Archivübersicht

THEMA:   Gedichte Kapitel 32

 151 Antwort(en).

hl begann die Diskussion am 07.12.03 (10:54) mit folgendem Beitrag:

Ein neues Kapitel für die Gedichte.
Kapitel 31 ist archiviert und kann unter http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a632.html

nachgelesen werden. Die Mailliste wird, wie immer, übertragen.

Weiterhin viel Vergnügen mit den Gedichten.

Internet-Tipp: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a632.html


hl antwortete am 07.12.03 (11:09):

Liebes Christkind sei so lieb,
bring uns keine Gaben,
die es auch im Kaufhaus gibt,
weil wir die schon haben.

Schenk uns mehr Gelassenheit,
bring uns Ruhe, Einkehr, Rast
und ein kleines bißchen Zeit
statt der Eile und der Hast.

Bring uns keine Pfefferkuchen,
die bei uns verderben,
während andre Nahrung suchen,
Hunger leiden, sogar sterben.

Schenk uns eine harte Nuß,
die wir knacken müssen -
weich nur macht der Überfluß,
wenn wir nichts vermissen.

Bring uns Mut und Tapferkeit,
Wahres laut zu sagen:
und des andern Not und Leid
wie unser Eigen mitzutragen.

Bring uns einen Tannenbaum
aus grünem frischen Wald.
O, welch schöner
Weihnachtstraum,
Chriskind komm doch bald.


E. Michler


iustitia antwortete am 07.12.03 (11:35):


Thomas Bäcker: ADVENT

Advent es gekomme,
et tewdde Lecht all brannt,
än griss let verschwomme,
dor bütten et Land!

Die Menze, die alde,
se worre wärr jong:
De Hand se stell falde,
enn Lied ok all klong.

Advent es Besenne,
doch alle johr weer,
et Hoart schlett hier benne:
Want hos kömmt ons Heer!

(Th. Bäcker - ein Gocher Heimatdichter.)


eika antwortete am 07.12.03 (11:53):

Die Alten

Wenn man jung ist und modern
möchte man natürlich gern
alles neu und umgestalten,
doch wer meckert dann? Die Alten.

Will dynamische Ideen
endlich man verwirklicht sehen,
zieh`n sich sorgenvolle Falten;
ja so sind sie, unsere Alten!

Krieg und Elend, Hungersnot;
manchen Freundes frühen Tod;
doch sie haben durchgehalten,
ja, das haben sie, die Alten!

Was sie unter Müh`und Plagen
neu erbaut in ihren Tagen,
wollen sie jetzt gern erhalten:
Habt Verständnis für die Alten!

Bändigt Eure jungen Triebe,
zeigt den Alten Eure Liebe,
lasst Euch Zeit mit dem Entfalten,
kümmert Euch um Eure Alten!

Wozu jagen, warum hetzen?
Nach den ewigen Gesetzen
ist die Zeit nicht aufzuhalten.
Plötzlich seid ihr dann die Alten!

Und in Euren alten Tagen
hört ihr Eure Kinder klagen;
ach, es ist nicht auszuhalten,
immer meckern diese Alten!

Ja, des Lebens Karussell
dreht sich leider viel zu schnell;
drum sollten sie zusammenhalten,
all die Jungen und die Alten!

Theodor Storm (1817 - 1888)

Gedicht der Woche aus der Rhein-Zeitung


hl antwortete am 07.12.03 (17:32):

Gruss im Advent an einen Freund und Mentor

Flügel wachsen einem Wort

Im frühen Sommer,
wenn im Garten Rosen blühn,
kommt ein Wort zu mir

auf Zehenspitzen
barfuß über die Wasser;
bringt rote Rosen,

streift Nelkenknospen
im glitzernden Morgentau,
den Rosmarin auch.

Manchmal fließt ein Wort,
füllt dann Becher und Zeiten
und dann ein ganzes Buch.

auch wenn im Bergwerk
niemand Balalaika spielt,
kein Sonnenstrahl tanzt,

steht die Lerche doch
über dunstblauen Hügeln:
Wort an Wort an Wort.

Ein Sommertag ist.
In meinem Blumengarten
gedeiht mancher Wunsch.

Ich säe dein Wort
und pflanze Sonnenblumen
und singe ein Lied.

Mir lacht die Sonne,
duftet die rote Rose
im frühen Sommer.


Koloman Stumpfögger

in "Wenn Sonnenblumen die güldenen Zeiger drehen"
Gedichte;Oberschwäbische Verlagsanstalt ISBN 3-926891-16-5

Internet-Tipp: " target="_new">


Sofia204 antwortete am 07.12.03 (19:50):

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose

Gertrude Stein


pamina antwortete am 08.12.03 (16:14):

Der Dezember

Erich Kästner - Aus 13 Monate

Das Jahr ward alt, hat dünne Haar,
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man's versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast selbst den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."


marie2 antwortete am 08.12.03 (17:08):

Manchmal
in seltenen Stunden,
spürst du auf einmal
nahe dem Herzen, am
Schulterblatt schmerzlich
die Stelle, an der uns
wie man erzählt, vor
Zeiten ein Flügel bestimmt
war, den wir verloren.

Manchmal
regt sich dann
etwas in dir, ein Verlangen,
wie soll ich's erklären,
ein unwiderstehliches Streben,
leichter und freier zu leben
und dich zu erheben und
hoch über allem zu schweben.

Manchmal,
nur einen Augenblick lang -
dann ist es vorbei -
erkennst du dein wahres
Gesicht, du ahnst, wer du
sein könntest und solltest.
Dann ist es vorbei.
Und du bist, wie du bist.
Du tust, was zu tun ist.
Und du vergisst.

Lothar Zenetti


poetax antwortete am 10.12.03 (17:42):

Melodie - W. Kritzinger, Volkslied aus Schlesien

Süßer die Glocken nie klingen
Als zu der Weihnachtszeit:
'S ist, als ob Engelein singen
Wieder von Frieden und Freud'.
Wie sie gesungen in seliger Nacht,
Glocken, mit heiligem Klang
Klingt doch die Erde entlang!

O, wenn die Glocken erklingen,
Schnell sie das Christkindlein hört.
Tut sich vom Himmel dann schwingen
Eilet hernieder zur Erd'.
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingt doch die Erde entlang!

Klinget mit lieblichem Schalle
Über die Meere noch weit,
Dass sich erfreuen doch alle
Seliger Weihnachtszeit.
Alle aufjauchzen mit einem Gesang;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingt doch die Erde entlang!
.


iustitia antwortete am 14.12.03 (15:04):

hl - Dank für das Gedicht und die schönen Rosen, sind Rosen, sind schöne Rosen, sind schön.


hl antwortete am 14.12.03 (15:33):

:-))


hl antwortete am 14.12.03 (22:18):


Mariae Verkündigung

Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
erschreckte sie. Sowenig andre, wenn
ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
auffahren -, pflegte sie an der Gestalt,
in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;
sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt
mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,
wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,
die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,
sich so in sie versehn, daß sich in ihr,
ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,
das Tier aus Licht, das reine Tier -.)
Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,
der Engel, eines Jünglings Angesicht
so zu ihr neigte; daß sein Blick und der,
mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen
als wäre draußen plötzlich alles leer
und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
hineingedrängt in sie: nur sie und er;
Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
sonst nirgends als an dieser Stelle -: sieh,
dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.

Dann sang der Engel seine Melodie.

Rainer Maria Rilke
Aus: Das Marien-Leben (1912)


marie2 antwortete am 15.12.03 (09:50):

Antwort Mariä auf den Gruß der Engel.

Zwey Nachtigallen in einem Thal
Oftmals zusammen stimmen,
Sie singen mit so süßem Schall,
Daß es recht Wunder nimmet:
Sie modulieren in die Welt,
Keine der andern weichet,
Den Tod sie lieber leiden thät,
Eh sie der andern schweiget.
Zwey Nachtigallen ich singen hör,
Ein Engel kommt vom Himmel,
Nach Nazareth, nicht ungefähr,
Ins jungfräuliche Zimmer,
O wie so lieblich singt er an,
Das Jungfräulein Maria:
Kein menschlich Zung beschreiben kann
Die süße Harmonie.

Was war nicht für ein Echo da,
Wie stimmten sie zusammen,
O wär ich doch gewesen nah,
Es würde mich entflammen.
Kein süßres Lied im Himmelreich,
Wird nimmermehr gehöret,
Als wenn die Selgen allzugleich
Wollen, was Gott begehret.

Aus des Knaben Wunderhorn
Achim von Arnim


hl antwortete am 15.12.03 (21:05):

Die Heilige Nacht

So war der Herr Jesus geboren
im Stall bei der kalten Nacht.
Die Armen, die haben gefroren,
den Reichen war's warm gemacht.

Sein Vater ist Schreiner gewesen,
die Mutter war eine Magd,
Sie haben kein Geld besessen,
sie haben sich wohl geplagt.

Kein Wirt hat ins Haus sie genommen;
sie waren von Herzen froh,
daß sie noch in Stall sind gekommen.
Sie legten das Kind auf Stroh.

Die Engel, die haben gesungen,
daß wohl ein Wunder geschehn.
Da kamen die Hirten gesprungen
und haben es angesehn.

Die Hirten, die will es erbarmen,
wie elend das Kindlein sei.
Es ist eine G'schicht für die Armen,
kein Reicher war nicht dabei.

Ludwig Thoma (1867 - 1921)


ianna antwortete am 16.12.03 (23:01):

Vor Weihnachten 1914

1
Da kommst du nun, du altes zahmes Fest,
und willst, an mein einstiges Herz gepresst,
getröstet sein. Ich soll dir sagen, du
bist immer noch die Seligkeit von einst
und ich bin wieder dunkles Kind und tu
die stillen Äugen auf, in die du scheinst.
Gewiß, gewiß. Doch damals, als ich’s war,
und du mich schön erschrecktest, wenn die Türen
aufsprangen – und dein wunderbar
nicht länger zu verhaltendes Verführen
sich stürzte über mich wie die Gefahr
reißender Freuden: damals selbst, empfand
ich damals d i c h ? Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand,
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an; mein Mißverstehn; mein Wollen
es sollte etwas sein, was es nicht w a r.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Un-Eigentum…

2
(...Oh , dass ich nun vor dir
so stünde, Welt, so stünde, ohne Ende
anschauender. Und heb ich je die Hände
so lege nichts hinein; denn ich verlier.

Doch laß durch mich wie durch die Luft den Flug
der Vögel gehen. Laß mich, wie aus Schatten
und Wind gemischt, dem schwebenden Bezug
kühl fühlbar sein. Die Dinge, die wir hatten,
(oh sieh sie an, wie sie uns nachschaun) nie
erholen sie sich ganz. Nie nimmt sie wieder
der reine Raum. Die Schwere unsrer Glieder,
was an uns Abschied ist, kommt über sie.)

Rainer Maria Rilke


Tessy antwortete am 17.12.03 (18:20):

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren
und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen.

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer

Nur Meer
*Erich Fried*


marie2 antwortete am 17.12.03 (18:49):

@ Tessy
Das versetzt mich gleich in die Betragne.
Marie2


hl antwortete am 22.12.03 (11:57):

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

EIN LIED AN GOTT

Es schneien weiße Rosen auf die Erde,
Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;
Die weiß es, ob ich wieder lieben werde,
Wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.

Zwischen Winternächten liegen meine Träume
Aufbewahrt im Mond, der mich betreut -
Und mir gut ist, wenn ich hier versäume
Dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf innerlichsten Wegen
Und kräuselte die Lippe nie zum Spott.
In meinem Herzen fällt ein Tränenregen;
Wie soll ich dich erkennen lieber Gott...

Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht,
Dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.
Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht! - - -
Zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir halten.

So dunkel ist es fern von deinem Reich
O Gott, wie kann ich weiter hier bestehen.
Ich weiß, du formtest Menschen, hart und weich,
Und weintetest gotteigen, wolltest du wie Menschen sehen.

Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoß -
Ganz unverhüllt: du möchtest es erkennen.
Ich und die Erde wurden wie zwei Spielgefährten groß!
Und dürfen »du« dich beide, Gott der Welten, nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit
Von meines Herzens Warte aus gesehen;
Es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit
Und aller Stürme sterbendes Verwehen.




gefunden in
http://www.abi-gaesdonck.de/phpBB2/viewtopic.php?t=171

Internet-Tipp: http://www.abi-gaesdonck.de/phpBB2/viewtopic.php?t=171


marie2 antwortete am 23.12.03 (12:26):

Bethlehem

Ein Stern
springt aus der Sternenbahn
ganz frei zieht er dahin.

Ein Berg
steht auf und hebt sich fort
ganz leicht
von hier nach dort.

Ein Mensch
verlässt den Lauf der Welt
ganz frei wird er zum Weg.

Ein Stein
ein Mensch
ein Weg
ein Licht
ganz hell
in unser Dunkel bricht.

Wilhelm Willms


poetax antwortete am 27.12.03 (17:17):

Weihnachten

Zwar ist das Jahr an Festen reich,
Doch ist kein Fest dem Feste gleich,
Worauf wir Kinder Jahr aus Jahr ein
Stets harren in süßer Lust und Pein.
O schöne, herrliche Weihnachtszeit,
Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
Teilt seine lieben Gaben aus.

Und ist das Häuschen noch so klein,
So kommt der heilige Christ hinein,
Und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
Die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen.

Der heilige Christ an alle denkt,
Ein Jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freu'n und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein.

Hoffmann von Fallersleben
(1798-1874)
.


ianna antwortete am 27.12.03 (20:02):

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Georg Trakl


eika antwortete am 28.12.03 (16:28):

Zum neuen Jahr

Wie heimlicher Weise
ein Engelein leise
mit rosigen Füßen
die Erde betritt,
so nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
ein heilig Willkommen!
Herz jauchze du mit!

Ihm sei`s begonnen,
der Monde und Sonnen
an blauen Gezelten
des Himmels bewegt.
Du Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr dir in die Hände
sei Anfang und Ende,
sei alles gelegt.

Eduard Mörike


aknediw antwortete am 28.12.03 (20:03):

Zum Jahreswechsel

Es ist nur ein Schritt vom alten Jahr
hinüber in das neue.
Ein Rückblick voller Dankbarkeit,
ein leises Weh, vielleicht auch manche Reue.
Nun ist es da, das neue Jahr,
eh wir uns recht versehen,
die ersten Schritte kaum gemacht
wir auch schon mitten in ihm stehen.
Doch manche Sorge ging da mit
und manches leise Bangen.
Die klare Sicht, sie fehlt uns noch,
der Himmel ist verhangen.
Nur einer weiß den Weg für mich,
lass all die Sorgen fallen
in seine treue Vaterhand,
die hilft und trägt uns alle.
Und eines ist uns auch gewiss,
wie jeder Tag auch mag verrinnen.
Ob Freud', ob Leid - es führt die Zeit
uns hin zur großen Ewigkeit.
Maria Blaschke
Möge das Neue Jahr allen Glück und Zufriedenheit bringen.
Adolf


marie2 antwortete am 28.12.03 (23:35):

Wo ist die Zeit?

Wo ist die Zeit
vom letzten Jahr,
als ich mit dir
so fröhlich war?
Wo ist die Zeit
vom vergangenen Tag?
Wo ist die Zeit
die dazwischenlag?

Wo ist die Zeit,
die man vergisst,
weil da nicht viel
gewesen ist?

Wo ist die Zeit
von morgen?
Was hält sie mir
verborgen?

- Jürgen Spohn -


ianna antwortete am 30.12.03 (00:36):

Eisblumen

Tod behaucht die Fensterscheiben.
Unter seinem Atem treiben
Pflanzen, gläserne, empor.
Und sie wuchern, tausendblättrig:
Blutkraut, Frauenhaar und Lattich,
Farne, wie du sie zuvor
Nie gesehn, es sei im Traume,
Wunderlaub an wildem Baume,
Zarter Fliederblüten Flor.

Ursula Jaspersen


pilli antwortete am 31.12.03 (10:16):

Ein neues Buch, ein neues Jahr


Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Theodor Fontane
(1819-1898)


pilli antwortete am 01.01.04 (12:04):

Spruch in der Silvesternacht

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Erich Kästner


linde1 antwortete am 03.01.04 (10:06):

Winterlied

Keine Blumen blühn;
Nur das Wintergrün
Blickt durch Silberhüllen;
Nur das Fenster füllen
Blumen rot und weiß,
Aufgeblüht aus Eis.

Ach, kein Vogelsang
Tönt mit frohem Klang,
Nur die Winterweise
Jener kleinen Meise,
Die am Fenster schwirrt,
Und um Futter girrt.

Minne flieht den Hain,
Wo die Vögelein
Sonst im grünen Schatten
Ihre Nester hatten;
Minne flieht den Hain,
Kehrt ins Zimmer ein.

Kalter Januar,
Hier werd' ich fürwahr
Unter Minnespielen
Deinen Frost nicht fühlen!
Walte immerdar,
Kalter Januar!

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Internet-Tipp: http://www.haikulinde.de


pilli antwortete am 06.01.04 (09:50):

Die heiligen drei Könige

(Bettelsingen)

Wir sind die drei Weisen aus dem Morgenland,
Die Sonne, die hat uns so schwarz gebrannt.
Unsere Haut ist schwarz, unsere Seel ist klar,
Doch unser Hemd ist besch... ganz und gar.
Kyrieeleis.

