Schnucki........So ein Hundeleben.......


Schnucki........So ein Hundeleben.......

Die preußische Provinz Ostpreußen war von 1871 bis 1945 der östlichste Landesteil des Deutschen Reiches.

Ich kenne Schnucki nur von drei Fotos aus der Vorkriegszeit. Er gehörte meiner Mutter in ihren Jugendjahren. Stolz präsentierte sie ihn auf den Bildern, einen hübschen, mittelgroßen, braun weiß gefleckten Mischlingshund. Er ist mir allerdings durch die vielen Erzählungen sehr ans Herz gewachsen. Meine Mutter hat ihn sehr geliebt.
Auf dem Bauernhof, auf dem sie mit ihren Eltern lebte, gab es viel Arbeit, da hatte niemand so recht Zeit für sie, und so verbrachte sie diese viel mit Schnucki, brachte ihm "Kunststückchen" bei, die er begierig lernte und in ihren Erzählungen gerne ausführte, nahm ihn fast überall hin mit, wenn es möglich war, hatte eine sehr enge Bindung zu ihm. 
Trotzdem lebte Schnucki ein wenig für sich, war viel sich selbst überlassen. Natürlich wurde er mit Nahrung versorgt, bzw. er bekam das, was so übrig blieb. Begleitete er regelmäßig meine Mutter zur Schule, musste er selbstständig wieder zurück. Dann verbrachte er irgendwie, irgendwo seine Zeit auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Dieser befand sich in Ostpreußen, Masuren.....

Ein Ereignis blieb mir besonders im Gedächtnis.....
Weil sie so abgelegen wohnten, wurde jeder Einkauf, jede Besorgung zu einer größeren Aktion. Bekleidung zum Beispiel. Es wurde viel gestrickt und gehäkelt an den Abenden, das meiste wurde jedoch von einer verwandten Schneiderin in der nächsten Stadt genäht. 
Als bei meiner Mutter ein solcher Besuch anstand und sie für alt genug befunden wurde, alleine mit dem Zug zu fahren und zwei Tage bei der Tante zu verbringen, wurde sie mit dem Pferdewagen 12 km zum nächsten Bahnhof gebracht. Schnucki durfte nicht mit auf den Wagen, er war ja nur ein Hund, so muss er wohl die gesamte Strecke hinterher gelaufen sein. Meine Mutter glaubte zurück blickend, dass sie ihn mit dem Kommando "Lauf zurück" entlassen hatte, angeblich hätte er diesen Befehl gekannt, sie musste dann aber schnell in den abfahrenden Zug steigen. 

Als sie nach zwei Tagen wieder zurückkam, am Heimatbahnhof ausstieg, sprang ein überglücklicher Schnucki immer und immer wieder an ihr hoch. Der Stationsvorsteher des kleinen Bahnhofs erzählte, der unglückliche Hund hätte ihm so leid getan, er wäre zwei Tage und Nächte um den Bahnhof geschlichen, hätte gewartet, fast hätte er ihn schon einfangen wollen. Auf der Rückfahrt setzte sich meine Mutter zum ersten Mal gegen meinen Großvater, der sie vom Bahnhof abholte, durch, der geschwächte Hund durfte mit auf den Wagen.


Während des Zweiten Weltkrieges, fast schon zum Ende hin, begann für die Bevölkerung aus dieser Region die dramatische Flucht in den Westen.
Auf breiter Front überschritt die sowjetische Armee im Januar 1945 die deutsche Grenze im Osten. Aus Angst vor Vergeltung für den Vernichtungskrieg der Wehrmacht begaben sich hunderttausende Menschen in Ostpreußen, aber auch in Pommern und Schlesien, auf die Flucht. Da die NS Behörden anfangs noch eine Abreise zu verhindern suchten, mussten die Menschen nach wenigen Tagen überstürzt ihre Bauernhöfe und Gutshäuser verlassen.

Zu dieser Zeit war Schnucki etwa 10 Jahre alt.
Mein Onkel, der ebenfalls eigentlich noch auf dem Hof lebte, und mein Großvater befanden sich zu dieser Zeit als Soldaten im Krieg. So packten meine Großmutter und meine Mutter  selbst das Notwendigste auf das Pferdefuhrwerk, die Helfer vom Hof hatten schon versucht, sich in Sicherheit zu bringen, die Ställe von den Kühen, Pferden und Schweinen wurden geöffnet, so haben sie erzählt, und seien wie versteinert losgefahren, meine Großmutter habe sich nicht einmal mehr umgedreht......
Es mussten alle Tiere, außer den beiden Pferden, die den Wagen zogen, zurückgelassen, sich selbst überlassen werden.......auch Schnucki.
An dieser Stelle ihrer oft erzählten Geschichten über ihn wurde sie immer sehr leise, nachdenklich und hatte traurige Augen.....


Sommerzauber
Aus meinen Geschichten "Die eine oder andere Erinnerung..."




