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+++ DAS AKTUELLE INTERVIEW +++

 

  T E S T - A B O

Ausgebrannt
und aufgearbeitet im Akkord

In bemerkenswerter Wallraff-Manier hat sich der Journalist Markus Breitscheidel ein Jahr lang in Alten- und Pflegheimen umgesehen, um sich ein Bild über die Pflegesituation in Deutschland machen zu können. Der 38-Jährige schleuste sich 

als Pflegehelfer ein und nahm dabei 20 Kilogramm ab. Dr. Stefan Raab hat mit dem Enthüllungsjournalisten darüber gesprochen.

SENIORENZEITUNG: Herr Breitscheidel, bei Ihrer ersten Station als Pflegehelfer in einem Münchner Altenheim wurden Sie sogleich Schwerstbedürftigen zugeteilt. Hat Sie das überrascht? Oder empört?

Markus Breitscheidel: Das hat mich überrascht und empört. Überrascht, weil ich als Pfleger ohne jegliche Berufserfahrung sofort genommen wurde. Empört, weil man mich ohne jegliche Ausbildung Menschen, die eigentlich eine qualifizierte Pflegekraft benötigt hätten, zugeteilt hat.

 

SENIORENZEITUNG: Denken Sie, dass die in den fünf Heimen von Ihnen erlebte Vernachlässigung und Gewalt gegenüber Heimbewohnern verallgemeinert werden kann?

Breitscheidel: Die Leser, die nach der Veröffentlichung des Buches an mich herangetreten sind, bestätigen das. Wichtig sind die Rahmenbedingungen: Man hat die Pflege letztendlich industrialisiert. Die Pflege unterliegt einem System nach Zeit, was aus dem Taylorismus der Wirtschaft stammt. Das führt bereits in der Wirtschaft zu massiven Problemen bei den Industriearbeitern.

 

SENIORENZEITUNG: Sie meinen die Akkordarbeit?

Breitscheidel: Richtig. Genau. Das führt bei der Beziehung Mensch-Mensch zu riesigen Problemen. Dazu muss man sehen, dass über 3000 Pflegekräfte jedes Jahr berufsunfähig geschrieben werden. Nicht einmal in der Baubranche werden so viele Arbeitnehmer jährlich berufsunfähig. Das zeigt, was wir im Pflegebereich für Rahmenbedingungen haben. Ferner ist die Folge der Pflegeversicherung und des Pflegestufenmodells, dass ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen - und das sind die meisten - nur dann Geld am Pflegebedürftigen verdienen kann, wenn sich dessen gesundheitlicher Zustand verschlechtert. Das sehen auch Pflegewissenschaftler so.

 

SENIORENZEITUNG: Gerade in Baden-Württemberg wird davon gesprochen, dass der ehrenamtliche Einsatz vieler Menschen den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Inwiefern haben Sie engagierte Bürger kennen gelernt?

Breitscheidel: Viel zu wenig. Der ehrenamtliche Einsatz müsste intensiver werden, um die soziale Unterversorgung der Menschen aufzufangen. An einem Tag habe ich das erlebt, und dann hat der Pfleger es mit einem Bewohner zu tun, der ausgeglichener ist, und die reine Pflegearbeit ist dann bei weitem leichter als mit einem vernachlässigten Bewohner.

 

SENIORENZEITUNG: Was muss in der Pflege anders werden, so dass sich jeder dort wohl fühlen kann? Können Sie die wichtigsten Punkte nennen?

Breitscheidel: Das Erste wäre einmal, offen mit dem Thema "Pflege" umzugehen. Mittlerweile habe ich von Pflegekräften 1500 Briefe erhalten, die von Angst und Depression geprägt sind. Es besteht massive Angst vor der Veröffentlichung des eigenen Namens, weil die Pflegekräfte um ihren Arbeitsplatz fürchten. Richtig und wichtig wäre die Anerkennung der Zivilcourage kritischer Pflegekräfte. Deren Namen tauchen stattdessen auf schwarzen Listen auf, so dass sie nach ihrem Arbeitsverlust durch kritische Meinungsäußerungen keinen Arbeitsplatz mehr finden. Das ist ein Skandal! Er zeigt, dass die Missstände nicht nach Außen getragen werden sollen.

Zweitens wären die Rahmenbedingungen in der Pflege zu verändern: Weg von der Akkordarbeit! Drittens sollte kein Heim mehr gebaut werden, dass mehr als 20 Plätze für Bewohner bietet. Das geht am Bedarf vorbei. Wenn Sie nach Skandinavien gehen, wird Ihnen das jeder Fachmann bestätigen. Auch die Pflege zuhause, das ist wohl die wichtigste Forderung, muss finanziell genauso unterstützt werden wie die Unterbringung im Heim. Alternativen wie Alten-WGs, Tagespflegestätten oder Mehrgenerationenhäuser haben momentan keine große Möglichkeit, sich durchzusetzen. Im Moment ist das etwas für Besserverdiener, die dazu zahlen können und nicht vom Sozialamt abhängig sind.

 

SENIORENZEITUNG: Vielen Dank für das Interview, Herr Breitscheidel.

 

Die Langfassung des Interviews können Sie in der Seniorenzeitung Baden-Württemberg nachlesen. Fordern Sie die Januar-Ausgabe 2007 an!

 

Zur Person
Markus Breitscheidel, Jahrgang 1968, studierte Wirtschaftswissenschaften, bevor er zum Marketingleiter einer Werkzeugfirma aufstieg. Hier hatte Breitscheidel eine 65-Stunden-Woche und ein ausgefülltes Leben. Erst als es seine Aufgabe war, Mitarbeitern die Kündigungen auszusprechen, begann die Entfremdung vom Job. Seine Begegnung mit Günter Wallraff, mit dem Breitscheidel an einem Nachmittag mehrere Stunden über seine Sinnkrise sprach, bestärkte ihn darin, undercover als Pflegehilfskraft zu arbeiten und die tatsächliche Pflegesituation in Deutschland zu recherchieren.

 

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