamm
Quer durch den See und zerschellte
Sachte am Weidenstamm
- am Weidenstamm

Was wird bloß aus unseren Träumen
In diesem zerissnen Land
Die Wunden wollen nicht zugehn
Unter dem Dreckverband
Und was wird mit unsern Freunden
Und was noch aus dir, aus mir -
Ich möchte am liebsten weg sein
Und bleibe am liebsten hier
- am liebsten hier

Wolf Biermann


Heidi antwortete am 25.12.00 (17:07):

noch eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten 1942

Es war Weihnacht. Ich ging über die weite Ebene. Der Schnee war wie Glas. Es war kalt. Die Luft war tot. Keine Bewegung, kein Ton. Der Horizont war rund. Der Himmel schwarz. Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen. Ich schrie. Ich hörte mich nicht. Ich schrie wieder. Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind. Die Glieder weiß und starr. Der Heiligenschein eine gelbe gefrorene Scheibe. Ich nahm das Kind in die Hände. Ich bewegte seine Arme auf und ab. Ich öffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger. Ich aß den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich biß ihm den Kopf ab. Alter Marzipan. Ich ging weiter.

Friedrich Dürrenmatt


Herbertkarl Hüther antwortete am 25.12.00 (18:11):



Vereinsamt

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein -
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Nun stehst du starr,
schaust rückwärts, ach, wie lange schon,
was bist du Narr
vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
zu tausend Wüsten stumm und kalt;
wer das verlor,
was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
zur Winter-Wanderschaft verflucht,
dem Rauche gleich,
der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton.
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein -
Weh dem, der keine Heimat hat.


Friedrich Nietzsche
15.10.1844 - 25.8.1900


Heidi antwortete am 25.12.00 (18:39):

Augen in der Groß-Stadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky


Heidi antwortete am 25.12.00 (18:44):

und natürlich :-)

2. Antwort

Daß Gott erbarm!
Der meint, ich sehnte mich zurück
Ins deutsche Warm,
Ins dumpfe deutsche Stuben-Glück!

Mein Freund, was hier
Mich hemmt und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!

Friedrich Nietzsche


Herbertkarl Hüther antwortete am 25.12.00 (21:26):


Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.



Joseph von Eichendorff
10.3.1788, Ratibor - 26.11.1857, Neisse


Heidi antwortete am 25.12.00 (21:36):

:-)

...

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren -
Hüte dich, bleib wach und munter!

Eichendorff


Wolfgang antwortete am 25.12.00 (22:00):

Wiegenlied (von Clemens Brentano)

Singet leise, leise, leise,
singt ein flüsternd Wiegenlied;
von dem Monde lernt die Weise,
der so still am Himmel zieht.

Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln.


Heidi antwortete am 25.12.00 (22:05):

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wenn der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg', ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

Brentano


Heidi antwortete am 25.12.00 (22:32):

Herzangst

So schreckt das Wild
Wenn hinter dem Kornfeld
Der hohe Hut des Jägers
Auftaucht
Und der blauglänzende Lauf
Seiner Büchse.
Doch achtlos geht er des Wegs
Als hätte das Ziel
Er vergessen -
Und wieder äst ruhig das Herz
im grüngoldnen Abend

Oda Schaefer


heidi antwortete am 26.12.00 (00:21):

Das ewige Gedicht

Ich male Lettern, von der Einsamkeit betreut.
Der Bambus wellt wie Meer. Aus Sträuchern
fällt der Tau wie Perlenschnüre.
Ich werfe Verse auf die leuchtenden Papiere,
Als seien Pflaumenblüten in den Schnee gestreut.

Wie lange währt der Duft der Mandarinenfrucht
bei einem Weibe,
Die sie in ihrer Achselhöhe trägt? Wie lange
blüht im Sonnenschein der Schnee?
Nur dies Gedicht, das ich hier niederschreibe,
O daß es ewig, ewig, ewig steh!

Li-tai-pi
(nachgedichtet von Klabund)


heidi antwortete am 26.12.00 (00:30):

nächtlicher Spaziergang:

Ausgeschlossen

Helle Fenster
Im Dunkel,
Warm und festlich
Sehnsucht
greift
nach mir.

Das Herz
Sucht
Einlaß

Aber die Tore
Sind alle
verschlossen

Maria Holschuh


Heidi antwortete am 26.12.00 (01:42):

zum Schluss:

Das reine Gedicht

Du gabst im Schlafe, Gott, mir das Gedicht.
Ich werde es im Wachen nie begreifen.
Nachbildend Zug um Zug das Traumgesicht,
nur sehnen kann ich mich und Worte häufen.

Da es ein Klang war, sollt ich es nicht hören?
Da es ein Bild war, sollt ich es nicht sehn?
Nun wird die Oberfläche mich betören,
im Tonfall wird der Klang zuschanden gehn.

Wie war es doch? Es war in seligem Traume.
Nur noch in solchem Wachsein lebe ich.
Die Augen schließend, raubt es mich dem Raume.
Traum schlägt den Blick auf, und ich schaue ...dich.

Josef Weinheber


Herbertkarl Hüther antwortete am 26.12.00 (07:34):


Nachtseele


Schweigsam stieg vom schwarzen Wald ein blaues Wild
Die Seele nieder,
Da es Nacht war, über moosige Stufen ein schneeiger Quell.

Blut und Waffengetümmel vergangner Zeiten
Rauscht im Föhrengrund.
Der Mond scheint leise in verfallene Zimmer,

Trunken von dunklen Giften, silberne Larve
Über den Schlummer der Hirten geneigt;
Haupt, das schweigend seine Sagen verlassen.

O, dann öffnet jener die langsamen Hände
Verwesend in purpurnem Schlaf
Und silbern erblühen die Blumen des Winters.

Am Waldsaum, erstrahlen die finstern Wege
In die steinerne Stadt;
Öfter ruft aus schwarzer Schwermut das Käuzchen
den Trunkenen.

Georg Trakl

03.02.1887 - 03.11.1914
 


Sieghard antwortete am 26.12.00 (08:47):


Erfurter Handschrift 1394

Sys willekomen heirre kerst,
want du onser alre heirre bis,
sys willekomen lieve heirre,
her in ertriche also schone
Kyrieleys.

.


Heidi antwortete am 26.12.00 (10:19):

Es hat geschneit! Alles ist weiß und still draußen - schön.

Es ist für uns eine Zeit angekommen
die bringt uns eine große Freud
durch den Schnee der leise fällt
wandern wir, wandern wir
durch die weite weiße Welt
....


Herbertkarl Hüther antwortete am 26.12.00 (10:25):


engelkeit


sie entkuesste
und
bekuesste
mich mit
starkgeisterei
wie mit einem
stueckgestell


die kuenftigkeit
sah mich
mit gelust
gulden schon
vor dem
lenzmonat
mit weichem
lassduenkel an


ohne zu
beschoenen
war es reitergar
wie ein
unfreund in rege


fragselig ging die
fortschreitung weiter

der angelstern
schien noch
als wolle er
mir ungeschmack
zusterben

eine besondere
denkzeit
wie fuer einen
kaufschlag gemacht.

hkh

sol in capricornus 04° 54' 22"

coordinates
51° 31' 01'' n, 08° 32' 02'' e


Heidi antwortete am 26.12.00 (10:36):

...
Es schlafen Bächlein und See unterm Eise
Es träumt der Wald einen tiefen Traum
übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite weiße Welt

vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seeligkeit
durch den Schnee der leise fällt
wandern wir, wandern wir
durch die weite weiße Welt


Heidi antwortete am 26.12.00 (22:15):

Es wird Nacht...

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du's oft im Traum gedacht.
Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, hell erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, von Liebe todeswund,
Von versunk'nen schönen Tagen -
Komm, o komm zum stillen Grund!

Eichendorff


Heidi antwortete am 26.12.00 (22:39):

noch ein "Nachtgedicht"... :-)

Bitte

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

Nikolaus Lenau


Heidi antwortete am 26.12.00 (23:50):

ein letztes Nachtgedicht...

Es zieht herauf die stille Nacht
Und decket alles Land,
Groß, ruhig liegt in Sternenpracht
Der Himmel augespannt.
Es gehet still und leis die Luft,
Rings schlummert Blum' und Baum:
O nur ein Klang, o nur ein Duft,
Ein leiser Schöpfungstraum.

Das ist für mich die süße Zeit,
Mein dunkles Herz erglüht,
Und Frieden, Schönheit, Seligkeit
Durchfühlen mein Gemüt.
Mein kühles, ernstes Herze lacht,
Das Tags erstarret stand:
Mein dunkles Herz, die dunkle Nacht,
Sie sind sich ja verwandt.

Wolfgang Müller von Königswinter
....
alle Nachtgedichte aus "Deutsche Hausbibliothek "Gedichte" nach der Originalausgabe der J.Cotta'schen Hofbuchhandlung aus dem Jahre 1901,
hat mir eine unserer alten Damen im Pflegeheim geliehen :-)
.... Gute Nacht!


Wolfgang antwortete am 26.12.00 (23:57):

Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod

In Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem was uns lieb.

Joseph von Eichendorff


Wolfgang antwortete am 27.12.00 (00:00):

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wolken schweben
Und schwinden wir.
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen's nicht) in Mitte
Der Ewigkeit...

Johann Gottfried Herder

(Internet-Tipp: http://www.onlinekunst.de/gedichte/Traum.htm)


Heidi antwortete am 27.12.00 (00:13):

Zufallsauswahl aus obiger Adresse - :-)

Manche Nacht


Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl' ich wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer;

Und du merkst es nicht im Schreiten
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.




Richard Fedor Leopold Dehmel
(1863-1920)


Heidi antwortete am 27.12.00 (00:56):

mein Lieblingsthema - damit der Tag nachher besser anfängt...

Friedrich Halm (Eligius Franz Josef Freiherr von Münch-Bellinghausen)
2.4.1806-22.5.1871

Mein Herz, ich will dich fragen...

Mein Herz, ich will dich fragen:
Was ist denn Liebe, sag? -
Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!

Und sprich, woher kommt Liebe? -
Sie kommt, und sie ist da!
Und sprich, wie schwindet Liebe?
Die war's nicht, der's geschah!

Und was ist reine Liebe?
Die ihrer selbst vergißt!
Und wann ist Lieb' am tiefsten?
Wenn sie am stillsten ist.

Und wann ist Lieb' am reichsten?
Das ist sie, wenn sie gibt!
Und sprich, wie redet Liebe? -
Sie redet nicht, sie liebt.


Sieghard antwortete am 27.12.00 (08:42):


Liebes-Lied

Er:
Schön bist du, Liebste
dein Mund, deine Haare, deine Haut.
Zart, weich, warm dein Leib.
Warten will ich und hoffen,
geladen zu werden von dir
zum Fest der heiligen Hochzeit.

Sie:
Vertrauen weckt dein Warten.
Will dein Gesicht betrachten.
Will hören, was du sagst.
Will erkennen, was bleibt,
wenn das Glühen der Hitze vergangen.

.


Heidi antwortete am 27.12.00 (20:52):

um beim Thema zu bleiben :-) - mit diesem Dialekt bin ich aufgewachsen

Wos d'Liab oll's is

D'Liab is a Rauba
möcht im Herzerle sein;
und won ma nit aufmocht,
so bricht's oan holt ein.

D'Liab is a Vögerl,
in Mai fliegt's daher:
tuas fonga, schau, späta
do kimts neamamehr.

Und's Vögerl is hoamisch,
mei Herz is sei Haus;
hiazt, wo ih ah aufmoch',
fliagts neamamehr aus.

A hellglingends Glöckl
in Herzen is d'Liab;
gib Ocht, daß's koan Sprung kriagt,
sist leits nocha trüab!

D'Liab is a Wasserl,
rinnt unta die Bruck,
und mei Herz is a Schifferl,
kimt neamamehr zruck.

D'Liab is a Bleamerl,
recht guat muaßt es pflegn;
schau, d'Liab braucht a Busserl,
wia's Bleamerl an Regn.

Peter Rosegger


Heidi antwortete am 27.12.00 (22:09):

noch zwei Verse dazugedichtet - :-))

d'Liab is a Sternderl
wos am Himmi drom fliagt
schaut auf d'Nacht in mei Betterl
schickt a Busserl, a lieabs

kimmt eini zu mir
sogt "i hob di so gearn"
- i brauch di, liabs sternderl
auch i hob di gearn

hl

Ich wünsche allen eine sternenklare gute Nacht :-)


Sieghard antwortete am 28.12.00 (08:08):

Potenz [verdichteter Text]

Macht der Macher.
Omnipotenz.
Allmacht der Macher.
Intoleranz.
Ausschließliche Macht der Macher.
Sexismus.
Männermacht.
Rassismus.
Herrenmenschenmacht.
Faschismus.
Herrenmenschengewalt.

----------------------------------------

[Zeitungstext]
Das Männerbild ist in der Krise. Wann
ist ein Mann ein Mann? Nur als Täter?
Männer als Opfer kratzen am Rollenkli-
schee. Ein Indianer kennt keinen
Schmerz. Dass auch Männer zu Op-
fern werden, will die Gesellschaft nicht
wahrhaben. Während die Opferrolle
von Frauen zum Rollenklischee ge-
hört, rührt die Thematisierung männ-
licher Opfererfahrungen an den gesell-
schaftlichen Grundüberzeugungen von
Männlichkeit. Der Erfolg der Frauenbe-
auftragten besteht in der Sensibilisie-
rung für spezifische Frauenlagen. Der
Erfolg von Männerbeauftragten könnte
die männlichen Strukturen der institu-
tionellen Praxis sichtbar machen.
.
.


Heidi antwortete am 28.12.00 (08:40):

typisch männlich? :-))

Ratskollegium

Der Vorsitzende:

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen!
Bevor wir uns heute aufs Raten legen,
bitt' ich, erst reiflich zu erwägen,
ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen
heut sogleich mit dem Raten beginnen,
oder ob wir erst proponieren müssen,
was uns versammelt und was wir alle wissen? -
Ich muß pflichtmäßig voranschicken hierbei,
daß die Art der Geschäfte zweierlei sei:
Die einen sind die eiligen,
die andern sind die langweiligen.
Auf jene pfleg' ich cito zu schreiben,
die andern können liegenbleiben.
Die liegenden aber, geehrte Brüder,
zerfallen in wicht'ge und höchstgewicht'ge wieder.
Bei jenen - nun - man wird verwegen,
man schreibt nach amtlichen Überlegen
more solito hier, und dort ad acta,
die Diener rennen, man flucht, verpackt da,
der Staat floriert und bleibt im Takt da.
Doch werden die Zeiten so ungeschliffen,
wild umzuspringen mit den Begriffen,
kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig
und doch höchstwichtig zugleich, dann freilich
muss man von neuem unterscheiden:
Ob er mehr eilig oder mehr wichtig. -
Ich bitte, meine Herrn, verstehn Sie mich richtig!
Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden
die species facti, wie billig, sofort,
findt sich der Fall mehr eilig als liegend.
Ist aber das Wichtige überwiegend,
wäre Eile am unrechten Ort.

Meine Herren, Sie haben nun die Prämissen.
Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

Joseph von Eichendorff

Ich wünsche allen "Herren" einen schönen Tag :-)


Heidi antwortete am 28.12.00 (13:05):

männliche Strukturen bei den Spatzen: :-))

Spatz und Spätzin

Auf dem Dache sitzt der Spatz,
und die Spätzin sitzt daneben;
und er spricht zu seinem Schatz:
"Küsse mich, mein holdes Leben!

Bald nun wird der Kirschbaum blühn;
Frühlingszeit ist so vergnüglich!
Ach, wie lieb' ich junges Grün
und die Erbsen ganz vorzüglich!"

