Zur Seniorentreff Homepage
Google
Web  ST 

Aktuell Grußkarten ChatsPartnersucheFreundeKleinanzeigenLesenReisen ShopHilfe



Archivübersicht

Vorlesefunktion den ganzen Text zum Thema vorlesen

THEMA:   Reiche, Hungerhaken und Moral

 8 Antwort(en).

emilwachkopp begann die Diskussion am 23.06.07 (01:26) :

Die Reichen sind auch nicht immer besser. Früher glaubte ich das noch, aber heute – wo ich geistlich schon büschen ausgereifter bin – nicht mehr. D.h. genau genommen glaubte ich das bis zum 30. November des Jahres 1903. An dem Tage wurde der Theophil Schröpfer, was der Sohn des Geheimrats Dr. Gottlob Schröpfer war, 15 Jahre alt. Trotz seiner vorzüglichen Abstammung besoff er sich aber dermaßen an diesem feierlichen Tage, dass er beim Gang zur Toilette eine Sturzlandung machte, auf die Tafel krachte und diese unter seinem mächtigen Gewicht zertrümmerte. Nicht der Sohn, der war damals noch nicht so massiv. Sondern der Vater. Das war’s ja gerade. Jedenfalls sah es nach diesem Ausrutscher im vornehmen Salon der edlen Bürgerfamilie Schröpfer aus wie nach einem Terrorattentat. Auch meine Weltanschauung war in Stücke geschlagen.
Zwei Tage zuvor wurde der arme Sohn des armen Schuhmachers und Hungerhakens Fridobald Wetzer, was der Humbert Wetzer war, ebenfalls fünfzehn Jahre alt. Und obwohl die Feier in einem dunklen Kellerloch, anstatt in einem hell erleuchteten Salon, stattfand, ließ sich der Prolet Wetzer, obwohl auch er ganz schön kelchte, im Laufe von geschlagenen fünf Stunden nichts Schlimmeres zuschulden kommen als einen einzigen schlecht unterdrückten Rülpser. Dass er sich zwischendurch entweder in die Ärmel oder in die Weste rotz…, wollt sagen schnäuzte, anstatt in ein seidenes Taschentuch, das kannst Du ihm schon deshalb nicht ankreiden, weil das damals in Übereinstimmung mit proletarischer Kultur und kein Verstoß gegen diese war. Aber, weil man im Suff die Kontrolle über sein gewaltiges Körpermassiv verloren hat, die eigne Tafel zu zertrümmern, das verstieß damals schon gegen gutbürgerliche Sitte. Na ja, vielleicht nicht generell, aber sag mal so ab oberster Mittelschicht und aufwärts. Je höher auf der Hühnerleiter man sich befand, desto seltener sollte so etwas vorkommen; wofür es aber keine verbindlichen Beweise gibt.
Oder nümm den Film, den ich kürzlich ins Fernsehen gesehen habe. „Feux rouges“ hieß er. Der Film, mein ich. Vielleicht hab ich den in TV5 gesehen. Genau kann ich das schon deshalb nicht wissen, weil ich noch so einen alten Fernseher habe von 1957, der gar nicht richtig anzeigt, welchen Kanal er beim Wickel hat. Und wenn er seine Mucken hat, denn wechselt er den Kanal ganz von allein und ich kann denn auch nicht immer sagen ob das, was ich gerade sehe, zum Vorhergehenden gehört oder ob ich inzwischen einen Frequenzhüpfer gemacht habe und in ganz neuen Bahnen denken muss.
Jedenfalls war er, mit seiner Frau, im Auto unterwegs nach Bordeaux. Und was macht der Kerl? An jedem Rastplatz und an jeder Tankstelle hält er an und säuft einen! Bis er nachher im Dusel auch noch in die verkehrte Richtung geigt. Und das alles, obwohl er gar kein Arbeiter war, sondern höherer Angestellter. Da kann man mal sehen, dass auf die auch kein Verlass ist, obwohl die in Deutschland ihre eigne, höchst exklusive, Krankenversicherung haben, wo für einen nüchternen Arbeiter gar kein Rankommen ist. Wer soll denn später mal für die ihre Leber aufkommen? Die ist denn wahrscheinlich auch noch so geschrumpft, dass man sie nur noch im Mikroskop erkennen kann.
Natürlich fuhr der Suffkopp endlich gegen einen Baum, damit das Theater mal ein Ende hatte. Es kann aber auch sein, dass das schon wieder in einem anderen Kanal war. Jedenfalls verstehe ich die Frauen gar nicht, die mit solchen Sumpfhühnern auch noch auf Reisen gehen.


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 23.06.07 (01:28):

