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Politik & Gesellschaft
THEMA: Mäßig fressen statt ramschen! .
Bisher 1 Antwort.
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emilwachkopp
begann die Diskussion am 14.07.08 (01:38) :
Morgens, zum Frühstück, gab es meist eine graue, schleimige Milchsuppe, auf deren Oberfläche sich schon eine dicke, zähe Haut gebildet hatte. „Ööörrrrkk!“ erschall es aus meinem Munde laut in den Saal beim Anblick dieser Ausgeburt kulinarischen Vollversagens! „Wachkopp, grunzen tun bei uns die Schweine. Aber selbst für die gilt, dass bei Tisch Ruhe herrscht“, entgegnete die Wärterin mit giftiger Stimme. Ja, Schweine hätten, wenn alle Fressalitäten hier ebenbürtiger Qualität waren, allen Grund gehabt, vor Zufriedenheit laut zu grunzen. Aber das durfte nicht laut ausgesprochen werden. Nur still gedacht. Aufessen musste man, was immer es war. Das war Zwang. Und wenn jemand von uns dammelte, denn setzte sich die Wärterin zu ihm an den Tisch und verharrte dort so lange, bis der Nachzügler den Schleimfraß runter gewürgt hatte. Sei es auch schon zum dritten Mal. Ihre Geduld war in diesem Punkte sagenhaft. Aber solche Behandlung war ich doch als Adelssohn gar nicht gewohnt. Protestieren konnte ich allerdings auch wieder nicht, weil man dann ins Bett geschickt wurde. Schon morgens! Sowas gehört sich nicht! Find ich. Essen darf kein Zwang sein, denn dann ist es ja kein Vergnügen mehr. Aber es sollte auch gar kein Vergnügen für uns sein, sondern das Essen diente einzig und allein dem Zweck, uns dick zu machen. Wir wurden in dieser staatlich subventionierten Mastanstalt wie seelenlose Körper behandelt.
Aber jetzt wundert sich der Leser, wie ich denn da überhaupt reingeschlittert bin, denn diese Mastanstalt war doch nicht mein natürlicher Platz im Dasein. Emil ist schließlich keine Weihnachtsgans. Das war so, ich war verschickt. Vom Schullandverein, auf Staatskosten. Das muss 1887 muss das gewesen sein. Das käme gut hin, denn da war ich fast 14 Jahre alt. Ich war damals so veranlagt, dass alles was umsonst war, das nahm ich dankend entgegen. Und wenn’s bloß ein rostiger Nagel war. Wenn aber etwas was kostete, denn war ich immer ehrer misstrauisch. Na ja, so muss ein Bauer sein, wenn er auf einen grünen Zweig kommen will. Jedenfalls fand der besorgte Schularzt, dass ich zu spiddelig war. „Kriegst denn to Huus nix to freten?“ „Nur sehr wenig“, piepste ich mit schwacher Stimme, denn meine transzendentale Intuition flüsterte mir, dass es hier etwas abzusahnen gab. „De Adel ward ook ümmer knickeriger. Wo schall dat bloot maal ennen? Ik kann doch nich all de aristokraatschen Hungerleider ümmerto verschicken“, lamentierte der Arzt und schickte mir für sechs Wochen zum Abfüttern nach Kellenhusen an die Ostsee. „Ist das umsonst?“ „Du warst ook maal so’n richtigen puritanschen Knickerbüdel“, polterte der Herr Doktor. „Ja, dat is ümsünst. Un nu hau af, Wachkopp, ehr ik mi dat anners överleggen do.“
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emilwachkopp
antwortete am 14.07.08 (01:42):
Na ja, ich war damals wull tatsächlich ’n beten fipsig. Aber jetzt entdeck ich gerade, dass mit meinen Aufzeichnungen ins Tagebuch irgendwas nicht ganz geheuer ist. Ich kann doch nicht nur vierzehn Zentimeter lang gewesen sein und trotzdem ganze 14 Pfund gewogen haben. Da stimmt doch was nicht! Bei dem Übergewicht wäre ich ja bewegungsunfähig gewesen. Nein, hundertvierzehn Zentimeter und 14 Pfund: so muss das gewesen sein, auch wenn mir das immer noch büschen Spanisch vorkommt. Jedenfalls war meine körperliche Verfassung der Grund dafür, dass ich auf Staatskosten gemästet werden sollte. Wie Hänsel und Gretel schon lange vor mir. Bloß dass ich nicht im Käfig sitzen musste.
