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THEMA:   Richtige am falschen Platz oder umgekehrt?

 12 Antwort(en).

emilwachkopp begann die Diskussion am 29.06.07 (03:21) :

Hermann Wanze hieß er. Und das obwohl er mindestens 1,95 groß war. Aver ik segg mi ümmer: Sein Name kriegt man, wenn man noch klein und es noch gar nicht sicher ist, ob das überhaupt der richtige ist. Nümm mir als Beispiel: Ich heiß von Wachkopp, war aber in die Schule eine richtige Schlafmütze. Oder Wilbert Dorfmann, der lange mein ärgster Mitstreiter um das schlechteste Zeugnis der ganzen Schule war. Der ist, sobald er flügge war, ab in die Großstadt. Und denn wunder sich noch ein über, dass der kleine Hermann Wanze ein Riese wurde! Wo man sich so wenig auf Namen verlassen kann.
„Der Hermann Wanze wird nicht alt in unseren Betrieb.“ Das sagte ich, Emil von Wachkopp, schon am selben Tag wo der Hermann in unserer Brauerei anfing. Ins Lager. Als Lagerarbeiter. Unter meiner Leitung: Emil, dem Oberlagervorsteher.

„Wer bist du denn“, fragte ich.
„Ich bin Hermann Wanze, der Neue.“
„Und warum kommst du jetzt erst angekrabbelt?“
„Wieso?“
„Die Uhr ist elf, aber hier wird gewöhnlich um sieben angefangen.“
„Ich hab nur mal kurz vorher noch eine geraucht.“
„Kurz ist gut. Na ja, ich bin Emil, dein Chef. Du musst mir immer schön gehorchen, dann wirst du es weit im Leben bringen.“
„Tag auch, Emil. --- Du sag mal, Emil, wieso trägst du auf die Arbeit eigentlich eine Perücke? Hest’n Kahlkopp?“
„Nein, ich bin Adelsmann. Das ist eine Adelsperücke.“
„Donnerwetter!! --- Du sag mal, Adelsemil, ganz ins Vertrauen gefragt. Wo kann man sich denn hier bei Bedarf mal büschen lang machen?“
„Was meinst du denn damit?“
„Na, wo man hier mal’n Augenblick knacken kann.“
„Segg maal, hest du’n Tüderworm in’n Bregenkassen? Du bist hier nicht zun Pennen, sünnern üm to arbeiden.“
„Na ja, das natürlich auch. Aber ich bin augenblicklich nicht richtig einsatzfähig, weil ich erst mal sch … [austreten] gehen muss.“
Um zwölf Uhr fand ich ihn ungeduldig am Mittagstisch in der Kantine. „Ach, hier bist du.“ „Ja. Sag mal, wann ist hier eigentlich mal Mittagspause?“ „Jetzt.“ „Jetzt erst? --- Und wie lange ist Pause?“ „Eine dreiviertel Stunde.“ „Mehr nicht?“ „Na, so maak man wieder, Kolleeg. Mit die Einstellung büst bold wedder buten.“

Nach der Mittagspause war Hermann nirgendwo aufzufinden. Auch auf der Toilette nicht, wo man ihn am ehesten vermutet hätte. Ich bin dann den Rest des Tages selbst nicht mehr zum Arbeiten gekommen, weil ich ihn überall gesucht hab. Am nächsten Morgen war an Arbeit auch nicht zu denken, weil Hermann immer noch nicht aufgetaucht war. Um halb Zwölf kam er müde angelatscht. „Morgen, Adelsemil.“ „Morgen ist lange her. Na, wieder kurz eine geraucht?“ „Es ist schauderhaft, Adelsemil! Ich könnt mir hinsetzen und den ganzen Tag nur rumheulen.“ „Ja, was hast du denn?“ „Keine Zigaretten mehr.“ „Du milder Himmel!“ „Du Adelsemil, kannst du dich nicht meiner erbarmen und mir ’ne Mark leihen?“ „Na, dat fangt jo wedder schöön an.“ „Danke, ich zieh mir bloß eben Zigaretten. Bin gleich zurück.“ Gleich war um zwölf am Mittagstisch in der Kantine. Ich war dermaßen geplättet, das ich wie gelähmt, fast leblos, am Mittagstisch bis zum Feierabend sitzen blieb.