Bei mir ist das alles anders, weil ich Adel bin. Beim Adel kommt das immer darauf an, ob Du ehrer ritterlich oder ehrer kirchlich angehaucht bist. Die Kirchlichen sollten nicht einmal an einer Malzbierflasche schniefen, weil man dann schon um ihre Seele bangt. Die Kirchlichen sind aus einer Welt- und Lebensangst hervorgegangen, die sie wohl zu überwinden gedachten, die aber das tragende Motiv ihres Weltbildes verblieben ist. Das Rittertum hingegen ging unvermittelt aus dem Barbarentum hervor und ist gleichzeitig eine sublime Abkehr von diesem. Aber so wie ein Verbrecher gewohnheitsmäßig zum Tatort wiederkehrt, so kehrt auch der Abgekehrte gern mal zum Ort seiner geistigen Zeugung zurück. Deshalb ist das unter Ritterlichen erlaubt, dass man im Rausch mal den ganzen Salon zertrümmert oder gelegentlich eine Orgie feiert. D.h. wenn keine Frauen zugegen sind. Ich meine: bei normalen Orgien ja, aber bei Zertrümmerungsorgien nicht. Wenn nümlich keine normale Orgie ansteht, denn muss man sich Frauen gegenüber höfisch gebärden und darf nicht so ungehobelt auftreten. Man muss dann auch immer auf seine Ausdrucksweise Acht geben.
Ich weiß das deshalb alles so genau, weil ich so geschult worden bin. Die Bürgerlichen haben unsere schöne Moral ganz auf den Hund gebracht, aber in mir lebt diese einzige akzeptable Doppelmoral noch. Ich mag sie, denn sie ist der säkularisierte Spiegel des religiösen Weltbildes: Licht und Dunkel. Im Lichte verstellt man sich, im Dunkeln bekennt man sich zu seiner wahren Natur und kompensiert sich etwas barbarisch für die Anstrengung, die die Verstellungskunst im Lichte erfordert.


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 23.06.07 (08:48):

Lieber Emil, Dich hier zu lesen, freut mich ganz besonders.
Dieser Fernseher ist ein Goldstück, Du solltest ein Patent anmelden und so etwas neu - aber mit den Eigenschaften des Deinen- konstruieren. Es wäre das Modell für alle, die geistig flexibel bleiben wollen, also eine Art von Gehirntraining ganz ohne Stift und Papier.

Und dann noch eine ganz persönliche Frage - wo bleibt der Landadel ? oder wo siedelst Du diesen an ? Es wäre wichtig für mich :-))


Vorlesefunktion  kropka antwortete am 23.06.07 (09:00):

Lieber Emil, liebe Wanda, Mea, du Nachtvogel und und und.. IHR macht mir das nicht einfach mit der Trennung.. wenn auch nur für einen Sommer lang... :-(


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 23.06.07 (16:11):

"Und dann noch eine ganz persönliche Frage - wo bleibt der Landadel ? oder wo siedelst Du diesen an ? Es wäre wichtig für mich :-))"

Wanda,

genau genommen im Museum. Das Museum ist im Grunde genommen ein reines Wunderwerk, denn es erhält ehemals Lebendiges in weder lebendigem noch ganz totem Zustand. Die Natur kann das allerdings auch. Das Fossil ist der weder lebendige noch tote Beweis dafür. Ich betrachte wohl den Rest meiner Wanderung durchs Leben als eine Art von schleichender Fossilierung.


Vorlesefunktion  Vera antwortete am 23.06.07 (18:58):

Mache gleich ein großes Kreuz im Kalender: Heut ist Emilwachkopp-Tag.

Danke für das lang ersehnte Vergnügen.


Vorlesefunktion  eleisa antwortete am 23.06.07 (21:47):

Grüß Dich lieber Emil,(freu)
Du hast alles mal wieder auf den Punkt gebracht...


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 24.06.07 (00:52):

Liebe Wanda,

erst jetzt verstehe ich Deine Frage richtig und will sie wie folgt beantworten. Ich wohne heute in einem bürgerlichen Haus in einem bürgerlichen Milieu. Da kann ich doch meine aristokratischen Privilegien nicht dahingehend gebrauchen, dass ich da Rabatz mache, indem ich Zertrümmerungs- oder sittlich ganz legitime Orgien feiere. Ich könnte ja hinterher meiner bürgerlichen Umgebung gar nicht richtig klar machen, dass ich darf was die nicht darf. Eigentlich ist das ja, einer höheren Ordnung gemäß, so, aber ich wage gar nicht darüber nachzudenken, wie schief die kleinbürgerlichen „Spießer“ mich nach solchen Exzessen ansehen würden. Die können nümlich gar nicht wissen, dass das alles seine Ordnung hätte, weil die nicht richtig aufgeklärt sind.
Ich bin kein Kommunist und habe deswegen auch nicht das Geringste gegen die Bürgerschicht, solange sie sich büschen ordentlich aufführt. Es ist bloß eben so, dass die mir etwas komisch vorkommt. Irgendwie büschen unaufgeklärt. Aber das ist wohl meine Adelserziehung, die sich selbst durch meine mir zeitweise aufgezwungene Proletarisierung nicht ausbügeln ließ.

Liebe Grüße an alle und einen schönen Sommer wünscht Euch Emil. (Oder gibt es in der Schweiz gar keine Sommer?)


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 24.06.07 (08:14):

hallo emil, Deine zweite Antwort beruhigt mich - zum letzten Satz - ich komme aus Schlesien und wohne in Niedersachsen - also, mit dem letzten Eintrag bin ich zufrieden.
Dem ersten muss ich widersprechen. Das Museum ist etwas Wunderbares, für mich ist aber alles dort in einem überwiegend toten Zustand, es wird nur in den Köpfen der Besucher lebendig und so möchte ich den Landadel doch lieber in der Geschichte ansiedeln, so wie ich auch einst nur noch Geschichte sein werde, wenn die Kinder und Enkel sich unterhalten.
Ich habe auch nichts gegen die Bürgerschicht, aber das war ja auch nicht der Landadel. Wenn er klug handelte, verbürgerte er sich und oft handelte er klug. Beim Proletariat weiß man immer was man hat und vor allen Dingen spielt da die Emanzipation auch noch nicht so eine große Rolle. Einen schönen Sonntag wünscht Dir wanda


kropka, ich wünsche Dir eine schöne Zeit, auch ohne uns und komm gesund wieder. LG wanda