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THEMA:   Die Notbremse.

 Bisher 10 Antworten.

schorsch begann die Diskussion am 01.04.07 (09:57) :

Letzten Freitag war ich zu einer Preisverteilung in einem Waldhaus eingeladen. Ich hatte vor vielen Monaten eine Kurzgeschichte dazu eingesandt, wusste nicht mal mehr welche. Die Preisträger wurden vorher nicht informiert; es hatte nur geheissen, dass sie ihre Geschichte dem Publikum vorlesen müssten. Zuerst spielte eine Harfenistin eine Lied - und auch später immer zwischendurch. Es redeten Mitglieder der Kulturkommission und der Gemeindepräsident des Ortes. Dann wurde die Preisträgerin des 3. Preises aufgerufen. Dann die Preisträgerin des 2. Preises. Und dann? Ich! Ich fiel fast vom Stuhl......

Meine Geschichte:

Eigentlich hatte ich mir den Tag ganz anders vorgestellt. Endlich hatte ich einen Verleger gefunden, der mein Manuskript nicht monatelang ungelesen in irgendeiner Ecke seines Büros aufgestapelt hatte, um es dann mit einer nichtssagenden Notiz an mich zurück zu senden. Nein, schon nach wenigen Wochen war ein Anruf gekommen, man sei interessiert und der Verleger persönlich wolle sich mit mir im Bahnhofbuffet Bern treffen.
Das Gespräch am Ort hatte sich auch zuerst ganz gut angelassen. Der Verleger machte mir ein Kompliment, er habe selten ein Manuskript gelesen, das mit so viel Beobachtungsgabe geschrieben worden sei. Dann aber kamen so viele Wenns und Abers, dass am Schluss klar war, das ganze Buch musste total umgeschrieben werden.
Ich versprach also, mich unverzüglich an die Arbeit zu machen und dann die korrigierte Version dem Verleger zu schicken. Dann war es Zeit, sich zu verabschieden. Da der Verleger den Wein ausgelesen und bestellt hatte, nahm ich eigentlich an, er werde auch die Zeche begleichen, täuschte mich jedoch, denn der Verleger stand auf und verabschiedete sich freundlich. So blieb denn die Rechnung an mir hängen.
Ich erwischte eben noch den Zug, der mich zurück nach Olten bringen sollte. Leider waren alle Nichtraucherabteile schon besetzt und ich konnte mir gerade noch in ein Coupé quetschen, in dem sich drei schwarzgelederte Typen breitgemacht hatten. Den Tätowierungen und der ganzen Bekleidung nach zu schliessen, musste es sich bei den dreien um die Spezies handeln, die man im Sprachgebrauch gemeinhin als Töff-Rocker bezeichnet. Im Verlaufe des Gespräches, das die Burschen ganz ungeniert und in der grösstmöglichen Lautstärke führten, konnte ich mir dann allerdings die näheren Umstände der Bahnfahrt des unangenehmen Trios zusammenreimen. Sie waren tags zuvor nämlich mit ihren schweren Motorrädern auf der Autobahn mit fast zweihundert Sachen in eine Polizeikontrolle mit Radar gerast und dann buchstäblich aus dem Verkehr gezogen worden. Und weil sie - mit einem ansehnlichen Alkoholpegel im Blasapparat - anschliessend randaliert hatten, liess man die drei unbequemen Gesellen in einer Ausnüchterungszelle übernachten und die Motorräder wurden ihnen kurzerhand konfisziert. So war ihre üble Laune also noch einigermassen verständlich, wenn auch überhaupt nicht entschuldbar war, dass sie diese nun an den unschuldigen Fahrgästen abzureagieren versuchten.


