pamina
begann die Diskussion am 21.01.07 (23:00) :
Meine Nichte hat ihren 6-jährigen Sohn, meinen Großneffen, in einer Montessori-Schule angemeldet. Ich habe nur eine allgemeine Vorstellung von dieser Padagogik und nach Google-Recherchen habe ich so meine Bedenken.
Hat jemand von Euch eigene Erfahrung mit dieser Schule und dieser Padagogik?
Ich wäre Euch für einen Rat dankbar.
Gerdi
antwortete am 22.01.07 (05:34):
In der Nachbarschaft beobachtet: selbständig gemachte Kinder, antiautoritär eingestellt.
Lissi
antwortete am 22.01.07 (13:57):
Gute Idee Kinder zur Selbständigkeit heranwachsen lassen.Es heißt auch, dass solche Kinder frecher sind, finde ich gut! Es heißt ja auch, dass in jeder Frechheit ein Funken Wahrheit steckt. Pamina,vielleicht ist es Dir eine Hilfe,wenn Du zu regelmäßigen Elternabenden mitkommst, wo Du auch Bedenklichkeiten aussprechen kannst. Bei Montesori ist das sogar erwünscht. Vorweg aburteilen würde ich niemandem empfehlen, gerade wenn es um Kindererziehung geht.Dem ganzen eine Chance geben finde ich besser. Jeder muß in seinem Leben seinen eigenen Weg gehen.Nicht jeder muß dabei die gleichen Erfahrungen machen. So dürfen auch die heutigen Omas, Opas,etc.lernen mit rotzfrechen Kindern umzugehen.Der "Rotzige" macht schnell Kehrtwendung,wenn er spürt und hört, dass ich die Oma ihn fair begegne, und ihm in fairem Ton dauzu auch Fragen stelle, ich erlebte schon öfters, das beeindruckt.
Felix
antwortete am 22.01.07 (14:18):
Hallo pamina,
als ausgebildeter Montessori-Lehrer und einstmaliger Begründer und Leiter einer Montessori-Schule in Basel kann ich dir durchaus einiges über diese Pädagogik sagen. Vorausschicken möchte ich aber, dass eine Pädagogik immer nur so gut ist, wie diejenigen, welche sie ausüben! Im Zusammenhang mit der Montessori-Pädagogik habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht:
positiv: - Erziehung zur Selbsttätigkeit und Selbständigkeit. - Die Lehrperson lehrt nicht, sondern begleitet das Kind als "Geburtshelfer" beim individuellen selbstgewählten Lernprozesses. - Weitgehende Berücksichtigung des individuellen Lerntempos und der bevorzugten Lernmethode. - Gezielte Schulung und Ausdifferenzierung aller Sinnesleistungen (Begreifen wird z.B. wörtlich als mit den Sinnen erfassen verstanden!) - Integrationsmöglichkeit unterschiedlicher Begabungen und Entwicklungsstadien in derselben Lerngruppe (auch einzelne behinderte Kinder sind integrierbar!) - Förderung der Neugierde, der Entdeckerfreude und des Forschertriebes im Kind. - Verwendung edler genialausgedachter Lehrmittel, die dem Lernenden selbstersichtlich zeigen, ob er richtig oder falsch gearbeitet hat (Selbstkorrektur!)
negative Aspekte: - Als kostenpflichtige Privatschule wird sie oft zur Sonderschule für Kinder, die in Regelschulen Mühe haben. - Auch hier wie bei der Rudolf Steiner-Pädagogik gibt es die ewiggestrigen Puristen, die alles ablehnen, was nicht ursprünglich von Maria Montessori (1870-1952) stammt. - Für Kinder, die hyperaktiv sind und sich kaum konzentrieren können (z.B.POS) nur bedingt geeignet. - Bei uns fehlen oft die weiterführenden Schulen bis zur Universität. In Basel gibt es zur Zeit nur noch Montessori-Kindergärten.
Gerdi
antwortete am 22.01.07 (14:38):
Guten Ausführungen, Felix -, dennoch würde ich Montessori-Schulen nicht mit den Freie-Waldorf-Schulen vergleichen wollen.
Felix
antwortete am 22.01.07 (14:41):
Erlaubt mir noch eine Bemerkung zum Verhalten von Kindern aus Alternativschulen.
Diese Kinder stammen oft aus Familien, die sich selber eher alternativ verstehen und oft einen eher antiautoritären Erziehungsstil pflegen. Auch in der Montessori-Pädagogik gelten die üblichen Anstandsregeln. Respekt, Höflichkeit, Rücksichtsnahme werden gepflegt und auch verlangt. Frechheiten, vorlautes respektloses Verhalten wird höchstens von unfähigen oder hilflosen Pädagogen gedultet. Die von dieser Pädagogik geforderte Selbsttätigkeit ist nur in einer ruhigen disziplinierten Atmosphäre überhaupt durchführbar!