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 29.06.07 (03:25):

Als ich am nächsten Morgen pünktlich zehn vor sieben auf der Arbeit erschien, fühlte ich mich lustlos, gemartert, ja wie gerädert. Ich musste mich erst mal etwas lang machen. Hermann würde ja ohnehin vor Mittag nicht erscheinen. Er könnte mich dann rechtzeitig zur Mittagspause wecken.
--- „Wach endlich auf, Adelsemil.“ „Ach, da bist du ja endlich. Ist es denn schon Mittag?“ „Mittag ist gut. Es ist Feierabend.“ „Um Himmels Willen! Warum hast du mir denn nicht geweckt?“ „Weil du so niedlich geschlafen hast. Ich hab es einfach nicht übers Herz gebracht.“ „Und wo warst du die ganze Zeit.“ „Ich hab natürlich auch den Ratzemann gemacht. Was soll ich denn sonst ohne dir anfangen?“

Eine Woche – oder mehr – war inzwischen vergangen und ich fuhr mit der Taxe zur Arbeit. Obwohl ich eigentlich bloß 150 Meter zur Arbeit hatte, fühlte ich mich zu matt, um den ganzen Weg zu Fuß zu laufen. Ich hatte die letzten Nächte schlecht oder gar nicht geschlafen, denn immer wenn ich mal einschlief, träumte ich von Hermann und erwachte mit dem schrecklichen Gefühl, als läge ein Zentnersack auf meiner Brust. Das symbolisierte wohl den Berg von Arbeit, den ich eigentlich für diesen Drückeberger hätte mitmachen müssen. Der Taxifahrer schien zuerst zu denken, ich hätte einen Haschmich, denn Taxifahrer sind innerlich immer auf etwas längere Fahrten eingestellt. Er änderte aber seine Auffassung, als er meinen betrüblichen Zustand bemerkte. Nicht dass er mich ins Lager hineintragen musste. Es genügte, dass er neben mir ging, so dass ich mich auf ihn stützen konnte. „Ruh dir man erst mal schön aus“, sagte er gutmütig, als er mich auf meinem Stuhl am Schreibtisch abgesetzt hatte. Das hätte er aber nicht zu sagen brauchen, denn kaum war der Nachhall seines letzten Wortes in meinem Kopf verklungen, schlief ich auch schon fest. Als ich erwachte, war es dunkel. Hermann hatte mich also nicht geweckt.

Ich bastelte mir aus leeren Säcken und Schaumstoff eine weiche Matratze, die ich hinter ein paar leeren Bierfässern versteckte. Das war notwendig, denn mir schmerzte der Rücken und ich konnte nur noch auf der Arbeit schlafen. Zu Hause ließen meinen inneren Furien mich nicht zur Ruhe kommen, sondern scheuchten mich immer wieder unarmherzig aus dem Schlaf. Vielleicht war es auch, weil die Luft in meinem Lager dicker war und ein wenig nach Honig roch. Sie legte sich wie Balsam auf meine rastlose Seele und machte mich müde. Hermann weckte mich nicht mehr. Das war auch gar nicht nötig, weil ich irgendwann ohnehin immer von allein aufwachte.


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 29.06.07 (03:28):

Der Frühling war wärmer als gewöhnlich und ging darum ganz unmerklich in den Sommer über. Der Herbst kam mit scheußlichen Gewittern und heftigen Stürmen. Aber mir war, als würde mich das alles gar nichts mehr angehen. Es hatte sich eine Distanz zwischen mir und der Welt dort draußen gebildet, die mich zwar stumpfsinnig machte, mir aber gleichzeitig inneren Frieden gab. Als der erste Schnee fiel, wusste ich dass der Winter gekommen war, obwohl der Winter – wie alles andre – mir nun fremd und nicht mehr richtig verständlich war. Dies machte mir Angst, denn ich fühlte, dass ich auch mir selbst fremd wurde, dass meine Existenz mit dem sich ständig vergrößernden Abstand zu den Dingen erlosch.

