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THEMA:   Leichenwagen, Verkehrsunfälle und die Zeit

 8 Antwort(en).

emilwachkopp begann die Diskussion am 13.01.08 (21:44) :

Ich merk den Altersunterschied an mir – zwischen früher und heute – schon am Autofahren. Na ja, mir wurde der Unterschied kürzlich anschaulich vor Augen geführt, weil mein Auto in einen Verkehrsunfall verwickelt war, und damit indirekt auch ich. Wir haben gemeinsam eine Ampel umgefahren. D.h. das Auto hat, und ich konnte es nicht daran hindern.
Aber der Leser braucht sich deshalb keine Sorgen zu machen, weil die Ampel inzwischen schon wieder auf den Beinen, d.h. auf dem Pfahl steht. Dass es zu diesem Unfall kam, liegt daran, dass ich mich in Hamburg heutzutage gar nicht mehr richtig zurechtfinde. Ich glaubte ganz woanders zu sein; und da, wo ich zu sein glaubte, steht keine Ampel. Deshalb war das.

Ich habe der Polizei den Fall natürlich ganz anders geschildert, damit mir nicht auf meine alten Tage auch noch der Führerschein abgeknüpft wird. Ja, nichts Besonderes. Eher die älteste Ausrede der Welt: Ich habe die Ampel nicht gesehen.
D.h. die Ampel selber ja, aber den Pfahl darunter nicht, weil das Licht der Ampel mich geblendet hat. Der Polizist, der das Protokoll aufnahm, kratzte sich die Birne. In dieser Form kannte er die Ausrede noch nicht.

Eine Grundregel für eine gesunde Lebensweise ist sich stets im Rahmen seiner Möglichkeiten zu bewegen und diesen Rahmen konsequent nicht zu überschreiten. Ich habe meine Reaktionsfähigkeit nach wissenschaftlichen Kriterien messen lassen und weiß daher, dass sich meine Latenz, d.h. die Zeit die vergeht bis ich begreife dass reagiert werden muss, vervierfacht hat. Verglichen mit früher. Um die erhöhte Latenz zu kompensieren, habe ich es mir zu Regel gemacht, in Städten und Dörfern niemals schneller als 15, auf Landstraßen niemals schneller als 25 und auf Autobahnen nie schneller als 35 zu fahren. Soll mich doch der Eine oder Andere überholen! Emil fährt langsam ins Verderben. Jedenfalls habe ich durch diese Sicherheitsmaßnahme – wenn nichts Ungewöhnliches eintrifft – Zeit genug um zu begreifen, wann reagiert werden muss. Und zum Reagieren selber bleibt mir auch noch ein wenig Zeit.

Das erinnert mich an Max Schlinge, der immer so einen schwarzen Leichenwagen fuhr. Nun ja, das war halt sein Beruf. Aber dass er den Wagen auch immer privat benutzte, fand ich ein wenig makaber. Seine Frau – die einzige, die er jemals hatte – hat gleich nach der Trauung die Scheidung eingereicht, weil Max im Leichenwagen in die Flipperwochen fahren wollte. „Der kann doch nicht ganz echt sein“, fauchte sie.
Es war als hätte sich in mystischer Weise die Starre der Ewigkeit auf Max übertragen. Vor jedem Anfang und nach jedem Ende ist die Ewigkeit. Wir wissen nicht was die Zeit ist. Wir wissen nur, dass sie nicht Zerstückelung sondern Gegenteil der Ewigkeit ist. Ewigkeit ist Bewegungslosigkeit. Zeit gibt es nur in der Bewegung. Zeit und Ewigkeit existieren gleichzeitig, nur eben in verschiedenen Dimensionen.
Es kann aber auch so sein, dass der ständige Umgang mit aus der Zeit Gefallenen eine Art von psychologisch bedingter Leichenstarre in Maxens Glieder erzeugte. Alle seine Bewegungen verlangsamten sich immer mehr. Vielleicht glaubte er, dadurch ein Stück Ewigkeit in das Zeitliche übertragen zu können. So wie wenn man etwas in Zeitlupe filmt. Jeder Ablauf dehnt sich in der Zeitdimension aus, je mehr er verlangsamt wird.
Mancher sieht das genau umgekehrt: Zeitlupe ist dasselbe wie schneller filmen, mehr Bilder zu produzieren, die hinterher nur in langsamerem Tempo vorgeführt werden. Man dehnt die Zeit aus, indem man sich schneller bewegt. Wenn diese zwei Auffassungen aufeinander treffen, muss es zu Unfällen führen.