Spricht die Spätzin:" Teurer Mann,
denke doch der neuen Pflichten!
Fangen wir noch heute an,
uns ein Nestchen einzurichten!"

Spricht der Spatz:" Das Nesterbaun,
Eier brüten, Junge füttern
und dem Mann den Kopf zu kraun,
liegt den Weibern ob und Müttern."

Spricht die Spätzin: "Du Barbar,
soll ich bei der Arbeit schwitzen,
und du willst nur immerdar
zwitschern und herumstibitzen?"

Spricht der Spatz:" Ich will dir hier
mit zwei Worten kurz berichten:
Für den Spatz ist das Pläsier,
für die Spätzin sind die Pflichten!"

Karl Mayer


Heidi antwortete am 29.12.00 (00:14):

nachfolgendes ist besser als "Rollenverhalten", egal ob Mann oder Frau:


Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
daß du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem
was DU ist.

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

Erich Fried


Meggy Laurin antwortete am 29.12.00 (00:27):

Meggy findet, Ihr sollt so weitermachen! Finde die Gedichte,die Heidi aussucht, sehr schoen!

,


Heidi antwortete am 29.12.00 (09:05):

bald beginnt das erste Jahr des neuen Jahrtausend...

Abschied vom alten Jahr

Du hast vieles gegeben
und einiges genommen
ein alter Weg endet
ein neuer hat begonnen

Perspektiven sind anders
Rückschau hat ein dunkles Kleid
es gibt nichts zu bereuen
Wunden heilen in neuer Zeit

Abschied von Gewohntem
ein radikaler Schnitt
doch die Liebe zum Menschen
die nehme ich mit

Leb' wohl, altes Jahr - du bist müde
- viel ist geschehen
dank dir für alles Gute
kannst jetzt in Ruhe gehen

hl


Heidi antwortete am 29.12.00 (17:47):

da jetzt wohl auch der letzte "Poet" hier in Urlaub ist, kann ich mich ja ausbreiten :-)

Gedanken vor dem Jahreswechsel, mit Gedichten von Lothar Zenetti, geboren 1926, Pfarrer in Frankfurt(M.), alle "Wir sind noch zu retten" , J.Pfeiffer Verlag, München

Der Alte .... (spricht für viele unserer Altenheimbewohner)

Hier siehst du sie, alle die Bücher,
die heute keiner mehr liest.
Und manches hab ich vor Augen,
was du, mein Kind, noch nicht siehst.

Ach, vieles könnt' ich erzählen,
was niemand mehr hören mag.
Ich spreche aus langer Erfahrung,
doch keiner nimmt ernst, was ich sag.

Was nützt mir die richtige Antwort
auf Fragen, die niemand mehr stellt?
Es waren halt andere Zeiten,
ich passe nicht mehr in die Welt.

Nun ja, da sind Kinder und Enkel,
die lieben zumindest mein Geld.
Man sollte wohl rechtzeitig enden,
bevor man zur Last ihnen fällt.

So halte ich mich auf den Beinen,
solang es noch irgendwie geht,
und ziehe allein meiner Wege
und sag' vor mich hin ein Gebet.

Mag sein, daß der Herrgott im Himmel
uns Alte noch sieht und versteht,
Und winkt er mich schließlich nach oben,
dann wird es halt Zeit, daß man geht.

------------------------

Erinnert Ihr Euch? ......(in der Großstadt geschrieben)

Kann doch, was sag' ich,
es könnte doch sein,
daß es einmal noch
hell wird und Tag nach der
endlosen dröhnenden Nacht,
daß der Dunst sich über uns
lichtet und am Morgen ein
Vogel zu singen beginnt
so wie früher, erinnert ihr
euch? Das war, als es noch
Bäume gab, richtige Bäume
und Sträucher mit Beeren.
Und früh lag funkelnd
der Tau auf den Wiesen,
es stieg aus dem Nebel
glühend die Sonne empor.
Weiß das, so frag' ich,
weiß das noch einer, daß
Ähren wuchsen im Sommer,
so weit man sah, und daß
Menschen waren, damals,
die sangen?

----------------------

Man lebt

Ich höre, daß man damit leben kann:
Mit Schlaf und Arbeit, Spaß und gutem Essen.
Habt ihr dabei nicht einiges vergessen?
Und überhaupt, was soll das heißen: man?

Und das soll wirklich alles sein,
wofür wir leben, das soll uns genügen:
der Tisch gedeckt, gelegentlich Vergnügen
und Händchen halten und ein Lottoschein?

Man lebt, und mehr fällt euch nicht ein
als Geld verdienen und ein Auto fahren
und Steuern zahlen und für'n Urlaub sparen
und abends Fernsehn oder Sportverein?

Es ist nicht viel, was man so Leben nennt:
Erst Kinderspiel, dann selber Kinder kriegen,
dann einmal jährlich in der Sonne liegen
und Rentenanspruch und ein Testament.

Und das soll alles dann gewesen sein
für uns, und sonst soll es nichts geben?
In mir ist Sehnsucht, mehr möcht' ich erleben
und Träume haben und unsterblich sein!

---------------------------------

Der Wind ..(er hat auch sehr schöne Liebesgedichte geschrieben)

Der Wind
den es mir zuweht aus
milderem Land,
streicht mir
über die Wangen,
so sanft,
als habe er
unterwegs und sehr
weit von hier
deine Lippen berührt
im Vorübergehn
und trüge nun
ganz behutsam
deinen Atem herüber
zu mir.


Heidi antwortete am 29.12.00 (23:27):

weil es in Gedichte VI doch ein bißchen einsam geworden ist :-)) ....Nietzsche!

Der Einsamste

Nun, da der Tag
Des Tags müde ward, und aller Sehnsucht Bäche
Von neuem Trost plätschern,
Auch alle Himmel, aufgehängt in Gold-Spinnetzen,
Zu jedem Müden sprechen:"Ruhe nun!" -
Was ruhst du nicht, du dunkles Herz,
Was stachelt dich zu fußwunder Flucht ...
Wes harrest du?


Gerlinde antwortete am 30.12.00 (11:20):

Schneeblüten

Statt Blatt und Blüten, die vom nackten Leibe
der Nordwind abgeschüttelt hat den Bäumen,
statt Blum und Gras, die von des Rockes Säumen
Herbst hat entpflückt Natur, dem armen Weibe,

sät jetzt der Winter an des Fensters Scheibe
Frostblumen aus und auf den öden Räumen
Schneeblüten, daß damit, als blassen Träumen
vom Lenz, ihr Spiel des Lenzes Sehnsucht treibe.

Die Sehnsucht aber sitzt bei mir im Zimmer
blickt aus nach dem von ihr getrennten Lenze,
den sie dort sitzen sieht in einem Stübchen;

dort sitzt er hell im eignen Sonnenschimmer,
auf seine Locken alle Liebeskränze,
und alle Rosen um der Wange Grübchen.




Friedrich Rückert


Heidi :-)) antwortete am 30.12.00 (14:09):

Aber wieder

Aber
du bist wiedergekommen
Du
bist wieder
gekommen

Du
du bist
du bist wieder
Ich bin wieder
weil du bist

Du bist gekommen
du
wieder
und immer wieder
wieder du

Du
du
du und ich
immer wieder
und wieder

(Erich Fried)


Heidi antwortete am 30.12.00 (20:30):

Rückblicke überall .. ich schaue vorwärts:

Frühlingstraum

es dauert nicht mehr lang, mein Herz
dann wird es wieder grün
der Vögel süßes Lied, mein Herz
hörst du es? es klingt so schön
und Schmetterlinge fliegen
der Himmel ist so blau
im grünen Gras und in der Sonne liegen
vergessen ist das Grau

...

hl


Heidi antwortete am 30.12.00 (23:40):

in meinem Lieblingsbuch geblättert (Deutsche Liebeslyrik)

Geständnis

Ich habe ein großes Gefühl für dich.

Wenn ich an dich denke,
gibt es mir einen Schlag.
Wenn ich dich höre,
gibt es mir einen Stoß.
Wenn ich dich sehe,
gibt es mir einen Stich:
Ich habe ein großes Gefühl für dich.

Soll ich es dir vorbeibringen,
oder willst du es abholen?

Robert Gernhardt


Heidi antwortete am 30.12.00 (23:59):

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike


Sieghard antwortete am 31.12.00 (07:44):

ZUM JAHRESWECHSEL

Wendepunkte
Gebündelte Zeit
Wagnis
Entscheidung
Altes
Neues

Wendepunkte
Rettung oder Gefahr
Gelingen oder Misslingen
Hinwendung oder Abwendung

Wendepunkte
Ende des Jahres
Beginn eines Jahres
Altes zurücklassen
Neues zulassen
Mensch werden
Heilen


Wolfgang antwortete am 31.12.00 (11:19):

Um Mitternacht endet heute das zweite und beginnt das dritte Jahrtausend... Ich wünsche allen in diesem Forum ein guten Rutsch ins Neue Jahr.

Neujahrslied ´(von Johann Peter Hebel)

Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten,
schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seiten, wandeln sich zur Seiten.

Und wo manche Thräne fällt, blüht auch manche Rose,
schon gemischt, noch eh`wir`s bitten
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Loose, Schmerz und Lust im Loose.

War`s nicht so im alten Jahr? Wird`s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken geh´n und kommen wieder,
und kein Wunsch wird`s wenden, und kein Wunsch wird`s wenden.

Gebe denn, der über uns wägt mit rechter Wage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Muth für seine Leiden
in die neuen Tage, in die neuen Tage.


Johannes Michalowsky antwortete am 31.12.00 (11:44):

Siegfried's (Dr. Siegfried Günther, Bonn) unveröffentlichte Gedichte unter der unten angegenen URL zu finden.

(Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/hp/kluge/el50.htm)


Heidi antwortete am 31.12.00 (12:26):

Lasst uns fröhlich sein!

lasst uns fröhlich sein
und tanzen
in das neue Jahr
frohe Lieder singen und vergessen
was im alten war

lasst uns fröhlich sein und
vorwärts blicken
nicht mehr zurück
Freude soll das neue bringen
und Glück

Lasst uns fröhlich sein
und dankbar
daß wir leben, Zukunft haben
neues kommt mit neuen Gaben
vorbei das alte Jahr

hl

das Schöne und Gute aus diesem Jahr
nehmen wir natürlich mit in das neue!

in diesem Sinne, allen einen guten Start


Sieghard antwortete am 31.12.00 (13:22):

Theodor Fontane

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Silvester 1897 (sein letzter) schrieb er in
sein Tagebuch:

Punschlos (!!!!!!) einen einzigen
Pfannkuchen in der Hand, traten wir ins
neue Jahr.
.


Friedgard antwortete am 31.12.00 (18:47):

Der dreizehnte Monat

von Erich Kästner

Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe?
Schaltmonat wär? Vielleicht Elfember hieße?
Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.
Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?

Der Frühling müßte blühn in holden Dolden.
Jasmin und Rosen hätten Sommerfest.
Und Äpfel hingen, mürb und rot und golden,
im Herbstgeäst.

Die Tannen träten unter weißbeschneiten
Koratenmützen aus dem Birkenhain
und kauften auf dem Markt der Jahreszeiten
Maiglöckchen ein.

Adam und Eva lägen auf der Wiese.
Und liebten sich in einem Veilchenbett,
als ob sie niemand aus dem Paradiese
vertrieben hätt.

Das Korn wär gelb. Und blau wären die Trauben.
Wir träumten, und die Erde wär der Traum.
Dreizehnter Monat, laß uns an dich glauben!
Die Zeit hat Raum!

Verzeih, daß wir so kühn sind, dich zu schildern.
Der Schleier weht. Dein Antlitz bleibt verhüllt.
Man macht, wir wissen's, aus zwölf alten Bildern
kein neues Bild.

Drum schaff dich selbst! Aus unerhörten Tönen!
Aus Farben, die kein Regenbogen zeigt!
Plündre den Schatz des ungeschehnen Schönen!
Du schweigst? Er schweigt.

Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise.
Und werden kann nur, was schon immer war.
Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.
Und dem Dezember folgt der Januar.

--------

Soweit Erich Kästner. Und nun noch von mir ein Gedanke zum Jahreswechsel:

Ein Neues Jahr.
Und von Fortunas Harfe fallen Töne
wie Tropfen, wenn es einer hören will.

Er sammelt sie in seiner Hand:
mal ist es schimmernd eine Perle,
mal zerfließend eine Träne -
dann jauchzt er freudig
oder hält erbebend still.

Ich wünsche allen ein gesegnetes Neues Jahr.


Heidi antwortete am 31.12.00 (21:50):

Das meist gehörte Wort heute abend im Altenpflegeheim war "ach, Schwester...".

Vergesst sie nicht, unsere alten Menschen, die meisten von ihnen werden heute nacht wach, wenn es draussen knallt und böllert und sie wissen, dass da draußen andere Menschen das neue Jahr feiern und begrüßen und nicht alle können sich mit uns freuen.


Ach, Schwester
schon wieder ein neues Jahr
das alte war schon schwer genug
was soll das neue bringen?
nur neuen Schmerz und Überdruß?
ich hab' so viel erlebt
bin müde jetzt und alt
ach, lieber Gott, hol' mich doch bald

Ach, Schwester
mir ist nicht zumut
nach feiern und nach fröhlich sein
ich bitt' sie sehr, lassen sie mich
doch heute ganz allein
die Kinder feiern, die Enkel sind weit
ich will allein sein mit meinem Leid

Ich möchte schlafen, Schwester
das Jahr war lang
mir ist heute im Herzen
nur traurig und bang
wie wird es werden ? ich bin so müd'
lasst mich schlafen....

Ach, Schwester, das Lachen
mit ihnen tut so gut
es freut mich und bringt mir neuen Mut...
die Türe bitte offen lassen
fühl' mich sonst eingesperrt
wie hinter einer Gefängnistür
Ach Schwester, liebe Schwester
sind sie morgen wieder hier?

Na, Schwester, gibt's Sekt heut'
und gute Sachen?
am letzten Tag im Jahr
da woll'n wir lachen
und scherzen und guter Dinge sein
am letzten Tag im Jahr
bleiben wir nicht allein

Gute Nacht, Schwester
der Tag war lang
schlafen sie gut und kommen sie morgen
gesund wieder und ohne Sorgen
ich schlafe jetzt auch
die kleinen blauen Pillen
werden dabei helfen
- und Gottes Willen

hl
........

Trotzdem woll'n wir fröhlich sein und das neue Jahr mit Freude begrüßen, aber lasst uns diese alten Menschen im kommenden Jahr nicht vergessen!


Heidi antwortete am 01.01.01 (00:24):

Tausend bunte Sterne
steigen aus der Stadt
über die Dächer
in den Himmel hinauf
strahlen, funkeln
immer heller
und verlöschen
im Nebel - Feuerwerk
Dein Glanz und dein Strahlen
bleibt in meinem Herzen
Willkommen Neues Jahr!

hl


Sieghard antwortete am 01.01.01 (09:25):

Friedrich von Logau (1604-1655)

Abermals ein neues Jahr!
Immer noch die alte Not!
O, das Alte kommt von uns,
und das Neue kommt von Gott.

Gottes Güt ist immer neu,
immer alt ist unsre Schuld;
neue Reu verleih uns, Herr,
und beweis uns alte Huld!
.


Heidi antwortete am 01.01.01 (16:16):

Proteus

Was oben und unten in Fülle und Kraft
Die ewige Mutter erschuf und erschafft,
Sie hat es in Formen, in steife, gehüllt,
In starrende Normen das Leben gefüllt.

Und wie's in den Formen auch brauset und zischt,
So bleibt es doch immer mit Erde gemischt,
Nie kann sichs entreißen der dumpfen Gewalt,
Da wird es so trübe, da wird es so kalt.