Der erste, der trägt eine lederne Hos',
Der zweite ist gar am A... bloß,
Der dritte hat einen spitzigen Hut,
Auf dem ein Stern sich drehen tut.
Kyrieeleis.

Der erste, der hat den Kopf voll Grind,
Der zweite ist ein unehlich' Kind.
Der dritte nicht Vater, nicht Mutter preist,
Ihn zeugte höchstselbst der heilige Geist.
Kyrieeleis.

Der erste hat einen Pfennig gespart,
Der zweite hat Läuse in seinem Bart,
Der dritte hat noch weniger als nichts,
Er steht im Strahl des göttlichen Lichts.
Kyrieeleis.

Wir sind die heiligen drei Könige,
Wir haben Wünsche nicht wenige.
Den ersten hungert, den zweiten dürst',
Der dritte wünscht sich gebratene Würst.
Kyrieeleis.

Ach, schenkt den armen drei Königen was.
Ein Schöpflöffel aus dem Heringsfaß -
Verschimmelt Brot, verfaulter Fisch,
Da setzen sie sich noch fröhlich zu Tisch.
Kyrieeleis.

Wir singen einen süßen Gesang
Den Weibern auf der Ofenbank.
Wir lassen an einem jeglichen Ort
Einen kleinen heiligen König zum Andenken dort.
Kyrieeleis.

Wir geben euch unseren Segen drein,
Gemischt aus Kuhdreck und Rosmarein.
Wir danken für Schnaps, wir danken für Bier.
Anders Jahr um die Zeit sind wir wieder hier.
Kyrieeleis.


Klabund
(1890-1928)


marie2 antwortete am 06.01.04 (10:44):

Schön, pilli! Und dat us em hillije Kölle!

Bekommst Du auch die tägliche Lyrikmal von Gregor Koall? Damit bekam ich das Gedicht heute auch.

Für alle, die gerne an jedem Werktag morgens mit einem Gedicht in der Mailbox begrüßt werden, stelle ich hier den Link ein:

http://www.lyrikmail.de

Ich halte ihn für empfehlenswert.
Marie2


iustitia antwortete am 07.01.04 (23:52):

Ein wenig verspätet...:

Else L a s k e r - S c h ü l e r:
LETZTER ABEND IM JAHR

Es ist so dunkel heut,
Man kann kaum in den Abend sehen.
Ein Lichtchen loht,
Verspieltes Himmelchen spielt Abendrot
Und weigert sich, in seine Seligkeit zu gehen.
- So alt wird jedes Jahr die Zeit -
Und die vorangegangene verwandelte der Tod.
*
Mein Herz blieb ganz für sich
Und fand auf Erden keinen Trost.
Und bin ich auch des Mondes Ebenich,
Geleitetest auch du im vorigen Leben mich,
Und sah ich auch den blausten Himmel in Gottost.
*
Es ruhen Rand an Rand einträchtig Land und Seeen,
- Das Weltall spaltet sich doch nicht -,
O Gott, wie kann der Mensch verstehen,
Warum der Mensch haltlos vom Menschtum bricht,
Sich wieder sammeln muß im höheren Geschehen.

(In: Konzert. Berlin 1932. Aus: Gedichte 1902 -1943. 1986. S. 315; die Lasker-Schüler hatte im Erstdruck zwischen den Strophen Sternchen setzen lassen.)


iustitia antwortete am 07.01.04 (23:54):

Und ein kleiner Blick ins Jahr hinein:

G ü n t e r E i c h: Erster Januar

Nur ein Kalender spricht morgens vom neuen Jahre,
die Wände wissen, daß nichts Neues beginnt.
Draussen die Wolken flattern wie immer so leicht wie Haare,
und an die Fenster greift mit denselben Händen der Wind.

März und April wird kommen, und später
füllt dich ein Tag mit ewigen Stunden aus,
fällt mit Himmel und mit geblähter
Wolke in deine Hände und in dein Haus.

Manchmal erblickst du dich nachts in einem Spiegel,
das Gesicht undeutlich von Altern erfüllt,
wie ein verblichener Brief mit nie geöffnetem Siegel,
der immer die gleiche Schrift verhüllt.

Alle Tage sind neu und sind Jubiläen,
aber der Schmerz ist fern,
und du hast von den ewigen Trophäen
nur noch den Abendstern.


marie2 antwortete am 14.01.04 (22:36):

Erstes Schneeglöckchen

Verlassen steht im Januar
das Weißhäuptlein, das kleine.
Einsam an der Südwand blüht
das Schneeglöckchen, das meine.

Kein Bienchen ist bei ihm, nicht eines
wagt sich zum Loch heraus.
Nur ich besuch das Frühlingskind,
das mutige, vor meinem Haus.

- Josef Guggenmos -


hl antwortete am 14.01.04 (22:50):

Schön ist der Friede
Ein lieblicher Knabe
Liegt er gelagert am ruhigen Bach
Und die hüpfenden Lämmer grasen
Lustig um ihn auf dem sonnigen Rasen.

Friedrich Schiller


..
doch die raubvögel lauern
versteckt im dickicht
hütet euch lämmer
bleib wachsam, knabe
die adler fliegen
immer noch

hl


marie2 antwortete am 15.01.04 (00:38):

Die Tür

Wenn die Nacht
keine Türe hätte
woher
käme der Tag?

Und zuletzt
wohin ginge er
wenn die Nacht
keine Türe hätte?

Erich Fried


poetax antwortete am 16.01.04 (17:14):

Die Sterne

An welchem Tisch
nehmen die Sterne
ihr Abendmahl ein

Sie reichen sich
ihre Strahlenhände
sausend im Raum der
sie nicht fallen läßt

Sie kennen nicht
ihre eigenen Namen
fragen nicht
woher ihr Licht
warum und wieso

Sie nehmen teil
an der Zeit
die ein Märchen ist
aus Bewegung

Rose Ausländer [1901-1988]
.


eika antwortete am 18.01.04 (08:47):

Das Weltrad

Das Weltrad saust,
ich sause mit!
Es schüttert, schleudert, rast, braust
Pfeifendschrill -
ich schleudere, rase, brause mit,
weil ich will! Weil ich will!

Ich gehe täglich meine mühsamen Schritte,
doch - zu wirbelndem Fluge
im Zeit-Zuge
reißt mich des Weltrades Kraftmitte vorwärts!

Das Weltradsausen singt,
der unaufhörlich große Ton bezwingt
mich in den Rasekreis:
Das ist mein Schicksalsbeschluß,
das ist alles, was ich weiß:
Dass ich mitsausen, dass ich mitbrausen
muß!

Gerrit Engelke (1890 - 1918): "Rythmus des neuen Europa". Der Autor stammt aus dem Arbeitermileiu und war Autodidakt. Seine expressionistischen Gedichte handeln von der Welt des Arbeiters und der Großstadt, die Engelke harmonisch in eine kosmische Weltordnung eingliedert.
Die Sprache ist oft hymnisch bis ekstasisch.

Gedicht der Woche der Rhein-Zeitung


pilli antwortete am 23.01.04 (10:39):

@ marie2

hi :-) ich habe deine frage erst jetzt entdeckt. ja, von DorisW erhielt ich den tipp zur mailenden lyrik und freue mich seit dieser zeit jeden morgen an "lyrischem"

auch heute wieder:

-------------

Zuruf

Alles kann sich umgestalten!
Mag das dunkle Schicksal walten.
Muthig! auf der steilsten Bahn.
Trau dem Glücke! trau den Göttern!
Steig, trotz Wogendrang und Wettern,
Kühn, wie Cäsar, in den Kahn.

Laß den Schwächling angstvoll zagen!
Wer um Hohes kämpft, muß wagen!
Leben gelt' es oder Tod!
Laß die Woge donnernd branden!
Nur bleib immer, magst du landen
Oder scheitern, selbst Pilot!

Friedrich von Matthisson
(1761-1831)

aus: Gedichte 1795-1831
--------------

darum liebe Doris,

widme ich dir heute diesen beitrag.

:-)


marie2 antwortete am 27.01.04 (23:53):

Wunsch

Ich möchte von den Dingen die ich sehe
wie von dem Blitz
gespalten werden
Ich will nicht daß sie vorüberziehen
farblos bunte
sie schwimmen auf meiner Netzhaut
sie treiben vorbei
in die dunkle Stelle
am Ende der Erinnerung

Hilde Domin
Der Baum blüht trotzdem


marie2 antwortete am 31.01.04 (22:27):

Februar

Es ist ein großes
Warten
im Februar
im Garten.

Die Amsel gixtö,
sie will singen,
doch ganz
will’s noch nicht gelingen.

Bald wird mein Garten
voll Schneeglöckchen sein.
Bald fällt meiner Amsel
ihr Lied wieder ein.

-Josef Guggenmos-


pilli antwortete am 01.02.04 (12:15):

Liebesgedicht für die Freiheit und Freiheitsgedicht für die Liebe


Mit der Freiheit ist das so ähnlich wie mit der Liebe

Wenn dann das sogenannte Glück mich nach Jahren wieder herausholt aus dem verschlossenen Schrank

und sagt: Nun darfst du wieder! Nun zeig was du kannst!

Werde ich dann einatmen und meine Arme ausbreiten und wieder jung sein und voller Lebensmut

oder werde ich dann nach Mottenkugeln riechen und mit den Knochen klappern im Takt eines fremden Herzschlags?

Mit der Freiheit ist das so ähnlich wie mit der Liebe

und mit der Liebe ist das so ähnlich wie mit der Freiheit

(Erich Fried)


marie2 antwortete am 04.02.04 (16:19):

Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden
Ich kann den Morgenhimmel in mir finden
Und Frühlingsstürme- mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll man es verstehen
Ich kann wohl meine Hände altern sehen
Doch schön ist das Berühren- mehr denn je

Mein Körper ist mir Freund
Und meine Haut genießt den Wind wie eh und je
Und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu fühlen hat
Das fühl ich mehr denn je-

Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden
Ich kann so viel Verwirrung in mir finden
Und ungeduldig bin ich- mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll man es verstehen
Des Lebens Spuren kann ich auf mir sehen
Doch geh ich neue Wege- mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich das empfinden
Ich kann den Morgenhimmel in mir finden
Und Frühlingsstürme- mehr denn je

ERIKA PLUHAR


pilli antwortete am 17.02.04 (11:46):

Die eheliche Liebe

Klorinde starb; sechs Wochen drauf
Gab auch ihr Mann das Leben auf,
Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel
Den pfeilgeraden Weg zum Himmel.
"Herr Petrus, rief er, aufgemacht!
"Wer da? - "Ein wackrer Christ. -
"Was für ein wackrer Christ? -
"Der manche Nacht,
Seit dem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte,
In Furcht, Gebet und Zittern wachte.
Macht bald! - - Das Tor wird aufgetan.
"Ha! ha! Klorindens Mann!
Mein Freund, spricht Petrus, nur herein;
Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein.
"Was? meine Frau im Himmel? wie?
Klorinden habt Ihr eingenommen?
Lebt wohl! habt Dank für Eure Müh'!
Ich will schon sonst wo unterkommen."



Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781)


:-)


hl antwortete am 24.02.04 (23:02):

Es löscht das Meer die Sonne aus,
Kühlendes Mondlicht ist erwacht,
Der gold'ne Adler läßt sein Haus
Müde dem Silberschwan der Nacht.
Flüsternd am Kahne glitzt der Brandung Lauf,
Leise der Wind die Saiten rührt,
Die Liebe zieht ihr Segel auf,
Sehnsucht das Ruder sicher führt.

Nun ruh' an meinem Herzen still,
Sicher auf schwanker Wellen Flur,
Ein Schlummerlied dir singen will
Rauschend die wogende Natur.
Küssend der Welle Nacken streift der Wind,
Liebchen, so laß die Wange mir,
Und träume, daß dein Schifflein lind
Ich durch das ganze Leben führ'.

Wie wiegt sich sanft der leichte Kahn,
Liebchen, mit deiner süßen Last,
Als Muschel zieht er seine Bahn,
Die einer Perle Kleinod faßt.
Ach, daß mein Arm die traute Schale war',
Die dich umschloße allezeit!
Mit meinem Ruder spielt das Meer,
Liebchen, mein Arm ist dir bereit.

Volkslied aus Frankreich (Provence) .
Friedrich Silcher, 1789-1860


eika antwortete am 01.03.04 (10:10):

März

An dem grün beflognen Hang
ist schon Veilchenblau erklungen,
nur den schwarzen Wald entlang
liegt noch Schnee in zackigen Zungen.
Tropfen aber schmilzt um Tropfen hin,
aufgesogen von der durstigen Erde,
und am blassen Himmel oben ziehn
Lämmerwolken in beglänzter Herde.
Finkenruf verliebt schmilzt im Gesträuch:
Menschen, singt auch ihr und liebet euch!

Hermann Hesse


marie2 antwortete am 11.03.04 (23:45):

Ich war allzu moralisch,
allzu vernünftig, allzu bürgerlich gewesen!
Ein alter, ewiger Fehler, den ich hundertmal begangen
und bitter bereut habe, ist mir auch diesmal wieder passiert.
Ich wollte mich einer Norm anpassen,
ich wollte Forderungen erfüllen,
die gar niemand an mich stellte,
ich wollte etwas sein oder spielen,
was ich gar nicht war.
Und so war es mir wieder einmal geschehen,
daß ich mich selbst und das ganze Leben vergewaltigt hatte.

Hermann Hesse


marie2 antwortete am 13.03.04 (19:24):

Im Regen geschrieben

Wer wie die Biene wäre,
die die Sonne
auch durch den Wolkenhimmel fühlt,
die den Weg zur Blüte findet
und nie die Richtung verliert,
dem lägen die Felder in ewigem Glanz,
wie kurz er auch lebte,
er würde selten
weinen.

*Hilde Domin*


poetax antwortete am 18.03.04 (14:55):

Schmetterling

Welch schönes Jenseits
ist in deinen Staub gemalt.
Durch den Flammenkern der Erde,
durch ihre steinerne Schale
wurdest du gereicht,
Abschiedswebe in der Vergänglichkeiten Maß.

Schmetterling
aller Wesen gute Nacht!
Die Gewichte von Leben und Tod
senken sich mit deinen Flügeln
auf die Rose nieder
die mit dem heimwärts reifenden Licht welkt.

Welch schönes Jenseits
ist in deinen Staub gemalt.
Welch Königszeichen
im Geheimnis der Luft.

[Nelly Sachs 1891-1970]

.


marie2 antwortete am 22.03.04 (11:40):

Der Duft der Narzissen
Ist herb im Grund und dennoch zart,
Wenn er mit Erdgeruch gepaart,
Vom lauen Mittagswind gefasst,
Durchs Fenster kommt als stiller Gast.
Ich habe drüber nachgedacht –

Das ist’s was ihn so köstlich macht:
Dass er der Erstling jedes Jahr

Hermann Hesse (1877 - 1962)


iustitia antwortete am 23.03.04 (00:01):

Weil die Nachrichten aus Jersualem und Ghasa-Stadt so schlecht sind, huier ein hoffnungsvolles Gedicht
- von:

Else Lasker-Schüler: J e r u s a l e m

Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina
Aus einem einzigen Knochen: Jerusalem

Ich wandele wie durch Mausoleen –
Versteint ist unsere Heilige Stadt.
Es ruhen Steine in den Betten ihrer toten Seen
Statt Wasserseiden, die da spielten: kommen und vergehen.

Es starren Gründe hart den Wanderer an –
Und er versinkt in ihre starren Nächte.
Ich habe Angst, die ich nicht überwältigen kann.

Wenn du doch kämest...
Im lichten Alpenmantel eingehüllt –
Und eines Tages Dämmerstunde nähmest –
Mein Arm umrahmte dich, ein hilfreich Heiligenbild.

Wie einst wenn ich im Dunkel meines Herzens litt –
Da deine Augen beide: blaue Wolken.
Sie nehmen mich aus meinem Trübsinn mit.

Wenn du doch kämest –
In das Land der Ahnen –
Du würdest wie ein Kindlein mich ermahnen:
Jerusalem – erfahre Auferstehen!

Es grüßen uns
Des ›Einzigen Gottes‹ lebendige Fahnen,
Grünende Hände, die des Lebens Odem säen.


marie2 antwortete am 31.03.04 (15:51):

Frühling übers Jahr

Das Beet, schon lockert
Sichs in die Höh,
Da wanken Glöckchen
So weiß wie Schnee;
Safran entfaltet
Gewaltge Glut,
Smaragden keimt es
Und keimt wie Blut.
Primeln stolzieren
So naseweis,
Schalkhafte Veilchen,
Versteckt mit Fleiß;
Was auch noch alles
Da regt und webt,
Genug, der Frühling,
Er wirkt und lebt.

Doch was im Garten
Am reifsten blüht,
Das ist des Liebchens
Lieblich Gemüt.
Da glühen Blicke
Mir immerfort,
Erregend Liedchen,
Erheiternd Wort;
Ein immer offen,
Ein Blütenherz,
Im Ernste freundlich
Und rein im Scherz.
Wenn Ros und Lilie
Der Sommer bringt,
Er doch vergebens
Mit Liebchen ringt.

Johann Wolfgang von Goethe


hl antwortete am 30.04.04 (10:05):

Rilke:

Die Rosenschale

Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
zu einem Etwas sich zusammenballen,
das Haß war und sich auf der Erde wälzte
wie ein von Bienen überfallnes tier;
Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,
rasende Pferde, die zusammenbrache
den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß
als schälte sich der Schädel aus dem Maule

Nun aber weißt du, wie sich das vergißt:
denn vor dir steht die volle Rosenschale,
die unvergeßlich ist und angefüllt
mit jenem Äussersten von Sein und Neigen,
Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,
das unser sein mag: Äußerstes auch in uns.

Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum
zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
und Sich-bescheinendes - bis an den Rand:
ist irgend etwas uns bekannt wie dies?

Und dann wie dies: dass ein Gefühl entsteht,
weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?
Und dies: dass eins sich aufschlägt wie ein Lid,
und drunter liegen lauter Augenlider,
geschlossene, als ob sie, zehnfach schlafend,
zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.
Und dies vor allem: daß durch diese Blätter
das Licht hindurch muss. Aus den tausend Himmeln
filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,
in dessen Feuerschein das wirre Bündel
der Staubgefässe sich erregt und aufbäumt.

Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
Gebärden von so kleinem Ausschlagwinkel,
dass sie unsichtbar blieben, liefen ihre
Strahlen nicht auseinander in das Weltall.

Sieh jene weisse, die sich selig aufschlug
und dasteht in den grossen offnen Blättern
wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
und die errötende, die wie verwirrt
nach einer kühlen sich hinüberwendet,
und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,
und wie die kalte steht, in sich gehüllt,
unter den offenen, die alles abtun.
Und was sie abtun, wie das leicht und schwer,
wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel
und eine Maske sein kann, je nach dem,
und wie sie's abtun: wie vor dem Geliebten.

Was können sie nicht sein: war jene gelbe,
die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
gesammelter, orangeröter, Saft war?

Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn,
weil an der Luft ihr namenloses Rosa
den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
Und die batistene, ist sie kein Kleid,
in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
mit dem zugleich es abgeworfen wurde
im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
Und diese hier, opalnes Porzellan,
zerbrechlich, eine flache Chinatasse
und angefüllt mir kleinen hellen Faltern, -
und jene da, die nichts enthält als sich.

Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
und Dunkelheit der abendlichen Erde
bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
bis auf den vagen Einfluss ferner Sterne
in eine Hand voll Innres zu verwandeln.

Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.


marie2 antwortete am 06.05.04 (23:03):

Maienregen

Du hast deine warme Seele
Um mein verwittertes Herz geschlungen,
Und all seine dunklen Töne
Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist - die Nacht bewegt sich kaum -
Als fiele ein Maienregen
Auf meinen greisen Traum.

[Else Lasker-Schüler]


aknediw antwortete am 25.05.04 (01:50):

Wir wähnten lange recht zu leben

Wir wähnten lange recht zu leben,
Doch fingen wir es töricht an;
Die Tage liessen wir entschweben
Und dachten nicht ans End' der Bahn!

Nun haben wir das Blatt gewendet
Und frisch dem Tod ins Aug' geschaut;
Kein ungewisses Ziel mehr blendet,
Doch grüner scheint uns Busch und Kraut!

Und wärmer ward's in unsern Herzen,
Es zeugt's der froh gewordne Mund;
Doch unsern Liedern, unsern Scherzen
Liegt auch des Scheidens Ernst zu Grund!


ianna antwortete am 13.06.04 (14:10):

Rauchmohn

rotes Buch
das die Angst dir schrieb
im Schlaf -
du, ein Wächter
auf der Reise zum Traumfeld.
die Zeit
der wildbefleckten Fabelpferde
eingetaucht ins Nirgendwo;
oberhalb deiner Nebelgrenze
kein Stück weit
gemeinsamen Weges

Thomas Griesbacher


aknediw antwortete am 14.06.04 (03:38):

Danke
Danke ist ein Wort nicht nur,
das gesprochen schnell verklingt,
wenn darin auch eine Spur
meiner Herzlichkeit mit schwingt.

Danke wird nicht oft gehört,
weil dafür meist keine Zeit.
Manchmal denkt man schon es stört,
weil's gar eine Nichtigkeit.

Glückwunsch war es im Plural,
Freude, die den Tag verschönt,
am Geburtstag mich zumal
mit dem Alter auch versöhnt!
Verfasser unbekant


eika antwortete am 18.07.04 (17:05):

Blumen nach einem Unwetter

Geschwisterlich, und alle gleichgerichtet,
stehn die gebückten, tropfenden im Wind,
bang und verschüchtert noch und regenblind,
und manche schwache brach und liegt vernichtet.

Sie heben langsam, noch betäubt und zagend,
die Köpfe wieder ins geliebte Licht,
geschwisterlich, ein erstes Lächeln wagend:
Wir sind noch da, der Feind verschlang uns nicht.

Mich mahnt der Anblick an so viele Stunden,
da ich betäubt, in dunklem Lebenstriebe,
aus Nacht und Elend mich zurück gefunden
zum holden Lichte, das ich dankbar liebe.

Hermann Hesse


hl antwortete am 18.07.04 (19:03):

Lied

Es ist der Wind um Mitternacht,
Der leise an mein Fenster klopft.
Es ist der Regenschauer sacht,
Der leis an meiner Kammer tropft.

Es ist der Traum von meinem Glück,
Der durch mein Herz streift wie der Wind.
Es ist der Hauch von deinem Blick,
Der durch mein Herz schweift regenlind

Friedrich Nietzsche


marie2 antwortete am 18.07.04 (19:49):

Verregneter Sommer
Diesen Sommer seh ich
wie der Regen wirklich vom
Himmel fällt und strömt über
Bäume übern Farn übers Moos übers
Schneckenhaus bis ins Erdinnere.

Hahnenklee, Schwertlilien, Dotterblumen
plustern sich um verfächerte Bäche
und Tümpel. Überall drängen Flüsse und
Ströme an ihre Ufer und über
die Ufer Hinaus.

In den Vorstädten laufen die Dächer
nach wie vielen Jahren ziegelrot an. Wetter
Hähne schalten die Flügel ein dass
die Tropfen stieben wie Tropfen stieben. Mit
Diamanten gar kein Vergleich.

Alle Wiesen grasgrün. Raben raben
schwarz. Rosen rot. Alles wie sich’s gehört.
Wie jedes sich selbst gehört. Prallgefüllt
mit tieffliegenden Mücken drohen die
Schwalben zu platzen vor Glück.

Ulla Hahn


iustitia antwortete am 18.07.04 (21:03):

Dietrich Bonhoeffer:
Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.


hl antwortete am 19.07.04 (07:54):


Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.
Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.

Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.

Ada Christen (1839-1901)


marie2 antwortete am 19.07.04 (18:27):

Ich bin der Juli

Grüß Gott! Erlaubt mir, daß ich sitze.
Ich bin der Juli, spürt ihr die Hitze?
Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll,
die Ähren sind zum Bersten voll;
reif sind die Beeren, die blauen und roten,
saftig sind Rüben und Bohnen und Schoten.

So habe ich ziemlich wenig zu tun,
darf nun ein bißchen im Schatten ruhn.
Duftender Lindenbaum,
rausche den Sommertraum!
Seht ihr die Wolke? Fühlt ihr die Schwüle?
Bald bringt Gewitter Regen und Kühle.

Paula Dehmel


iustitia antwortete am 19.07.04 (19:29):

Nach viel Regen, Unwetter.... - dieser Rilke, der den Lindenbaum, wie bei Paul Dehmel, aufnimmt:

Rainer Maria Rilke:
Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verlangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.

Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum.


hl antwortete am 19.07.04 (19:35):

Nachstehenden Rat werde ich morgen befolgen :-)

Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Fontane, Theodor (1819-1898)


aknediw antwortete am 19.07.04 (23:09):

Was ist es,
das den Menschen heutzutage
so Jämmerlich klagen lässt,
er sei gehetzt;
was hetzt ihn eigentlich?
Er kann nichts tun,
ja, er kann nicht einmal nichts tun,
ohne nach irgendeinem Nutzen
dabei zu schielen.
Himmel und Erde, Wind und Wasser,
alles Lebende und Wirkende
hat er in sein Joch gebeugt;
er scheut kein Geheimnis mehr
und achtet auch keines.
Karl Heinrich Waggerl


aknediw antwortete am 21.07.04 (03:23):

Vieles ist auch nicht mehr das, was es war.

Alles ist weiter weg als früher.
Es ist doppelt so weit bis zur Ecke, und sie haben einen Berg gemacht.
Ich habe es aufgegeben „ zum Bus zu rennen“ er fährt früher als sonst.
Ich glaube, sie machen die Stufen steiler als in alten Tagen.
Und ist Dir der Druck in der Zeitung aufgefallen?
Es hat keinen Zweck, jemanden zu bitten, er soll lauter lesen
da alle mit so leiser , Stimme sprechen, dass ich sie kaum verstehen kann.
Der Stoff an den Kleidern ist so knapp, besonders um die Taille
Und die Größen stimmen nicht mehr. Größe 42 und 44 sind so viel kleiner.
Sogar die Leute ändern sich.
Sie sind so viel jünger als sie waren im Vergleich zu der Zeit als ich in diesem Alter war.
Andererseits sind die Leute meines Alters soviel älter als ich.
Ich traf neulich eine alte Klassenkameradin, die ist vielleicht gealtert!!!
Und das sie mich nicht einmal wiedererkannte--- ich dachte lange über die Arme nach.
Zu Hause machte ich mir die Haare und schaute in mein eigenes Spiegelbild.------
Wirklich----nicht einmal die Spiegel sind so gut wie früher.


iustitia antwortete am 21.07.04 (13:39):

Ja - der Mai
ist vorbei.
Ich hofft', er käm' zweimal
das Jahr - gar dreimal.
Ich würd dann ja nur
- summa-summarum-gewesen -
Frances und Mörike lesen,
sozusagen bis auf den Grund - und pur!
*
Ach, da find ich ihn wiedern -
in solchen Liedern:

**

Miriam Frances:
Der Mai, der grüne Redakteur,

Der Mai, der grüne Redakteur,
hat wieder mal das Sagen.
Er hat heut morgen kurz nach acht
unheimlich zugeschlagen.
Die Bäume hauen auf den Putz
und fallen aus der Rolle,
und vor dem Haus die Hecken kriegen
sich langsam in die Wolle.

Sogar der Himmel sieht so aus,
als fiele er aus den Wolken.
Er frißt uns beinah aus der Hand
und lächelt frisch gemolken.
Dem letzten Rest von Winterdreck
geht es jetzt an den Kragen.
Man spürt, sogar ein Purzelbaum
würde hier Wurzeln schlagen.

Ach, Dichter müßte man jetzt sein,
um richtig zu genießen,
und mindestens geschrieben haben:
„Wenn alle Brünnlein fließen . . .“
Denn Mai ist eine Kreation
von Mörike und Co.,
und wie die Dichter nun mal sind,
die meinen das nicht so.

Rings um mich her ist alles neu,
nur ich bin fast die alte.
'ne andere Art von Fröhlichkeit
ziert mich und noch 'ne Falte.
Ich denke in der linden Luft
an die und die Bazille,
wer alt ist, lutscht ein Himbeereis,
wer jung ist, nimmt die Pille.

Egal, wie immer man's auch nimmt,
es läßt sich wieder leben.
Man fragt nicht: Honig oder Leim?,
am Mai, da bleibt man kleben.
Und käme er als Mensch daher,
ich glaub', er hieße Schulze,
und wäre er ein Liebeslied,
es wäre eine Schnulze.


ada antwortete am 22.07.04 (08:46):

Wenn die Blätter auf den Stufen liegen,

herbstlich atmet aus den alten Stiegen

was vor Zeiten über sie gegangen


Leider kenne ich nur diese ersten Zeilen. Vielleicht kennt eine/r von euch die übrigen Strophen des Gedichts und auch den Autor?


hl antwortete am 22.07.04 (10:47):

In Wiens IX. Bezirk, als Verbindung von Währinger- und Liechtensteinstraße, findet sich die Strudlhofstiege, eine beeindruckende Jugendstil-Treppenanlage (1910) von Theodor Jäger. An zentraler Stelle sieht man die Verse eingraviert, die Heimito von Doderer (1896-1966) seinem Roman »Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre« (1951) voranstellt:


--------------------------------------------------------------------------------

»Wenn die Blätter auf den Stufen liegen

herbstlich atmet aus den alten Stiegen

was vor Zeiten über sie gegangen.

Mond darin sich zweie dicht umfangen

hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,

die bemooste Vase in der Mitte

überdauert Jahre zwischen Kriegen.

Viel ist hingesunken uns zur Trauer

und das Schöne zeigt die kleinste Dauer

Quelle: http://www.lpb.bwue.de/aktuell/due/39_99/wien05.htm

Internet-Tipp: http://www.lpb.bwue.de/aktuell/due/39_99/wien05.htm


Enigma antwortete am 22.07.04 (15:17):

Melancholie des Abends

Der Wald, der sich verstorben breitet -
und Schatten sind um ihn, wie Hecken.
Das Wild kommt zitternd aus Verstecken,
indes ein Bach ganz leise gleitet.

Und Farnen folgt aus alten Steinen
und silbern glänzt aus Laubgewinden.
Man hört ihn bald in schwarzen Schlünden-
vielleicht, daß auch schon Sterne scheinen.

Der dunkle Plan scheint ohne Maßen,
verstreute Dörfer, Sumpf und Weiher.
Und etwas täuscht dir vor ein Feuer.
Ein kalter Glanz huscht über Straßen.

Am Himmel ahnet man Bewegung.
Ein Heer von wilden Vögeln wandern
nach jenen Ländern, schönen, andern.
Es steigt und sinkt des Rohres Regung.

Georg Trakl

Internet-Tipp: http://www.litlinks.it/t/trakl.htm


Enigma antwortete am 27.07.04 (09:56):

Nächtliches Abenteuer

Ging da neulich über den Potsdamer Platz
um 1 Uhr nachts ein allerliebster Fratz.
Ich sprach die Kleine an mit frecher Stirne:
"3 Mark mein Schatz?"
Sagte, sie sei emport
und finde so etwas unerhört,
und sagte, sie sei keine Dirne
und es sei ihr etwas wert, ihr Name,
und sie sei eine anständige Dame
und sie gäbe sich nicht für 3 Mark her
und sie nähme mehr.

Alfred Lichtenstein

Internet-Tipp: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/lichtens.htm


marie2 antwortete am 01.08.04 (21:51):

August
Das war des Sommers schönster Tag
Nun klingt er vor dem stillen Haus
in Duft und süßem Vogelschlag
unwiederbringlich leise aus.

In dieser Stunde goldnen Born
gießt schwelgerisch in roter Pracht
der Sommer aus sein volles Horn
und feiert seine letzte Nacht.

Hermann Hesse

Ich hoffe allerdings, dass wir noch einige schöne Sommernächte bekommen.


Enigma antwortete am 02.08.04 (08:57):

Ein schönes Sommergedicht, Marie 2.
Ich hoffe auch, dass wir noch einige schöne Sommernächte bekommen.
Vorerst auch ein Sommergedicht:

Unvergeßbare Sommersüße

Rote Dächer.
Aus den Schornsteinen,
hier und da,
Rauch;
oben, hoch, in sonniger Luft,
ab und zu,Tauben.

Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrickers Garten her
gackert
eine Henne.
Bruthitze brastet.
Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

Daß mir doch dies alles so lebendig geblieben ist!

Ich bin ein kleiner achtjähriger Junge,
liege, das Kinn in beide Fäuste,
platt auf dem Bauch
und gucke durch die Bodenluke.

Unter mir, steil, der Hof
hinter mir, weggeworfen,
ein Buch.
Franz Hoffmann:"Die Sklavenjäger."

Wie still das ist!

Nur drüben,
in Knorrs Regenrinne,
zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
irgendwo ein Mann, der sägt,
und, dazwischen,
deutlich von der Kirche her,
in kurzen Pausen regelmäßig hämmernd,
der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runter sehe,
sehe ich gerade auf
Mutters Blumenbrett.

Ein Topf Goldlack,
zwei Töpfe Levkojen, eine Geranie, Fuchsien
und mittendrin,
zierlich, in einem Zigarrenkistchen,
ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht!
Bis zu mir rauf!

Und die Farben!
Die Farben!

Jetzt!

Wie der Wind drüber weht!
Die wunder-,
wunder-,wunder-
schönen Farben!

Ein halbes Leben,
ein ganzes Menschenalter
verrann!

Ich schließe die Augen.

Ich sehe sie
noch immer!

Arno Holz


iustitia antwortete am 02.08.04 (11:20):

Nicht nur ein Sommergedicht - ein Gedicht über Kunst und Heldentaten, Mann und Frau...

Wilhelm Lehmann: RUHM DES DASEINS

Da sie dem Ohr entfloh,
Verklungene Pastorale, wo?
Der Wind hat sie ins Nichts gestöhnt.
Das Nichts gibt sie zurück. Sie tönt:

Der Wind, gezähmt, glättet die Wollgrasflocken.
Die Steine bettet weißer Klee.
Herkules sitzt und spinnt am Weiberrocken,
Ihn kirrte lydische Omphale.

Den Atem freut erlaubte Frist.
Still rühmt das Dasein sich. Die Frucht weiß ihren Kern.
Mit seinem Rebhuhn spielt Johannes, der Evangelist.
Selbst Ahasver zieht seine Straße gern.