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 01.04.07 (09:59):

Fortsetzung

Ich machte mich also möglichst dünn und nahm mir vor, die drei Typen tunlichst nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dies aber war ein frommer Wunsch, denn die drei Typen machten einen solchen Radau und pöbelten die Passagiere an, dass man sich fast nicht raushalten konnte.
Als niemand auf die Anpöbelungen reagierte, fanden die Rocker unter sich selber ein Opfer. Der Kräftigste von ihnen schien zwar den anderen rein körperlich überlegen, aber im Anpöbeln hatte er es noch nicht zur Meisterschaft gebracht. Wenn er auch versuchte, ihre Sprüche zu parieren, erntete er meist nur ein höhnisches Gelächter. So sass er halt die meiste Zeit still und mit hochrotem Kopf in seiner Ecke und liess die Föppeleien in sein Schicksal ergeben über sich ergehen, wie ein Naturereignis.
Als der Schaffner die Billette kontrollierte, blieb er bei mir stehen und betrachtete mich kopfschüttelnd. Dann meinte er feixend: "Nach Olten wollen Sie? Da können Sie ja winken, wenn wir vorbeifahren!" Und auf die nur mit einer nicht verstehenden Miene geäusserte Frage von mir antwortete er: "Der Zug fährt durch bis Zürich. Haben Sie das nicht gesehen auf der Anzeigetafel im Bahnhof Bern?"
Dann wollte der Schaffner noch die Differenz des Fahrpreises von Olten nach Zürich einziehen. Ich aber, richtig in Wut geraten, weigerte mich. Schliesslich hatte ich auf dem Perron in Bern noch eigens den Mann mit der Kelle gefragt, ob es sich bei dem wartenden Zug um denjenigen nach Olten handle, was dieser mit einem energischen Kopfnicken bejaht hatte. Dies berichtete ich dem Schaffner, welcher aber ziemlich grob antwortete, natürlich fahre der Zug nach Olten – aber halten tue er eben nicht! Dann befahl er mir, in Zürich mit ihm auf das Hauptbüro zu kommen.
Natürlich hatten die Rocker das Geplänkel mitverfolgt und machten sich nun einen Spass daraus, mich in den schillerndsten Farben zu schildern, was ich in Zürich zu erwarten habe. Ich gab keine Antwort und tat, als höre ich nichts. Das brachte den Anführer der Gruppe derart in Rage, dass er mich am Kragen packte und mich anschrie, ich solle gefälligst antworten, wenn er mit mir rede. Ich drückte ihm die Hand weg und fragte ruhig: "Sie lesen wohl keine Sportzeitung? Sonst würden sie mich nicht so unvorsichtig anfassen. Haben Sie mein Foto noch nie im `Sport` gesehen?"
Der Rocker war einen Augenblick verdutzt. Dann schrie er: "Mit einem solchen Zwerg nimmt es dann noch jeder von uns auf!"


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 01.04.07 (10:00):

Fortsetzung

Ich nickte mit dem Kopf und fragte grinsend: "Na, welcher von euch ist denn der Stärkste? Der soll doch gleich mit mir hinaus kommen. Wir wollen doch hier drin kein Aufsehen erregen." Dann deutete ich auf den Burschen, der von den anderen eben noch gehänselt worden war. "Fangen wir doch mal mit dem da an." Ohne sich darum zu kümmern, ob der Koloss mir folge, begab ich mich in das Aussenabteil.
Nach einer Weile folgte tatsächlich der Muskulöse. Ich vergewisserte sich, dass die anderen drin geblieben waren. Dann klopfte ich dem Riesenbaby auf die Schulter und sagte: "Hör mal mein Junge; ich habe überhaupt keine Chance gegen dich. Der Grund, dass ich dich herausgelockt habe ist ganz einfach der, dass ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie du dich von den beiden Kollegen so hänseln lässt. Bist du bereit, den beiden einen Streich zu spielen?"
Der Bursche schaute mich ungläubig an. Er konnte es wohl nicht glauben, dass sich da ein Wildfremder für ihn einsetzte. Dann aber ging ein gutmütiges Grinsen über sein Gesicht und er fragte, was denn seine Rolle bei diesem Spiel sein würde. Ich nahm zwanzig Franken aus dem Geldbeutel und sagte: "Geh` mal durch die nächsten Wagen und schau nach, ob du den Wagen mit den Getränken findest. Bring uns allen etwas zu trinken. Den Rest des Spieles kannst du ruhig mir überlassen."
Der Bursche grinste wieder und verschwand in der angegebenen Richtung. Ich aber ging ruhig in den Wagen zurück und rief: "Der Nächste bitte."
Die beiden Rocker glotzten ungläubig. Dann stotterte der Anführer: "Wo ist Fredi?"
"Fredi? Ja, der wird jetzt wohl irgendwo auf dem Bahndamm herumkriechen", antwortete ich. "Falls er überhaupt noch kriechen kann", schränkte ich zweifelnd ein.
Die beiden Rocker schnellten auf, drängten mich zur Seite und liefen in den Vorraum. Dann zog einer von ihnen geistesgegenwärtig die Notbremse. Höchste Zeit, denn der Zug war eben im Begriff im Bahnhof Olten einzufahren. Ich erwischte gerade noch den Bus nach Hause, wo meine Frau mit dem Nachtessen auf mich wartete.