Doch mich hat sie nimmer gebannt in den Ring,
Mit welchen sie grausam die Wesen umfing,
Ich steige hinunter, ich steige empor
Nach eignem Behagen im wirbelnden Chor.

Ich schlürfe begierig aus jeglichem Sein
Mit tiefem Entzücken den Honig hinein,
An keines gebunden, muß jedes mir schnell
Die Pforten entriegeln zum innersten Quell.

Ich bins, der die Welle des Lebens bewegt,
Der ihre gewaltigste Strömung bewegt,
Und dann, was sie innerlich eigen besitzt,
Enteilend, in dürstende Weltall verspritzt.

Ha! oben in Wolken in bläulichen Glanz
Mit brausenden Stürmen der schwindelnde Tanz!
Als Blitz dies Verflammen im nächtlichen Blau!
Als Regen dies Tränken der durstigen Au!

Im Kelche der Blume, im farbigen nun
Das stille Verschließen, das liebliche Ruhn!
Und wenn ich entsteige der tauigen Gruft,
Umströmt mich, entbunden, der glühendste Duft!

O seliges Wohnen in Nachtigallbrust!
O süßes Zerrinnen in heimlichster Lust!
Ich hauch ihr die Liebe ins klopfende Herz,
Dann scheid ich, da singt sie in ewigem Schmerz.

In Seelen der Menschen hinein und hinaus!
Sie möchten mich fesseln, o neckischer Strauß!
Die fromme des Dichters nur ists, die mich hält,
Ihr geb ich ein volles Empfinden der Welt

Hebbel


Gerlinde antwortete am 02.01.01 (19:45):

Jänner


Das Jahr geht an mit weißer Pracht.
Drei König stapfen durch die Nacht.
Das Rehlein scharrt den harten Grund,
klar ziehn die Stern in ernster Rund.
Der Weg verweht, das Haus so still
der Bauer liest in der Postill,
der Ofen singt, die Stund vergeht,
nur sacht! Wir kommen nie zu spät.
Um Fabian, Sebastian
hebt neu der Baum zu saften an,
und an dem Tag von Pauls Bekehr
ist halb der Winter, hin und her.


Josef Weinheber


Heidi antwortete am 03.01.01 (00:25):

Gingo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinen Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe

*Goethe nimmt das Fächerblatt des Gingo Biloba mit seinem tiefen Einschnitt als Bildsymbol für die unentscheidbare Frage, ob die Liebe zwei getrennte Einzelwesen zusammenführt oder ob ein ursprünglich Eines in der Liebe zusammenstrebt.


Heidi antwortete am 03.01.01 (00:43):

ein zweites Gedicht über


Die Liebe

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all,
O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
Gott vergeb es, doch ehret
Nur die Seele der Liebenden.

Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst,
Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt?
Darum wandelt der Gott auch
Sorglos über dem Haupt uns längst.

Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist
Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld
Grüne Halme doch sprossen,
Oft ein einsamer Vogel singt,

Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt,
Schon die mildere Luft leise von Mittag weht
Zur erlesenen Stunde,
So ein Zeichen der schönern Zeit,

Die wir glauben, erwächst einzig genügsam noch,
Einzig edel und fromm über dem ehernen,
Wilden Boden die Liebe,
Gottes Tochter, von ihm allein.

Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir
mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen
Nektars Kräfte dich nähren,
Und der schöpfrische Strahl dich reift.

Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes,
Ihre Seele der Laut des Volks!

Friedrich Hölderlin


Heidi antwortete am 03.01.01 (00:50):

:-)) und Nr.3

Die Liebe

Die liebe
ist eine wilde rose in uns
Sie schlägt ihre wurzeln
in den augen,
wenn sie dem blick des geliebten begegnen
Sie schlägt ihr wurzeln
in den wangen,
wenn sie den hauch des geliebten spüren
Sie schlägt ihre wurzeln
in der haut des armes,
wenn ihn die hand des geliebten berührt

Sie schlägt ihre wurzeln,
wächst wuchert
und eines abends
oder eines morgens
fühlen wir nur:
sie verlangt
raum in uns

Die liebe
ist eine wilde rose in uns,
unerforschbar vom verstand
und ihm nicht untertan
Aber der verstand
ist ein messer in uns

Der verstand
ist ein messer in uns,
zu schneiden der rose
durch hundert zweige
einen himmel

Reiner Kunze


Herbertkarl Hüther antwortete am 03.01.01 (01:08):



Wärst Du eine Träne ...
 
Wenn Du eine Träne in meinem Auge wärst,
würde ich nie weinen, um Dich nicht zu verlieren.
Wenn ich eine Träne in Deinem Auge wäre,
würde ich über Deine Wange rollen,
um auf Deinen Lippen zu sterben

Denis Röher


Herbertkarl Hüther antwortete am 03.01.01 (01:13):



Härte
 
Du bist hart
Gegen Dich selbst.
Du verlangst Härte
Von Deiner Umgebung.
Du erwartest Stärke
Von anderen
Mit einer Härte
Die weh tut.

Deine Härte
Kann jedes Gefühl
Ersticken,
So daß am Ende
Nur noch Ruinen bleiben.

Ruinen aufbauen
ist unendlich schwer.
Fast unmöglich.
Das hast Du
In Deiner Härte
Vergessen.

Marina Mühlfellner


Herbertkarl Hüther antwortete am 03.01.01 (01:46):

Rosenkreutz, Christian, 1378-1484; der legendäre Begründer der Idee vom Rosenkreuz und ebenso der Gründer des Rosenkreuz-Ordens. Seine Existenz ist zuweilen in Zweifel gezogen worden, zumal sein Familienname sonst nirgends vorkommt. Auch seine Lebensdaten sind nur indirekt überliefert; in der "Fama" ist sein Geburtsjahr mit 1378 angegeben und sein Sterbealter mit 106 Jahren. Möglicherweise handelt es sich um eine sogenannte Mystifikation. So schreibt Rijkenborgh (in: Apokalypse der neuen Zeit, S. 18): "Dieser Name weist nicht so sehr auf ein Wesen, das besteht oder bestanden hat, sondern auf einen Seinszustand, der in jedem Menschen zur Entwicklung kommen muß".

Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens. Verlag Hermann Bauer KG. Freiburg i. Br.


Herbertkarl Hüther antwortete am 03.01.01 (09:41):



anmutige

leuchtende rosen schimmernd
wie alabaster gekreuzt
mit ebenholz wollt' ich
dir wohl schenken erinnernd
an die vornehme blaesse
deiner haut

doch dann merkt' ich
dass kein ird'scher tand
deine gestalt
beschreiben koennt'

so sitz ich und sinne

waehrend dein leben
weiter geht den gang
des mechanischen getriebes

dabei sollte auf duftenden blueten
dein leib gebettet sein
und alle essenzen des orients
und okzidents sollten nur dir
zustroemen und odalisken
dem zarten wink deiner hand
folgen duerfen

hkh
sol in capricorn 13° 01' 46"
(mi 03.01.2001 09.25)


Gerlinde antwortete am 03.01.01 (10:52):

Ich möchte einen Becher haben


Ich möchte einen Becher haben,
aus blaßem Glas mit zarten Zeichen;
den möcht ich meinem Liebsten reichen,
damit die kleinen, armen Gaben
ihm dünken wie ein Wunderwein.
Ich möchte wie verzaubert sein
zu einer Blume, die er liebt.
Doch Gott, der uns die Herzen gibt,
hat mich so fremd für ihn gemacht.
Nun weine ich oft Tag und Nacht
und fülle meinen dunklen Krug
mit Tränen wie mit roten Beeren,
die sich von Stund zu Stunde mehren,
und manchmal kommt ein schwerer Flug
von schwarzen Vöglen, welche klagen.
Ich weiß nicht: soll ich sie verjagen
und meinen Tränenkrug beschützen?
Mein Liebster wird ihn nie benützen,
weil er aus hellen Bechern trinkt,
vielleicht, wenn heut der Abend sinkt,
ruf ich die Vögel, die schon lauern?-
Mein Liebster wird deshalb kaum trauern.





Christine Lavant


Sieghard antwortete am 03.01.01 (16:17):

.
worte sind schatten
schatten werden worte

worte sind spiele
spiele werden worte

sind schatten worte
werden worte spiele

sind spiele worte
werden worte schatten

sind worte schatten
werden spiele worte

sind worte spiele
werden schatten worte

[Eugen Gomringer]
.


Sylvia antwortete am 03.01.01 (21:52):

Einst haben
Worte
uns umkreist
und beredtes Schweigen
Windvögel
in Schatten
und Licht

Wir waren nicht
auf der Hut

Die Worte
sind uns
entflogen
und das Schweigen
hockt
mit lahmen
Schwingen
stumm
und gelangweilt
zwischen uns

svr


Heidi antwortete am 03.01.01 (22:06):

Die mit der Sprache

Ich beneide die mit der großen Sprache
die reden von den Leuten
als ob es die Leute gäbe
sie reden vom Vaterland
als ob es ein Vaterland gäbe
und von Liebe und von Tapferkeit und von Feigheit
als gäbe es alle drei
Tapferkeit Feigheit Liebe
und sie reden vom Schicksal
als ob es ein Schicksal gäbe

Und ich bestaune die mit der scharfen Sprache
die reden von den Leuten
als ob es sie gar nicht gäbe
und vom Vaterland
als ob es kein Vaterland gäbe
und von Liebe und von Tapferkeit und von Feigheit
als wäre es klar
daß es das alles nicht gibt
und sie reden vom Schicksal
als ob es kein Schicksal gäbe

Und manchmal weiß ich nicht
wen ich beneide und wen ich bestaune
als gäbe es nur Staunen und keinen Neid
oder als gäbe es nur Neid und kein Staunen
als gäbe es nur Größe aber nicht Schärfe
oder als gäbe es nur Schärfe und keine Größe
und ich weiß dann nicht ob es
etwas gibt wie Reden und Wissen
oder wie Geben und mich
nur daß es so nicht geht

Erich Fried


Heidi :-) antwortete am 03.01.01 (22:11):

Reden ist leicht.

Aber Wörter kann man nicht essen.
Also backe Brot.
Brot backen ist schwer.
Also werde Becker.

Aber in einem Brot kann man nicht wohnen.
Also bau Häuser.
Häuser bauen ist schwer.
Also werde Maurer.

Aber auf einen Berg kann man kein Haus bauen.
Also versetze den Berg.
Berge versetzen ist schwer.
Also werde Prophet.

Aber Gedanken kann man nicht hören.
Also rede.
Reden ist schwer.
Also werde was du bist

und murmle weiter vor dich hin,
unnützes Geschöpf.

Hans Magnus Enzensberger


Heidi antwortete am 03.01.01 (22:18):

letztes zum Thema Worte/Reden/Sprache

Drei Wünsche

Beim dritten Wunsch
überlegte der nicht mehr
junge Dichter
sehr lange.

Fürs Alter, sagte er schließlich,
wünsche ich mir
eine Sprache wie Grummet -

ja, wie Gras
nach dem zweiten Schnitt
Ende August:

trocken, unauffällig duftend,
gut für ein warmes Lager bei Wind
und Wetter
und auch als Nahrung vorhaltend
für die Genügsamen
unter uns Wirbeltieren,
den Winter hindurch.

Heinz Piontek


Heidi antwortete am 04.01.01 (00:26):

manchmal

manchmal bin ich
müde
müde der worte
lebensmüde
todmüde
müde des kampfes
hundemüde

doch niemals werde ich
müde der liebe

die liebe weckt worte
weckt leben
weckt kampf

manchmal bin ich
hellwach vor liebe

hl


Heidi antwortete am 04.01.01 (15:57):

Das Wörtlein

Kürzlich kam ein Wort zu mir,
staubig wie ein Wedel,
wirr das Haar, das Auge stier,
doch von Bildung edel.

Als ich, wie es hieße, frug,
sprach es leise: "Herzlich."
Und aus seinem Munde schlug
eine Lache schmerzlich.

Wertlos ward ich ganz und gar,
riefs, ein Spiel der Spiele,
Modewort mit Haut und Haar,
Kaviar für zu viele.

Doch ich wusch's und bot ihm Wein,
gab ihm wieder Würde,
und belud ein Brieflein fein
mit der leichten Bürde.

Schlafend hats die ganze Nacht
weit weg reisen müssen.
Als es morgens aufgewacht,
kam ein Mund - es - küssen.

(Christian Morgenstern)


Herbertkarl Hüther antwortete am 04.01.01 (16:16):

Ich kenn ein Haus, ein Freudenhaus,
Es hat geschminkte Wangen,
Es hängt ein bunter Kranz heraus,
Drin liegt der Tod gefangen.
In meinem Mantel trag ich hin
Biskuit und süße Weine,
Der Himmel weiß wohl, wer ich bin,
Die Welt schimpft, was ich scheine.

Die eine liest mir in der Hand
Sie will mein Unglück lesen,
Die andre malt mich an die Wand,
Und nennt mich holdes Wesen.

Die dritte weiß sich flink zu drehn
Es schwindeln mir die Sinne
Und jede dieser bösen Feen
Sucht, wie sie mich umspinne.

Doch dorten auf den Arm gelehnt
Sitzt eine stumm und weinet,
Sie hat sich längst mit Gott versöhnt,
Und sitzet doch und weinet.

Was will sie noch in diesem Haus,
Sie muß den Spott erleiden,
Es zischt der freche Chor sie aus,
Du kannst uns doch nicht meiden.

Sie schweigt und weint und trägt den Hohn
Den schweren Büßerorden.
Man zuckt die Achseln, kennt sie schon,
Sie ist zur Närrin worden.

Doch ich berühr um sie allein
Die himmelschreinde Schwelle,
Bei ihr, tret ich zum Saal herein,
Ist meine feste Stelle.

Sie achtet's nicht, sie blickt nicht auf.
Wenn alle tanzend fliegen,
Seh ich mit stetem Tränenlauf
Das bleiche Haupt sie wiegen,

So hundert Tage ohne Ruh
Sah ich sie wanken, weinen
Und sprach, o Weib, welch Kind wiegst du?
Will denn kein Schlaf erscheinen?

Du hast dem Leid genug getan,
Gib mir's, ich will dir's tragen.
Da schrie ihr Blick mich schneidend an,
Doch konnt ihr Mund nichts sagen,

Und neulich nachts, um Mitternacht,
Kam ich mit meiner Laute,
Die Pforte hat sie aufgemacht,
Die noch am Fenster schaute.

Sie zieht mich in den Garten fort,
Sitzt auf ein Hüglein nieder,
Gibt keinen Blick und gibt kein Wort,
Und weinet stille wieder.

Zu ihren Füßen saß ich hin,
Und ehrte ihren Kummer,
Da hat mir Gott ein Lied verliehn,
Ich sang sie in den Schlummer.

Ich sang so kindlich, sang so fromm,
Ach säng ich je so wieder!
O Ruhe komm, ach Friede komm,
Küß ihre Augenlider!

Und da sie schlief, da stieg so hold
Ein Kindlein aus dem Hügel,
Trug einen Kranz von Flittergold
Und einen Taschenspiegel,

Und brach ein Zweiglein Rosmarin,
Das ihm am Herzen grünet,
Und legt' es auf die Mutter hin,
Und sprach: Gott ist versühnet.

Und wo den Rosmarin es brach,
Da bluteten zwei Wunden,
Und als es kaum die Worte sprach,
Ist es vor mir verschwunden.

Die Mutter ist nicht mehr erwacht
Noch schläft sie in dem Garten,
Ich steh und sing die ganze Nacht,
Kann wohl den Tag erwarten,

Da ruft mich Zucht und Ehr und Pflicht
Aus diesem Haus der Sünde,
Doch von der Mutter laß ich nicht
Ob ihrem armen Kinde.