*
(Entstanden 31. 12. 1951; 2. 1. 1952; in: W.L.: Gedichte. Bd. I. S. 218)


iustitia antwortete am 02.08.04 (13:00):

Da Lehmanns Gedicht nicht nur ein Natur-, sondern auch ein mythologisches und religiöses Gedicht ist, gebe ich hier einige Hinweise:

Omphale:
Herakles und Omphale

Omphale war Königin in Mäonien, dem späteren Lydien. Sie kaufte Herakles als Sklaven. Zum Sklavendienst hatte Herakles ein Orakelspruch verpflichtet, der besagte, er könne sich von der Strafe für die Tötung von Eurytos' Sohn Iphitos nur befreien, indem er als Sklave verkauft drei Jahre lang Knechtsdienste zu leisten hätte und der gewonnene Kaufpreis dem Vater des Umgebrachten zu geben sei.

Im Dienste von Omphale bestrafte Herakles Räuber, die das Land seiner Herrin unsicher machten. König Syleos von Aulis, der Reisende zwang, in seinen Weinbergen zu arbeiten, erschlug er mit dem Spaten, und er verteidigte das Land Omphales gegen einfallende Feinde.

Als Omphale erfuhr, wer der Sklave eigentlich war, machte sie Herakles zu ihrem Gatten. In blinder Liebe zu Omphale und verweichlicht durch üppiges Leben ließ sich Herakles herab, auf Geheiß Omphales Frauenkleider anzuziehen, Wolle zu spinnen und andere Frauenarbeit zu verrichten, wogegen Omphale Herakles' Löwenfell trug.
Als die drei Jahre vorüber waren, erkannte der Held seine Verblendung und verließ Omphale.
*
Bildnisse von Herakles und Ompahle sind häufig in der Bildergeschichte: hier eins von Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553): Herkules bei Omphale. Rotbuchenholz, 82 x 118,9 cm
*
Ein anderes ist zu laden unter der URL:
http://www.raehse.de/jo/mytho/images/Omphale.jpg

Internet-Tipp: http://www.museum-braunschweig.de/Pages/Deutsch/Alte.html


marie2 antwortete am 05.08.04 (10:46):

Im Sommer

Dünnbesiedelt das Land.
Trotz riesiger Feldern und Maschinen
Liegen die Dörfer schläfrig
In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf.

Im August fallen Sterne.
Im September bläst man die Jagd an.
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch
Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken
Wie Berge fliegen sie über die Wälder.

Wenn man hier keine Zeitung hält
Ist die Welt in Ordnung.
In Pflaumenmuskesseln
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
Feuerrot leuchten die Felder.

Sarah Kirsch


Enigma antwortete am 06.08.04 (08:28):

Guten Morgen,

Sarah Kirsch gefällt mir auch sehr, sehr gut.

Hier habe ich auch noch etwas von ihr gefunden:



Dreistufige Drohung

Du willst jetzt gehen?
Das sage ich dem Mond!
Da hat sich der Mond
im Grossen Wagen verladen,
der fühlt mit mir, weisszahnig
rollt er hinter dir her!

Die Klinke drückst du!
Ich sag es dem Wind!
Er schminkt dich
mit Russ und Regen,
peitscht dich mit Hagelkörnern,
glasmurmelgross.

Du musst jetzt fort!
Gut, ich sage es keinem.
Ich werde ohne Tränen
und Träume schlafen;
nichts hindert dich.

Sarah Kirsch


eika antwortete am 10.08.04 (18:40):

Lieder zur Ermutigung

Unsere Kissen sind nass
von den Tränen verstörter Träume.

Aber wieder steigt
aus unseren leeren
hilflosen Händen
die Taube auf.

Lange wurdest du
um die türelosen
Mauern der Stadt gejagt.

Du fliehst und streust
die verwirrten Namen
der Dinge hinter dich.

Vertrauen,
dieses schwerste ABC.

Ich mache
ein kleines Zeichen
in die Luft,
unsichtbar,
wo die neue Stadt beginnt,
Jerusalem
die goldene,
aus Nichts.

Hilde Domin

Veröffentlicht in der Kirchen-Zeitung für das Erzbistum Köln aus Anlaß ihres 95. Geburtstages.


Enigma antwortete am 11.08.04 (09:06):

Schutzfarben

Da habe ich mich verstellt
um meine Verfolger zu täuschen

da habe ich mich totgestellt
um dem Henker zu entkommen

da habe ich mir die Gedanken
meiner Häscher geborgt:

und doch war in all der Zeit
der Traum, den ich träumte, unversehrt,

in all der Zeit
in der ich die Schäden litt

so weit, daß ich mir selbst
unkenntlich wurde,

indes mein Traum
mich erkannte.

- Cyrus Atabay -

Internet-Tipp: http://www.isoplan.de/aid/2003-1/portraits.htm#Cyrus%20Atabay


aknediw antwortete am 15.08.04 (00:39):

Sage nie, ...
Sage nie: Das kann ich nicht
Sei ein Optimist
Sage nie: Das geht nicht
Eh’ Du es nicht probiert hast
Sage nie: Das versuche ich nicht
Bevor Du nicht weißt, es ist unmöglich
Sage nie: Die Menschen sind schlecht
Erforsche in ihnen die guten Eigenschaften
Sage nie: Ich verzeihe nicht
Sei klug und reiche dem anderen die Hand
Sage nie: Ich will nicht mehr leben
Gib Deinem Leben einen neuen Sinn
Sage nie: Ich möchte sterben
So lange die Hoffnung noch lebt

Allen einen schönen Sonntag und eine gute Woche, Adolf


Enigma antwortete am 15.08.04 (07:43):

Kleine Morgengymnastik
von Hans Kruppa

Ich stehe mit dem
richtigen Fuß auf,
öffne das
Fenster der Seele,
verbeuge mich vor allem,
was liebt,
wende mein Gesicht
der Sonne entgegen,
springe ein paarmal
über meinen Schatten
und lache mich gesund.

Auch von mir noch einen schönen Sonntag.
Enigma


aknediw antwortete am 16.08.04 (17:00):

„ Dass alles vergeht,
weiß man schon in der Jugend;
aber wie schnell alles vergeht,
erfährt man erst im Alter“
Maria von Ebner-Eschenbach


Enigma antwortete am 17.08.04 (07:00):

Ein Gedicht

Ein Gedicht, aus Worten gemacht.
Wo kommen die Worte her?
Aus den Fugen, wie die Asseln,
aus dem Maistrauch, wie Blüten,
aus dem Feuer, wie Pfiffe,
was mir zufällt, nehm ich.

Es zu kämmen gegen den Strich,
es zu paaren, widernatürlich,
es nackt zu scheren,
in Lauge zu waschen,
mein Wort.

Meine Taube, mein Fremdling,
von den Lippen zerrissen,
vom Atem gestoßen,
in den Flugsand geschrieben

mit seinesgleichen
mit seinesungleichen

Zeile für Zeile,
meine eigene Wüste,
Zeile für Zeile
mein Paradies.

Marie-Luise Kaschnitz


marie2 antwortete am 17.08.04 (14:57):

Logos

Das Wort ist mein Schwert
und das Wort beschwert mich

Das Wort ist mein Schild
und das Wort schilt mich

Das Wort ist fest
und das Wort ist lose

Das Wort ist mein Fest
und das Wort ist mein Los

Erich Fried:


aknediw antwortete am 18.08.04 (00:19):

Abend ward, bald kommt die Nacht.
Schlafen geht die Welt;
Denn sie weiß, es ist die Wacht
Über ihr bestellt.

2. Einer wacht und trägt allein
Ihre Müh und Plag,
Der läßt keinen einsam sein,
Weder Nacht noch Tag.

3. Jesus Christ, mein Hort und Halt,
Dein gedenk ich nun,
Tu mit Bitten Dir Gewalt,
Bleib bei meinem Ruhn.

4. Wenn Dein Aug ob meinem wacht,
Wenn Dein Trost mir frommt,
Weiß ich, daß auf gute Nacht
Guter Morgen kommt.

Rudolf Alexander Schröder


Enigma antwortete am 18.08.04 (08:14):

Geh nicht gelassen in die gute Nacht

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert.
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Weil kein Funken je ihr Wort erbracht,
weise - gewiß, daß Dunkel rechtens dauert-,
gehn nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer seines schwachen Tuns rühmt künftige Pracht
im Sinken, hätt nur grünes Blühn gedauert,
im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Wer jagt und preist der fliehenden Sonne Macht
und lernt zu spät, daß er sie nur betrauert,
geht nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer todesnah erkennt im blinden Schacht,
daß Auge blind noch blitzt und froh erschauen,
im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Und du mein Vater dort auf der Todeswacht,
flachsegne mich, von Tränenwut vermauert.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Dylan Thomas

PS
Es gibt ja auch Hörbücher, z.B. Dylan Thomas und die wunderbare Stimme von Richard Burton.


iustitia antwortete am 20.08.04 (21:23):

Ich war in den Ferien wieder in und an der Lebensstätte und am Grab des livländischen Dichters Siegfried von Vegesack: in Weißenstein bei Regen, im bayerischen Wald, wo er fast fünfzig Jahre lebte.
Obwohl sein Werk vergessen ist, gibt es in diesem Jahr wieder eine Neuauflage, eine Auswahl, seiner Gedichte.
Ich werde die nächsten Wochen des Jahres mit seinen Gedichten begleiten...

Siegfried von Vegesack
Sommermittag

Toller Dinge ist die Erde voll
wunderbarer Dinge, holder Wunder.
Weiß und toll
blüht im Garten der Holunder

Junger Sommer lodert heiß und rot
auf der Erde, die in Wollust zittert.
Korn und Brot
trägt ihr Schoß, den Fruchtbarkeit umwittert.

Früchte reifen in der Mittagsglut,
rote Beeren, die sich fleischig runden.
Süßes Blut
tropft die Erde rot aus dunklen Wunden.

Weiß und lodernd, trunkener Bienen voll,
blüht im Garten der Holunder.
Liebestoll
brennt die Erde, voller holder Wunder.
(Aus: S.v.V.: Seine schönsten Gedichte. Grafenau 2004)


Enigma antwortete am 21.08.04 (09:56):

@Iustitia
Das ist ein sehr, sehr schönes und intensives Sommermittag-Gedicht. Man kann die Stimmung richtig "fühlen".

Die uralte Kornfeldlinde

Aus einem Kornfeld,
schräg zum See,
hob sich die Linde.
Auf schmalem Fußweg an ihr vorbei,
jeden Nachmittag durch die Juliglut zum Baden,
wir Jungens.
Der blaue Himmel, die tausend gelben Blüten, das Bienengesumm!
Und noch immer,
wenn die andern längst unten waren,
- aus dem Wasser klang ihr Lachen und Geschrei -
stand ich.
Und sah den Himmel
und hörte die Bienen
und sog den Duft.

Arno Holz


iustitia antwortete am 21.08.04 (10:58):

Ja, die Poesie der Lindenbäume...(es standen schon einige hier in den Dateien des ST; von Lehmann, von Ina Seidel…
Ich biete hier einen „Lendenboom“ (auf nd.) von einer Dichterin, die schon 1995 starb, einer Magd, einer Gärtnereiarbeiterin, einer persönlich Bekannten unserer Familie in Goch am Niederrhein.
Anna Kempkes hat ihren „Lendenboom“ auf der "Vossheide" beschrieben, der 600 m von dem Bauernhof „Pannofen“ entfernt steht, ja, noch immer steht und wächst, auf dem ich geboren wurde. Auch vor unserem Haus stand eine gleichzeitig gepflanzte Linde, die im Krieg von einer Granate beschädigt wurde und aus Unachtsamkeit in den 80-er Jahren gefällt wurde.
Das plattdeutsche Gedicht kann wohl jeder verstehen.
„Vortse Brökk“; ein lokaler Name, die Brücke an der Furt durch die Niers östlich von Goch, in den Kalbecker Wald hinein. Ihn durchquerte dort auch die „Bokselse Boan“, die „Boxteler Bahn“, die einmal vor Kriegszeit von Amsterdam nach Petersburg fuhr.

Anna Kempkes:
Dänn Lendenboom

Op dä Vossenhej, korrt bej dä Vortse Brökk,
der stett enne groote Lendenboom.
Hej hät so männege Störm belävt,
merr wiegt noch stolz sinn Kroon.

In dä Sommerdag, wänn sinn Täkke blööje,
dann komme dä Bejje in Schoore.
An Oves, wänn dä Moond opgett,
kommen ok dij Liebespoore.

Sätte sich op dä Bank der onder dänn Boom,
kieke sich in örr verlievde Ooge drinn.
An ess et ok düster rondherümm,
dij Ooge stroole in dä Moondeschinn.

Dä Nachtigall sengt in dä Lendenboom,
merr, dänn Üll flog no dä Bokselse Boan,
want, wänn hej dä Nachtigall senge hört,
der kann hej nij täggen oan.

Mooj ess sönne Sommerovend,
dä Vollmoond schinnt dörr dä Lendenboom.
Merr, wij datt nii kann verstoon,
dänn mott met dänn üll merr schloope goon.
(Aus: Hans Polders: Ons Moodersprook. Kleve 1981: Boss-Verlag. S. 126f.)

*
Auch von blühenden Linden, von duftenden Bäumen als krassen Gegensatz zu den kriegerischen, tötenden Geschossen in seiner unmittelbaren Nähe, nicht in ihrem bergenden Schutz, berichtet Ernst Toller (1893 – 1939) aus dem Weltkrieg, der später der „erste“ genannt werden musste:

Ernst Toller: Geschützwache

Sternenhimmel.
Gebändigtes Untier
Glänzt mein Geschütz,
Glotzt mit schwarzem Rohr
Zum milchigen Mond.
Kätzchen schreit.
Wimmert im Dorf ein Kind.
Geschoß,
Tückischer Wolf,
Bricht ins schlafende Haus.
Lindenblüten duftet die Nacht.
(Aus dem Zyklus „Verse vom Friedhof“. In: Vormorgen. 1924. S. 278)


iustitia antwortete am 21.08.04 (11:38):

Lindenpoesie...
Ein Hinweis auf Astrid Lindgrens Märchen „Klingt meine Linde“ (übersetzt von Anne-Liese Kornitzky)
(Hier die Einleitung dieses Märchens, das eine schöne Verbindung schafft zwischen Volks-/Kinder- und Hausmärchen, als ein psychologisches Kunstmärchen…)

Astrid Lindgren:
Vor langer Zeit, in den Tagen der Armut, da gab es noch Armenhäuser im ganzen Land, in jedem Kirchspiel eins. Dort wohnten die Ärmsten der Armen, Alten und Gebrechlichen, die nicht mehr arbeiten konnten, die Hungerleider und Kranken und Bresthaften, die närrischen Tröpfe und die Waisenkinder, die niemand Pflege nehmen wollte. Sie alle brachte man zur Stätte der Seufzer, die das Spittel war.

Auch im Kirchspiel Norka gab es eins, und dorthin kam Malin, als sie acht Jahre alt war.

Vater und Mutter waren an der Schwindsucht gestorben, und da die Norkabauern fürchteten, Malin könnte ihnen die Krankheit ins Haus bringen, wollte sie keiner für Geld in Pflege nehmen, wie es sonst Brauch war, und deshalb kam sie ins Spittel.

Es war noch zeitig im Frühjahr an einem Samstagabend, und alle Armenhäusler hockten am Fenster und gafften auf die Dorfstraße hinaus. Es war dies das einzige Vergnügen der Allerärmsten am Samstagabend. Nicht, daß es so viel zu sehen gegeben hätte. Dort kam ein verspätetes Bauernfuhrwerk von einer Reise in die Stadt heim, dort kamen ein paar Häuslerbuben auf dem Web zum Angeln, und dort kam auch Malin mit ihrem Kleiderbündel unter dem Arm, und ihr starrten sie alle entgegen.

Ich Ärmste, ich muß ins Spittel, dachte Malin, als sie auf der Vortreppe stand, Ich Ärmste! (…)
(In: A.L.: Märchen. Hamburg 1978: Oetinger Verlag. S. 273 -287)


Enigma antwortete am 22.08.04 (08:17):

Ja, "Dänn Lendenboom" kann ich verstehen. Anna Kempkes hat ihm ein würdiges Denkmal gesetzt.
Und bei Astrid Lindgren wünschte ich mir, dass sie noch leben und weiterschreiben könnte, so schön finde ich vieles von ihr Geschriebene...

Der Zauberer Korinthe

Es lebte einst ein Zauberer
Kori, Kora, Korinthe.
Der saß in einem Tintenfaß
und zauberte mt Tinte.

Wenn jemand damit Briefe schrieb
und schmi und schma und schmollte.
Dann schrieb er etwas anderes
als was er schreiben wollte.

Einst schrieb der Kaiser Fortunat
mit Si, mit Sa, mit Siegel:
"Der Kerl, der mich verspottet hat,
kommt hinter Schloß und Riegel!"

Doch hinterher las man im Brief,
vergni, vergna, vergnüglich:
"Der Kerl, der mich verspottet hat,
der dichtet ganz vorzüglich!"

Da schmunzelte der Zauberer
Kori, Kora, Korinthe.
Und schwamm durchs ganze Tintenfaß
und trank ein bißchen Tinte.

Ein andres Mal schrieb Archibald,
der Di, der Da, der Dichter:
"Die Rosen haben hierzuland
so zärtliche Gesichter."

Er hat von Ros- und Lilienhaar
geschri, geschra, geschrieben.
Doch als das Liedlein fertig war,
erzählte es von Rüben.

Da schmunzelte der Zauberer
Kori, Kora, Korinthe.
Und schwamm duchs ganze Tintenfaß
und trank ein bißchen Tinte.