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 13.01.08 (21:46):

Max kroch fortan mit seinem Leichenwagen wie eine Schnecke die Landstraßen entlang. Das gab ihm das Gefühl, selbst schon ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Die Zeit war um ihn herum. Er aber war ein Rädchen, das in diesen riesigen Mechanismus nicht mehr einhakte und von diesem nicht mehr getrieben wurde. Es wäre wohl auch alles gut gewesen, wenn nicht eine Versicherungsgesellschaft die Entdeckung gemacht hätte, dass sich ungewöhnlich viele Verkehrsunfälle in Maxens Nähe ereigneten. Er selber war nie betroffen, sondern trat stets nur als Zeuge auf, der den Verlauf des Unfalls objektiv zu schildern vermochte. Es waren ausnahmslos Überholunfälle.
Mancher, der irgendwo in der 15 bis 20 Kilometer langen Schlange, die sich stets hinter Max zu bilden pflegte, steckte, verlor die Nerven und riskierte beim Überholen Kopf und Kragen. Manchmal steckte die Ungeduld eines Einzelnen alle an, so dass die ganze lange Kolonne gleichzeitig zum Überholen ansetzte, wobei sich aber die Ungeduld des Einzelnen schon so gesteigert hatte, dass er auch die Überholenden noch zu überholen versuchte. Jeder war in dem Augenblick ein Hindernis für jeden und Max war ganz vergessen. Es ist eigentümlich, welche Angst ein Hindernis im Menschen zu wecken vermag.

Im Rückfenster meines Wagens habe ich ein Schild angebracht:

TUT MIR LEID. MEHR GIBT MEINE KARRE NICHT HER. VORM ÜBERHOLEN BITTE NACH VORN SCHAUEN.

Darunter ist ein Pfeil nach Links, damit jeder weiß, auf welcher Seite er überholen darf. Manch ein Überholender tutet fröhlich, spendet mir beim Vorbeifahren ein nettes Lächeln oder winkt mir freundlich zu. Es ist eigentümlich, welch Freude es dem Menschen bereitet, überholen zu dürfen.


Vorlesefunktion  chris antwortete am 16.01.08 (11:03):


Emilwachkopp,

schade, dass man deine Geschichte nur hier lesen kann und
nicht im Neuen Forum.

Frage an den Webmaster: gibt es keine Möglichkeit dem
EmilWachkopp zu helfen? Ich bin überzeugt, manch einer
würde sich im Forum freuen, diesen Beitrag zu lesen.

Ist doch schade, die Beiträge hier zu lassen, wo nur wenige lesen??


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 16.01.08 (16:18):

Emil, Du weißt, ich bin ein fan von Dir....

Aber die Frage sollte doch bitte nicht an den Webmaster gehen, denn Emil ist ja nicht endmündigt, der fährt immer noch ganz gut. Er sollte - wenn überhaupt - gefragt werden, ob er denn möchte, dass das überall zu lesen ist.
Und ich bin der Meinung hier steht es, sollen doch die anderen kommen, wer was haben will, muss sich bemühen...

Nu emil, jetzt habe ich mal rechts überholt - hatte den Pfeil nicht gesehen. LG wanda


Vorlesefunktion  wanda antwortete am 16.01.08 (16:19):

schade, dass man hier nicht korrigieren kann - entmündigt, natürlich mit t.


Vorlesefunktion  kropka antwortete am 16.01.08 (23:22):

Die Zeit geht nicht, sie stehet still, / Wir ziehen durch sie hin; / Sie ist ein Karavanserai, / Wir sind die Pilger drin.
Gottfried Keller: "Die Zeit geht nicht"

Danke Emil! Eine herrliche Geschichte :-)

...und lieber Emil:
Geh mit der Zeit, aber komme von Zeit zu Zeit zurück.
Stanislaw Jerzy Lec "Neue unfrisierte Gedanken"


Vorlesefunktion  Karl antwortete am 17.01.08 (19:11):

Natürlich würde ich emil helfen, wenn er in den neuen Seniorentreff kommen möchte.

Ich gebe allerdings auch wanda recht. Deshalb verlinke ich jetzt Emilwachkopps Texte einmal im neuen Seniorentreff und dann werden sich die Leser hierher begeben müssen.

Internet-Tipp: http://community.seniorentreff.de


Vorlesefunktion  Karl antwortete am 17.01.08 (19:34):

... und hier ist der Link zum Link im Neuen Seniorentreff

Internet-Tipp: http://community.seniorentreff.de/forum/index.html?mode=po_view&th_id=61717


Vorlesefunktion  Lars antwortete am 18.01.08 (15:30):

Lese die Geschichten auch immer sehr gerne vom Emilwachkopp, hoffendlich auch in Zukunft hier? Aber scheinbar ist das nicht mehr erwünscht, die meisten sind hier "abgehauen", wollen doch "Inn" sein oder was denkt ihr darüber?
Klar können auch ältere Menschen noch vieles lernen, und scheinbar sind die Möglichkeiten vielfältiger im neuen Forum?
Aber mir reicht das hier persönlich vollkommen. Wäre schön, wenn wieder mehr Leute hier mitmachen würden!