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THEMA:   Eine Frau mit Bett und Radio

 3 Antwort(en).

emilwachkopp begann die Diskussion am 21.03.08 (01:12) :

Ich will hier ins Forum gar nicht groß rumprimen. Das entspräche ja auch schon gar nicht meiner vorbildlich bescheidenen Art. Aber was gesagt werden muss, das muss gesagt werden. Dass ich so ein glänzendes Wissen auf dem Gebiet der Medizin habe, das liegt daran, dass ich es in jungen Jahren schon ganz bis zum Medizinlehrlingsanwärter gebracht hatte. Heute nennt man die wull Schülerpraktikanten. Aber damals haben wir immer noch büschen auf die Titel geachtet. Aber ich habe es denn doch nicht ganz bis zum Medizinlehrling gebracht, weil ich mich doch vorher für eine andere Laufbahn entschieden habe. Bierkutscher bin ich erst mal geworden. Als ersten Schritt in Richtig Tierpsychologie, weil die Wagen damals noch von Pferden gezogen wurden und die Fahrt so trödelig voranging, dass ich mir Notizen machen konnte. Vom Kutschbock bin ich denn über die Theologie, die Thermostatik und die Parömiologie zur Holzkunde. Und da saß ich erstmal jahrelang mit fest. Das war als wie wenn da der Wurm drinnen war. Ich hab denn, zur Erholung, drei Semester Steuerrecht gemacht, danach – jetzt wieder mit Dampf – Hydraulik, Französisch und schließlich Psychologie.
Odysseus’ Fahrten waren gar nichts gegen meine Studienzeit, wenn man sie sich mal im Rückspiegel betrachtet. Aber Du musst ja auf die andere Seite auch bedenken, dass ich mir durch dieses akademische Potpourri einen ansehnlichen Wissensfonds aufgebaut habe, den ich in feinen Gesellschaften immer mal bröckelweise ablassen kann.
„Was Du mit Therapie nicht rauskriegst, das kriegst Du auch mit einem Holzhammer nicht raus.“
Ich weiß nicht was gerade diese Erkenntnis wert sein kann. Aber die ist hängen geblieben. Vons Psychologiestudium her. Deshalb zitiere ich sie oft und gern in jeder Gesellschaft.

Jedenfalls habe ich als Medizinlehrlingsanwärter eigentlich immer eine ruhige Kugel geschoben. D.h. ich habe eigentlich überall bloß rumgeschnüffelt. Meist in der Küche, weil ich als junger Spund immer ein rumorendes Hungergefühl im Bauch hatte, das nie ganz gestillt werden konnte. Manchmal musste ich allerdings auch mit Hand anlegen. Z.B. wenn ein Patient so schwer war, dass vier Krankenpfleger ihn nicht aus dem Bett heben konnten. Dann war es mein Auftrag, einen fünften Krankenpfleger zu holen. Ich habe mir denn immer gleich einen kräftigeren Typen ausgesucht, damit ich nicht vielleicht gleich schon wieder loswetzen musste. Manchmal durfte ich einer Operation beiwohnen. Aber nur zuschauen, nicht mitmischen. Viel gesehen habe ich nie, weil mir die Ärzte immerzu im Wege standen. Die hätten ja auch mal büschen Rücksicht auf Emil nehmen und ihm freie Sicht lassen können.


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 21.03.08 (01:15):

Aber das Schönste war, wenn der Herr Professor Wirsing die Runde gemacht und ein Rudel Medizinlehrlinge mit sich geführt hat. Dann durfte ich auch zugegen sein. Allerdings immer nur ganz hinten an. Aber auf diesen Runden konnte ich es doch nicht ganz unterlassen, gleich wieder einen auf Primer zu machen. Ich brachte vor der Runde noch einmal meine Adelsperücke auf Schuss, klemmte mir mein Monokel ins Auge und beugte den oberen und unteren Körperteil so stark zurück, dass es so aussah, als befände sich in der Mitte ein stattlicher Bauch. Ich hörte der Rede des Professors andächtig zu und nickte hie und da mit halb geschlossenen Augen bedeutsam und bohrte meinen Zeigefinger auch mal in die Luft, als wolle ich die Bedeutsamkeit des Gesagten noch einmal besonders hervorheben. Ich ging stets als Letzter aus den Krankenzimmern, drückte mir das Monokel einmal ins andere Auge und sagte, an die Patienten gewandt, mit verstellt tiefer Stimme: „Sie sind bei uns in besten Händen. Ich habe das größte Vertrauen für meine Ärzte.“ Dann blätterte ich bedeutungsvoll in einem leeren Block herum, lies das Monokel aus der Augenhöhle fallen, murmelte zufrieden „wohl den Dingen“, schob meinen Bauch noch weiter heraus und stolzierte lockeren Schrittes aus dem Krankensaal, wobei ich mir mit dem leeren Block Luft zufächerte. Dann geschah auch schon das Unglück. Schwester Laura, die manchmal eine richtige Kratzbürste sein konnte, bemerkte es zuerst draußen auf dem Korridor.

„Wachkopp, wieso wandelst Du denn hier wie ein übergespannter Flitzbogen herum?“ „Mein Rücken hat sich verhakt.“ „Wie kann sich denn der Rücken so verhaken?“ „Ja…, ich wollte wull was vom Fußboden aufheben, glaub ich.“ „Rückwärts?“ „Ich muss in die Eile Vorne mit Hinten verwechselt haben.“ „Wachkopp, Du bist aber auch wirklich ein sonderbares Exemplar. Na, denn komm mal mit mir. Das renken wir schon wieder ein.“ „Ja, aber der Rücken muss genau wie vorher werden: genau so schnurgerade. Sonst verlange ich Schadensersatz.“ „Wachkopp, quatsch morgen mehr und beeil Dich jetzt ein wenig. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ „Ich kann aber nicht so schnell wetzen, weil ich doch gar nicht genau sehen kann, wo meine Füße sich befinden.“


Vorlesefunktion  emilwachkopp antwortete am 21.03.08 (01:16):

Ich verstand sofort, dass die Laura eine Frau mit Stil och Geschmack war, denn sie hatte sich im Krankenhauskeller ein Zimmer mit Bett und Radio eingerichtet. Es fiel gar nicht mehr ins Gewicht, dass sie zehn, vielleicht 12 Jahre älter war als ich. Als unsere Seelen sich vereinten, war jeder unwesentliche Unterschied aufgehoben.
Meine Arbeitsbelastung hatte sich nun allerdings um ein Vielfaches erhöht, was u.a. dazu führte, dass ich nun noch mehr in der Krankenhausküche herumlungerte. Arbeit zehrt. Oben im Krankenhaus bekam man mir gar nicht mehr zu Gesicht. Ich huschte nur noch wie ein schneeweißes Laken zwischen Küche und Keller hin und her.

Nur Mutter fragte sich beunruhigt, ob ich mich auch mit meiner neuen Arbeit nicht überwuchten würde. „Emilchen, Du trägst doch wohl nicht zu schwer?“ „Nein, meist werd ich getragen.“ „Ach Emilchen, was tüdelst Du denn da?“ Nein, Mutter war nicht gänzlich besänftigt, weil sie keine Erklärung dafür fand, warum ich stets mit einer – wie sie es nannte – „fiebrigen Tomatenbirne“ nach Hause kam.


Vorlesefunktion  eleisa antwortete am 21.03.08 (14:30):

ja ja, Emil...im Krankenhaus Keller...

im dunkeln da läßt sich gut munkeln...

frohe Ostern,Eleisa.