Es winkt zurück, wenn ich will gehn,
Sitzt an des Hügels Schwelle,
Und kann nicht aus dem Spiegel sehn,
Sein Flitterkranz glänzt helle.

Es brach das Haus, der Kranz fiel ab,
Fiel auf den Sarg der Frauen,
Ich blieb getreu, tät bei dem Grab
Mir eine Hütte bauen.

Und daß die Schuld nicht mehr erwacht,
Will ich da ewig singen,
Bis Jesus richtend bricht die Nacht,
Bis die Posaunen klingen.

Oft mit dem Kind in Sturm und Wind,
Sing ich auf meinen Knieen,
O Jesus! du gemordet Kind
Du hast ja auch verziehen!

Ein Tröpflein deines Blutes nur
Laß auf die Mutter fallen,
Das macht uns rein und klar und pur,
Daß wir zum Lichte wallen.

Clemens Brentano

Geboren am 8.9.1778 in Ehrenbreitstein starb am 28.7.1842 in Aschaffenburg.


Sieghard antwortete am 04.01.01 (16:48):

Volkslied

Lass rauschen

Ich hört ein Sichelein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört ein fein Magd klagen,
Sie hätt ihr Lieb verlorn.

"Lass rauschen, Lieb, lass rauschen,
Ich acht nit, wie es geh;
Ich hab mir ein Buhlen erworben
In Veiel und grünem Klee."

"Hast du einen Buhlen erworben
In Veiel und grünem Klee,
So steh ich hier alleine,
Tut meinem Herzen weh."
.


Heidi antwortete am 04.01.01 (16:59):

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,
und zugleich in grünem Meeresspiegel
sah ich um diesselben Felsenspitzen
eine helle Jagd gestreckter Flügel
unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
daß sich anders nicht die Flügel hoben
tief im Meer als hoch in Lüften oben,
daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
und ich fragte mich, am Strand verharrend,
ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

Conrad Ferndinand Meyer


Heidi antwortete am 04.01.01 (23:22):

Zum Abend zwei weitere Gedichte von Lothar Zenetti:

Aufbruch

Es wird kommen der Tag,
da verlasse ich, zaghaft
zuerst, dann beherzt
meine einsame Insel.

Wage mich endlich hervor
aus dem bewährten Versteck
und der sicheren Deckung,
fast ohne Angst und ohne
noch einmal mich umzusehn.

Meine Rüstung tue ich
ab und alle die Waffen,
das Wenn und das Aber
und steige ins Boot.

Wehrlos werde ich sein
und verwundbar, ich weiß,
auf dem offenen Meer
und einzig beschützt
von der Liebe.
(Lothar Zenetti)


Heidi antwortete am 04.01.01 (23:27):

Die Umarmung

Ich hörte sagen,
jeder von uns, jeder Mensch,
trage verborgen
eine Sehnsucht in sich
wie einen Flügel.

Unsichtbar
entfalte er sich
in der Liebe.

Vielleicht,
wenn einer sich selber
vergäße, um sich zu finden
in einem andern,
fügten sich beider
Schwingen zusammen.

Und es höbe
ein neues Verlangen
die Liebenden auf,
und ein Flügelpaar
trüge sie fort und empor
miteinander,
einer umfassenden Liebe
entgegen.
(Lothar Zenetti)


Sylvia antwortete am 04.01.01 (23:42):

Manchmal
fliegen Gedanken
windgetragene
Vögel
im endlosen Rund
suchen kreisend
neue Mittelpunkte
und finden
immer nur
dich

svr


Heidi antwortete am 05.01.01 (00:31):

Wie schön! Eine neue Dichterin in unserem Kreise - herzlich Willkommen, Sylvia!

..
Ein letztes Gedicht von Lothar Zenetti:

Spät am Abend

Es ist nun still geworden hier im Haus.
Der bunte Tag, der so viel Lärm gebracht,
verging. In dunklem Kleide kommt die Nacht
herbei und löscht die letzten Lichter aus

ringsum. Sie geht auf Zehenspitzen sacht
durch alle Räume bis hierher zu mir
und sieht gebeugt mich über ein Papier.
Hast du dir endlich einen Reim gemacht,

fragt sie, auf Gott und Welt? Ich zeige ihr,
was ich geschrieben; viel sei noch zu tun,
bevor ich wagen könnte, auszuruhn.
Geh schlafen, lächelt sie, ich schenke dir

im Schlummer, was du suchst. So lasse nun
getrost, was du am Tage nicht vollbracht.
Es kommt ein Traum zu dir in dieser Nacht
mit Silberflügeln und auf Sternenschuhn.
(Lothar Zenetti)


Herbertkarl Hüther antwortete am 05.01.01 (03:05):


Das Fegefeuer des westphälischen Adels

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,
Und nicht, wo der greuliche Höllenschlund,
Ob auch die Wolke zittert im Licht,
Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund;
Doch wo die westphälischen Edeln müssen
Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,
Das wissen wir alle, das ward uns kund.

Grau war die Nacht, nicht öde und schwer,
Ein Aschenschleier hing in der Luft;
Der Wanderbursche schritt flink einher,
Mit Wollust saugend den Heimatduft;
O bald, bald wird er schauen sein Eigen,
Schon sieht am Lutterberge er steigen
Sich leise schattend die schwarze Kluft.

Er richtet sich, wie Trompetenstoß
Ein Hollah ho! seiner Brust entsteigt –
Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,
An seiner Schulter es rasselt, keucht,
Ein Rappe – grünliche Funken irren
Über die Flanken, die knistern und knirren,
Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

»Jesus Maria!« – er setzt seitab,
Da langt vom Sattel es überzwerg –
Ein eherner Griff, und in wüstem Trab
Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!
An seinem Ohre hört er es raunen
Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,
So an ihm raunt der gespenstige Scherg:

»Johannes Deweth! ich kenne dich!
Johann! du bist uns verfallen heut!
Bei deinem Heile, nicht lach noch sprich,
Und rühre nicht an was man dir beut;
Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,
Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,
Als Christus in froner Nacht es geweiht!« –

Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,
Da seine Sinne der Bursche verlor,
Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht
Vom Estrich einer Halle empor;
Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,
Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel,
Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

Er reibt die Augen, er schwankt voran,
An hundert Tischen, die Halle entlang,
All edle Geschlechter, so Mann an Mann;
Es rühren die Gläser sich sonder Klang,
Es regen die Messer sich sonder Klirren,
Wechselnde Reden summen und schwirren,
Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

Ob jedem Haupte des Wappens Glast,
Das langsam schwellende Tropfen speit,
Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast,
Und drängt sich einen Moment zur Seit;
Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,
Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,
Und wirrer summet das Glockengeläut.

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht,
Nicht möchte der gleißenden Wand er traun,
Noch wäre der Flimmernde Sitz ihm recht,
Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Braun.
Da muß, o Himmel, wer sollt es denken!
Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,
Den alten stattlichen Ritter er schaun.

»Mein Heiland, mach ihn der Sünden bar!«
Der Jüngling seufzet in schwerem Leid;
Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr;
Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut!
Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,
Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,
Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

O manche Gestalt noch dämmert ihm auf,
Dort sitzt sein Pate, der Metternich,
Und eben durch den wimmelnden Hauf
Johann von Spiegel, der Schenke, strich;
Prälaten auch, je viere und viere,
Sie blättern und rispeln im grauen Breviere,
Und zuckend krümmen die Finger sich.

Und unten im Saale, da knöcheln frisch
Schaumburger Grafen um Leut und Land,
Graf Simon schüttelt den Becher risch,
Und reibt mitunter die knisternde Hand;
Ein Knappe nahet, er surret leise –
Ha, welches Gesumse im weiten Kreise,
Wie hundert Schwärme am Klippenrand!

»Geschwind den Sessel, den Humpen wert,
Den schleichenden Wolf1) geschwinde herbei!«
Horch, wie es draußen rasselt und fährt!
Barhaupt stehet die Massoney,
Hundert Lanzen drängen nach binnen,
Hundert Lanzen und mitten darinnen
Der Asseburger, der blutige Weib!

Und als ihm alles entgegen zieht,
Da spricht Johannes ein Stoßgebet:
Dann risch hinein! sein Ärmel sprüht,
Ein Funken über die Finger ihm geht.
Voran – da »sieben« schwirren die Lüfte
»Sieben, sieben, sieben«, die Klüfte,
»In sieben Wochen, Johann Deweth!«

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin,
Und schüttelt gegen den Mond die Hand,
Drei Finger die bröckeln und stäuben hin,
Zu Asch und Knöchelchen abgebrannt.
Er rafft sich auf, er rennt, er schießet,
Und ach, die Vaterklause begrüßet
Ein grauer Mann, von keinem gekannt,

Der nimmer lächelt, nur des Gebets
Mag pflegen drüben im Klosterchor,
Denn »sieben, sieben«, flüstert es stets,
Und »sieben Wochen« ihm in das Ohr.
Und als die siebente Woche verronnen,
Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,
Gott hebe die arme Seele empor!



Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg.



Annette von Droste-Hülshoff

Geboren am 10. Januar 1797 auf Schloß Hülshoff bei Münster. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.


Herbertkarl Hüther antwortete am 05.01.01 (07:24):



Das Mädel, das ich meine

O was in tausend Liebespracht,
Das Mädel, das ich meine, lacht!
Nun sing, o Lied, und sag mir an!
Wer hat das Wunder aufgetan:
Daß so in tausend Liebespracht
Das Mädel, das ich meine, lacht?
Wer hat, wie Paradieseswelt,
Des Mädels blaues Aug erhellt? -
Der liebe Gott! der hat's getan,
Der 's Firmament erleuchten kann;
Der hat, wie Paradieseswelt,
Des Mädels blaues Aug erhellt.

Wer hat das Rot auf Weiß gemalt,
Das von des Mädels Wange strahlt? -
Der liebe Gott! der hat's getan,
Der Pfirsichblüte malen kann;
Der hat das Rot auf Weiß gemalt,
Das von des Mädels Wange strahlt.

Wer schuf des Mädels Purpurmund
So würzig, süß, und lieb und rund? -
Der liebe Gott! der hat's getan,
Der Nelk' und Erdbeer' würzen kann;
Der schuf des Mädels Purpurmund
So würzig, süß, und lieb und rund.

Wer ließ vom Nacken, blond und schön,
Des Mädels seidne Locken wehn? -
Der liebe Gott! der gute Geist!
Der goldne Saaten reifen heißt;
Der ließ vom Nacken, blond und schön,
Des Mädels seidne Locken wehn.

Wer gab, zu Liebesred und Sang,
Dem Mädel holder Stimme Klang? -
Der liebe, liebe Gott tat dies,
Der Nachtigallen flöten hieß;
Der gab, zu Liebesred und Sang,
Dem Mädel holder Stimme Klang.

Wer hat, zur Fülle süßer Lust,
Gewölbt des Mädels weiße Brust? -
Der liebe Gott hat's auch getan,
Der stolz die Schwäne kleiden kann;
Der hat, zur Fülle süßer Lust,
Gewölbt des Mädels weiße Brust.

Durch welches Bildners Hände ward,
Des Mädels Wuchs so schlank und zart? -
Das hat die Meisterhand getan,
Die alle Schönheit bilden kann;
Durch Gott, den höchsten Bildner, ward
Des Mädels Wuchs so schlank und zart.

Wer blies, so lichthell, schön und rein,
Die fromme Seel dem Mädel ein? -
Wer anders hat's als er getan,
Der Seraphim erschaffen kann;
Der blies so lichthell, schön und rein
Die Engelseel dem Mädel ein. -

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!
Und hoher Dank für deine Gunst!
Daß du dein Abbild ausstaffiert,
Mit allem, was die Schöpfung ziert.
Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!
Und hoher Dank für deine Gunst!

Doch ach! für wen auf Erden lacht
Das Mädel so in Liebespracht?
O Gott! bei deinem Sonnenschein!
Bald möcht ich nie geboren sein,
Wenn nie in solcher Liebespracht
Das Mädel mir auf Erden lacht.


Gottfried August Bürger; auch: Jocosus Hilarius

31.12.1747 Molmerswende bei Quedlinburg - gest. 8.6.1794 Göttingen


Herbertkarl Hüther antwortete am 05.01.01 (09:26):


Ein Lied für Schwindsüchtige

Weh mir! Es sitzt mir in der Brust,
Und drückt und nagt mich sehr;
Mein Leben ist mir keine Lust
Und keine Freude mehr.


Ich bin mir selber nicht mehr gleich,
Bin recht ein Bild der Not,
Bin Haut und Knochen, blaß und bleich,
Und huste mich fast tot.


Die Luft, drein herrlich von Natur
Gott seinen Segen senkt,
Und daraus alle Kreatur
Mit Heil und Leben tränkt;


Die ist für mich nicht frei, nicht Heil.
Mein Atem geht schwer ein;
Ich muß um mein bescheiden Teil
Mich martern und kastein.


Und doch labt's und erquickt's mich nicht,
Macht's mir nicht frischen Sinn;
Die Blume, die der Wurm zersticht,
Welkt jämmerlich dahin!


Auch Schlaf, der alle glücklich macht,
Will nicht mein Freund mehr sein,
Und lässet mich die ganze Nacht
Mit meiner Not allein.


Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht,
Und fuschern drum und dran;
Allein sie haben leider nicht
Das, was mir helfen kann.


Mein Hülf allein bleibt Sarg und Grab,
O sängen an der Tür
Sie schon, und senkten mich hinab!
Wie leicht und wohl wär's mir!


O sängen doch an meiner Tür
Sie laut: "Ich habe meine Sach etc."
Und trügen mich, und folgten mir
In langer Reihe nach,


Rund um die Kirch ans Grab heran,
Und senkten mich hinein! -
Ich läg und hätte Ruhe dann,
Und fühlte keine Pein.


Doch ich will leiden, bis Gott ruft,
Gern leiden bis ans Ziel.
Nur deinen Trost! und etwas Luft!
Du hast der Luft so viel.

Matthias Claudius


Sylvia antwortete am 05.01.01 (10:08):

Ich war
wie ein Stern
ohne Himmel
in keiner Sonne Licht
liess mich fallen
in die Unendlichkeit
wo die Parallelen
sich schneiden
in eine vierte
Dimension

svr

Gott streckte
die Hand aus
nach mir
bremste sanft
meinen Fall
hob mich hinein
ins Universum
schob mich
in meine Bahn
und lehrte mich
leuchten
wie ein Stern
am Himmel


Heidi antwortete am 05.01.01 (10:53):

Einen Augenblick lang

Manchmal
in seltenen Stunden,
spürst du auf einmal
nahe dem Herzen, am
Schulterblatt schmerzlich
die Stelle, an der uns
wie man erzählt, vor
Zeiten ein Flügel bestimmt
war, den wir verloren.

Manchmal
regt sich dann
etwas in dir, ein Verlangen,
wie soll ich's erklären,
ein unwiderstehliches Streben,
leichter und freier zu leben
und dich zu erheben und
hoch über allem zu schweben.

Manchmal,
nur einen Augenblick lang -
dann ist es vorbei -
erkennst du dein wahres
Gesicht, du ahnst, wer du
sein könntest und solltest.
Dann ist es vorbei.
Und du bist, wie du bist.
Du tust, was zu tun ist.
Und du vergißt.

(Lothar Zenetti)


Heidi antwortete am 05.01.01 (11:42):

wie hieß doch das schöne Wort? - diametral :-) :

AUF DER STRASSE

Hält mich einer an und
sagt: "Sie haben mir
geholfen, die letzten
zwei Jahre durchzuhalten.
Ich hätte nie gedacht
dass wir uns mal
begegnen ..."