Heut schrieb der Kaufmann Steenebarg
aus Bri, aus Bra, aus Bremen
an seinen Sohn in Dänemark:
"Du sollest Dich was schämen!"

Doch als der Brief geschrieben war
mit Schwi, mit Schwa, mit Schwunge,
da stand im Brief:"Mein lieber Sohn,
Du bist ein guter Junge."

Da schmunzelte der Zauberer
Kori, Kora, Korinthe
und schwamm durchs ganze Tintenfaß
und trank ein bißchen Tinte.

Und wer das Lied nicht glauben will
vom Schri, vom Schra, vom Schreiben,
der ist wahrscheinlich selber schuld
und läßt es eben bleiben.

James Krüss

Internet-Tipp: http://www.james-kruess.de/main.html


iustitia antwortete am 22.08.04 (10:55):

Ein Vegesack - zum Sommertag:

Siegfried von Vegesack:
Sonntag im Marktflecken

Kleine Mädchen schwänzeln mit Entzücken
kichernd, Arm in Arm, an allen Ecken,
und betrachten mit beglücktem Schrecken
das Plakat von Kino Schauerstücken.

Invaliden humpeln bleich an Krücken,
alte Herren promeniern an Stöcken.
Ladenjünglinge in Sonntagsröcken
schlendern steif und spucken von den Brücken.

Bäuerinnen gehen in schwarzer Haube.
Kegelschieben dröhnt aus grüner Laube
und vom Kirchturm Leichengang Gebimmel.

Über all dem kleinen Lärm und Staube
stößt mit jähem Flügelschlag die Taube
blendend in den blauen Sonntagshimmel.

(Aus: S.v.V.: Seine schönsten Gedichte. Grafenau 2004)
*
"Leichengang Gebimmel" am Sonntag...? Gab es das wohl früher in Bayern; Als "Martkflecken" ist hier die heutige Stadt Regen gemeint, am Roten Regen...


iustitia antwortete am 22.08.04 (10:59):

Ein Eindruck von der Vegesack-Gedenkstätte im alten Speicherkasten der zerstörten Burg Weißenstein....
URL:
http://www.vsruderting.de/vegesack.htm

Internet-Tipp: http://www.vsruderting.de/vegesack.htm


Enigma antwortete am 23.08.04 (08:46):

Dorfkirche im Sommer

Schläfrig singt der Küster vor,
schläfrig singt auch die Gemeinde.
Auf der Kanzel der Pastor
betet still für seine Feinde.
Dann die Predigt: wunderbar,
eine Predigt ohnegleichen.
Die Baronin weint sogar
im Gestühl, dem wappenreichen.
Amen, Segen, Türen weit,
Orgelton und letzter Psalter.
Durch die Sommerherrlichkeit
schwirren Schwalben, flattern Falter.

Detlev von Liliencron


iustitia antwortete am 24.08.04 (11:08):

Ja, eine seltsame, eine scheue, keine sentimentale Stimmung, die der von Liliencron vermittelt. "Wer weiß wo" lasen wir schon um 1960 im Unterricht, ohne dass der Begriff "Pazifismus" gefallen wäre.
Es stand dort auch nur "...fand den kleinen erdbeschmutzten Band..."; nicht den "blutbeschmutzten Band". Aber das "fromme Buch" neben dem "Degenknauf" - es ist für mich eines der wichtigsten, der bewegendsten Buch-Motive in der deutschen Literatur geblieben.
*
Hier dieses kurze Gedicht:

S. von Liliencron:
Den Naturalisten

Ein echter Dichter, der erkoren,
Ist immer als Naturalist geboren.
Doch wird er ein roher Bursche bleiben,
Kann ihm in die Wiege die Fee nicht verschreiben
Zwei Kräuter aus ihrem Wunderland:
Humor und die feinste Künstlerhand.
(1889)

Internet-Tipp: http://www.markthaus-mannheim.de/web/buch/dt_lyr.jpg


iustitia antwortete am 24.08.04 (11:11):

Siegfried von Vegesack (1888-1974):
Moos

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloß so im Vorübergehen,
so nebenbei von oben her;
so ungefähr -
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?
O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen
und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel Jahr um Jahr,
mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethärchen, Blütenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen –
ein Hümpel Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen...

Doch manchmal kommt es wohl auch vor,
daß sich ein Reh hierher verlor,
sich unter diese Zweige bückt,
ins Moos die spitzen Füße drückt,
und daß ein Has', vom Fuchs gehetzt,
dies Moos mit seinem Blute netzt...

Und schnaufend kriecht vielleicht hier auch
ein sammetweicher Igelbauch,
indes der Ameis' Karawanen
sich unentwegt durchs Dickicht bahnen.
Ein Wiesel pfeift, ein Sprung und Stoß -
und kalt und groß
gleitet die Schlange durch das Moos...

Wer weiß, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunkeln sieht:
Gier, Liebesbrunst und Meuchelmord –
Kein Wort
Verrät das Moos.
Und riesengroß
Die Bäume stehen…

Hast du schon jemals Moos gesehen?

*
(In Lese- und Schulbüchern wird dieses Gedicht gerne wegen seiner ökologischen Aussage abgedruckt; es fehlt dann aber dort die letzte Strophe, die des Menschen „Tun und Treiben“ einbezieht in die Natur.)
(S.v.V.: Gedichte. 2004. S. 26f.)
*
Auf der Bildkarte die Doppelheimat von Vegesacks: auf dem Blumbergshof (heute lett. "Lohbergi") und in Weißenstein/Niederbayern.

Internet-Tipp: http://platon.cbvk.cz/kniha/images/veges2.jpg


iustitia antwortete am 24.08.04 (11:35):

Siegfried von Vegesack: Mein letzter Wille

Ein Totenbrett mag nennen den Ort,
der mir die letzte Ruhe gibt.
Kein Zaun und keine Mauer soll mich trennen
vom Wald, den ich geliebt!

Kein Kreuz soll mich bedrücken,
kein Stein mein Grab beschweren.
Nur Heidekraut und Heidelbeeren
und etwas Moos soll den Hügel schmücken!
**

Von Vegesack erstellte selbst sein "Totenbrett":

S.v. V.: Mein Totenbrett

Hier wo ich einst gehütet meine Ziegen,
will ich vereint mit meinen Hunden liegen!
Hier auf dem Pfahle saß ich oft und gern:
0, Wandrer, schau dich um und lobe Gott, den Herrn!
*
"Pfahl" meint die geologische Besonderheit von gewaltigen leuchtend weißen Quarzgranitvorkommen (mit Silicium), die sich dort kilometerlang durch die Landschaft ziehen und auch der Burg "Weißenstein" ihren Namen gaben.

(Und mit seinem "Totenbrett" ließ er sich vor seinen Büchern abbilden - und wartete drei Jahre auf seinen Tod, nachdem er seine jüngere Frau schon hatte beerdigen müssen.)

Internet-Tipp: http://platon.cbvk.cz/kniha/images/veges3.jpg


Enigma antwortete am 24.08.04 (19:15):

Interessant, dass Hans Bethge das Lyrik-Buch herausgegeben hat. Von ihm habe ich mal einige "Orientalische Nachdichtungen" gelesen, z.B. die Lieder und Gesänge des Hafis....
***
Eine idyllische Gegend, in der Vegesack sich sein Grab ausgesucht hat. Wahrscheinlich noch im Leben tröstlich für ihn zu wissen, wo er einmal, jedenfalls körperlich, sein wird.

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
der rote Mohn.
Schwarzes Gewitter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
erstirbt im Feld.
Nimmer regt sich das Laub
der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
rauscht dein Kleid.
Stille leuchtet die Kerze
im dunklen Zimmer.
Eine silberne Hand
löschte sie aus.
Windstille, sternlose Nacht.

Georg Trakl


Enigma antwortete am 25.08.04 (10:17):

Hans Bethge
Die armenische Nachtigall
Die Lieder des Nahabed Kutschak und anderer armenischer Dichter
Nachdichtungen

An König David

O König David
mächtiger Prophet:
Dir beicht ich
meine Sünden,
denn ich hoffe,
durch deine
Gnade wird
Verzeihung mir.

Ein Mädchen lieb
ich, zart wie eine
Blume.
Ich liebe sie wie
meine beiden
Augen.
Sie ist schön,
daß, wenn sie zu
dir käme,
du sie in deine
Kammer ließest
ein;
Tagsüber
würdest du die
schönsten
Psalmen
zu ihrem Lobe
singen; doch die
Nächte
verbrächtest du
im reinsten
Glück mit ihr.
(Nahabed Kutschak)


eika antwortete am 27.08.04 (19:05):

Spätsommer

Noch einmal, ehe der Sommer verblüht,
wollen wir für den Garten sorgen,
die Blumen gießen, sie sind schon müd,
bald welken sie ab, vielleicht schon morgen.

Noch einmal, ehe wieder die Welt
irrsinnig wird und von Kriegen gellt,
wollen wir an den paar schönen Dingen
uns freuen und ihnen Lieder singen.

Hermann Hesse


Enigma antwortete am 28.08.04 (09:20):

Nicht immer will ich....

Nicht immer will ich der sein, der zu den Dingen
dieser Erde geht
und sich erklärt
Einmal kann doch auch
der Berg, bitte sehr
bei mir erscheinen
und sich hinhalten den Steinen
die herfliegen und mich meinem
Er kann laut sagen, daß
Wahnsinn das andere
unzutreffende Wort für
das Ent-rückt-Sein
und der Dichter
ein menschlicher Berg ist
Den Wind will ich
bei mir wissen, damit er
in mir nach Gewalten fahndet
zum Sturm wachsen lernt
und niederwalzt, was nicht verdient
Lebensraum zu füllen
Alle ausgesetzten Träume
dürfen sich Nacht für Nacht
unter meinen Fittichen einnisten
Ich werde sie abrichten
gegen die Geier

Galsan Tschinag

Internet-Tipp: http://www.swr.de/buechertalk/archiv/2004/07/02/printgast.html


iustitia antwortete am 29.08.04 (11:46):

Enigma - guten Sonntag..!
*
Frucht meines Carossa-Ganges, ein Buch aus Falter-Flügeln...

Hans Carossa: Blick

Unzugänglich schien der Gipfel;
Nun begehn wir ihn so leicht.
Fern verdämmern erste Wege,
Neue Himmel sind erreicht.

Urgebirg und offne Länder
Schweben weit, in Eins verspielt.
Städte, die wir nachts durchzogen,
Sind ein einfach lichtes Bild.

Helle Wolke streift herüber;
Uns umweht ihr Schattenlauf.
Große blaue Falter schlagen
Sich wie Bücher vor uns auf.
*
(Hans Carossa: Gedichte. Hrsg. von Eva Kampmann-Carossa. 1995.S.50)

Internet-Tipp: http://www.megabytia.at/Carossa_Hans.jpg


iustitia antwortete am 29.08.04 (12:15):

Zwei Texte von Siegfried von Vegesack
- einmal was von seiner Tierliebe, dann von seinem Werk und Wirken...

SvV: Der Hund

Wenn du die Tatzen auf die Brust mir legst,
Mit Augen, abgrundtief und treu,
Und ohne Scheu
Die Ohren zärtlich weit nach hinten schlägst,
Dann fühle ich: daß zwischen mir und dir
Kein Unterschied besteht,
Daß mitten zwischen Mensch und Tier
Die Gottheit geht.

*
SvV:Das Werk

Wir sollen uns verschenken,
wie sich das Licht verschenkt.
Nicht an den Abend denken,
wenn Dunkelheit das Licht ertränkt.

Wir sollen uns verschenken,
Wie es die Sonne tut:
Aus immer vollen Händen,
aus immer heißer Glut.

Fragt Sonne nach den Gluten -
verloren in die Nacht?
Wir sollen uns verbluten
im Werk, das wir vollbracht.


Enigma antwortete am 30.08.04 (08:16):

Guten Morgen und einen schönen Wochenbeginn.

Nun haben die seufzenden Tage ein Ende

Tausend gute Taten will ich tun!
Ich fühle schon,
wie mich alles liebt,
weil ich alles liebe!
Hinström ich voll Erkenntniswonne!
Du mein letztes, süßestes,
klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
Wohlwollen! Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung
wird mir zu teil:
Dankbarkeit!

Dankbarkeit der Welt.
Stille Gegenstände
werfen sich mir in die Arme.
Stille Gegenstände,
die ich in einer erfüllten Stunde
wie brave Tiere streichelte.

Mein Schreibtisch knarrt.
Ich weiß, er will mich umarmen.
Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen.
Geheimnisvoll und ungeschickt
klingen alle Saiten zusammen.
Das Buch, das ich lese,
blättert von selbst sich auf.

Ich habe eine gute Tat getan!

Einst will ich durch die grüne Natur wandern.
Da werden mich die Bäume
und Schlingpflanzen verfolgen.
Die Kräuter und Blumen holen mich ein.
Tastende Wurzeln umfassen mich schon.
Zärtliche Zweige
binden mich fest.
Blätter überrieseln mich,
sanft wie ein dünner,
schütterer Wassersturz.

Viele Hände greifen nach mir,
viele grüne Hände.
Ganz umnistet
von Liebe und Lieblichkeit
steh ich gefangen.

Ich habe eine gute Tat getan.
Voll Freude und Wohlwollen bin ich
und nicht mehr einsam.
Nein, nicht mehr einsam.
Frohlocke mein Herz!

Franz Werfel


iustitia antwortete am 03.09.04 (12:50):

Ein wunderschönes Gedicht - von Werfel. die "grünen Hände" - sehr schön.
Ich habe von Vegesack was Lustiges rausgesucht; er war wirklich ein Naturmensch, ein Naturschützer, ein früher Grüner.
Er hatte kein Auto; aber eine Windturbine (vor 1933) auf seiner Bergkuppe...; zehn m neben den Fundamentsresten dieser Turbine liegt er begraben.
*

Siegfried von Vegesack: Mein Steckenpferd

Ein Auto ist zwar auch was wert,
Das will ich nicht bestreiten.
Doch zieh' ich vor mein Steckenpferd:
Auf Schusters Rappen reiten!

Das macht nicht Lärm und nicht Gestank,
Frißt kein Benzin, kein Heu nicht,
Kennt keine Panne, wird nie krank,
Braucht weder Stall noch Streu nicht.

Zwar schlägt es keinen Weltrekord
Und bleibt auch manchmal stehen,
Doch dafür kann man immerfort
Auch wirklich etwas sehen!

Was saust ihr Blinden so geschwind
Und jeden Tag geschwinder?
Wir sind doch nicht der Sausewind –
Wir sind doch Menschenkinder!

Rast zu! Und brecht euch Hals und Bein
Auf schnurgeraden Strecken ...
Ich trotte lieber querfeldein
Mit meinem Roß, dem Stecken!


Enigma antwortete am 03.09.04 (17:59):

Sehr hübsch. Kann ich nachvollziehen, weil ich auch für "Schusters Rappen" bin...:-)))

Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen

Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik

Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.

Bert Brecht


iustitia antwortete am 05.09.04 (09:35):

N i c h t zum "Tag der Heimat", wie die Vertriebenen ihn gestern in Berlin feierten...
Von Vegesack war ein Leben lang solchen organisierten Geschichts- und Immobilienvertretern abhold.

*
Siegfried von Vegesack: Nordische Heimat

Nirgends ist der Himmel so hoch und die Erde so groß,
nirgends sind die Wälder so ohne Ende.
Nirgends die Birken so weiß und so grün das Moos
und so rot am Abend die flammenden Sonnenbrände.

Nirgends ist die Erde so tief und das Wasser so stumm,
tief im bemoosten Brunnenschacht liegt es versunken.
Knarrend hebt sich die Stange, verwittert und krumm –
aber nirgends hab ich so gutes Wasser getrunken.

Nirgends ist der Sommer so hell und so kurz.
Schon dunkeln die Weidenstümpfe, die Stoppelfelder, die müden.
Über dem Moor, immer tiefer zum Horizont, im flügelnden Sturz,
ziehen mit klagendem Schrei die Kraniche in den Süden.
**
Der Pastoratshase. Eine Geschichte aus einer nordischen, livländischen Heimat.
http://www.lesekost.de/deutsch/vegesack/images/vege2.jpg
*
Sein wichtigstes Werk aber ist die Trilogie "Die baltische Tragödie", mit einem vierten, abschließenden Band "Der letzte Akt".

Internet-Tipp: http://www.lesekost.de/deutsch/vegesack/images/vege2.jpg


marie2 antwortete am 05.09.04 (21:43):

Mittag im September

Es hält der blaue Tag
für eine Stunde auf der Höhe Rast.
Sein Licht hält jedes Ding umfaßt,
wie man`s in Träumen sehen mag:
daß schattenlos de Welt,
in Blau und Gold gewiegt,
in lauter Duft und reifem Frieden liegt.

-Wenn auf dies Bild ein Schatten fällt!-
Kaum hast du es gedacht,
so ist die goldene Stunde
aus ihrem leichten Traum erwacht,
und bleicher wird, indes sie stiller lacht,
und kühler wird die Sonne in der Runde,

Hermann Hesse


iustitia antwortete am 06.09.04 (12:42):

lyrikmail Nr. 856 bietet zum heutigen 06.09.2004, also zwei Tage vor seinem Geburtstag, am 8. Sept. 1804, dieses Distichon von Mörike:

E. Mörike: Bei Tagesanbruch

"Sage doch, wird es denn heute nicht Tag? es dämmert so lange,
Und schon zu Hunderten, horch! singen die Lerchen im Feld."