Vorlesefunktion  nasti antwortete am 01.04.07 (20:17):

Hallo Schorsch,


gratuliere zum 1. gewonnene Preis. Gut geschrieben,sehr lebhaft. Ist das eine erfundene Geschichte oder wahre?


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 02.04.07 (10:53):

nasti, einiges war selbst erlebt, aber ausgeschmückt.....


Vorlesefunktion  Karl antwortete am 02.04.07 (15:10):

Lieber Schorsch,


um dir den Neuen Seniorentreff vielleicht doch noch schmackhaft zu machen: Deinen Beitrag hättest du wunderbar in einem Stück als Blog dort unterbringen können.
Bitte lies einmal die angebotene Hilfe hierzu im Linktipp. Es ist wirklich ganz einfach, besonders da du inzwischen ja bereits angemeldet bist:

Internet-Tipp: http://community.seniorentreff.de/hilfe/art72,804.html


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 03.04.07 (10:54):

Lieber Karl, da mein Gehirn nicht mehr sooo viele Sachen aufs mal verarbeiten kann, habe ich das, was unter dem von dir oben angegebenen Link steht, ausgedruckt und werde versuchen, es Schritt um Schritt zu verarbeiten (;-)


Vorlesefunktion  nasti antwortete am 03.04.07 (23:00):

Hi Schorsch,

übertragen ein Artikel in Blog ist einfach, immer nur auf weiter ---klicken. Heute habe ich das ausprobiert.
Das Problem liegt daran, wer wird das lesen? Schon jetzt ist problematisch etwas auswählen, obwohl nur wenige sind dort angemeldet. Was wird später mit hunderte Blog-s Artikel?
Das Neue ST ist schön und klug gemacht, wer wird so viel Zeit und Geduld haben alles anklicken und sortieren?
So ähnlich sind die Musik Portals konstruiert, mit Sympathien Punkte, Freunde, Gästebücher und allem Pipapo, was die nicht anerkannte und mit Ruhm besessene Musiker auch brauchen. Die meiste sind überwiegend junge Leute, nach kürzerer Zeit verlassen Sie das Portal, bringt nichts, Selbstlob stinkt nach Knoblauch.
Ich denke, so klassisch und einfach konstruierte ST wie diese alte ist, ist unschlagbar. Hier kann man kommen und gehen, keiner merkt, das du hier bist oder warst. In neuem ST ist jede Schritt schon festgelegt, wer hat dich angeklickt, vieviele lesen dein Profil, wer Dich mag oder nicht, bist du anwesend oder nicht, sogar ich habe heute Selbstgespräche geführt. Dafür ist das wirklich gut.


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 04.04.07 (08:39):

Meine Erfahrung mit Tagebüchern (Blogs): Jeder möchte, dass seines gelesen wird - aber keiner liest die anderen.....


Vorlesefunktion  pilli antwortete am 04.04.07 (08:49):

gut schorsch

dass es nur deine erfahrungen sind und wie so oft zeigt die realität anderes!

:-)
p.s. ich freue mich sehr, dass du im alten ST bleibst; eine weise entscheidung von dir und ich geniesse derweil den neustart mit vielen anderen, die sich bereits angemeldet haben und bleibe verschont, manchen dummdreisten kommentar zu lesen! :-)

dir schorsch viel spaß und anregende unterhaltung bei der zukünftigen diskussion im leergefegten alten ST, die meiner ahnung nach derart gestaltet wird:

schorsch diskutiert mit Lars und Lars mit schorsch über ditt und datt und manchmal bewegt sich doch watt und Hugo erscheint mal kurz...hihi...


Vorlesefunktion  schorsch antwortete am 21.04.07 (16:41):

Immerhin dürfen Lars und Hugo und Schorsch ab und zu mit Hohem Besuch rechnen....

.....mit pillis Besuch (;-)



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