"Danke", sage ich.
"Aber wer hilft mir
durchhalten?"

Auf diese Frage
ernte ich jedesmal
nur ein höfliches
Lächeln.
Trotzdem ist es
eine gute Frage.

Denen kommt nie in den
Sinn, dass ich vielleicht
dreimal die Woche an
Selbstmord denke.

Sie haben ein paar
Bücher von mir
gelesen, und das
reicht ihnen.

Aber ich schreibe das
Zeug nur. Ich kanns
nicht auch noch
lesen.

Aus: Charles Bukowski, Umsonst ist der Tod.
(c) 1999 by Verlag Kiepenheurer&Witsch Köln


Herbertkarl Hüther antwortete am 05.01.01 (15:35):




danke dir, heidi, fuer bukowski; wenn es nicht "meine eigenen gedichte" sind, nehm ich oft die "klassik"- [[[o:->+


Der Seelchenbaum.

Weit draußen, einsam im öden Raum
steht ein uralter Weidenbaum
noch aus den Heidenzeiten wohl,
verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.
Keiner schneidet ihn, keiner wagt
vorüberzugehn, wenn's nicht mehr tagt,
kein Vogel singt ihm im dürren Geäst,
raschelnd nur spukt drin der Ost und West;
doch wenn am Abend die Schatten düstern,
hörst du's wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht,
du siehst sie von grauen Kindlein bewacht:
Auf allen Ästen hocken sie dicht,
lispeln und wispeln und rühren sich nicht.
Das sind die Seelchen, die weit und breit
sterben gemußt, eh' die Tauf' sie geweiht:
Im Särglein liegt die kleine Leich',
nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.
Und immer neue, - siehst es du? -
in leisem Fluge huschen dazu.

Da sitzen sie nun das ganze Jahr
wie eine verschlafene Käuzchenschar.
Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt
und über die Länder das Christkind fliegt,
dann regt sich's, pludert sich's, plaudert, lacht,
ei, sind unsre Käuzlein da aufgewacht!
Sie lugen aus, wer sieht was, wer?
Ja freilich kommt das Christkind her!
Mit seinem helllichten Himmelsschein
fliegt's mitten zwischen sie hinein:
»Ihr kleines Volk, nun bin ich da -
glaubt ihr an mich?« Sie rufen: »Ja!«
Da nickt's mit seinem lieben Gesicht
und herzt die Armen und ziert sich nicht.
Dann klatscht's in die Hände, schlingt den Arm
ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm
ihm nach und hoch ob Wald und Wies'
ganz graden Weges ins Paradies.


Ferdinand (Ernst Albert) Avenarius


Friedgard antwortete am 05.01.01 (17:14):

Hier noch ein Nachtrag zu den fliegenden Gedanken - und danke für die schönen Gedichte von Sylvia -

Mauersegler
lautlos
huschen vorbei
vor meinem Fenster
durchschneiden die Luft
windschnell
mit ihren schmalen
dunklen Schwingen
so wie Gedanken
unruhig
kreisen und schwirren
durch meinen Geist
auf der Suche
nach irgendetwas:
Erkenntnis?
Begegnung?
Ich wünsche mir
einer käme herein
durch's Fenster
ließe sich nieder
auf meiner Hand.

fs


Friedgard antwortete am 05.01.01 (17:26):

Und noch zwei Gedichte aus aktuellem Anlaß:
Den Januar von Erich Kästner schulde ich Euch - denn wir fingen die "13 Monate" mit dem Mai an.
Nun, hier ist er:

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man's auf allen Sendern,
daß sich auch u n t e r m Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt vom Frieden. Oder träumt's vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.


Der zweite akutelle Anlaß: Alfred Brendel wird heute 70 Jahre alt.
Ich höre ihn Schubert spielen -
Wißt Ihr, daß er auch Dichter ist? Es sind skurrile Gedichte, die er macht,
hier eines zur Probe:

Alfred Brendel schreibt:


Wenn nachts das Gespenst erscheint
und sich ums Klavier herumtreibt
dann wissen wir
Brahms ist gekommen
Das wäre weiter nicht schlimm
wenn nicht dieser Zigarrengeruch
das Musikzimmer tagelang verpesten würde
Schlimmer noch
ist allerdings sein Klavierspiel
Dieses Gewühl durch Akkorde und Doppeloktaven
weckt sogar die Kinder aus ihrem Tiefschlaf
Schon wieder Brahms
heulen sie
und halten sich die Ohren zu
Verstimmt und rauchend
steht der Flügel da
wenn Brahms sich erhebt
Brahms
sagt er mehrmals
mit klagender Tenorstimme
bevor er verschwindet.


Heidi antwortete am 05.01.01 (22:31):

auf Brahms folgt "Musik" von Brentano

Phantasie
(Für Flöte, Klarinette, Waldhorn und Fagott)

Flöte
Stille Blumen,
In der Liebe Heiligtumen
Nicht entsprossen,
Welken nieder.
Süße Lieder,
Ohne Echo hingeflossen,
Kehren nimmer wieder.

Klarinette
Doch zeiget der Spiegel im Quelle,
So freundlich und helle,
Das eigne Gebild;
Wie's flüchtig in rastloser Schnelle
Sich eilend geselle,
Und Welle an Welle
Dem Leben entquillt.

Fagott
Wohnen nicht klar in mir
Des Geistes Gestalten;
Leben, so will ich Dir
Den Busen entfalten;
Wer den eignen Ton nicht hört,
Lausche, bis er wiederkehrt –
Widerschein
Blickt ins dunkle Herz herein.

Waldhorn
Des Vorhangs leises Beben
Erschreckt mich nicht,
Und kann ich nicht erstreben
Das eigne Licht:
So wandl' ich schön und stille
Ein Kind dahin:
Mich grüßt durch fromme Hülle
Ein heilger Sinn.

Alle
Es eilet jed' Leben die eigene Bahn;
Es schauet der Spiegel den Menschen nicht an;
Es küsset die Welle die Welle so gerne,
Und reißet vom Ganzen nicht Einer sich los;
Doch blüht einem jeden das Ganze im Schoß,
Und tief durch den Schleier, da weht es von ferne.

Flöte
Helle Sterne
Blinken aus der weiten Ferne
Fremdes Licht –
Und die Tränen,
Die sich nach dem Freunde sehnen,
Siehst Du nicht.

Waldhorn
Es wandelt voll Liebe im Leben
Die Sonn und das Mondlicht herauf;
Doch, wenn wir das eigne nicht geben,
Schließt nimmer der Schatz sich uns auf.

Fagott
Was wir suchen, ach, das wohnet,
Unerkannt
Uns im Herzen, unbelohnet;
Und die Hand
Haschet stets nach äußerm Schimmer.
Was wir nicht umfassen,
Das müssen wir lassen;
Denn wir fassen's sicher nimmer.

Klarinette
Die ganze Welt
Umwölbet ein Zelt,
Über jeglicher Pforte
Stehn goldne Worte.
Das Aug der Sonne glühet
Zur Blume, die aufsteht,
Den heißen Gruß;
Auf Mondeslippen blühet
Der Blume, die heimgeht,
Der stille Kuß.
Und wer mit beiden
Nicht kindlich spricht,
Dem leuchtet kein Licht,
Der findet den Ein- und den Ausgang nicht,
Der kann nicht kommen, nicht scheiden.

Alle
Und wer sich mit Liebe nicht selber umarmt,
Für den ist das Leben zum Bettler verarmt.
In eigenem Busen muß alles erklingen,
Und daß der Sinn leicht finden es kann,
Hat's viele buntfarbige Kleider an,
Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen.

Clemens v. Brentano


Heidi antwortete am 05.01.01 (23:52):

Zeit zum Schlafen :-)


An den Schlaf

Somne levis! quanquam certissima mortis imago,
Consortem cupio te tamen esse tori.
Alma quies, optata, veni! nam sic sine vita
Vivere, quam suave est, sic sine morte mori!
Meibom


Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!

Mörike


Sylvia antwortete am 05.01.01 (23:55):

Danke für die nette Begrüssung und die Rückmeldungen! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Sylvia

Mit Musikalischem kann ich nicht aufwarten.
Aber ein "Bettmümpfeli" wie wir in der Schweiz die Süssigkeiten nennen, die man vor dem Schlafengehen nascht, das kann ich offerieren. Und es schadet auch ganz bestimmt den Zähnen nicht!

Nachtschlafene Strasse
Meine Schritte
helles Staccato
auf hartem Asphalt
Mein Schatten
holt mich ein
unter der letzten
Laterne
eilt
wachsend
vor mir her
verblasst

Bin ich noch
im schattenlosen
Dunkel

svr
--------------

Ich möchte
in deine Nacht
fallen
wie ein Stern
mit unbestimmter
Bahn

leuchtend
deine Dunkelheit
erhellen
dir
Spuren brennen
ins Herz
wenn ich am Rand
deines Traums
verglühe

svr
------------------

Frag die Nacht
nach meinen Träumen
lausche den Worten
die der Wind
dir zuträgt
streck deine Hand aus
nach der Zärtlichkeit
die sich löst
aus meinen Händen
schliesse die Augen
und schaue
die Erinnerung

svr


heidi antwortete am 06.01.01 (00:43):

die nacht
ist leer und
dunkle schatten drohen
kein stern
der mond ist kalt

das herz
ist schwer und
müde die gedanken
kein trost
die welt ist alt

die zeit
ist lang und
einsam sind die tage
kein schlaf
nächte sind ...

die nacht ist leer

hl


Friedgard antwortete am 06.01.01 (08:00):

Dreikönig heute.
Für die, die es noch nicht kennen, hier von Rainer Maria Rilke:

DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE
Legende

Einst, als am Saum der Wüste sich
auftat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkündet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Überall,
die zogen alle (überlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Bethlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und der auf einem Rappen ritt,
saß samten und bequem.
Und der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,
und der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing
ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Überall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit magenkraft* (mittelhochdeutsch:>Macht< RMR.)
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heidenhaft, -
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zuhaus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost für ihren Thron.
Doch mußt du nicht gleich denken: bloß
ein Funkelfürst und Heidenscheich
sei deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist groß.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schooß.
Und während hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende du dein Angesicht
nach Aufgang und dein Kind;
dort liegt in blauen Linien,
was jeder dir verließ:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von Türkis.

Einen schönen Feiertag wünsche ich Euch, trotz Sturm und Regen.


Koloman Stumpfögger (Neue Mail-Adresse:) antwortete am 06.01.01 (09:25):

Der Stern

Hell leuchtet der Stern:
Viele starren, - sehen nichts.
Auf hohlem Holzweg
stolpern blindlings sie einher,
begegnen Ochs und Esel.

Hell leuchtet der Stern:
Viele gaffen, - sehen nichts.
In öden Wüsten
irren sie erregt im Sand
und verfehlen die Krippe.

Ein Stern leuchtet hell.
Viele schauen, - sehen nichts.
Auf dem Herzensweg
folgen Drei Weise dem Licht;
sie finden ihren König.

kNs


Koloman Stumpfögger antwortete am 06.01.01 (09:55):

Herzliche Grüße zum Dreikönigstag:

meine neue Mailanschrift lautet:
kns.rv@t-online.de


Sieghard antwortete am 06.01.01 (10:06):

Dreikönige
Da! da ist er wieder
der Stern -
lange verborgen.

Aufbruch geschah in seinem Licht.
Doch dann -
vergebliche Suche
an jedem dunklen Morgen.
Aber der Ruf verstummte nicht.

Wie im Traum
fanden die Schritte den Weg
vorbei an Herodes und seiner Macht
durch winterlichen Raum.

Noch ist Nacht
aber erhellt vom Dennoch der Hoffnung
seh ich den Stern
finde im Kind den wartenden Herrn
und beuge mich nieder.
.


Gerlinde antwortete am 06.01.01 (10:53):

Die Luft riecht schon nach Schnee


Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter, der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
Streut er uns ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd,
und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in
den Schoß
Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschenkübeln im Hof Darling flüstert die Amsel.



Sarah Kirsch


Eva Krill antwortete am 06.01.01 (10:59):

Kein Gedicht, aber :

Ich erfahre das Glück, daß mir in meinem hohen
Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
und in Ausübung zu bringen eine Wiederholung
des Lebens wohl werth wäre. Also wollen wir uns,
solange es Tag ist, nicht mit Allotrien be-
schäftigen !

Goethe am 29.4.1830


Herbertkarl Hüther antwortete am 06.01.01 (13:26):


____hab' es (leider) nicht so mit der religion, aber versuche mein bestes, "je nach tagesform"- [[[#o;


____gruesse aber alle, ohne ausnahme, lieb' zu diesem tag-

____ach, ja: grad' waren die sternsinger hier und haben mit kreide und freude das segenszeichen C+M+B (lateinisch "christus mansionem benedicat": christus segne das haus) auf dem tuerrahmen hinterlassen- [o:




schreite

schritte hier
schritte da

schritt um schritt
schreitet wer mit
schrittweise
schritt vor schritt
schritt er mit

schritt nach vorn
schritt zurueck
krebsgangsweise schreite
ich vorwaerts
mit schrittweite
und schrittfehler

hkh


Sylvia antwortete am 06.01.01 (15:49):


Der Dreikönigstag scheint Sie alle sehr zu beschäftigen.
In unserm Dorf wird ein alter Brauch noch immer gepflegt. Am Neujahrstag werden abends um fünf nach einer kleinen Feier in der Kirche die "drei Könige" ausgesandt. Das sind Jugendliche und junge Männer, die jeden Abend bis zum 6. Januar unterwegs sind und alle Häuser in der Gemeinde besuchen. Das ist eine recht strenge Aufgabe, denn unser Dorf ist gross (gegen 5000 Einwohner und Einwohnerinnen). Sie klopfen an oder läuten. Sobald Ihnen geöffnet wird, treten sie ein und stellen sie sich mit folgenden Worten vor:

alle:
Tiänd numä uif, verchlipfid nid,
miär sind ja alles fridlich Lyt.

Diä heiligä Dry Kenigä sind da;
diä settid iär scho inä laa.

Miär chemid usem Morgäland
dur Bärg und Tal und Wiäschtäsand.

Ä Schtärn hed ys hiä anä zindt
und ys der Gottessohn agchindt.

Caspar:
Der Fridä winschid miär is Huis,
der Chummer fort und ds Unglick druis.

Melchior:
Und Huis und Hei und Hab und Lyt
sell alles graatä jederzyt,

Balthasar:
und Sunnäschyn und Gottesfreid
Bewahr ych God vor Nod und Leid.


alle:
Das wynschid miär zum nywä Jahr:
der Chasper, Melk und Balthasar.

Der Schtärn gahd fort; miär folgid em.
Sy Wäg fiärd ys uf Bethlehem.
Miär sägid Dank fir ywi Spend,
won iär ys eppä mitgä wennd.

Dabei schwenkt der eine unermüdlich den Weihrauchkessel....
Man legt Ihnen Geld in die "Goldschatulle". Es ist für karitative Zwecke bestimmt.
Dann schreiben sie mit geweihter Kreide ihren Haussegen oben an die Haustüre: C + M + B und die Jahreszahl. Das heisst: Christus segne dieses Haus (lateinisch, was ich nicht beherrsche). Im Volksmund stehen diese drei Buchstaben aber für Caspar, Melchior und Balthasar.

Ich hoffe, sie verstehen diese Verse in Obwaldnerdialekt. sonst müsste ich eine Übersetzung nachliefern.


Heidi antwortete am 06.01.01 (17:01):

Kein Gedicht aber zum Thema

Das Evangelium nach Matthäus berichtet über Weise, die dem neugeborenen Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe überbringen.

Gold, Weihrauch und Myrrhe
Statussymbole? angestrebte Werte?

