Der Hühnergott

Den dritten Tag sitzt Rolf schon vor der Höhlenöffnung, durch die ein klarer kühler Quell sein Wasser aus dem Felsen sprudelt.
Er hatte eine schwierige Zeit hinter sich gebracht. Krankheit, Reha und all die Schmerzen hatten ihm über lange Monate viel abverlangt. Mittlerweile ging er noch einmal wöchentlich zu einem Gesprächstherapeuten. Ob der ihm helfen konnte, war Rolf nicht klar, aber er hatte Zeit und der Mann war sympathisch. Die Gespräche hatten sich in eine freundschaftliche Richtung entwickelt und taten ihm gut.

„Meditiere am Wasser“, hatte sein Therapeut ihm geraten, damit sich seine Nerven beruhigen können.
Der dritte Tag ist angebrochen;
Rolf sitzt am sprudelnden Wasser und beobachtete dessen Lebendigkeit und Kraft. Er hat sein Zelt gleich unter dem nächsten Baum aufgeschlagen. Das Quellwasser tanzt über die Steine, um dann dem voran geflossenen Wasser ins Tal zu folgen.

Ab und zu schließt Rolf die Augen und folgte dem Klang des sprudelnden Wassers in seiner Fantasie, und als ob er träumte, erscheinen Bilder in seinem Kopf.
Es sieht aus, als ob das Wasser einer bestimmten Melodie folgt und bei den hohen Tönen eine goldene Farbe annimmt, um dann, bei den murmelnden Lauten, alle Wassertropfen purpurn zu färben. Der Blick, mit dem Rolfs Fantasie dem tanzenden Wasser folgt, sieht ein farbenprächtiges – von wunderbarer Musik begleitetes Wasserspiel, welches einem Regenbogen gleich den Felsen mit dem Tal verbindet.

Als er seine Augen wieder öffnete, liegt vor ihm im klaren Wasser ein kleiner flacher, goldgelber Stein. In seiner Mitte ist ein Loch. Rolf legte ihn auf seine rechte Handfläche und betrachtete ihn eine Weile lang. Der Stein fühlte sich weich und glatt an und ist wohl aus der Felsenöffnung gespült worden.
Ein Hühnergott.
Er schließt seine Finger um den Stein und seine Lider wieder über seine Augen und lehnt sich mit dem Rücken an den Felsen. Tief versunken lauscht er der Wassermelodie.
Jetzt konnte er sie spüren, die innere Ruhe. Sie kam behutsam, doch kraftvoll. Sprudelt durch seine Adern und erfüllt sein ganzes Wesen. Er erkannte in diesem Moment, warum ihn sein Therapeut ans Wasser geschickt hatte und er empfand Dankbarkeit.
Den Stein würde er mitnehmen.

Als die Sonne hinter dem Felsen verschwindet, senkt sich der Schatten über eine versunkene Männergestalt.
Die Stille mischt sich mit dem Glucksen des Wassers, dem Rauschen der Baumkronen und den Vogelstimmen.


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Foto: Wikipedia
 

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Kommentare (6)

Juttchen

Danke für diese schöne Geschichte.
Ich habe mir vor vielen Jahren mal einen Hühnergott golden angesprüht und ihn an eine Lederkette gebunden. Wenn ich ihn trage, fällt das "Schmuckstück" sofort auf und man kommt mit seinem Gegenüber sofort ins Gespräch.👍😆Deshalb hat dieser Stein, auch wenn er nichts Wert ist, eine besondere Bedeutung für mich.
Ich wünsche allen Usern einen schönen Tag.
Jutta

Gabriele Ende

@Juttchen  

liebe Jutta, Herzlichen Dank für deinen netten Kommentar. Ich freue mich, dass meine Geschichte dich an dein eigenes Erlebnis mit deinem Stein erinnert hat und du diese Geschichte jetzt mit mir geteilt hast.
Ich wünsche dir einen schönen Tag und sende dir herzliche Grüße, Gabriele

ladybird

Liebe Gabriele,
als sei es "ein Wink des  Schicksals gewesen, dass Rolf gerade bei dieser Meditation auch noch ein "Hühnerstein" in die Hand gespült wurde...
einige Menschen glauben sogar ,dass diese Steine Glück und auch Schutz, bringen....
Danke für das Erlebnis, welches Rolf widerfahren ist....
war nett zu lesen
herzlichst
ladybird-🐞-Renate.

Gabriele Ende

@ladybird  
liebe Renate, vielen Dank für deinen netten Kommentar.

Es gibt doch oft Ereignisse, die uns im Leben begegnen, ohne dass wir sie gesucht haben. Und manche von diesen Ereignissen sind wegweisend.

In der Rückschau aufs eigene Leben Kann sicher fast jeder Mensch von solchen Ereignissen erzählen.

Ich wünsche dir einen schönen Abend, sei lieb gegrüßt von Gabriele

Syrdal


Aus der Mystik der urwüchsigen Natur erwächst in der sanften Schwingung der Meditation nachhaltig wirkende Lebenskraft...

...hat immer wieder erfahren
Syrdal

Gabriele Ende

@Syrdal , ich danke dir für deine so wahren Worte zu meinem Text.


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