Immer ja saugt ihr lichtbegieriges Auge die ersten
Strahlen hinweg, und so wächset nur langsam der Tag.
*
Es ist ein frühes Mörike-Gedicht, aus dem Jahre 1837; und was ein wenig eigenartig klingt - nämlich das "ihr" als Pronomen zu "Auge" - meint wirklich die Augen der "Lerchen", die hier freundlich übertrieben - "zu Hunderten" - als Antwort auf den morgendlichen Jubel der Sonne benannt werden in diesem kleinen Frage-Antwort-Spiel.
Die Natur verzögert also ihr morgendliches Lichterspiel für einige Momente, die dem Genuss der Lerchen vorbehalten sind,dass sich der Antwortende als Poet und Naturfreund diese Erklärung gibt - als Vorfreude auf den Tag, der kommen wird.
Diese Übergänge von Nacht zum Tag, auch abends zur Nacht hin, hat Mörike besonders gerne beobachtet und in seine ästhetische Reflexion einbezogen. Der imme neue Tag war für Mörike so etwas wie eine Gabe seiner poetischen Muse.

Internet-Tipp: http://www.photoaround.de/wildlife_fotos/ETS/images/LERCHE.jpg


marie2 antwortete am 09.09.04 (18:15):


Höhe des Sommers
Das Blau der Ferne klärt sich schon
Vergeistigt und gelichtet
Zu jenem süßen Zauberton,
Den nur September dichtet.

Der reife Sommer über Nacht
Will sich zum Feste färben,
Da alles in Vollendung lacht
Und willig ist zu sterben.
Entreiß dich, Seele, nun der Zeit,
Entreiß dich deinen Sorgen
Und mache dich zum Flug bereit
In den ersehnten Morgen.

Hermann Hesse


iustitia antwortete am 09.09.04 (21:59):

Wieder ein Vegesack-Gedicht, eines das er im Alter schrieb; und er meinte schon vor 1970: Alter macht nicht weise!

Siegfried von Vegesack:
Vor einer Wäsche Schnur

Freuden hast du auch im Alter
an den Wundern der Natur:
schweben in besonnter Flur
wunderbar, wie holde Falter
an gespannter Wäsche Schnur
rosa Schlüpfer, Büstenhalter ...

Und so freust du dich im Alter –
wenn auch in Erinn'rung nur!
*
Als Bildbeispiel habe ich einen arge, eine groteske Wäscheleine rausgesucht.

Internet-Tipp: http://www.fauxpas3000.de/rumaenien/Waescheleine.jpg


iustitia antwortete am 11.09.04 (10:08):

Siegfried von Vegesack:
September

September - das klingt so tapfer und so hell,
wie ein Trompetenstoß vor harter Schlacht,
so wie ein Lied, das wandernd ein Gesell
keck vor sich herpfeift in die finstre Nacht.

September - das lodert toll und rot,
wie Buchenwälder, wenn der Abend glutet,
wie wilder Wein, der an den Mauern blutet,
schon angerührt vom ersten Frost und Tod.

September - das schmeckt wie herber Wein,
den wir zum Abschied an die Lippen führen,
wie Lippen, die sich noch ein Mal berühren
vor Dunkelwerden, Nacht und Einsamsein.

September - das klingt so tapfer, so voll Übermut,
wie junges Lachen einer reifen Frau:
schon färbt das Haar sich an den Schläfen grau,
doch heißer als im Sommer, brennt das Blut.

September - das strahlt so heiter und so licht,
wie Liebe, die ein tiefer Schmerz verklärt,
wie Sommerglück, das nie mehr wiederkehrt,
wie eines Weisen lächelnder Verzicht.

Internet-Tipp: http://www.bingo-ev.de/~ws117-2/rotbuchen/buxh_baum_31_10_gross.jpg


iustitia antwortete am 11.09.04 (10:08):

Siegfried von Vegesack:
September

September - das klingt so tapfer und so hell,
wie ein Trompetenstoß vor harter Schlacht,
so wie ein Lied, das wandernd ein Gesell
keck vor sich herpfeift in die finstre Nacht.

September - das lodert toll und rot,
wie Buchenwälder, wenn der Abend glutet,
wie wilder Wein, der an den Mauern blutet,
schon angerührt vom ersten Frost und Tod.

September - das schmeckt wie herber Wein,
den wir zum Abschied an die Lippen führen,
wie Lippen, die sich noch ein Mal berühren
vor Dunkelwerden, Nacht und Einsamsein.

September - das klingt so tapfer, so voll Übermut,
wie junges Lachen einer reifen Frau:
schon färbt das Haar sich an den Schläfen grau,
doch heißer als im Sommer, brennt das Blut.

September - das strahlt so heiter und so licht,
wie Liebe, die ein tiefer Schmerz verklärt,
wie Sommerglück, das nie mehr wiederkehrt,
wie eines Weisen lächelnder Verzicht.

Internet-Tipp: http://www.bingo-ev.de/~ws117-2/rotbuchen/buxh_baum_31_10_gross.jpg


Enigma antwortete am 11.09.04 (14:58):

Bekanntschaft

Ich habe einen Lieblingsbaum,
der steht auf Usedom;
bewundernd muß ich zu ihm schaun,
so oft vorbei ich komm`.

Er ist ganz knorrig, dick und groß,
von eichener Gestalt;
doch Zärtlichkeit ist im Geäst
und in der Wurzel Halt.

Ihn schützt kein Haus und auch kein Zaun,
er steht am Straßenrand;
ein jeder, der ihn sehen will,
macht sich mit ihm bekannt.

Ich grüß`ihn oft und ruf`ihm zu:
He Du, bleib tapfer stehn!
Ich möchte Dich mein Lebén lang
auf dieser Stelle sehn.

(Gudrun Busch)

Grüsse von der wunder-, wunderschönen Insel Usedom
Enigma


Enigma antwortete am 11.09.04 (14:58):

Bekanntschaft

Ich habe einen Lieblingsbaum,
der steht auf Usedom;
bewundernd muß ich zu ihm schaun,
so oft vorbei ich komm`.

Er ist ganz knorrig, dick und groß,
von eichener Gestalt;
doch Zärtlichkeit ist im Geäst
und in der Wurzel Halt.

Ihn schützt kein Haus und auch kein Zaun,
er steht am Straßenrand;
ein jeder, der ihn sehen will,
macht sich mit ihm bekannt.

Ich grüß`ihn oft und ruf`ihm zu:
He Du, bleib tapfer stehn!
Ich möchte Dich mein Lebén lang
auf dieser Stelle sehn.

(Gudrun Busch)

Grüsse von der wunder-, wunderschönen Insel Usedom
Enigma


iustitia antwortete am 14.09.04 (07:33):

Siegfried von Vegesack
Bilanz des Tages

Wenn du das Licht ausgedreht,
und die Nacht, die unerbittliche, vor dir steht
und Rechenschaft fordert: was hast du vollbracht,
was hast du getan
mit der Zeit, der unwiederbringlich verlorenen Zeit?
Dann versinkt ohne Fracht,
leer und ohne Gewicht der Kahn
des Tages im unergründlichen Meer der Ewigkeit.

Wohl hast du allerlei Dinge getrieben,
diktiert, telefoniert, Briefe geschrieben,
hast im Büro gesessen,
eine Besprechung gehabt,
mit einem wichtigen Mann zu Mittag gegessen,
vielleicht auch mit einer schönen Frau ...

Aber nur am Tag kannst du dich damit betrügen.
Die Nacht ist genau:
sie läßt sich nicht belügen.
Jetzt im Dunkel, ohne das Blendwerk des Lichts:
Was hast du vollbracht?
Nichts. Nichts vollendet und nichts begonnen.
Der Tag ist wie Wasser
zwischen deinen leeren Händen zerronnen.

Nichts ist geblieben.
Und vielleicht wird nur eine kleine Tat
deinem Konto gutgeschrieben:
dass du einem Krüppel am Straßenrand
zehn Pfennige hingeschmissen.
Aber das tatest du im Grunde genommen
nur, um mit gutem Gewissen
an ihm vorbeizukommen –
an diesem stummen, dunklen Schatten,
der dich bedroht, dich vernichtet,
der dich anklagt, wie die Nacht,
und wie der Tod dich richtet.
*
Grüße nach Usedom (mein Schmusedom)oder wo immer es frühherbstlich mild und sonnig und klar ist - und auch mal Winde uns in Trab bringen. (Und bei Regen im Sessel mit einem atmenden Buch, wie z.B. bei mir immer noch Wilm Hosenfelds Lebenswerk "Ich versuche jeden zu retten".

Internet-Tipp: http://minadream.com/romanpolanski/ThePianist/pic2.jpg


Enigma antwortete am 19.09.04 (08:19):

Guten Morgen und einen schönen Sonntag noch...

Herbst

Rings ein Verstummen, ein Entfärben,
wie sanft den Wald die Lüfte streicheln.
sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
die Zeit der Liebe ist verklungen,
die Vögel haben ausgesungen,
und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
aus dem Verfall des Laubes tauchen
die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
ist mir, als hör`ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
nur heimlich stillvergnügtes Tauschen.

(Nikolaus Lenau)

Sehr schön, die Herbst- oder "September"-Gedichte und auch die anderen von Vegesack.
Danke


iustitia antwortete am 19.09.04 (13:20):

Ja, Gruß an engigma - und an alle, die die Natur respektieren und sich vegnüglich-ästhetisch wundern ob schöner Tage und der Kindheitserinnerung an erste Spiele im Dunkeln; hier von SvV schon ein Oktobergruß, der auch schon heuer passt:

Siegfried von Vegesack: O k t o b e r a b e n d

Hirtenfeuer blinken rot durch qualmenden Rauch.
Grußlos starrt dich an ein fremdes, zerfurchtes Gesicht.
Wie ein nacktes Gerippe reckt sich am Wege der Strauch
ins verdämmernde Licht.

Ochsen ziehen des Weges, bedächtig mit schwankender Last.
Kellerwärts dröhnt der Kartoffel dumpf bullernder Klang.
Wohl dir, wenn auch du reichlich geerntet hast:
der Winter ist lang.

Alles drängt zu der wärmenden Häuser Beisammensein.
Wohl dir, ist auch dein Lager warm überdacht.
Irgendwo irrt einer Laterne flackernder Schein
im Dunkel der Nacht.

Internet-Tipp: http://www.hermele.de/Essingen/Kindergarten/strohballen.JPG


iustitia antwortete am 19.09.04 (21:01):

Abseits von der Jahreszeit - dieses Mörike-Gedicht betrifft (leider!) noch immer die, die für andere das Morden betreiben sollen, die Soldaten; egal zu welchem Wetter und zu welchen Bedingungen. Mörike greift im Volksliedton dieses Erzübel auf:

Eduard Mörike: Der Tambour

Wenn meine Mutter hexen könnt,
Da müßt sie mit dem Regiment,
Nach Frankreich, überall mit hin,
Und wär die Marketenderin.
Im Lager, wohl um Mitternacht,
Wenn niemand auf ist als die Wacht,
Und alles schnarchet, Ross und Mann,
Vor meiner Trommel säss ich dann:
Die Trommel müsst eine Schüssel sein,
Ein warmes Sauerkraut darein,
Die Schlegel Messer und Gabel,
Ein lange Wurst mein Sabel,
Mein Tschako wär ein Humpen gut,
Den füll ich mit Burgunderblut.
Und weil es mir an Lichte fehlt,
Da scheint der Mond in mein Gezelt;
Scheint er auch auf franzö'sch herein,
Mir fällt doch meine Liebste ein:
Ach weh! jetzt hat der Spass ein End!
- Wenn nur meine Mutter hexen könnt!
(Sämtliche Werke. Hrsg. von Herbert G. Göpfert. München. S. 214f. - E: 1837; D: 1838)
*
Ausgewählt habe ich es zum 200. Geburtstag des Dichters, zu dem auch wieder eine grafisch schöne Briefmarke erschienen ist, s. URL.:

Internet-Tipp: http://www.bundesfinanzministerium.de/Bild/original_26294/bild.jpg


iustitia antwortete am 19.09.04 (21:05):

Und - als Fortsetzung - das weibliche Gegenstück, von der Soldatenbraut gesprochen, auch aus Mörikes Pfarrerzeit:

E.M.: Die Soldatenbraut

Ach, wenns nur der König auch wüßt,
Wie wacker mein Schätzelein ist!
Für den König, da liess, er sein Blut,
Für mich aber eben so gut.

Mein Schatz hat kein Band und kein' Stern,
Kein Kreuz wie die vornehmen Herrn,
Mein Schatz wird auch kein General;
Hätt er nur seinen Abschied einmal!

Es scheinen drei Sterne so hell
Dort über Marien-Kapell;
Da knüpft uns ein rosenrot Band,
Und ein Hauskreuz ist auch bei der Hand.
(E: 1837; D: 1838)

Zur URL.: auch häufig vertont und gesungen...

Internet-Tipp: http://www.rick-rickson.de/a-pressel/soldatenbraut-w.jpg


Enigma antwortete am 20.09.04 (08:31):

Immerwährende Hoffnung
für Wolfgang Mattheuer


Vielleicht wäre da noch jemand
der mich anriefe in dieser Nacht
Eine Brust vielleicht eine warme Haut
eines Kindes Auge das mich ansieht so wie ich
ansehen mußte die Welt oder eine Sonnenstraße
Mitten in diesem Augenblick da mir erfror
meines Aufbruchs stolze Glut
Ein Sisyphus vielleicht der den Stein
den Berg hinab übermütig rollt oder
ihn behaut zur Faust ein Prometheus der
das Feuer nicht läßt aus seiner Hand
Ein Freund der an mich dächte und wüßte
daß ich Angst habe in dieser Nacht
Der schmiedete gerade jetzt vielleicht
einen Schild um mich herum aus Freundlichkeit
und Mut
Der anders wäre als dieser
der auszog
mit Zahlen nur
in seines Kopfes Papierkorb
durchzuschneiden die Milchstraße
meines Flugs

Internet-Tipp: http://www.spielboden.at/poesie/autoren/2004/karasholi.html


iustitia antwortete am 20.09.04 (10:45):

Guten Morgen -
ich teile gerne meine Hoffnungen und Sorgen...

Gibt es von diesem W. M. noch mehr Texte?
Ist das dieser Mattheuer, über den Ulrich Greiner in seinem Nachruf in der ZEIT schrieb:

Wolfgang Mattheuer, am 7. April 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren, lehrte lange an der Leipziger Hochschule. Die DDR und ihr Sozialismus schienen ihm anfangs ein guter Traum, wurden ihm aber immer mehr zum bösen. 1988 trat er aus der SED aus. Der Kunst- und Galerienbetrieb des Westens hielt ihn wohl lange für einen Sonntagsmaler, aber die einprägsame Kraft seiner Bilder hat sich dagegen behauptet, und die große Retrospektive zu seinem 75. Geburtstag in Chemnitz wurde ein Triumph. Im so genannten Proust-Fragebogen, den das FAZ-Magazin seinerzeit veröffentlichte, hat Wolfgang Mattheuer auf die Frage „Wie möchten Sie sterben?“ mit einem Wort geantwortet: „Plötzlich“. An seinem 77. Geburtstag ist dieser große Künstler plötzlich gestorben.
*
Ach, pardon, ich habe erst jetzt Deine URL gesehen; es ist ein Gedicht von Adel Karasholi - 1936 in Damaskus, Syrien, geboren. Als jüngstes Mitglied des arabischen Schriftstellerverbandes musste er nach dessen Verbot 1959 Syrien verlassen. Er kam über Beirut, München und West-Berlin 1961 nach Leipzig, wo er seitdem lebt.
*
Als Dank ein kleines Gegenpräsent für enigma:

Ein Gedicht von Peter Gan (1894 bis 1974), einem ganz Stillen im Lande der Poesie... Ich vermute, Du kennst ihn.
Der Text wurde 1935 gedichtet.

Peter Gan:
Preislied auf eine Seifenblase

Seifenblase, himmelwärts verloren,
aus Entzücken an der Welt geboren
und aus eines Kindes Vaterhand
in den Wind auf Wanderschaft gesandt.

Schaumgeborene und Schaumgesäugte,
in der Taufe wunderlich Erzeugte,
mühelos geboren durch ein Kind:
Adamsatem, Gottesatem, Wind.

Du Gestalt aus nichts als heiler Hülle,
du aus Leere übervolle Fülle,
Wiederholung des verlornen Alls,
Wiederheilung seines Sündenfalls.

Durchsichtbare Haut und selber sehend,
Äußeres als Inneres verstehend,
mit der Milch der Mütter schlafgestillt,
Ebenbild aus lauter Ebenbild.

Auf dem Meeresgrunde einer Schüssel
schliefst du, Himmelsschloß und Himmelsschlüssel,
Herz, in dem das Herz des Himmels schlief,
bis dich dein Beruf ins Licht berief.