Gold
- Geld, Reichtum, Macht...

Weihrauch
- Duft, Wohlgeruch aber auch Rauch, betäuben, verschleiern...

Myrrhe
- Gesundheit, Stärke, Wellness, Fitness...

Hat sich nicht viel verändert seit damals!


kns antwortete am 06.01.01 (21:08):


Der, dem von den Drei Weisen Gold, Weihrausch und Myrrhe zuteil geworden ist, wird von Pilatus gefragt:
"Bist Du ein König?"
Antwort:
"Ja, ich bin es. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt."
Auch daran hat sich nichts geändert.


Heidi antwortete am 07.01.01 (03:14):

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret,
Wie durch die Rosen es zum Monde zog;
Den Schmetterling, der bunt im Frühling flog,
Hast du zur frommen Biene dir bekehret,
Zur Rose ist mein Drang,
Seit mir dein Lied erklang!
Dein Lied erklang, die Nacht hat's hingetragen,
Ach, meiner Ruhe süßes Schwanenlied!
Dem Mond, der lauschend von dem Himmel sieht,
Den Sternen und den Rosen muß ich's klagen,
Wohin sie sich nun schwang,
Der dieses Lied erklang!

Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens,
Der ganze Frühling, der von Liebe haucht,
Hat, als du sangest, nieder sich getaucht
Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens,
Im Sonnenuntergang,
Als mir dein Lied erklang!

Brentano


Heidi antwortete am 07.01.01 (04:10):

Wer nicht schlafen kann, darf lesen :-)) heute morgen ist es wieder Brentano


Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt. Brentano


Herbertkarl Hüther antwortete am 07.01.01 (09:24):




____hi, all, "nicht so gedichtisches, aber wohl besinnliches"- [:

____einen schoenen sonntag auch-

hkh

Bettina Catharina Elisabetha Ludovica Magdalena von Arnim geb. Brentano

04.04.1785 Frankfurt/Main - 20.01.1859 Berlin


Bettina von Arnim
Clemens Brentanos Frühlingskranz
aus Jugendbriefen ihm geflochten,
wie er selbst schriftlich verlangte





Und liebes Kind bewahre meine Briefe, lasse sie nicht verlorengehen, sie sind das Frömmste, Liebevollste, was ich in meinem Leben geschrieben, ich will sie einstens wieder lesen und in ihnen in ein verschloßnes Paradies zurückkehren. Die Deinigen sind mir heilig! - Heidelberg 1805

Verliere keinen meiner Briefe, halte sie heilig, sie sollen mich einst an mein besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster verfolgen, und wenn ich tot bin, so flechte sie mir in einen Kranz. - Holland 1808




Sr. Königlichen Hoheit
dem
Prinzen Waldemar
von Preußen



fske (fortsetzung kann erfolgen {o: )


Friedgard antwortete am 07.01.01 (18:02):

Wie wäre es denn, wenn wir ein Kapitel "Briefe" aufmachten? Das ist doch auch eine Fundgrube, neben den
Gedichten - was meint Ihr?
Koloman herzlichen Dank: ja, auch die Botschaft ist dieselbe geblieben!
Schönen Sonntagabend noch!


Wolfgang antwortete am 07.01.01 (21:58):

Eigentlich auch kein Gedicht, sondern ein Lied, getextet von der Chanteuse Edith Piaf und natürlich auch damals in den 50ern selbst gesungen von ihr. Aber es passt zum Lieblingsthema hier im Forum und es ist soooo schön zum Anhören. :-) - Mon amour, crois-tu qu'on s'aime?...

l'Hymne à l'Amour (von Edith Piaf)

Le ciel bleu sur nous peut s'effrondrer
Et la terre peut bien s'écrouler.
Peu m'importe si tu m'aimes.
Je me fous du monde entier.
Tant que l'amour inondera mes matins,
Tant que mon corps frémira sous tes mains,
Peu m'importent les grands problèmes,
Mon amour, puisque tu m'aimes...

J'irais jusqu'au bout du monde.
Je me ferais teindre en blonde
Si tu me le demandais...
J'irais décrocher la lune.
J'irais voler la fortune
Si tu me le demandais...
Je renierais ma patrie.
Je renierais mes amis
Si tu me le demandais...
On peut bien rire de moi,
Je ferais n'importe quoi
Si tu me le demandais...

Si un jour, la vie t'arrache à moi,
Si tu meurs, que tu sois loin de moi,
Peu m'importe, si tu m'aimes
Car moi, je mourrai aussi...
Nous aurons pour nous l'éternité
Dans le bleu de toute l'immensité.
Dans le ciel, plus de problèmes.
Mon amour, crois-tu qu'on s'aime?...
...Dieu réunit ceux qui s'aiment!


Sylvia antwortete am 07.01.01 (22:33):

Ich will nicht
mit den Wölfen heulen
will nicht
registrierte Nummer
nicht Spielball
irgendeiner Ordnung sein

Ich will
im Meer
Korallengärten pflegen
Sandrosen
in der Wüste pflücken
im Teich
den Silbermond einfangen
und barfuss
auf dem Regenbogen gehn
svr


Heidi antwortete am 07.01.01 (22:52):

:-) Goethes Hymne

Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn Lieb.
Was hilft uns überwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was lässt uns lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.


Sylvia antwortete am 07.01.01 (23:11):

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgenwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden, stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen, wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
und welcher Geiger hält uns in der Hand?
O süsses Lied.

Rainer Maria Rilke


Sylvia antwortete am 07.01.01 (23:34):

Für alle , die liebemässig nicht auf der Sonnenseite stehen. Die gibts nämlich auch...

Dastehn
mit hängenden Armen
und stumm

Die gewohnten
Gebärden
die vertrauten
Worte
passen nicht mehr

Später vielleicht
wenn du fort bist
atme ich auf

svr


Friedgard antwortete am 08.01.01 (14:02):

Das schönste französische Liebesgedicht, das ich kenne, stammt - soviel ich weiß -
von Paul Verlaine. Ich garantiere nicht für den genauen Wortlaut, nicht sicher für die
Orthographie.
Vielleicht kennt jemand das Gedicht und hat eine gute Übersetzung - ich habe es
versucht, aber nicht zustande gebracht -

Ah, sie vous saviez comme on pleure
de vivre seul et sans foyer
quelquefois devant ma demeure
vour passeriez.

Si vous saviez ce que fait naître
dans l'âme triste un pur regard
vous regarderiez ma fenètre
comme au hazard.

Si vous saviez quel baume apporte
au coeur la présence d'un coeur
vous vous assoiriez sous ma porte
comme une soeur.

Si vous saviez que je vous aime,
surtout si vous saviez comment
vour entreriez, peut être, même
tout simplement.


Heidi antwortete am 08.01.01 (16:18):

darf's auch was englisches(amerikanisches) sein?

poetry

it
takes
a lot of

desperation

dissatisfaction

and disillusion

to
write

a
few
good
poems.

it's not
for
everybody

either to

write
it

or even to

read
it.

Charles Bukowski


Heidi antwortete am 08.01.01 (16:29):

oder japanische Lyrik? :-))


Wir lächeln,
wenn ein Kind versucht,
eine Schneeflocke
nach Hause zu tragen.
Was tun denn aber die Dichter?

Toyotama Tsuno

*****
Liebe

Laß nur die Sonne hinter dem Berg untergehn,
dann komme ich geschwind zu dir hinaus!
In dunkler Nacht wirst du mir entgegentreten,
der Morgenröte gleich,
so schön wie eine kaum erblühte Blume,
und meine zärtliche Hand, heiß
vor Leidenschaft und Liebe zu dir,
meine Hand lege ich auf deine Brust.
Wir werden uns aneinanderschmiegen,
im Liegen werden wir uns küssen
und die Hände anstelle von Kissen unter unsere Köpfe legen.
Unsere Schenkel rücken wir näher.
Oh wie liebe ich,
wie liebe ich dich, leidenschaftlich, zärtlich,
meine Freude.

Laß nur die Sonne hinter dem Berg untergehn,
dann komme ich geschwind zu dir hinaus!

Ötsuno Öji (7. Jhd.)


Herbertkarl Hüther antwortete am 08.01.01 (18:05):


Heute und ...

heut' an dich gedacht
sorgen mir gemacht

klar gesehen
anzuflehen

wind und hoelle
fordern zoelle

spiegelfechterei
was ist da dabei


grosse wunden
abgefunden

stoeckchen lacht
abgemacht

so ist sein
bluemelein

hkh (o:


Sylvia antwortete am 08.01.01 (18:12):

Noch
ist die Haut
warm
haftet an ihr
der vertraute
Geruch
noch
ist das Haar
zerwühlt
und das Kleid
sitzt schief
noch
sind die Lippen
feucht
und der Herzschlag
ist ausser Takt
noch
sind die Hände
schwer
von zärtlicher
Erinnerung

svr


Sylvia antwortete am 08.01.01 (19:09):

Weils doch nicht immer nur so schön und einfach ist....

Fein umgarnt
von Liebgewordenem
wie aufgehoben
erst

Allmählich
gedankenlos
verstrickt
in unveränderten
Mustern

Letztlich
gelangweilt
gefangen
im zähen Filz
der Gewohnheit


Friedgard antwortete am 08.01.01 (19:52):

Aus "Zeit" - Gedichte von Jehuda Amichai

Es war Sommer oder Sommerende, und ich hörte damals
deine Schritte, als du von Ost nach West
zum letzten Mal gingst. Und in der Welt wurden Tücher
und Bücher und Menschen vergessen.

Es war Sommer oder Sommerende,
Nachmittag war,
du warst.
Und zum ersten Mal trugst du dein Totenhemd
und ahntest nichts.
Da es bestickt mit Blumen war.
_____
und dies noch:

Ich bin wie ein Blatt, das seine Grenzen kennt,
das sich nicht ausbreiten, nicht aufgehen will
in die Natur, nicht fließen will in die große Welt.

Ich bin so still jetzt,
daß ich nicht denken kann,
daß ich je schrie, sogar nicht als Säugling.

Und mein Gesicht und was davon blieb, nachdem
herausgehauen wurde für die Liebe
wie aus einem Steinbruch. Einem schon verlassenen.


Heidi antwortete am 08.01.01 (22:31):

Voraus gesetzt: "We don't see things as they are, we see things as we are."
(Anais Nin) .....

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie
klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl
einiges auf; aus stummen Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des
Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. - Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens...

***
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens ...
(Entwürfe zur Fortsetzung)

(A)
Lächeln Lächeln du hast es gekonnt; mehrmals
haben es dir geneigte
Augen vom Antlitz gepflückt.
Aber das war in den Tälern des Herzens. Dort auch
weintest du oft. Wie war es dort zärtlich zu weinen.

(B)
ausgesetzt. Plötzlich
dennoch zu lieben. In zehrenden Nächten,
unter durstender Glut, die Hände auf Steingrund.
Dennoch.... vermag es. Denn dann
Aber verstoßen herauf unter die zehrenden Nächte
unter den brennenden Mond

Rainer Maria Rilke
(Dies Alles von mir)


Sieghard antwortete am 08.01.01 (22:48):


[aus Badische Heimat 4/2000
von mir übersetzt]

Ferdi du Sau
Rosa du Kuh
Rita du Schaf
und die Gerda das Huhn
gehört auch dazu

Christe, du Lamm Gottes
wer wollte es denn?
Dies ist mein Leib
hat er gesagt
und Fleisch zu Fleisch
ja weißt
Hostien machen halt nicht satt.

-Joh.Kaiser-
.


Sylvia antwortete am 08.01.01 (23:39):

Zu Sieghards Beitrag: Diese Zeilen mag ich nicht....Sie gehn mir gegen den Strich, und das gründlich.


Heidi antwortete am 09.01.01 (00:31):

Mir auch, Sylvia - aber wie ich Sieghard kenne, hat er sich etwas dabei gedacht :-) - erklärst Du es uns, Sieghard?


Heidi antwortete am 09.01.01 (07:50):

Ökolyrik aus www.seilnacht.tuttlingen.com/Gedichte:

Wasserflohgedicht
Nummer zwei

Ein Wasserfloh
im Paletot
verirrt sich
außerst selten,

gewöhnlich liebt
das kleine Tier
ganz klare
Wasserwelten.

Da schmust es mit
dem Borstenwurm,
da jagt es
Flagellaten,

treibt sich mit
Rädertierchen rum,
anstatt durchs
Watt zu waten.

Turnt albern durch
das Nass dahin
und ärgert
Wasserwanzen

und dennoch
hat es seinen Sinn
als kleiner Teil
vom Ganzen.

Das Ganze,
das sind Du und Ich,
das Tier und auch
die Pflanze,

die Elemente
und das Licht
und Wasser,
Krug und Kranze.

Als Mensch muss man
das nicht verstehen,
doch sollte man
es schonen;

denn eines wird
bestimmt nicht gehen:
So eine Welt
zu klonen.

(Werner Rohrmoser)

***

Es steht geschrieben

Die Welt, was ist sie schön, und schön ist sie gewachsen, schön rund
und wohlgenährt schaut sie in die Weite des Weltalls hinaus.Wie
schön muß es sein, die Welt von dort zu sehen. Achtung!
Näherkommen unerlaubt. Betreten auf eigene Gefahr. Ein Schild steht
dort weit draußen im All. Schlaue Wesen, die einst hiergewesen,
haben's hingestellt.Und noch ein Schild steht dort.Warte noch ein
Weilchen - so ein paar Jahre noch. Heute sind die Schilder
ausgetauscht und man kann dort lesen, Blauer Planet um die
Jahrtausendwende Farbe gewechselt, heute grau. Und wieder steht
geschrieben, Betreten auf eigene Gefahr. Strahlenanzug Pflicht, nur
giftiges Gas, keine Luft zum Atmen dort. In den Märchenbüchern
der Welten stand, es war einmal vor langer Zeit ein blauer Planet, so
schön und einmalig im Universum, schaute er majestätisch in die
Weite des Weltalls hinein. Ein neues Schild wird bemalt, wo drauf
geschrieben steht, in allen Sprachen, die es je gab, Warnung an alle
Welten, so nicht! Die Menschheit war doch für etwas nütze, nicht
zum Überleben, sondern als Warnung für andere Wesen. Im
Geschichtsbuch des Universums steht geschrieben:
Zeitrechnung fängt neu an, Millionen Jahre später, im selben
Buch steht aus Trümmern blauer Planet entsteht.

(Edgar Selbach)


Herbertkarl Hüther antwortete am 09.01.01 (16:04):


Limerick-???- [o:

Es war eine Maid in Kamen,

die machte grosse Dramen;

so lief ihr manches Herz zu.

Doch hat es damit seine Ruh',

seit ihrem letzten Examen.

hkh


Heidi antwortete am 09.01.01 (17:12):

Limerick!! :-))

Es war ein Pater in Lippstadt
der hatte so manches bis hier satt
da schrieb er in Eilen
gerade fünf Zeilen
danach war er müde und matt.

hl


Sylvia Hilpisch antwortete am 09.01.01 (17:15):

Es war eine Dame aus Siegen
die wollte ein Reimchen hinkriegen
Sie dachte im Kreise
auf jedwede Weise
konnt' doch nichts Gescheites verbiegen.


Heidi antwortete am 09.01.01 (17:33):

:-)))

Es war eine Dame aus Xtal
die ihrer Schwester den Reim stahl
ich lieb' sie zwar herzlich
doch das war sehr schmerzlich
"versprich mir, du machst es nicht noch mal!"

hl


eva Krill antwortete am 09.01.01 (17:36):

Hier ein unveröffentlichtes Gedicht einer Amerikanerin, das
mir bemerkenswert erscheint und das adäquat zu übersetzen
mir nicht gelungen ist :

Maturity

Black currant berries along the path,
luscious and red, they lure me. I taste,
spit out their sour juice.
Over the summer they darken,
wrinkled, ripe, sweet.
If you had not begged
the bitter cup to pass you by,
I would get up, fold my coat and leave,
thinking I had suffered enough.
Having pleaded for grace of perception,
I see my antagonist is afraid.
Although my reflection
is less proud than I desire,
like you, I will bend m knee.
Watch me drink, until, I, too,
am shriveled to black perfektion.

