Literatur Schöne Lyrik

Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
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Bild gemeinfrei

Christian Morgenstern

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann’s doch heut erfahren,
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen:
Wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.


 
LisaK
LisaK
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von LisaK
Mein Herz
Mein Herz ist nur klein,
Schließt Wenige ein,
Die ruhen geborgen
Am Abend, am Morgen.

Mein Herz ist nicht groß,
Kein mächtiges Schloß,
Wo Hunderte wallen
Und Hundert gefallen.

Mein Herz ist ein Feld,
Für dich nur bestellt,
Da blüht es im Stillen,
Blüht nur deinetwillen.

Mein Herz ist ein Steg,
Nicht Jedermanns Weg,
Seit du es betreten,
Ist Niemand von Nöthen.

Mein Herz ist ein Kind,
Gar freundlich gesinnt,
Nicht rasch im Betrüben,
Nicht langsam im Lieben.

Mein Herz ist allein
Ganz einzig nur dein.
Du kannst es bezeugen -
Nun halt' es auch eigen!

(Lydia Hecker, geb. Paalzow, 1802-?)

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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Maikel

***


Friedrich Rückert
(1788-1866)


Ich bin der Welt abhanden gekommen


Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!


***

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pianosolo
pianosolo
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von pianosolo

Empfehlung: Regina Jarisch
www.regina-jarisch.de schreibt anspruchsvolle Gedichte, die man in der Regel 3x lesen muss. Dann hat man erst was davon.

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf pianosolo vom 17.05.2024, 15:04:21

Danke für den Hinweis. Sie wird sich schon etwas dabei gedacht haben, sagt doch schon der Volksmund "alle guten Dinge sind Drei."
Komme nicht sofort dazu, um die Gedichte zu lesen.

Roxanna
Roxanna
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Roxanna
DSC07266.JPG


·         
Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!
 
Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.
 
Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.


Friedrich Rückert

 

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Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Becci auf Wanderschaft.jpeg
Eigenes Foto - Stubbaier Höhenweg

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, 
weiße, höfliche Manschetten, 
sanfte Reden, Embrassieren – 
ach, wenn sie nur Herzen hätten! 

Herzen in der Brust, und Liebe, 
warme Liebe in dem Herzen – 
ach, mich tötet ihr Gesinge 
von erlognen Liebesschmerzen. 

Auf die Berge will ich steigen, 
wo die frommen Hütten stehen,
wo die Brust sich frei erschließet, 
und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen, 
wo die dunkeln Tannen ragen, 
Bäche rauschen, Vögel singen, 
und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle, 
glatte Herren! glatte Frauen! 
Auf die Berge will ich steigen,
lachend auf euch niederschauen.

Heinrich Heine


Ich wünsche allen Lesern ein sonniges Pfingstfest!
Sirona

 
LisaK
LisaK
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von LisaK
Ein ungleiches Paar.png

Ein ungleiches Paar
Du bist noch so jung; ich werde alt
Und will mit dem Schicksal nicht hadern –
Dein Herz ist so heiß noch und mir wird kalt
Das Blut in den müden Adern.
 
Noch weiß dein Wunsch nicht, was dir frommt,
So früh ist noch dein Morgen –
Ich spüre schon, wie der Abend kommt;
Bald ist mein Haupt geborgen.
 
Der Tau der goldenen Frühe blinkt
Vor deinen rüstigen Füßen;
Ich raste und schau', wie die Sonne sinkt,
Um andere Welten zu grüßen.
 
Bald ist verglommen ihr letzter Schein,
Die Nebel wallen und beben –
Und nichts wird für dich anders sein,
Denn du bist jung, wie das Leben!
 
Dir lachen noch Lenze blütenschwer,
Es duftet und singt von den Bäumen –
Ich aber bin nirgends anders mehr,
Als wie in deinen Träumen ...
Rudolf Presber (1868 - 1935), deutscher Journalist, Dichter, Dramatiker, Romancier und Erzähler
Songeur
Songeur
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Songeur

Der König in Thule

Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
Er leert ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,
Zählt’ er seine Städt’ im Reich,
Gönnt’ alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Väter-Saale,
Dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Fluth.

Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen thäten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.


Johann Wolfgang von Goethe
 
Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Gartenblumen.jpg
Eigenes Foto

Antwort 
Emanuel Geibel

Du fragst mich, liebe Kleine,
warum ich sing' und weine,
du fragest, was mich schmerzt?
Ich habe den Lenz versäumet,
ich habe die Jugend verträumet,
ich habe die Liebe verscherzt.

Mir schwoll der Becher am Munde,
ich hatte nicht Durst zur Stunde,
ich ließ vorüber ihn gehn;
mir winkt' im grünen Laube
Granate, Feig' und Traube,
doch hab' ich sie lassen stehn.

Und als nun kam der Abend,
die Sonn' im Glanz begrabend,
da war mein Durst erwacht;
aber der Becher der Wonnen,
die Früchte waren zerronnen,
und dunkelte rings die Nacht.

Die Welt hat mich verlassen;
nun sing' ich auf den Gassen
mein Lied, wie tief es schmerzt.
Ich habe den Lenz versäumet,
ich habe die Jugend verträumet,
ich habe die Liebe verscherzt.

Sein Vater war Erweckungsprediger der reformierten Gemeinde. Es ist bekannt dass viele christliche Gemeinschaften einen sehr strengen Moralkodex lehren, der alles was mit Liebe und Lust zusammenhängt, verdrängt bzw. verbietet. Somit hat sich Geibel wohl aufgrund seiner Erziehung in diesen Dingen zurückgehalten, was er bei der Rückschau seines Lebens bedauert hat. Ob es so war kann ich nicht sagen, aber aus dem Gedicht erkenne ich doch ein tiefes Bedauern über Versäumtes.




 

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