Sieh, und wo wir Menschen uns mit Jammern
jämmerlich an einen Strohhalm klammern,
makellos und nabellos, ein Ei,
gibst du ihn um Gottes Willen frei.
*
Gan ist von einem Roller fahrenden Kind zu Tode gekommen. Was natürlich nicht am Kind und auch nicht am Roller lag. Es war ein Sturz, wie er für alte Menschen schwierig zu verkraften ist; jedenfalls 1974.
*
Ich finde keine Bild von ihm im Netz; kein Schutzumschlagabbild...


iustitia antwortete am 20.09.04 (10:49):

Auf der Seite „Poesie International“ fand ich dieses „Sonnen“-Gedicht:

SAID
Ikarus

Müde geworden der Sonne,
dieser lästigen Sichtblende?
Das Wasser verlangt nach
frisch gefallenen Flügeln.
Auch die Fische wollen
den Geschmack des Wachses gekostet haben.
Der Mond sehnt sich vergebens
nach einem Robinson Crusoe.
*

Internet-Tipp: http://www.spielboden.at/poesie/autoren/poesie_teilnehmer_04.html


Enigma antwortete am 21.09.04 (10:26):

Schönen Dank für die "Seifenblase".
Ich hatte vor längerer Zeit einmal ein Gedicht von Peter Gan gelesen, das eine Lobpreisung des Müßiggangs war; ich erinnere mich aber nicht mehr besonders gut, nur daran, dass es witzig war.

Christian Morgenstern: Der Gaul

Es läutet beim Professor Stein.
Die Köchin rupft die Hühner.
Die Minna geht: Wer kann das sein?-
Ein Gaul steht vor der Tür.
Die Minna wirft die Türe zu.
Die Köchin kommt: Was gibt`s denn?
Das Fräulein kommt im Morgenschuh.
Es kommt die ganze Familie.
"Ich bin, verzeihn Sie", spricht der Gaul,
"der Gaul vom Tischler Bartels.
Ich brachte Ihnen dazumal
die Tür- und Fensterrahmen!"
Die vierzehn Leute samt dem Mops,
sie stehn, als ob sie träumten.
Das kleinste Kind tut einen Hops,
die anderen stehn wie Bäume.
Der Gaul, da keiner ihn versteht,
schnalzt bloß mal mit der Zunge,
dann kehrt er still sich ab und geht
die Treppe wieder hinunter.
Die dreizehn schaun auf ihren Herrn,
ob er nicht sprechen möchte.
"Das war", spricht der Professor Stein,
"ein unerhörtes Erlebnis!"...


iustitia antwortete am 21.09.04 (11:10):

Danke!
Von mehr Humorvollen zum Existenziellen bei Vegesack:

Siegfried von Vegesack (1888-1974)
Krug und Quelle

Du bist nur das Gefäß, die leere Hülle,
die das Unsagbare umschließt.
Du selbst bist nichts, und alles ist die Fülle,
die sich in dich ergießt.

Du bist das Glas, du mußt verderben,
getrübt von Lippen und von Gier besudelt.
Du bist der Krug, zerbrichst in Scherben -
indes' die Quelle ewig sprudelt.
*
Dahinter steht natürlich auch Rilkes Gedicht vom Krug, der zerscherbt...
*
Als Bild: die Ruhrquelle, weitab von meinem Haus...

Internet-Tipp: http://www.gerhildseidel.de/wald_quelle.JPG


iustitia antwortete am 21.09.04 (11:14):

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
(Ohne Titel)

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte nah und warm begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel läßt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange -
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.
*
(Aus dem "Stundenbuch", "Das Buch vom mönchischen Leben"; entstanden 1899; erschienen 1905.)

URL: ein Krug in der Dämmerung.

Internet-Tipp: http://www.doris-guernth.de/Roter_Krug_Daemmerung.jpg


iustitia antwortete am 21.09.04 (11:23):

Papst Johannes Paul II.:
Die Quelle

Die Waldbucht senkt sich herab
im Rhythmus sprudelnder Bergbäche ...
Willst du die Quelle finden,
musst du hinaufsteigen, immer weiter
gegen den Strom.
Bahne dir den Weg, suche, gib nicht auf,
du weißt ja, hier muss sie sein, irgendwo hier
Quelle, wo bist du? Wo bist du, Quelle?

Stille ... Bach im Walde, Wildbach du,
enthülle mir das Geheimnis
deines Anfangs!
(Stille Warum schweigst du?
Wie sorgsam hast du es verborgen,
das Geheimnis deines Anfangs.)

Lass mich die Lippen benetzen
mit Wasser aus der Quelle,
die Frische spüren,
die Leben spendende Frische.

Internet-Tipp: http://religion.orf.at/tv/Papst/kq80619%20papst%20johannes%20paul%20II%20solidarnosh.JPG


Enigma antwortete am 22.09.04 (12:59):

Rudyard Kipling
Wenn


Wenn du den Kopf behältst und alle andern
verlieren ihn und sagen: Du bist schuld!
Wenn keiner dir mehr glaubt nur du vertraust dir
und du erträgst ihr Mißtrau`n in Geduld

Und wenn du warten kannst und wirst nicht müde
und die dich hassen dennoch weiter liebst
die dich belügen, strafst du nicht mit Lüge
und dich trotz Weisheit nicht zu weise gibst.

Wenn du dich nicht verlierst in deinen Träumen
und du nicht ziellos wirst in deinem Geist
wenn du Triumph und Niederlage hinnimmst
beide Betrüger gleich willkommen heißt

Wenn du die Worte die du mal gesprochen
aus Narrenmäulern umgedreht vernimmst
und siehst dein Lebenswerk vor dir zerbrochen
und niederkniest wenn du es neu beginnst

Setzt du deinen Gewinn auf eine Karte
und bist nicht traurig, wenn du ihn verlierst
und du beginnst noch einmal ganz von vorne
und sagst kein Wort was du dabei riskierst

Wenn du dein Herz bezwingst und alle Sinne
nur das zu tun was du von dir verlangst
auch wenn du glaubst es gibt nicht mehr da drinnen
außer dem willen der dir sagt: Du kannst!

Wenn dich die Menge liebt und du noch du bleibst
wenn du den König und den Bettler ehrst
wenn dich nicht Feind noch Freund verletzen können
und du die Hilfe niemandem verwehrst

Wenn du in unverzeihlicher Minute
sechzig Minuten lang verzeihen kannst:
Dein ist die Welt - und alles was darin ist
Und was noch mehr ist - dann bist du ein Mensch!

übersetzt von Anja Hauptmann (einer Enkelin von Gerhart Hauptmann, so viel ich weiss...)
Aber es sind doch erhebliche Abweichungen in der Aussage, vor allem in der letzten Zeile - wie das ja oft bei Übersetzungen der Fall ist.

Original she. URL

Internet-Tipp: http://www.everypoet.com/archive/poetry/Rudyard_Kipling/kipling_if.htm


iustitia antwortete am 22.09.04 (16:04):

Ein neues, schönes Beispiel, Enigma. Ich kannte Kipling nicht als Poet. Ich hab das Orignal rausgesucht:
Kipling:

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you;
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or, being lied about, don't deal in lies,
Or, being hated, don't give way to hating,
And yet don't look too good, nor talk too wise;


If you can dream - and not make dreams your master;
If you can think - and not make thoughts your aim;
If you can meet with triumph and disaster
And treat those two imposters just the same;
If you can bear to hear the truth you've spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to broken,
And stoop and build 'em up with wornout tools;

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breath a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: "Hold on";

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with kings - nor lose the common touch;
If neither foes nor loving friends can hurt you;
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds' worth of distance run -
Yours is the Earth and everything that's in it,
And - which is more - you'll be a Man my son!


iustitia antwortete am 22.09.04 (16:06):

Ich habe den Kipling auch automatisch - durch google - übertragen lassen:::

Vorsicht!! Kein Kipling mehr!

Wenn Sie Ihren Kopf halten können
wenn ganz über Sie sind Männer ihr Schlusse
und ihn auf Ihnen tadelnd,
Wenn Sie sich vertrauen können, wenn alle Männer Sie bezweifeln
aber bilden Sie Genehmigungen für ihr Zweifeln, auch.
Wenn Sie von der Aufwartung warten aber müde nicht sein können,
oder ungefähr liegend, behandeln Sie nicht in den Lügen,
Oder hassend, geben Sie nicht zum Hassen nach,
und doch schauen Sie nicht zu gut noch sprechen Sie zu kluges,

Wenn Sie Träume Ihren Meister träumen aber nicht bilden können,
wenn Sie Gedanken Ihr Ziel denken und nicht bilden können,
Wenn Sie Triumph und Unfall treffen können,
und behandeln Sie jene zwei imposters gerade dieselben,
Wenn Sie tragen können, die Wahrheit zu hören, hatten Sie gesprochen
verdreht durch Knaves, um eine Falle für Dummköpfe zu bilden,
Oder passen Sie die Sachen, die Sie Ihr Leben zu defektem gaben auf,
und stoop und errichten Sie sie oben mit worn-out Werkzeugen,
Wenn Sie einen Haufen von allen Ihren winnings bilden können
und riskieren Sie ihn auf einer Umdrehung des Taktabstandes und des Wurfes,
und verlieren Sie und beginnen Sie wieder an Ihren Anfängen
und atmen Sie nie ein Wort über Ihren Verlust,

Wenn Sie Ihr Herz und Nerv und Sehne zwingen können
Ihre Umdrehung lang dienen, nachdem sie gegangen sind,
und an halten, wann es nichts in Ihnen gibt
aber der Wille, der zu ihnen "Einfluß an sagt,"
Wenn Sie mit Massen sprechen und Ihre Tugend halten können,
oder Weg mit Königen noch verlieren die allgemeine Note,
Wenn weder Feinde noch loving Freunde Sie verletzen können,
wenn alle Männer mit Ihnen aber keine zu viel zählen,
Wenn Sie die unversöhnliche Minute füllen können
mit einem 60-Sekunden-Wert des Abstandsdurchlaufes,
Ihr ist die Masse und alles, die in ihr ist,
und das mehr ist, Sie ein Mann, mein Sohn sind.


Enigma antwortete am 22.09.04 (18:38):

...mein Gelächter hallt durch die ehrwürdigen Hallen des ST.
Aber ich kann meinen Kopf halten, wenn das zu Beginn der automatischen Übersetzung vielleicht auch angezweifelt wird?! :-))
Einmal hatte ich auch eine automatische Übersetzung initiiert, und das war genau so eine Lachnummer....

Herbst
Auf einmal mußte ich singen...
und ich wußte nicht warum.
Doch abends weinte ich bitterlich.
Es stieg aus allen Dingen
ein Schmerz und der ging um -
und legte sich auf mich.
Stürmische Wolkendepeschen,
erschreckend den Weltenraum
und die Beeren der Ebereschen
die winzigen Monde am Baum.


Enigma antwortete am 22.09.04 (18:41):

Das letzte Gedicht war natürlich von Else Lasker-Schüler.


mmargarete01 antwortete am 23.09.04 (01:39):

Schlaf mein Goldengel

Schlaf mein Goldengel
mit goldigem Haar
dein Schutzengel schaut
auf die Erde hernieder
mit der Harfe in der Hand
singt dir die schönsten Lieder.
Schlaf mein Goldengel
Schlaf ein schlaf ein,
jeder Mensch auf Erden
hat sein Schutzengelein
hält die Hand über dein Haupt
das er mit dir Spiele im Traum.
Im Traum lehre er dir den Frieden
schlafe ein schlaf ein.
Mein Goldengel es lächelt so rein
es hat den Frieden im Schlaf gefunden.
Gute Nacht mein Goldengelein.

Margret Nottebrock


mmargarete01 antwortete am 23.09.04 (01:42):

Vaters Garten

Ein kleiner Junge fragt seine Mutter:
„Wo ist mein Vater?“
Im Garten sagt seine Mutter.
„Wirst du es mir verraten,
wo er ist der schöne Garten?“
„Ja, mein Junge,
viele sagen Grab dazu,
denn es ist die Ewige Ruh.
Kehrt Ruhe Frieden ein,
denn ich möchte bei ihm sein,
Vergissmeinicht blühen schön,
die Liebe sie wird nie vergehen.
„Mutter weine nicht,
du hast meine Liebe und mich.
Gemeinsam werden wir es schaffen,
du lernst wieder das Lachen.

Margret Nottebrock
(*1940),deutsche Dichterin und Lyrikerin


Enigma antwortete am 23.09.04 (08:59):

Guten Morgen alle,

Engel mag ich auch....
Und ein Gedicht über einen, der aber nicht so freundlich und lieb ist, eher kritisch und diskutierfreudig, möchte ich hier einstellen:

Hans Magnus Enzensberger
Die Visite

Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engel,
wahrscheinlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen.

Gar nicht zu reden vom Feldspat
und von der Großen Maggelanischen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke. Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.


iustitia antwortete am 23.09.04 (09:49):

Ja, guten Morgen, guten (gleichwohl) nassen herbst!
Dank für Enzensbergers "Engel". ich hatte ihn 1995 in seinem Band "Kiosk" entdeckt - und mich seitdem wieder mit HME beschäftigt, weil ich wg. seiner politsichen Abenteuer und seiner Theorie ("Die Literatur ist tot.") den Kontakt verloren hatte.
Aber, für heute - na, ein Versuch.
Ich bin gestern auf dieses Gedicht gestoßen, von dem ich keine Spur im Netz gefunden habe, auch nicht in meiner ...-Ausgabe aus dem Insel-Verlag.

N.N.: Judenfriedhof

Ein Maienabend. - Und der Himmel flittert
vor lauter Lichte. Seine Marken glühn.
Die grauen Gräbersteine, moosverwittert,
deckt jetzt der Frühling mit dem besten Blühn;
so legt die Waise und ihr Händchen zittert
auf Mutters totes Antlitz junges Grün.

Hier dringt kein Laut her von der Straße Mühn,
fernab verlieren sich die Tramwaigleise,
und auf den weißen Wegen wandelt leise
ins rote Sterben träumerisch der Tag.
Der alte Judenfriedhof ists in Prag.
Und Dämmer sinkt ins winklige Gehöf,
drin Spiro schläft, der Held im Schlachtenschlagen,
und mancher weise Mann, von dem sie sagen,
dass zu der Sonne ihn sein Flug getragen,
voran der greise hohe Rabbi Löw,
um den noch heut verwaiste Jünger klagen.

Jetzt wird ein Licht wach in des Torwarts Bude,
aus deren schlichtem Eisenschlote raucht
ein karges Mahl. Bei Liwas Grabe taucht
jetzt langsam Jesus auf. Der arme Jude,
nicht der Erlöser, lächelnd und erlaucht.
Sein Aug ist voll von tausend Schmerzensnächten,
und seine schmale blasse Lippe haucht:
'Jehovah weh, wie hast du mich missbraucht,
hier wo der Treuste ruht von deinen Knechten,
hier will ich, greiser Gott, jetzt mit dir rechten!
Denn um mit dir zu kämpfen kam ich her…
Wer hat dir alles denn gegeben, wer?
Der Alten Lehre hatte mancher Speer
aus Feindeshand ein blutend Mal geschlagen,
da brachte ich mein Glauben und mein Wagen,
da ließ ich neu dein stolzes Gottbild ragen
und gab ihm neue Züge, rein und hehr.
Und in der Menschen irres Wahngewimmel
warf deinen Namen ich - das große "Er".
Und dann von tausend Erdensorgen schwer
stieg meine Seele in den hohen Himmel,
und meine Seele fror; denn er war leer.
So warst du niemals - oder warst nicht mehr,
als ich Unsel'ger auf die Erde kam.
Was kümmerte mich auch der Menschheit Gram,
wenn du, der Gott, die Menschen nicht mehr scharst
um deinen Thron. - Wenn gläubiges Gefleh
nur Irrsinn ist, du nie dich offenbarst,
weil du nicht bist. Einst wähnt' ich, ich gesteh,
ich sei die Stimme deiner Weltidee…
Mein Alles war mir, Vater, deine Näh.
Du Grausamer, und wenn du niemals warst,
so hätte meine Liebe und mein Weh
dich schaffen müssen bei Gethsemane.“
(Aus: R.: Geneva 1998)
*
Ja, ein bisschen rätselhaft, geb ich zu. Verzeiht! Ich würde aber bitten, wenn irgendwie möglich nach diesem Text zu suchen - oder mir - auch in Stichworten - die Meinung oder eine eigene Interpretation zu schreiben. (Eben auch privat..)
Es ist kein lyrischer PISA-Text oder so... Garantiert. Aber ich habe mit jemandem gewettet, dass dieser Text von diesem Autor, der ihn um 1900, genau ist das nicht klar, geschrieben hat, wohl unbekannt ist.
*
Ich finde den Text ungeheuer (gut): Jesus klagt sein Leiden gegenüber Jehova, dem Gotte ("Gottesbild"), dem er zu dienen glaubte.)
Gruß und Dank!
*
Zur URL: Der Autor meint also diese Szenerie in Prag:

Internet-Tipp: http://www.juden-in-deutschland.org/s1/schule-judentum/projekt/friedhof2.JPG


Enigma antwortete am 23.09.04 (11:39):

Hallo, guten Morgen iustitia,

jetzt bin ich aber doch sehr erstaunt.
Sollte ich etwas gefunden haben, was Dir nicht gelungen ist? Das kann ich mir eigentlich kaum vorstellen.
Aber vielleicht ist das die Geschichte mit dem blinden Huhn, das auch mal ein Korn fndet... *lach*

Das Gedicht müsste von Rilke sein.
Ich gebe mal die URL ein, unter der ich es gefunden habe.
Du kannst auch eine kleine Hörprobe bekommen, wenn Du anklickst: www.dg-literatur.de/page___13332.jsp
Einen schönen Tag noch
Gruss Enigma

Internet-Tipp: http://mitglied.lycos.de/einpinguin/judenfriedhof___r_m_rilke.htm


Enigma antwortete am 23.09.04 (11:47):

...sorry, unter dem angegebenen Link für das "Hereinhören in das gesprochene Gedicht" kommt leider eine Fehlermeldung. Den muss ich also noch einmal überprüfen.
Aber der Internet-Tipp ist o.k.
Gruss Enigma


iustitia antwortete am 23.09.04 (12:41):

Ja, danke, Engima!
Der Hinweis auf die Quadflieg-Platte kam. Aber sonst kein Text, keine Interpretation.
Nur ein Aufsatz...* mus ich nochmals suchen.