Die Rettung kam mit der Kündigung, die ich gleichgültig hinnahm wie etwas, das ich lange erwartet hatte und das anders gar nicht hätte sein können. Man mag es Schicksal oder eigenes Verschulden nennen. Den Unterschied hätte ich nicht verstanden. Nicht die Kündigung an sich, sondern die Begründung wirkte vitalisierend auf mich, denn sie kitzelte meinen Humor und weckte ihn zu neuem Leben. Es hatte sich seit Jahren in meiner Abteilung nichts mehr bewegt. Nichts war hinausgegangen, nichts war hereingekommen. Und was sich dort schon befand, war längst vergammelt und für jeden Zweck unbrauchbar geworden. Trotz meines vernebelten Zustandes sah ich ein, dass ein Unternehmen eine so hoch entwickelte Ineffektivität nicht tolerieren darf, weil der Sinn des Unternehmertums sonst unklar würde. Die Kündigung wurde mir von jemandem überreicht, den ich nicht kannte. Es musste ein Nachfolger gewesen sein.

Hermann Wanze bekam meinen Posten als Oberlagervorsteher und mauserte sich dadurch vom Arbeiter zum Angestellten. An seine Seite stellte man ihm einen kleinen, untersetzten, emsigen Klotzer, der sich wohler fühlte, je mehr er schuften durfte. Obwohl er damit offene Türen eintrat, erlaubte er dem Hermann gar nicht, ihm zur Hand zu gehen. Er befürchtete, die Arbeit könne nicht ausreichen und er würde überflüssig. Wenn jemand sich erdreistete, in seiner Nähe zu arbeiten, wie geringfügig die Beschäftigung auch war, so verjagte er ihn unverzüglich und nahm ihm die Arbeit aus der Hand. Hätte es in seiner Macht gestanden, wäre die gesamte Belegschaft – mit Ausnahme seiner selbst – sofort entlassen worden und er hätte sämtliche Tätigkeiten selber übernommen. Aber nicht einmal dann hätte er sich selber bewiesen, was er der ganzen Welt beweisen zu wollen schien.
Hermann konnte beruhigt nicht nur meinen Posten, sondern auch meine Matratze übernehmen, ohne dass dies schlimme Folgen haben würde. Ich lernte daraus, dass man die Menschen richtig kombinieren und jedem den rechten Platz zuweisen muss. Wer aber der Richtige am richtigen Platz ist, hängt beinahe mehr allen andren als von ihm selbst ab.


Vorlesefunktion  kropka antwortete am 29.06.07 (11:47):

Moin lieber Emil Adelsmann, mein Platz ist jetzt hier in deiner Nähe, auch wenn die Sonne draußen scheint :-) Ich liebe deine Geschichten und wenn ich nur deinen Namen hier sehe.. dann bist du.. hmmm.. dann bist du meine Sonne online ;-).. also.. die falsche am richtigen Platz?! Und jetzt kopiere ich deine Worte, drucke sie für mich aus und bin hier weg. Bis später bis dann. Danke. Pass gut auf dich auf bis zum nächsten mal und alles richtig Glückliche wünsche ich dir. kropka unterwegs..


Vorlesefunktion  Lars antwortete am 29.06.07 (13:11):

Tolle Geschichten Emil, gibts doch hier im "Alten" lustiges zu lesen?
Mach weiter so, habe leider nicht so viel Fantasie wie du!


Vorlesefunktion  Vera antwortete am 29.06.07 (23:31):

Ach Emil, hab ich heute einen Glückstag!!
Erst glückliche Gefühle im Familienleben heute und nun zum krönenden Abschluß eine Erzählung von Dir. Muß heute gleich zwei Kreuze im Kalender machen.

