Zur Seniorentreff Homepage
Suchen im Angebot von Amazon

Aktuell Grußkarten ChatsPartnersucheFreundeKleinanzeigenLesenReisen ShopHilfe


Vorlesefunktion alles vorlesen | Anmeldung | Jüngste Antwort | E-Mail-Benachrichtigung | Kunst, Literatur & Kultur   nächstes Forum

THEMA:   Aus dem Nachlass eines Dichters.

 Bisher 3 Antworten.

Elfenbein begann die Diskussion am 12.03.07 (19:47) :

... ohne Namensnennung und ohne Titel:

Aus dem Nachlass eines Dichters:

Der Freund, eben von einer Reise durch Frankreich zurückgekehrt, sprach davon, wie in diesem gesegneten Lande der Weinberge und Obstgärten, der lieblichen Flußtäler und des Getreides und der schönen Frauen, wie über den kleinen, alten Städten dieses gesegneten Landes die Kathedralen sich erheben, schwarz und finster unter den ziehenden Wolken der regen-feuchten Tage. Und hätten Wucht und Stärke der Türme und Glanz und Gliederung der Tore dieser Kirchen seinen Sinn gezwungen zu Bewunderung, und die hohen Heiligengestalten und Erzengel, hinwandernd durch den steinernen Wald der Säulen: am meisten doch hätten sein Herz erregt die wunderlichen Tiere, über Fenstern und Gesimsen im Winde wie in freier Wildnis lebend, breitbrüstig der Stier und das halsige Pferd und der prankige Löwe und der schwarze Adlervogel mit den gebreiteten Fittichen. Und einen Esel
habe er unvergeßlich in Erinnerung, hoch über einem Seitendach, riesig, auf den Hinterbeinen sitzend, in aufrechter, menschlicher Haltung, das große, kluge Eselshaupt wie lauschend vorgebeugt, spähend über die Stadt hin tief unter ihm.
All diese Tiere seien wohl nicht als ein seltsamer Zierat nur gedacht; es sei wohl ein jedes auch tiefsinnig Bild und Ausdeutung eines Bibelwortes, aber wer könne da immer gleich eine Beziehung dazu herstellen, der nicht ein Gottesgelehrter sei, und wohl der nicht einmal, und so, als seien sie ihren Meistern, die sie schufen, entwischt, lebten sie nun ihr eigenes steinernes Leben hoch da oben in den Lüften und sähen gramvoll und grausam auf die fleischliche Menschenwelt herab, nicht wie Wächter, eher als lauerten sie darauf, sich auf die Stadt zu stürzen und Blut und Vernichtung über sie zu bringen.
Und der den Esel schuf — streng dem Leben nachgebildet das Eselshaupt und die Hufe und der prall und kindlich gewölbte Bauch, wie ein Mensch sitzend, aufrecht, und traurig-grausame Augen im Kopf — er, der ihn so rätselhaft schuf und genau, zu Füßen der Kirche, als man sie baute, und den gehörnten Stier auch, der eine Sonnenuhr trägt vor sich her wie einen Schild, er, der Unbekannte im Schurzfell, schwarzbärtig oder ohne Bart, der Meißelschwinger, ein Bibelwort zu deuten vermeinend, oder? Woher floß es ihm zu, wer gab es ihm ein, wer führte ihm die Hand, ihm und den anderen Meistern der steinernen Tiere hoch im Wind an den Kathedralen der kleinen, alten Städte dieses gesegneten Landes der Weinberge und Obstgärten, der lieblichen Flußtäler und des Getreides und der schönen Frauen?
*
Wer könnte das geschrieben haben?


Vorlesefunktion  eleonore antwortete am 12.03.07 (19:52):

Der den Esel schuf und den Stier
Nachlass Georg Britting, (deutscher schriftsteller)


Vorlesefunktion  Medea. antwortete am 13.03.07 (09:41):

Bravo Eleonore,
Georg Britting, 17.2.1891 in Regensburg geboren und 1964 gestorben, war mir bis dato unbekannt.

Aber die Steinskulpturen an den Kathedralen, die er so eindrucksvoll beschreibt, rufen auch immer wieder meine Bewunderung und mein Erstaunen hervor, besonders auch das Nachsinnen darüber, ob die Künstler jeweils die Geschichte wußten, die sich hinter ihren Werken befand. Es können ja nicht nur die Aufträge gewesen sein, die ihnen Kirchenobere erteilten, es ist die Vorstellungskraft der Steinmetzen, der es gelingt, den steinernen Gestalten Leben einzuhauchen. Auch mich fasziniert wieder und wieder die Ausdruckskraft des Geschaffenen.


Vorlesefunktion  Elfenbein antwortete am 13.03.07 (18:41):

Georg Brittings Werk ist gut erschlossen von seiner Familie; der Text ist hier zu laden:
http://www.britting.com/prosa/Esel.pdf


Wer eine kleine Anekdote über Chaplin - "Der Gerechte" - von Britting lesen will, aus dem Jahre 1928, findest sie hier:

Internet-Tipp: http://www.britting.com/prosa/1-253.html#Der Gerechte



  zurück nach oben Zum Anfang nach oben       Kunst, Literatur & Kultur   nächstes Forum           Vorlesefunktion alles vorlesen |

Zum "Antworten" oder "Thema eröffnen", geben Sie Ihren Loginnamen und Ihr Passwort an

Sie müssen für die klassischen Diskussionsforen registriert sein!
Wenn Sie noch kein Passwort haben, können Sie sich hier anmelden!
Loginname
Passwort




E-Mail-Benachrichtigung bestellen/abbestellen

zum Thema: Aus dem Nachlass eines Dichters

Ich möchte Antworten zu diesem Thema per E-Mail zugeschickt bekommen.

Ich möchte keine E-Mail mehr zu diesem Thema erhalten.



E-Mail-Adresse


Hol dir die kostenlose Visitenkarte im Seniorentreff