Also der Rilke-Text stammt aus den "Christus-Visionen". Mehr weiß ich auch noch nicht. Warum die nicht in der Insel-Ausgabe der Gedichte stehn, weiß ich nicht.
Auch die Anspielungen "Spiro" und "Liwa" habe ich noch nicht eindeutig nachgewiesen.
"Tramwai" oder "Tramway" ist eine frühe Bezeichnung für Straßenbahn in Österreich und Böhmen.
Auch "Torwart" (Torwärter) konnte Rilke schreiben, als Fußball noch nicht international diesen Begriff für sich vereinnahmt hatte.
*
URL: Paul Modesohn-Beckers "Rilke" - sehr eigenartig.

Internet-Tipp: http://www.poetrymagazine.com/archives/1999/sept99/img/Rilke_Paula_Modersohn-Becker_1876-1907.jpg


Enigma antwortete am 24.09.04 (08:33):

Die Fremden sind....

Die Fremden sind
in den ersten Tagen der Fremde
durstig. Sie dürsten
nach einem Lächeln
nach einem freundlichen Blick
nach einem Wort der Hoffnung.

Bei unsrem ersten Treffen
an jenem Tag
war dein Gesicht für mich
eine Quelle.
Eine Quelle, aus der ich
freundliche Blicke
ein warmes Lächeln
und hoffnungsfrohe Sätze
trinken konnte.

Ali Schirasi

Internet-Tipp: http://www.alischirasi.de


iustitia antwortete am 24.09.04 (12:25):

Zu dem R i l k e - Gedicht "J u d e n f r i e d h o f" -

möchte ich noch was nachtragen, weil es ein ganz ungewöhnliches ist, das auch erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde:
Rainer Maria Rilke, auch Priester-Dichter genannt, setzte sich bereits in jungen Jahren intensiv mit Gott und der Religion auseinander. Seine 1896/1897 verfassten
»Christus-Visionen«, eine Folge von elf epischen Gedichten, wurden erst nach seinem Tod 1959 veröffentlicht.

Der Theologe Karl-Josef Kuschel schreibt dazu:
"Entschiedener wird man sich kaum vom Christusglauben der Kirche entfernen können als Rilke in seinen Christus Visionen. Radikaler wird man den Nazarener kaum entdivinisieren und entkultisieren, wenn man ihn zu einer Mischung aus Proletarier und Narren, aus Wahnsinnigem und Besessenem macht, zu einem Täuscher und Getäuschten zugleich. Nach Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei hatte man dies in der deutschen Literatur so nie gehört:

Ein Dichter läßt seinen Christus erklären, der Himmel sei leer, Gott eine Fiktion, Gebet ein Irrsinn. Jesus Christus - nichts als die ewige Projektionsfolie des Menschen, die Sehnsuchtsphantasie nach Vergöttlichung und Erlösung - der ewige Wahn!
Diese Position hielt Rilke bis an sein Lebensende durch. Als Beispiel sei verwiesen auf den "Brief des jungen Arbeiters" (1922), in dem noch einmal die Grundthese von Rilkes Christentums-Kritik aufleuchtet und zugleich eine Alternative angeboten wird. Bezeichnenderweise verweist Rilke hier auf den Koran, das Grunddokument des Islam, und sieht eine Affinität von koranischem Gottesverständnis und dem Gottesverständnis Jesu."

R.M. Rilke: "Wenn ich sage: Gott, so ist das eine große, nie erlernte Überzeugung in mir. Die ganze Kreatur, kommt mir vor, sagt dieses Wort, ohne Überlegung, wenn auch oft aus tiefer Nachdenklichkeit. Wenn dieser Christus uns dazu geholfen hat, es mit hellerer Stimme, voller, gültiger zu sagen, umso besser, aber laßt ihn doch endlich aus dem Spiel. Zwingt uns nicht immer zu dem Rückfall in die Mühe und Trübsal, die es ihn gekostet hat, uns, wie er sagt, zu „erlösen". Laßt uns endlich dieses Erlöstsein antreten. - Da wäre ja sonst das Alte Testament noch besser dran, das voller Zeigefinger ist auf Gott zu, wo man es aufschlägt, und immer fällt einer dort, wenn er schwer wird, so grade hinein in Gottes Mitte. Und einmal habe ich den Koran zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber soviel verstand ich, da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende seiner Richtung, in seinem ewigen Aufgang begriffen, in einem Osten, der nie alle wird. Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen. Aber die Menschen hier sind wie die Hunde gewesen, die keinen Zeigefinger verstehen und meinen, sie sollten nach der Hand schnappen. Statt vom Kreuzweg aus, wo nun der Wegweiser hoch aufgerichtet war in die Nacht der Opferung hinein, statt von diesem Kreuzweg weiterzugehen, hat sich die Christlichkeit dort angesiedelt und behauptet, dort in Christus zu wohnen, obwohl doch in ihm kein Raum war, nicht einmal für seine Mutter, und nicht für Maria Magdalena, wie in jedem Weisenden, der eine Gebärde ist und kein Aufenthalt."
(Aus: "Brief des jungen Arbeiters.)


Enigma antwortete am 25.09.04 (11:22):

Czeslaw Milosz
DAS

Könnte ich doch endlich sagen, was in mir sitzt!
Herausschreien: Ich habe euch belogen, Leute.
Als ich euch immer wieder sagte, DAS sei nicht in mir.
Wo es doch ständig da ist, Tag und Nacht.
Wo ich doch gerade ihm verdanke,
daß ich eure Städte, leichtendzündlich wie sie sind, beschreiben konnte,
eure kurzen Liebschaften und Vergnügungen, die zu Staub verfallen,
Ohrringe, Spiegel, einen verrutschten Träger,
die Schlafzimmer, die Schlachtfelder - und darin die Szenen.

Das Schreiben war für mich Schutzstrategie.
Damit verwischte ich die Spuren. Denn keiner kann Gefallen wecken,
der nach Verbotenem greift.

Zu Hilfe rufe ich die Flüsse, in denen ich geschwommen bin, die Seen mit einem Steg im Schilf, das Tal,
in dem der Widerhall des Liedes das Abendlicht begleitet,
und muß mir eingestehen: Auch wenn ekstatisch ich das Dasein pries,
so war es nichts als eine Übung höheren Stils.
Denn immer war darunter DAS - ich mag es nicht einmal benennen.

DAS ähnelt den Gedanken eines Obdachlosen, der eine frostige und fremde Stadt durchstreift.

Es gleicht auch dem Moment, in dem ein Jude, schon umzingelt, die schweren Helme deutscher Militärpolizei näher und näher rücken sieht.

DAS ist, wie wenn ein Königssohn sich aufmacht in die Stadt und dann die wahre Welt erblickt: Elend und Krankheit, das Altern und den Tod.

Auch kann man das DAS mit dem entgeisterten Gesicht vergleichen, von einem, der begriffen hat, daß er verlassen worden ist, für immer.

Und wenn der Arzt ein endgültiges Urteil spricht, ist es wie DAS.

Denn DAS heißt, gegen eine Wand aus Stein zu laufen, um dann die Einsicht zu gewinnen, dass diese Steinwand keinem Flehen weicht.

Internet-Tipp: http://www.nobelpreis.org/Literatur/milosz.htm


iustitia antwortete am 26.09.04 (23:26):

Wer Freude hatte an einem Peter-Gan-Gedicht, dem, äh: d e r schenke ich dieses:

Peter Gan:
Die zweite Epistel

Im Ewigen überprangt von Sternen,
gaslampenärmlich kaum erhellt,
Lichtfenster, wo Studenten lärmen,
ein Hund, der durch die Stille bellt -

dies ist die Straße, wo ich wohne
(im All ein gar verlorenes Glied),
dies das hotel garni, wo ohne
ein Kind Pere Goriot verschied.

Nimm dies nicht etwa illusorisch
als leere Stimmungsmacherei:
ein Mann (sehr literarhistorisch)
erzählte mir, daß dem so sei.

Du kennst doch Balzacs große Schildrung?
Aus totem Pflaster keimt das Gras
ins Sterben schweigender Verwildrung.
Geschlossener Jalousien Haß

birgt Schicksal hinter kahlen Wänden.
Rings bröckelt der verblichene Stuck.
Du fühlst, das Buch muß schrecklich enden
und liest es doch in einem Zug. -

Kenn ich aus einem frühem Leben
dies silbertrübe Häusermeer?
Ich würde vieles darum geben,
daß mein Gedächtnis besser wär'.

Novembernaß im toten Parke
rauscht um den Fuß das braune Laub.
Ein alter Mann mit einer Harke
harkt es zusammen. Er ist taub.

Ich kenne ihn seit tausend Jahren;
ich selber bin der alte Mann,
gebückt und taub mit weißen Haaren,
der kaum die Harke halten kann.

Der Brunnen springt, die welken Astern
sind rot und gelb, bald wird es schnein;
dann liegt, umrauscht von Lärm und Lastern,
der stumme schwarze Park allein. -

Mein Zimmer schweigt. Ein kleiner Ofen,
mit Gas durch einen Schlauch gespeist,
singt sinnend seine Säuselstrophen,
in denen er die Nächte preist.

Gleichzeitig heizt er einen Kessel;
denn sein Gebieter liebt den Grog
und sitzt dieweil in einem Sessel,
gehüllt in einen Schlummerrock.

Und schreibt an dich jetzt diese Zeilen
und denkt an einst und hofft auf bald.
Die Gegenwart entflieht derweilen;
die Zähre rinnt, der Grog wird kalt.

Wo kam ich hin auf Kummers Wegen?
Das Gras steht auf; ich bin allein.
O Welt; ich will mich schlafen legen.
Die Sterne müssen müde sein.
(Aus: P.G.: Von Gott und von der Welt. 1954. S. 123f.)
*
Von de Studentenbude, von alten Funzeln, von Leserausch, von Novembertraurigkeit, eigenen Gehörproblemen - das Brunnen "springen", die vielblütigen Astern (ja, auch, die von Benn) - das schweigende Zimmer (wenn die Kinder so selten kommen) - Nein, einen "Schlummerrock" habe ich noch nicht - selber Gedichte schreiben, ja, unter dem flatternden blauen Band, das mich überstimmt zu Harfenton der Pappeln - nein Peter Gan, die Sterne sind nicht müde, die wollen gar nix, die wollen sich noch nicht mal in meinen Scheiben blinkelnblinzelnbringen zum Sternengedicht - ich muss es selbstens schreiben - vielleicht morgen.
*
Peter Gan, eigtl. Richard Möhring (* 1894 in Hamburg, † 1974 in Hamburg), deutscher Schriftsteller, Verlagslektor, Übersetzer. Er studierte Rechtswissenschaft in Marburg, Bonn und Hamburg; nach der juristischen Promotion folgte ein Studium der Anglistik und der Philosophie. Seit 1927 war er freier Schriftsteller.

1938 flüchtete er vor den Nationalsozialisten nach Paris, 1942 weiter nach Spanien. Von 1946 bis 1958 lebte er in Paris, dann kehrte er nach Hamburg zurück, wo er 1974 starb.

Vor dem zweiten Weltkrieg war Peter Gan u. a. als Korrespondent der Frankfurter Zeitung und als Mitarbeiter des Atlantis-Verlags tätig, nach dem Krieg verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Übersetzer literarischer Werke aus dem Englischen und Französischen.

"Es ist kein Zweifel, daß Peter Gan die heitersten, lustigsten Gedichte seit Morgenstern geschrieben hat, sprühende und knisternde Gebilde in denen die Erdenschwere zauberisch aufgehoben erscheint; dicht daneben stehen jene anderen, die nicht minder kunstvoll auf dunkeln Grund gezogen sind, von dem sich ihre zarte, dem Spiel nie ganz entfremdete Liniatur abhebt." (Max Rychner)


Enigma antwortete am 27.09.04 (09:46):

Guten Morgen,

... ein tolles Gedicht von Peter Gan. Die Stimmung kommt rüber.

Und jetzt ein wesentlich kürzeres:

Ich bin nicht Ich
von Juan Ramón Jiménez

Ich bin nicht ich,
ich bin der, der neben mir geht
und den ich nicht sehe.
Den ich manchmal besuche,
und den ich oft vergesse.
Derjenige, der ruhig bleibt, wenn ich rede,
der vergibt, wenn ich hasse,
derjenige, der spazierengeht,
wenn ich zu Hause bleibe,
der bleiben wird,
wenn ich sterbe.

Internet-Tipp: http://www.beilharz.com/poetas/jimenez


iustitia antwortete am 28.09.04 (19:32):

- Ich lese immer noch Rilke, den frühen Rainer Maria..:
"Die Sprache der Blumen"

Der frühe Rilke, vor der Jahrhundertwende, hat viele Gedichte verfasst, die später nicht mehr in die kleinen Ausgaben seiner Werke übernommen wurden.
Ich werde hier einige Strophe eingeben, die sich auf Blumen und Pflanzen beziehen – und sie auch mit dem Bild „sprechen“ lassen.

R. M. Rilke:
DIE SPRACHE DER BLUMEN
(Verfasst vor 1902)

Und glaubst du gleich den Worten nicht,
die ich dir hoffend schrieb –
die Sprache, die die Blume spricht,
verstehst du doch, mein Lieb.

Wenn dein Fuß dort fürder schreitet,
wo die Fluren üppig stehn -
glaub mir, jede Blume deutet
viel dir - kannst du sie verstehn.

Wenn ein Hauch von zarten Winden
leise lispelt durch die Flur –
horche, was sie dir verkünden
all die Kinder der Natur:

Amaryllis

Mögen mich auch alle hassen,
leis wend ich mein Haupt zu dir.
Sieh, ich fühl mich so verlassen,
komm, Geliebte, komm zu mir.

(Weitere dieser Gedichte folgen.)

Internet-Tipp: URL: http://www.oceansprings.org/Images/wallpapers/images_800x600/minerva_amaryllis.jpg


iustitia antwortete am 28.09.04 (19:36):

Der Titel ergibt sich aus dem Bild...
(Und man kann sie aus der URL ablesen...?

Rilke:
(Aus: Die Sprache der Blumen)

Hat auch mancher Blitz getroffen,
alle Blitze töten nicht.
Immer gibt ein neues Hoffen
neue frohe Zuversicht.

Internet-Tipp: http://home.eduhi.at/teacher/werner/biotop/images/pflanzen/immergruen_hummel_original.jpg


iustitia antwortete am 28.09.04 (19:37):

Rilke:
Schneeball (aus: Die Sprache der Blumen)

Gestern hast du mir versprochen
Lieb und Treu zu jeder Frist.
Heute schon dein Wort gebrochen;
wie veränderlich du bist!

Internet-Tipp: http://www.altmuehltal.de/dietfurt/waldlehrpfad/schneeball.jpg


iustitia antwortete am 28.09.04 (19:40):

Rilke:
(Aus: Die Sprache der Blumen):

Aster
(aster chinensis)

Scheint die Sonne kalt und trüber –
in die Zukunft wend den Blick.
Sieh! der Winter geht vorüber
und der Frühling kehrt zurück!

Internet-Tipp: http://www.anniesannuals.com/signs/a/aster_chinensis_sm.jpg


iustitia antwortete am 28.09.04 (19:42):

Rilke:
(Aus: Die Sprache der Blumen)
Hollunder
(Syringa vulgaris)

Unheil droht dir unabwendig:
Rose glänzt zwar, doch sie sticht.
Ich nur bleibe stets beständig,
glaube mir, verkenn mich nicht.

Internet-Tipp: http://www.marysplantfarm.com/_photos/shrubs/syringa_vulgaris_sensation.jpg


iustitia antwortete am 29.09.04 (12:49):

Ein schönes, modernes Regenbogengedicht - von W e r s c h,
s. Bild...

Internet-Tipp: http://www.gedichtepool.de/wortvision/irisbogen.htm


Enigma antwortete am 29.09.04 (18:56):

...viele schöne Blumen haben wir hier. Aber auf meinem Balkon sind auch ganz neue und frische - seit heute....



gastarbeiter
jedem morgen erwacht er in der fremde
jede nacht schläft er in der heimat
so nah der heimat ist er
so fern ist seine heimat

das dröhnen der stadt wird manchmal
zu einem lied aus seinem dorf
abends eilt er zum bahnhof
tröstet sich mit den zügen

ein herd in der ferne
brennt die heimat in seinem herzen
hilflos liefert er den fremden aus
seiner hände segen

ist er fremd in der heimat
oder in der fremde er weiß es nicht
ein gast ist er überall
eine sehnsucht eine bitterkeit

Bülent Ecevit

Internet-Tipp: http://www.litkara.de/tuerkdichtung/ecevit2.htm


hl antwortete am 30.09.04 (11:29):

Heute, im Laufe des Nachmittags wird Kapitel 32 archiviert und ein neues Kapitel mit der entsprechende Mailliste eröffnet.