Vera, die Glückliche.


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 30.06.07 (09:21):

danke emil - also mit der Fantasie, die hätte ich vielleicht, die Menschenkenntnisse auch - aber die inneren Furien, die sind mir abhanden gekommen und ich glaube, ohne die geht es nicht......


Vorlesefunktion  nasti antwortete am 01.07.07 (13:35):

Hallo emilwachkopp,

wieder deine bezaqubernde Geschichte lesen ist ein genuß


LG

Nasti


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 02.07.07 (02:03):

Wenn meine Geschichten ferne Sonnenstrahlen im Leben mir unbekannter Menschen sind, dann ist keine von ihnen umsonst geschrieben.
Ich muss aber gestehen, dass ich diesmal meinem Grundprinzip untreu gewesen bin, indem ich mir eine Geschichte einfach ausgedacht habe. Weil ich doch testen wollte, ob ich auch Fantasie habe. Ansonsten schreibe ich lediglich Seifendokumentationen. Und solche sind - wie bekannt - Ausdruck einer fundamentalen Verwechselung: Man hält seine ungezügelte Fantasie für Gedächtnis oder Wahrnehmung.
So ist das: Man braucht nur versuchen, die Wahrheit zu schreiben: schon spinnt man wieder.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Sommer, falls es in der Schweiz Sommer gibt. Sonst eben einen gesunden Skiurlaub.

Emil von Wachkopp


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 02.07.07 (08:05):

ja, emil - es sind Sonnenstrahlen aber so unbekannt bist Du mir nicht - keiner hier, der hier schreibt - irgendwie habe ich Euch ins Herz geschlossen und von jedem so meine Vorstellung.
Und den Sommer, den müssen wir uns auch irgendwie zaubern, wird schon werden. LG wanda


Vorlesefunktion  kropka antwortete am 02.07.07 (08:19):

ja, Wanda.. 'ins Herz geschlossen'.. das stimmt.
Heute regnet's hier. Mein Garten ist jetzt bestimmt sehr glücklich, ich weniger,
aber:
...
Man muß die Dinge nehmen, wie sie eben sind,
denn wer sich wehrt, der ist erst recht verratzt
und bleibt sein Leben lang ein Blatt im Wind,
wie mit den hundert Frauen König Salomo,
bei keiner war er seines Herzens froh.
...
(Francois Villon)
Gruß! kropka :-)


Vorlesefunktion  Lars antwortete am 02.07.07 (11:38):

Schön dass hier noch einige schreiben.
Im Moment prasselt der Regen auf das Schrägdach, unter dem ich gerade schreibe, mag das! Und auch das lesen von den Geschichten vom Emil macht Spass!
Wünsche allen einen schönen Wochenanfang, Gruss aus dem verregneten Zürich.


Vorlesefunktion  kropka antwortete am 04.07.07 (23:26):

Heute hatten wir das Wetter hier schon wieder wie im April. Eigentlich mag ich auch, Lars, wenn der Regen auf mein Schrägfenster, unter dem ich gerade schreibe, klopft und mir 'Geschichten' erzählt.. :-)
'Wir' sind hier, lieber Emil von Wachkopp, nicht in der Schweiz, aber etwa nur vier Stunden Zugfahrt von Zürich entfernt (wenn die Bahn es will). 'Wir' sind hier nah am PARADIES.. mit seinen wunderschönen 800 Jahre alten Ahorn Bäumen.. und noch näher an 'Museum der Träume', (offiziell zwar 'Kutschenmuseum' :-( genannt) aber...

'Was ist denn Zeit, was ist denn Raum
gegen einen schönen Traum..'

Dann gute Nacht und träumt schön und viele Grüße auch an Frieda sagt Ewa kropka

http://www.hinterstein.de/html/bergtouren.html

http://www.oberallgaeu-ferien.de/index.shtml?badeseetemperaturen02