IFerr.


Sieghard antwortete am 09.01.01 (18:01):

leute aus kamen lippstadt und siegen
die machten gedichte harmonisch gediegen
auch andre schrieben fast jeden tag
was so mancher hier mag
oder auch nicht bisweilen verstiegen
.


eva Krill antwortete am 09.01.01 (18:01):


Ich hatt´ eine Tante in Posen,
die trug nur lederne Hosen.
Man fragte, warum ?
doch sie blieb stumm
und duftete schweigend nach Rosen.

Aber besser ist :

Ein Wiesel
sass auf einem Kiesel
mitten im Bachgeriesel.
Wisst ihr, weshalb ?
Das Mondkalb
verriet es mir im Stillen :
Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen.

Christian Morgenstern


eva Krill antwortete am 09.01.01 (18:01):


Ich hatt´ eine Tante in Posen,
die trug nur lederne Hosen.
Man fragte, warum ?
doch sie blieb stumm
und duftete schweigend nach Rosen.

Aber besser ist :

Ein Wiesel
sass auf einem Kiesel
mitten im Bachgeriesel.
Wisst ihr, weshalb ?
Das Mondkalb
verriet es mir im Stillen :
Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen.

Christian Morgenstern


Herbertkarl Hüther antwortete am 09.01.01 (18:52):


Limerick II -???- (((#o:

Ein kleiner Furz aus Heidelberg

hielt Isabel fuer einen Zwerg.

Das machte sie sehr verwundert

hier noch in diesem Jahrhundert,

im schoenen Baden-Wuerttemberg.

hkh


Sieghard antwortete am 09.01.01 (19:18):

Ein Riese groß aus Paderborn
gab seinem Gaul nicht schlecht die Sporn
es drängte ihn zu seiner Jule
sein Glieder sprangen aus der Spule
nicht lang, da war er schon ganz vorn
.


Sylvia antwortete am 09.01.01 (19:20):

Es war ein Herr, der spielte
Geige mit Inbrunst und schielte
dabei auf Frau Klett.
Die dachte nicht nett:
Oh, wenn er doch innehielte!

svr


Sylvia antwortete am 09.01.01 (19:46):

Es sassen zwei Dichter beim Weine.
Der eine schrieb Verse alleine.
Der andre sass stumm
und guckte nur dumm.
Er fand der Dichtungen keine.

svr


eva Krill antwortete am 09.01.01 (20:05):

Hier wurde wohl eine Lawine losgetreten -

Es war ein rühriger Frater,
der wäre so gern schon ein Pater,
lang wartet er schon
auf die Approbation -
ach hilf ihm doch, Himmlischer Vater !!


Sieghard antwortete am 09.01.01 (21:40):


Er denkt in seinem Friedensgarten
mal was Französisches zu starten.
Nicht immer Busch, vielmehr Verlaine
ist heute mal ganz schön. Ganz schön,
in Liebe mit dem Paule aufzuwarten.
.


Sylvia antwortete am 09.01.01 (21:47):

Ein paar Damen, ein paar Herrn,
limerickten schrecklich gern.
Jetzt die Ruhe - frag mich bloss:
Was ist nur mit denen los?
Ich glaub ich hab's, die sehen fern!


Heidi antwortete am 09.01.01 (22:57):

:-)))

Im Forum gab's nen Limrick Kick
Ich hab' genug vom Limerick
O liebe Göttin Poesie
erleuchte sie, erleuchte sie
sonst krieg ich noch den Limricktick

:-)))


Heidi antwortete am 09.01.01 (23:51):


Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verklangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.

Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum.

Rainer Maria Rilke


heidi antwortete am 10.01.01 (00:38):

nachts

unten, tief unten
wurzeln die worte die
ich nicht schreiben will
das schwarze zerrt
an meinen blättern
zerrt an den wurzeln
meiner worte die
sich lösen von der tiefe,
freigeworden
in das dunkle fliegen
- das schwarze fliegt mit

hl


Sylvia antwortete am 10.01.01 (00:58):


In manchen Nächten
fasse ich
meine Gedanken
in Licht
um sie ins All
zu setzen

Neue Sternbilder
am Himmel
nur mit dem Herzen
zu lesen

svr


Herbertkarl Hüther antwortete am 10.01.01 (09:00):


zuse

weisses blut
der vergangenen zukunft

brodelt kalt
den berg hinauf

farbige schatten
der lauten stille
gellen in meiner taubheit
und blenden meine blindheit

mechanische elektrizitaet
schleicht stehend
hoelzernem metall entlang
leeren raum einnehmend


zieh' langsam eilig
den stecker aus dem hellen dunkel

hkh


Herbertkarl Hüther antwortete am 10.01.01 (13:17):


Als Gott der Herr auf Erden ging


Als Gott der Herr auf Erden ging,
Da freute sich ein jedes Ding;
Ein jedes Ding, ob groß, ob klein,
Es wollte doch gesegnet sein.

Die Kreatur in ihrer Not,
Der Mensch in Kümmernis und Tod,
Der breite Strom, das weite Land,
Sie fühlten Gottes Gnadenhand.

Es hört der Frosch zu quaken auf,
Der Hund hält inn in seinem Lauf,
Der Regen hätt geregnet nicht,
Bevor ihn Gott gesegnet nicht.

Der hohe Turm verneigte sich,
Die Antilope zeigte sich.
Und Efeulaub und Wiesengrün
Erkannten und lobpriesen ihn.

Von aller Art der Mensch allein
Geriet in Schand und Sündenpein.
Hätt er nicht Gott so oft verkannt,
Er ging noch heute durch das Land.

Hätt er nicht Gott so oft gesteint,
Wir wären noch mit ihm vereint.
Die Erde wär das Himmelreich
Und jeder Mensch ein Engel gleich.


Klabund

Geboren am 4.11.1890 in Crossen an der Oder. Eigentlich Alfred Henschke. Apothekerssohn. Ab seinem 16. Lebensjahr lungenkrank; häufig in Schweizer Sanatorien. Studierte Philosophie und Literatur in München und Lausanne; dann freier Schriftsteller in München und Berlin. War mit Benn befreundet, in moralische und politische Skandale verwickelt, wegen Gotteslästerung angeklagt, immer vom Tode bedroht. Klabund starb am 14.8.1928 in Davos.


B.R. antwortete am 10.01.01 (13:42):

;-)
Da war noch die Tochter im Rheinland,
die schwitzte bis sich ein Reim fand,
doch was mußt' sie sehen,
der Lim'rick mußt' gehen,
und doch sie die Zeilen ins Netz sand.


Herbertkarl Hüther antwortete am 11.01.01 (13:57):



klassischt (:

Die Hölle


Ach! und weh!
Mord! Zetter! Jammer! Angst! Creutz! Marter! Würme! Plagen.
Pech! Folter! Hencker! Flamm! Stanck! Geister! Kälte! Zagen!
Ach vergeh!


Tieff' und Höh'!
Meer! Hügel! Berge! Felß! wer kan die Pein ertragen?
Schluck abgrund! ach schluck' eyn! die nichts denn ewig klagen.
Je und Eh!


Schreckliche Geister der tunckelen hölen / Ihr die ihr martert und Marter erduldet
Kan denn der ewigen Ewigkeit Feuer / nimmermehr büssen dis was ihr verschuldet?
O grausamm' Angst / stets sterben sonder sterben
Diß ist die Flamme der grimmigen Rache / die der erhitzte Zorn angeblasen:
Hier ist der Fluch der unendlichen Strasse; hier ist das immerdar wachsende rasen:
O Mensch! Verdirb / umb hier nicht zuverderben.

Andreas Gryphius


Eva antwortete am 12.01.01 (09:58):

Literatursplitter" - Briefe

Clemens BRENTANO im Juli 1803 an Sophie MEREAU (seine
spätere Gattin) :

...ich war schon auf dem Wege nach Jena zu gehen, und dort
zu schlafen, denn in der ganzen Stadt war alles zu Bette,
nur die Liebe meine Liebe, Deine Liebe, die liebste Liebe
wachte noch, kennst Du mich noch Sophie, nach solcher Ver-
traulichkeit, wenn Du wüstest, wie schön, wie allmächtig
schwach Du bist, in meinen Armen so ergeben, so gebend, Du
könntest noch beßer verstehen, wie ich so kühn bin, Alles
zu durchbrechen, ach es ist mir dann, als hätte ich die
Welt in Flammen gesteckt, und Du allein seist unzerstörbar
und ich müste mich flüchten in Dich, um Dir Deinen Gelieb-
ten zu erretten, und wenn alles ausgeglüht sei, so lägen
wir geschmolzen in eins, ein goldner Kern voll unendlicher
Kraft im Mittelpunckt und Gottes Wille sei in uns gefangen,
so daß eine neue Welt sich um uns anlegen mäßte. ...


Herbertkarl Hüther antwortete am 12.01.01 (17:10):

(:

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.


War je ein Mann gesund, ist er's;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.


Er zieht sein Hemd im Freien an
und läßt's vorher nicht wärmen
und spottet über Fluß im Zahn
und Kolik in Gedärmen.


Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.


Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn's Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;


wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich' und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er sich tot lachen. -


Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.


So ist' er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

Matthias Claudius


Sieghard antwortete am 12.01.01 (17:20):

Ballade vom schweren Leben
des Ritters Kauz vom Rabensee
von Peter Hacks


Es war ein alter Ritter,
Herr Kauz vom Rabensee.
Wenn er nicht schlief, dann stritt er.
Er hieß: der Eiserne.

Sein Mantel war aus Eisen,
aus Eisen sein Habit.
Sein Schuh war auch aus Eisen.
Sein Schneider war der Schmied.

Ging er auf einer Brücke
über den Rhein - pardauz!
Sie brach in tausend Stücke.
So schwer war der Herr Kauz.

Lehnt er an einer Brüstung,
es macht sofort: pardauz!
So schwer war seine Rüstung.
So schwer war der Herr Kauz.

Und ging nach solchem Drama
zu Bett er, müd wie Blei:
Sein eiserner Pyjama
brach auch das Bett entzwei.

Der Winter kam mit Schnaufen,
mit Kälte und mit Schnee.
Herr Kauz ging Schlittschuh laufen
wohl auf dem Rabensee.

Er glitt noch eine Strecke
aufs stille Eis hinaus.
Da brach er durch die Decke
und in die Worte aus:

Potz Bomben und Gewitter,
ich glaube, ich ersauf!
Dann gab der alte Ritter
sein schweres Leben auf.
.
.


Heidi antwortete am 12.01.01 (19:11):

:-)), statt Gedicht:

..."Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe(rote!) Wunderkerzen. "... (Jack Kerouac)


Heidi antwortete am 12.01.01 (22:07):

Lieblingsthema statt "Winter" :-))

Was für ein Feuer, o was für ein Feuer
Warf in den Busen mir der Liebe Hand!
Schon setzt es meinen zarten Leib in Brand
Und wächst an deiner Brust doch ungeheuer.
Zwei Fackeln lodern nun in eins zusammen:
Die Augen, die mich anschaun, sind zwei Kerzen,
Die Lippen, die mich küssen, sind zwei Flammen,
Die Sonne selbst halt ich an meinem Herzen.

Ricarda Huch


Heidi antwortete am 12.01.01 (22:22):

und zweimal Stefan George:

Als wir hinter dem beblümten tore
Endlich nur das eigne hauchen spürten
Warden uns erdachte seligkeiten?
Ich erinnere dass wie schwache rohre
Beide stumm zu beben wir begannen
Wen wir leis nur an uns rührten
Und dass unsere augen rannen -
So verbliebest du mir lange zu seiten.

.....

Im windes-weben
War meine frage
Nur träumerei
Nur lächeln war
Was du gegeben.
Aus nasser nacht
Ein glanz entfacht -
Nun drängt der mai
Nun muss ich gar
Um dein aug und haar
Alle tage
In sehnen leben.
..... Stefan George


Herbertkarl Hüther antwortete am 13.01.01 (06:18):



Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände -
Hörst du: es rauscht...
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,
und auch das ist Geräusch bis zu dir.
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder...
...aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

Rainer Maria Rilke


Evelyn antwortete am 13.01.01 (12:52):

MIt 20 Jahren lernte ich Ricarda Huch auswendig.Wie lange ist das her........
Auch folgendes Gedicht:

Ich werde nicht an deinem Herzen satt
Nicht satt an deiner Küsse Glutergiessen
Ich will dich,wie der Christ den Heiland hat
Er darf als Mahl den Leib des Herrn geniessen -
So will ich dich,du meine Gottheit haben
mein Fleisch in deinem Fleisch und Blut begraben -
so will ich deinen süssen Leib empfangen
bis du in mir und ich in dir vergangen.

immernoch auswendig und hoffenlich korrekt niedergeschrieben


Sieghard antwortete am 13.01.01 (14:37):

Für Evelyn


Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum,
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.
Es blühlt und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

[Ricarda Huch 1864-1947]
.


Heidi antwortete am 13.01.01 (16:30):

Ricarda Huch

Ich bin dein Schatten, du bist, der mich schafft,
Du gibst Gestalt und Maß mir und Bewegen.
Mit dir nur kann ich heben mich und legen,
Ich dein Geschöpf, du Willen mir und Kraft.

Dir angeschmiegt bin ich in deiner Haft,
Wie die von Ketten schwer den Fuß nicht regen.
Was du mir tust, ich kämpfe nicht entgegen,
Durch dein Gebot belebt und hingerafft.

Doch bin ich dein, auch du gehörst den Deinen.
Du kannst mir nicht entfliehn, dich neu gewänn ich,
Mich nicht verstoßen, neu würd ich erkoren.

Solange Sonn und Sterne dich bescheinen,
Siehst du zu deinen Füßen unzertrennlich
Die Liebende, für dich aus dir geboren.


Sylvia antwortete am 13.01.01 (17:33):

Wie könnt' ich
es zulassen
dass du
deinen Meissel
ansetzst
mich behaust
meine Ecken
und Kanten
schleifst
mich polierst

selbst
meinen Standort
bestimmst

Ich würde
mich verlieren
und wäre
nichts
als dein Standbild

svr


:-)) Heidi antwortete am 13.01.01 (17:57):

ein Liebeslied

schön will ich sein, mein Geliebter
wie die Sonne am Tag
wie der Stern in der Nacht
strahlen für dich

singen will ich, mein Geliebter
Liebeslieder, süß
wie der Nachtigall Lied
zärtlich für dich

stark will ich sein, mein Geliebter
das Dunkle wandeln
in helles Licht
halten nur dich

schwach will ich sein, mein Geliebter
in deinen Armen
vergehen im Glück
lieben nur dich

hl


Herbertkarl Huether antwortete am 13.01.01 (18:31):


Ärgerliches Mädchen

Es ist schon spät. Ich muß verdienen.
Aber die gehn heute alle vorbei mit blasierten Mienen
Nicht einen Glücksgroschen wolln sie mir geben.
Es ist ein jämmerliches Leben.
Komme ich ohne Geld nach Haus,
Wirft mich die Alte hinaus.
Fast kein Mensch ist auf der Straße mehr.
Ich bin todmüde und friere sehr.