Stattdessen saß ich nun wie gelähmt auf meinem Stuhl und starrte trübselig den elendigen Manschkram an, den ich in mi rinzuschüffeln hatte. Dem vorausgegangen war mein erschrockenes „Öööörrrrkkk!“, das ich – zum Leidwesen der Wächterin – wieder einmal nicht unterdrücken konnte. Aber was sich da in meinem Teller befand, das war gänzlich undefinierbar. Ich sah – mit betrübtem Blick – auf die kleinen Fettinselchen, welche an der Oberfläche der desolaten Brühe herum schwammen. Tief auf dem Meeresgrund entdeckte ich ein kleines Stückchen Wurst von der Größe einer Ameise. Demnach war das hier wull eine Art von Wurstsuppe. Bloß eben fast ohne Wurst. Falls das nun wirklich ein Stückchen Wurst war und nicht eine Ameise. Dann wäre es Ameisensuppe gewesen. Die soll sehr nahrhaft sein, hat mir mal ein Koch mit alternativen Vorstellungen bezüglich zweckmäßiger Ernährung verraten.
Wenn nicht gefressen wurde gingen wir spazieren. Morgens in den Wildpark. Nachmittags, nach dem Mittagsschlaf, am Ostseestrand. Ja, wie Rentner hat man uns behandelt. Ich sagte mir damals schon, dass die, die diesen Quatsch organisiert haben, nichts von Kindern verstehen. Mit Kindern macht man keine Spaziergänge. Man lässt sie einfach von der Leine und sie bewegen sich ganz von selber. Außer Du schenkst ihnen einen Kompjuter. Denn hast Du sie auch schon verdorben. Denn dann sitzen sie nur noch auf dem Ar.. in ihrem Zimmer rum und kloppen die Tasten. Und denn hast Du das hier bald wie in Amerika, wo zehnjährige Kinder schon eine drittel Tonne wiegen. Und ihre verfressenen Eltern das Dreifache. Das sind mir schöne Vorbilder. Nur fressen in Kopp. Kein Wunder, wenn die Kinder bekloppt werden.
Ich hab mal – meist aus Jux – ausgerechnet, wie viel Land ich besitzen müsste, um den Wachkoppklan zu ernähren, wenn alle seine Mitglieder auch so verfressen wären wie die tonnenschweren Amerikaner. Ganz Schleswig-Holstein und halb Niedersachsen müsste ich besitzen, nur um uns Fresssäcke zu ernähren. Sowas gehört sich nicht, so viel Land in Besitz zu nehmen. Man soll nie ramschen. Denn schon ehrer büschen mäßiger fressen. Find ich. Jedenfalls bin ich durch diese Rechnerei auf eine geniale Idee gekommen, falls ich mir – meiner vorbildlichen Bescheidenheit zum Trotz – ein wenig Selbstlob spenden darf. Nicht die Hungerhaken sollte man verschicken. Nein, die Fresssäcke! Das ist meine hervorragende Idee. Und das ist, weil ich doch damals in sechs Wochen sieben Pfund abgenommen habe und – falls auf meine Notizen Verlass ist – sogar noch zwanzig Zentimeter kleiner geworden bin. Als ich die Mastanstalt verließ, wog ich sechs Pfund und 199 Gramm und war nur noch 94 Zentimeter lang. Von der Mastanstalt zum Zug und vom Zug nach Hause musste man mir auf einer Bahre tragen, weil sich meine Beine wie Spaghetti anfühlten. „Hebbt se di denn nix to freten geven?“ polterte mein erboster Vater. „Nur wenig“, piepste ich mit schwacher Stimme und freute mir auf die kulinarischen Meisterwerke, mit denen unsere Köchin mir aufpäppeln würde.
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