 


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Kommentare (11)

Sommerzauber


Vielen Dank für die vergebenen Herzchen 💗,

ich freue mich total darüber.......!!


Liebe Grüße

Katharina 😊

Vandie48

 Liebe Kathy, man kann das Leid nicht ermessen, was diese Wahnsinn, die Menschen gebracht hat. Elend Hungersnot. Hass. Wie wäre das alles gewesen ohne diese Krieg, ohne diese Wahnsinn. Liebe Gruss Cornelis

Sommerzauber

@Vandie48  

Du hast so recht, lieber Cornelis, und schlimm ist es, und das habe ich so lange Zeit nicht für möglich gehalten, dass dieser Wahnsinn, dieses Kriegsgeschehen, wieder so dicht an uns heran gerückt ist...... 
Danke für deinen Kommentar, lieber Gruß... Kathie

Seija

Liebe Katharina,
Deine Geschichte hat mich sehr traurig gemacht. Wie schwer muss das alles gewesen sein für Mensch aber auch für die Tiere.
Warum muss es diese unsäglichen Kriege geben? Ich werde es nie verstehen.
Alles Gute
Seija
 

Sommerzauber

@Seija  

Liebe Seija,

ja, die Geschichte ist auch traurig, auch wenn mir meine Mutter auch viel Lustiges von Schnucki erzählte, von seinen "Streichen".....
Aber, ich schrieb es bereits an anderer Stelle, in vollem Umfang ist es mir erst als Erwachsene klargeworden, wie grausam dieser Krieg, diese Situation für Menschen und Tiere war. 
Herzlichen Dank für deinen Kommentar.

Lieber Gruß

Katharina

Roxanna

So viel Unglück hat dieser schlimme Krieg über die Menschen gebracht und ganz besonders für die, die flüchten und ihre Heimat zurücklassen mussten, liebe Katharina. Meine Familie stammt aus Oberschlesien und immer wieder, wenn dieses Thema Flucht auftaucht, berührt mich das sehr. Es hat die Menschen geprägt und vielfach traumatisiert. Wie schlimm es gewesen sein muss, wenn man auch noch Tiere und den heißgeliebten Hund ihrem Schicksal überlassen musste, kann man nur erahnen, wenn man das nicht selbst erlebt hat.

Und immer noch gibt es Kriege, leider sind die Menschen nicht in der Lage, dauerhaft Frieden zu halten.

Deine Geschichte ist mir wirklich nahegegangen.

Herzlichen Gruß
Brigitte

Sommerzauber

@Roxanna

Liebe Brigitte,

ja, es hat traumatisiert. Mein Großvater war als Soldat sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg, hat überlebt, aber so gut wie nie darüber gesprochen. Als es möglich wurde, Masuren wieder zu besuchen, wollte er es nicht, er sagte, er schaffe das psychisch nicht.
Ich habe mir vorgenommen, da es den Bauernhof noch gibt, im nächsten Jahr nach Masuren zu fahren. Ich möchte es gerne kennen lernen.
Lieben Dank für's Lesen und Kommentieren.

Herzlichen Gruß
Katharina
 

ladybird

Liebe Katharina,
Du erzählst von einem unglaublichen "Schnucki", sein Name war sehr passend, ein wahrer
Schnucki...
.Deiner Eltern und auch die Flucht aller Menschen aus dem Osten,  berührte mich, als "Flüchtlingskind" (auf der Flucht meiner Eltern aus dem Sudetenland") geboren,  besonders stark....
diese Erinnerungen wühlen stets auf, gerade jetzt in unserer so brenzligen Zeit....
trotzdem habe ich Deine Geschichte sehr gerne gelesen
mit Dank und Gruß
herzlichst Renate-ladybird

Sommerzauber

@ladybird  

Liebe Renate,

auf der Flucht geboren.....das ist nochmal eine ganz andere Dimension. Ich mag es mir fast gar nicht vorstellen. Wie wunderbar von deiner Mutter, deinen Eltern, dass sie dich da "heil" durchbekommen haben. 
Ich danke dir ganz herzlich für deinen Kommentar.


Ganz liebe Grüße
Katharina

Rosi65

Liebe Katharina,

Deine traurige und rührende Geschichte von den Kriegsflüchtlingen geht mir zu Herzen, denn meine Eltern stammen auch aus Ost- und Westpreußen und haben ein ähnliches Schicksal erlitten.
Danke für die Erzählung dieses lieben und treuen Vierbeiners Schnucki.

Viele Grüße
   Rosi65

Sommerzauber

@Rosi65  

Liebe Rosi,
ich bin zum Glück einige Jahre nach Kriegsende geboren, habe aber als Kind die Schnucki Geschichten immer und immer wieder erzählt bekommen. Wie es aber halt so ist, ich habe erst als Erwachsene in vollem Umfang erfasst und begriffen, welches Drama sie mir da erzählte. 
Vielen Dank für's Lesen und deinen Kommentar.
Liebe Grüße
Katharina


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