So elend zumute war mir noch nie.
Ich laufe umher wie ein Stück Vieh.
Da endlich kommt drüben einer an:
Ein ganz anständig angezogener Mann –
Doch auf das Äußere darf man in diesem Leben
Nicht viel geben.
Er ist auch schon älter. (Die haben mehr Geld,
Von den Jungen wird man eher geprellt.)
Er ist mir vis-à-vis.
Ich heb die Kleddage bis über das Knie.
Ich kann mir dies leisten.
Es zieht am meisten.
Die Kerle kommen wie Fliegen
Ins Licht zu uns Ziegen...
Der Kavalier bleibt wirklich drüben stehen.
Er glotzt. Er winkt. Ich will schon bei ihm hingehn...
Ich denke: Der wird mir ein großes Goldstück schenken.
Dann besauf ich mich heimlich mit teuren Getränken.
Das ist noch das Schönste: einmal – allein
Still für sich besoffen sein –
Oder ich kann neue Schuhe kaufen
Muß nicht mehr in gestopften Strümpfen laufen –
Oder ich geh einmal nicht auf den Bummel hinaus.
Und ruhe mich von den Kerlen aus –
Oder ach, ich freu mich schon so...
Ich bin so froh –
Da kommt die Kitti an.
Und versaut den Mann.

Alfred Lichtenstein


Alfred Lichtenstein wurde am 23.08.1889 in Berlin geboren. Er fiel am 25.09.1914 in Vermandevillers/Reims an der Westfront.


Heidi antwortete am 13.01.01 (19:03):

wir sind ja flexibel :-))

Die Nacht

Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen.
Zerbrochne Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen.
An manchen Ecken stottern starke Straßenbahnen,
Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen.
Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder,
Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen.
Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen ...
Wehleidge Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.

Quelle: Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich: Die Arche 1962


Eva antwortete am 13.01.01 (19:33):

Sapphische Ode - von Hans SCHMIDT, einem heute vergesenen
baltischen Dichter aus der 2. Hft. des 19. Jhdts. :

Rosen brach ich Nachts mir am dunklen Hage;
Süßer hauchten Duft sie als je am Tage,
Auch verstreuten reich die bewegten Aeste
Thau, der mich näßte.

Auch der Küsse Duft mich wie nie berückte,
Die ich Nachts vom Strauch Deiner Lippen pflückte:
Doch auch Dir, bewegt im Gemüth gleich jenen,
thauten die Thränen.


Heidi antwortete am 13.01.01 (19:34):

Friedrich Nietzsche

Das Wort

Lebendgem Worte bin ich gut:
Das springt heran so wohlgemut,
das grüßt mit artigem Geschick,
hat Blut in sich, kann herzhaft schnauben,
kriecht dann zum Ohre selbst dem Tauben
und ringelt sich und flattert jetzt
und was es tut, das Wort ergötzt.
Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen,
bald krank und aber bald genesen.
Willst ihm sein kleines Leben lassen,
mußt du es leicht und zierlich fassen,
nicht plump betasten und bedrücken,
es stirbt oft schon an bösen Blicken -
und liegt dann da, so ungestalt,
so seelenlos, so arm und kalt,
sein kleiner Leichnam arg verwandelt,
von Tod und Sterben mißgehandelt.
Ein totes Wort - ein häßlich Ding,
ein klapperdürres Kling-Kling-Kling.
Pfui allen häßlichen Gewerben,
an denen Wort und Wörter sterben.

(Internet-Tipp: http://www.uni-giessen.de/~gi04/MM/gedichte/nie_f06.html)


Sylvia antwortete am 13.01.01 (21:00):

Du hast mich
zu oft
gegen den Strich
gestreichelt

Die Flausen
sind mir
aus dem
dicken Fell
geflohen
mich juckt
nichts mehr

Ich bin
frei
von dir

svr


Heidi antwortete am 13.01.01 (21:49):

O LEBEN Leben, wunderliche Zeit,
von Widerspruch zu Widerspruche reichend;
Im Gange oft so schlecht so schwer so schleichend
und dann auf einmal, mit unsäglich weit
entspannten Flügeln, einem Engel gleichend:
o unerklärlichste, o Lebenszeit.

Von allen groß gewagten Existenzen
kann Eine glühender und kühner sein?
Wir stehn und stemmen uns an unsre Grenzen
und reißen ein Unkenntliches herein.

Rainer Maria Rilke


Heidi antwortete am 13.01.01 (23:24):


O sage, Dichter, was du tust? - Ich rühme.
Aber das Tödliche und Ungetüme,
wie hältst du's aus, wie nimmst du's hin? - Ich rühme.
Aber das Namenlose, Anonyme,
wie rufst du's, Dichter, dennoch an? - Ich rühme.
Woher dein Recht, in jeglichem Kostüme,
in jeder Maske wahr zu sein? - Ich rühme.
Und daß das Stille und das Ungestüme
wie Stern und Sturm dich kennen?: - weil ich rühme.

Rainer Maria Rilke


Sylvia antwortete am 13.01.01 (23:44):

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Vielleicht wird der letzte mir nicht gelingen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausende lang;
und ich weiss nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang.

Rainer Maria Rilke


Herbertkarl Hüther antwortete am 14.01.01 (09:03):


Kaiser Heinrich.

Die Rheines-Adler mit lastendem Flug,
sie zogen den schwebenden Kreis,
als Heinrich kam auf Schloß Hammerstein,
Kaiser Heinrich, ein flüchtender Greis.
Der Abendsonne verscheidende Glut
lag zitternd auf Tälern und Höh'n;
Kaiser Heinrich sah in den strömenden Rhein:
»O Deutschland, wie bist du so schön!
Ihr Berge mit rebendurchglühter Brust,
du herdenbewandelte Trift,
ihr steht mir geschrieben tief in das Herz
wie eine heilige Schrift.
Wie ein rauschendes Buch voll Märe und Lehr',
Deutschland, so liegst du vor mir;
deine Kaiser machten zum Griffel das Schwert
und schrieben den Inhalt dir.
Und wenn er zu Ende sein Tagewerk schrieb,
tat jeder den Griffel zur Ruh',
er gab das Buch in des Nächsten Hand,
und sprach: »Lies und schreibe nun du.«
Doch als mir der Vater das Buch übergab,
war kindisch und schwach meine Hand,
es nahmen's die andren und lasen mir draus,
was nicht in dem Buche stand.
Und als in dem Buch ich zu schreiben begehrt,
da kamen die Tage des Fluchs!
Es hob sich von Mittag und Abend der Sturm
und griff in die Seiten des Buchs.
Er warf sie herauf, er warf sie herab,
er warf sie die kreuz und die quer;
mein Auge ward trübe vom wirbelnden Staub,
und das Schreiben ward schwer, ward schwer.
So ist meine Schrift nun verworren, verzerrt,
daß niemand sie lesen kann;
sie schütteln die Häupter und nennen mich heut
einen alten, verworrenen Mann.
Mein Tag geht zur Neige, mein Werk ist getan,
heut schreib' ich das letzte Blatt,
den Griffel tauch' ich ins eigene Herz,
da trink' er am Blute sich satt.
Und ich schreibe hinein mit wankender Hand,
und ich schreibe mit eigenem Blut,
daß die Schrift soll leuchten durch Länder und Zeit
in roter flammender Glut:
Der Ehre verlustig, am Leben bedroht,
vertrieben von Land und von Thron,
so flüchtet der Kaiser vor seinem Volk,
der Vater vor seinem Sohn.«-
Die Sonne versank, dumpf rauschte der Rhein,
an die Türe schlug es mit Macht:
»Deines Sohnes Reiter sprengen im Tal,
zur Flucht, noch birgt uns die Nacht!«
Kaiser Heinrich trat in das schwankende Schiff:
»O Warner, du mahntest mich recht,
die Nacht gehört dem versunkenen Mann
und die Sonne dem neuen Geschlecht.«

Ernst von Wildenbruch
Geb. 3.2.1845 Beirut, gest. 15.1.1909 Berlin


Sylvia antwortete am 14.01.01 (12:46):






Die jodelnden Schildwachen

Am Üetliberg im Züribiet,
Da steht ein Pulverturm im Riet;
Herr Pestalozzi, der Major,
Pflanzte drei Mann als Wacht davor.

"Hier bleibt ihr stehn, ihr Sakerlott!
Und daß sich keiner muckst und rodt!
Sonst - Strahl und Hagel - gibt's etwas!
Verstanden? - Also merkt euch das!"

Drauf bog er um den Albisrank,
Wo er ein Tröpflein Roten trank.
Ein Schöpplein schöpft' er oder zwei,
Da weckt' ihn eine Melodei.

Dreistimmig wie ein Engelchor
Scholl's hinterm Pulverturm hervor.
Da half kein Zweifel: das ist klar!
Die Schildwach jodelte fürwahr.

Wer galoppiert jetzt ventre à terre
Wie Blitz und Strahl vom Albis her?
"Vor allem haltet dieses fest:
Drei Tage jeder in Arrest!

Jawohl! Das käm mir just noch recht!
Um eines bitt ich, sprecht,
Wie diese Frechheit euch gelingt,
Daß einer auf dem Posten singt?

Da sprach der erste: "Kommandant!
Dort unten liegt mein Heimatland.
Ich schütz' es mit der Flinte mein.
Wie sollt ich da nicht lustig sein?"

Der zweite sprach: "Herr Pestaluzz!
Seht ihr das Rathaus dort am Stutz?
Dort wähl' ich meine sieben Herrn.
Drumm bin ich froh; drum leist ich gern."

Der dritte sprach: "Ich halt's als Norm:
's ist eine Freud, die Uniform.
's ist eine mut'ge Mannespflicht.
Da muß man jauchzen. - Oder nicht?"

Der Junker schrie: "Zum Teufel hin!
Die erste Pflicht heißt Disziplin!
Ihr Lauser wart'! Euch krieg ich schon!
Glaubt mir's!" und wetterte davon.

Am selbigen Abend spät indes
Meint' Oberst Bodmer in der Meß:
"Was Kuckucks hat nur der Major?
Er kommt mir heut ganz närrisch vor!

Singt, pfeift und mögt in seinen Bart.
Das ist doch sonst nicht seine Art."
Der Pestalozzi hörte das,
Sprang auf den Stuhl und hob sein Glas:

"Mein lieber Vetter Ferdinand,
Stadtrat und Oberst zubenannt!
Wenn einer kommt und hat die Ehr
Und dient in solchem Militär

Von wetterfestem Bürgerholz,
Gesteift von Trotz, gestählt von Stolz,
Lausketzer, die man büßen muß,
Weil ihnen schildern ein Genuß,

Mannschaften wo der letzte Hund
Hat ein Ideal im Hintergrund -
Komm her beim Styx! Stoß an beim Eid!
Wer da nichtmitmögt, tut mir leid."

Carl Spitteler


Eva antwortete am 14.01.01 (16:20):

Und immer wieder Goethe ...

Unüberwindlich

Hab´ ich tausendmal geschworen,
dieser Flasche nicht zu trauen,
bin ich doch wie neugeboren,
läßt mein Schenke fern sie schauen.

Alles ist an ihr zu loben,
Glaskristall und Purpurwein.
Wird der Pfroph herausgehoben,
sie ist leer, und ist nicht mein.

Hab ich tausendmal geschworen,
dieser Falschen nicht zu trauen,
und doch bin ich neugeboren,
läßt sie sich ins Auge schauen.

Mag sie doch mit mir verfahren,
Wie´s den stärksten Mann geschah.
Deine Scher´in meinen Haaren,
allerliebste Delila.


Evelyn antwortete am 14.01.01 (17:35):

Hier nochmal ` ne Ballade-und die passierte grade:

Der Dichter

Vorm Stadtrat am
Wirtshaustresen
hat einer Gedichte gelesen -

band säuberlich fein
die Reime ans Bein
Kopf unter der Decke
das Herz auf der Strecke
schlief ein.-

Wie rührige Milben
verwandelten Silben
gewöhnliches Schimmeln
zu Höllen und Himmeln
drin hilfreiche Mythen
das Windei bebrüten -

und ein postmodern
esoterischer Hauch
besorgte den Durchfall
vom Kopf in den Bauch.

Für jene am Tresen
war`s Literatur.
Sie zahlten ihm Spesen
ganz wild nach Kultur
dazu ein Stipendium -

Der Mann braucht das Geld
und die Stadt ihren Dichter
als Zeichen von Welt.
e.vw


Herbertkarl Hüther antwortete am 14.01.01 (17:51):



Es ist alles eitel


Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:
Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't.
Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!

Andreas Gryphius:
zu Prediger 1,2


Sieghard antwortete am 14.01.01 (18:51):

Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball das falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muss auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muss mit der Luft entfliehn,
Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn, wie Rauch von starken Winden.

[Andreas Gryphius 1616 - 1664]
.


:-)) Heidi antwortete am 14.01.01 (19:11):

Ein süßes Lied!

Hör doch! Die Nachtigall singt
vor ihrem süßen Lied
Trauer und Sorge flieht

Sieh doch! der Mond scheint hell
sein goldener Schein
dringt ins Herz hinein

Lach doch! statt grübeln und sorgen
das Leben ist schön
- bevor wir gehn

hl


Sylvia antwortete am 14.01.01 (21:49):

Mond
Pfannkuchengesicht
am Nachthimmel
es ist gut
dass du grösser bist
als es scheint

Sonst hätten sie dich
längst heruntergeholt
dich wissenschaftlich
seziert
analysiert
und definiert

So aber
müssen sie sich
hinaufbemühn

Und wir
dürfen weiter
aufsehn zu dir
sehnsüchtig seufzen
und innerlich heulen
wie die Wölfe

svr


Heidi antwortete am 15.01.01 (09:03):

Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Möcht' Dir alles gerne, weil ich Freude mir erlerne,
Wenn Du mit gefaltnen Händen
Freudig hebst der Augen Sterne.

Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen
Gruß nehm' ich von Deinem Munde.
Was nicht blühet Dir zu Füßen, büßen
Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis Du mir mit frohen Küssen
Bringest meines Frühlings Kunde.

Wenn die Abendlüfte wehen, sehen
Mich die lieben Vöglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spähen
Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich helle Tränen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wär' ich ganz alleine.

Vöglein euch mag's nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, singen
Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich Dein verlange
Und Du mein, mußt Du auch singen,
Ach das ist schon ewig lange.

Clemens Brentano


Herbertkarl Hüther antwortete am 15.01.01 (09:19):



Östliches Taglied

Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.


Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?


Man müßte so sich ineinanderlegen
wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.


Doch während wir uns aneinanderdrücken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.

Rainer Maria Rilke

Geboren 04.12.1875 in Prag. Er starb am 29.12.1926 im
Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.


Heidi antwortete am 15.01.01 (09:27):

Ich warf mich auf die Meer-Klippen.
In die Schäume der Träume.
Da überraschten mich die Albatrosse.
Herz brach auf. Und Seele weinte.

Sie deckten kühle Schwingen über mein Haupt.
An den Fieber-Händen rieben Schnäbel.
Freie Meer-Herzen
pochten in meine Innen-Wüste.
Die Albatrosse klangen:sangen:

In einem frühen Leben
war über Meere hin dein Schweben.
Unser Bruder du auf starken Schwingen,
du mochtest in die wildesten Schäume dringen.
Stürme konnten nie dich zwingen.

Zu deinen Wogen, zu deinen freien Meeren
wirst du, Bruder, einstmals wiederkehren.
Wirst das große Schwebe-Glück vermehren.
Wirst uns deine Schwebe-Seele lehren.

Alfred Mombert


Sieghard antwortete am 15.01.01 (12:24):

e.v.w., hl, hkh., svr, fs. kNs,
etc. und alle, besonders webmaster:

und heiter weiter
ihr Lieben
wann kommt Gedichte sieben
[7, VII]
das Laden bei Gedichte VI
braucht so lang, verhext
.