Das Problem hat eher mit meinem als von mir als negativ aufgeführten Umstand zu tun, dass Alternativschulen zu Sonderschulen degradiert werden, in welchen Kinder zusammenkommen, die in Regelschulen untragbar wären!
Felix
antwortete am 22.01.07 (14:46):
Gerdi ... und bitte führe aus, weshalb sich diese Schulen nicht vergleichen lassen, obwohl mir der Unterschied im zugrundeliegenden philosophischen Ansatz durchaus bewusst ist!
Gerdi
antwortete am 22.01.07 (16:21):
Felix, hier meine Meinung wie gewünscht.
F ü r m i c h ist Rudolf Steiner zu absolut in seiner Verneinung jeglicher Autoritäts-Notwendigkeit. Aus dieser totalen Freigabe für individuelle Verhaltensweisen Heranwachsender können keine verbindlich-toleranten Menschen hervorgehen, sondern eher nur Egozentriker und Egoisten.
Dagegen ist das pädagogische Prinzip in den Montessori-Schulen eine Betreuung durch Autoritäts-Personen (Eltern, Lehrer) am heranwachsenden Kind ohne jeglichen persönlichen Meinungsdruck, eben eine helfende Hinführung zur Selbständigkeit freundlicher Art.
Felix
antwortete am 22.01.07 (17:12):
Rudolf Steine setzte sich mit Recht für die echte Autorität ein. Nicht eine auf Grund des Alters oder der Funktion. Diese Meinung vertrete ich auch ... wobei Respekt wieder etwas anderes ist!
Zitat: http://www.waldorfsuedost.de/
"Echte Autorität setzt ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler voraus. Rudolf Steiner betont, dass es "unendlich wichtig" sei, dass das Grundschulkind an dem Erzieher bzw. Lehrer "eine selbstgewählte, freiwillig gewählte Autorität empfindet". Dazu muss sich der Lehrer erst als würdig erweisen. Eine autoritäre Haltung ist diesem Ideal diametral entgegengesetzt. Bereits Rudolf Steiner hatte vorgeschlagen, den Lehrerberuf dadurch immer wieder an das Leben heranzuführen und damit dem "Burn-out-Syndrom" entgegenzuwirken, dass in einem Sabbatjahr der Lehrer z.B. in wirtschaftlichen Berufen arbeitet."
Oben aufgefordert von Felix, mich dazu zu äußern, weshalb ich große Unterschiede zwischen Steiner und Montessori sehe, bezog ich mich zunächst lediglich auf das Schulische, d.h. auf die unterschiedlichen Auffassungen über Lehrmethoden am heranwachsenden Kind.
Aber auch mit der Anthroposophie Steiners kann ich mich nicht anfreunden. Vielleicht liegt es daran, daß ich mich (hobbymäßig interessiert) sehr unseren heutigen Hirnforschern anschließe.
Anthroposophen sprechen viel von „Seele“ und einem Daseinszustand nach dem Tod, in dem der Mensch sich auf künftige Inkarnationen auf der Erde - durch Verarbeitung von Erlebtem vor seinem Tod - vorbereitet. Ich weiß natürlich nicht, inwieweit (auch heute noch) in den Waldorf-Schulen diese Anschauungen gepredigt und zur Vorschrift gemacht werden, aber mein Kind würde ich persönlich einer solchen „Erziehung“ nicht aussetzen wollen. Zu Steiners Zeiten um 1900 mögen solche Thesen als „moderne Erkenntnisse“ durchgegangen sein. Für den Stand der Wissenschaft heute sind sie für mich nur mehr verwertbar als eine Art Glaubensbekenntnis, das ich für mich aber nicht ablegen kann.
pamina
antwortete am 23.01.07 (13:06):
Liebe Lissi, liebe Gerdi, lieber Felix,
habt ganz herzlichen Dank für Eure ausführlichen, kenntnisreichen Kommentare. Ich sehe nun etwas klarer, wenn meine Bedenken auch nicht ausgeräumt sind.
Gerdi
antwortete am 24.01.07 (07:29):
pamina -, wenn es um meinen Enkel ginge: ich hätte nichts dagegen, wenn er eine Montessori-Schule (!!) besucht, aber viel dagegen, ihn auf einer Waldorf-Schule zu wissen.
mart
antwortete am 24.01.07 (10:23):
100%ig einverstanden!
Felix
antwortete am 24.01.07 (18:45):
Ich habe das Gespräch über Pädagogik mit dem Thema: <Ermunterungs-Pädagogik> verallgemeinert. Vielleicht äussert ihr eure Meinung dort!
Gerdi
antwortete am 25.01.07 (07:29):
Wieso?
Felix
antwortete am 25.01.07 (20:54):
Weil es besser ist, wenn eine Verästelung oder Parallelführung eines Themas vermieden wird.
Gerdi
antwortete am 26.01.07 (06:52):
Na ja, man könnte es auch als "Auseinanderreißen" bezeichnen.
Deshalb mag ich mich dort an anderer Stelle zu diesem Thema nicht (mehr) äußern :-(. Mir fehlt es dann an Imagination.